Ungarn
Der Polizist Antonio Martens war nach einem Umsturz in einem unbestimmten und fiktiven lateinamerikanischen Land zum Corps, einer geheimen politischen Polizei gewechselt. Dort hatte er sich bessere Aufstiegschancen erhofft. Nun, nachdem die Diktatur gestürzt ist, sitzt er in Untersuchungshaft und wartet auf das Ende seines Prozesses. Hier beginnt er, seine Erlebnisse beim Corps in einer Art Rechenschaftsbericht niederzuschreiben. Konfrontiert ist er zunächst mit seinem Vorgesetzten Diaz, einem eindrucksvollen, charismatischen Major, der eher der Macht als dem Gesetz dienen mag, und mit Rodriguez, einem sadistischen Folterer, der einen unbegründeten - es gibt kaum Juden in diesem Land - Judenhaß nährt und pauschal alle Andersdenkenden zu Juden deklariert. Martens sebst ist als Jüngster nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Starke Kopfschmerzen signalisieren ihm, daß er sich in einer moralisch unhaltbaren Situation befindet, doch ignoriert er diese Anzeichen. Der Fall, der Martens am meisten beschäftigt, ist der Fall des Enrique Salinas, Sohn eines Kaufhausbesitzers und Angehörigen der reichen Oberschicht. Dessen Unrechtsbewußtsein treibt ihn zum Widerstand, doch seine soziale Stellung und sein Geld wecken eher Mißtrauen bei den politisch Aktiven. Dennoch gerät Enrique ins Visier des Corps, nachdem er von einem Spitzel belastet wird. Zunächst wird er nur beschattet, weitere Repressalien folgen nicht. Doch als sich Hinweise auf ein Attentat verdichten und der Vater Enriques einen Weg gefunden zu haben meint, seinem Sohn in der Gewissensnot zu helfen, ändert sich alles ziemlich schnell....
In seinem Vorwort zu dieser Erzählung schildert Kertész die Entstehungsgeschichte dieser Erzählung. Auch wenn er die Idee dazu schon längere Zeit mit sich herumgetragen hatte, war sie erst - innerhalb von vierzehn Tagen - niedergeschrieben worden, als die Veröffentlichung eines anderen Romans an dessen Kürze zu scheitern drohte. Aber es wäre voreilig und ungerecht, die "Detektivgeschichte" als ein Füllsel, als Lückenbüßer abzutun, auch wenn einem zu Beginn der Geschichte der radikale Perspektivwechsel - bislang hatte Kertész ausschließlich aus der Sicht des Opfers einer Diktatur geschrieben - ungewohnt und wenig vertrauenerweckend erscheinen mag. Recht schnell wird deutlich, daß der Autor seine Erzählung raffiniert und glaubwürdig konstruiert hat, nicht zuletzt, in dem er das beschlagnahmte Tagebuch des Enrique Salinas in Auszügen wiedergibt. Der Text wirkt trotz seiner Kunstgriffe einfach, klar und gut strukturiert, die Sprache und Bildwelt des Protagonisten ist glaubwürdig, und dem Leser eröffnen sich Einblicke in ein System der Täter, in ihre Logik fernab jeder Logik, die er vielleicht lieber nicht gehabt hätte. der Text berührt, spätestens dann, wenn man Zeuge des verhängnisvollen Versuchs des Vaters, Federigo Salinas, wird, seinem Sohn zu helfen. Dieses Buch halte ich für eine wichtige und interessante Lektüre.
Aus der Ich - Perspektive wird von den Jahren der Kindheit und Jugend bis kurz nach der Volljährigkeit erzählt. Erst spät im Verlaufe des Romans wird klar, welchen Geschlechts das Kind eigentlich ist. Es ist beim Großvater, einem erblindeten Tänzer, aufgewachsen, beide haben den Krieg überlebt, dessen Spuren sich noch im Mauerwerk des Wohnhauses finden. Das Kind widmet sich "naturwissenschaftlichen" Experimenten an verschiedenen Haustieren, die meist tödlich enden, und ist daher in der Nachbarschaft nicht gerade beliebt. Als der Großvater stirbt, kommt das Kind ins Heim. Hier wird Adél seine Erzieherin und Hauptbezugsperson. Vor einigen Zumutungen, so auch dem "Spaziergang", auf dem die Heimkinder für das Heim singen und betteln, kann sich das Kind drücken. Als sich durch erste Unruhen eine Revolution andeutet, beschließt die Erzieherin, daß es für das Kind sicherer wäre, bei seinem Großonkel, einem Photographen in einem Kurort an einem See unterzukommen. Auf dem Weg zum Bahnhof geraten sie in die gewalttätigen Wirren der Revolution und bringen sich in einer Werkstatt in Sicherheit. Doch der Laden wird von Aufständischen gestürmt, Adél und der Schneider werden getötet. Auf sich allein gestellt muß das Kind seinen Weg zum Großonkel finden. Der Großonkel nimmt das Kind auf. Es stellt sich heraus, daß Adél seine Tochter war. Es beginnt eine relativ unbeschwerte Zeit für das Kind : Es geht im Photoatelier zur Hand und lernt den Freundeskreis des Großonkels kennen. Dieser besteht aus lauter älteren Herren, einem jüdischen Ladenbesitzer, dem ersten Astronauten des Landes, der allerdings nie einen Fuß auf den Mond gesetzt hatte, sondern kopfüber aus der Raumkapsel nach Mondgestein klaubte, und dessen Beine, die er nach einer Auseinandersetzung verloren hatte, dennoch im Nationalmuseum verehrt wurden, und einem abwesenden Maler. Dessen Bilder faszinieren das Kind. Stundenlang versenkt es sich in sie hinein und findet immer neue Sinnzusammenhänge. Doch nach und nach sterben die Freunde. Der jetzige Besitzer verspricht zwar, dem Kind die Bilder zu hinterlassen, doch nach seinem Tod stellt sich heraus, daß er niemals ein Testament aufgesetzt hatte, und daß ein Sohn Anspruch auf das Erbe anmeldet....
Der Autor macht es dem Leser nicht einfach mit seinem recht kurzen, aber sehr dichten Roman. Ort und Zeit der Handlung bleiben vollkommen im Dunkeln, das Geschlecht des Kindes und Ich - Erzählers klären sich erst zum Ende der Geschichte. Und Bartis' Erzählweise bewegt sich zwischen krassestem Realismus und surrealististischen Passagen. Entstanden ist so eine bedrückende Atmosphäre aus Gewalt und Tod, düster und perspektivlos, die auch das Kind nachhaltig beeinflußt. Gleichzeitig bedient sich der Autor einer klaren, messerscharfen Sprache, die das Geschehen mitleidslos, gefühllos analysiert und bewertet. Immer wieder geraten fast übergenau geschilderte Details ins Blickfeld, die zusammengesetzt allerdings ein verzerrtes, grauenhaftes Gesamtbild ergeben. Dieses literarische Experimentierfeld verlangt dem Leser einiges ab, doch es gelingt Bartis, genau dadurch den Leser in die beklemmende und gleichzeitig trostlose Atmosphäre des Buches einzubinden, sodaß es ihm - einmal gefangen - schwerfallen dürfte, sich ihr zu entziehen. Es lohnt sich aber, diesen Weg zu gehen.
Der nicht sehr umfangreiche Roman, entstanden Monate nach dem Tod von Péter Esterházys Mutter, erzählt in kurzen Kapiteln vom Sterben und der Beerdigung der Mutter, aber auch von Stationen ihres Lebens, vom Umgang der Familie miteinander. Als der Vater die Kinder zum Krankenbett der schwer erkrankten Mutter ruft, will zunächst niemand der drei Geschwister glauben, daß ihr Tod unmittelbar bevorsteht. Noch vor dem Krankenhaus ist die Stimmung gelöst, es werden Scherze gemacht. Doch im Krankenzimmer zeigt sich, daß die Krankheit weit vorangeschritten ist, daß die Mutter nur noch wenige persönliche Züge aufweist und kaum unterscheidbar ist von den anderen Kranken. Auch eine Kommunikation ist nur schwer möglich. Schließlich stirbt die Mutter. Alle versuchen, die Fassung zu bewahren, und die Beerdigung verläuft routiniert, beinahe sachlich. Von der anschließenden Feierlichkeit verschwindet der (autobiographische) Ich - Erzähler, um mit einem Freund der Familie zwei Krankenschwestern zu treffen. An dieser Stelle wechselt der Erzähler. In Bruchstücken und Episoden erzählt nunmehr die Mutter ihr Leben, von ihrer Kindheit, ihrer Pubertät, ihrer Liebe und ihrer Ehe, manchmal sind es reale Erlebnisse, manch anderes Mal Träume und Phantasien. Und hier geraten Zitate, insbesondere aus einer Erzählung von Borges, zum Bestandteil des eigentlichen Textes. Auch die Kriegswirren und die Übernahme der Macht durch die Kommunisten scheinen auf. Noch einmal wechselt der Erzähler. Wieder ist es der Sohn, der schildert, wie er die Mutter besucht hatte, sie zur Toilette und zurück ins Krankenzimmer gebracht hatte, eine intime, manchmal beklemmend nahe Situation, die darin endet, daß der Sohn die Mutter in seinen Armen hält : eine umgekehrte Piéta.
Unter jedem Kapitel hat Esterházy kurze Zitate angefügt, teils textgenau, teils verfremdet, von verschiedenen, meist ungarischen Autoren, aber auch aus seinen Büchern, von Borges, Rimbaud oder Handke.
Esterházy verzichtet zu großen Teilen auf ein lineares, chronologisches Erzählen, sondern gestaltet den Text vor allem mittels Sprache und den daraus entstehenden Bildern und Assoziationen. Auch die Zitate, zunächst nur schwer in den Zusammenhang einzubinden, umso mehr als viele der zitierten Texte westlichen Lesern eher unbekannt sein dürften, tragen dann doch zum Gesamttext bei, erweitern, kommentieren oder kontrastieren, sodaß ein sehr komplexes, nur schwer zu verarbeitendes Gesamtkunstwerk entsteht. Und doch hat der Leser am Ende einen intensiven, eindrücklichen Text gelesen, der zum Nachdenken anregt, der berührt und nahegeht. Und er hat - mit ein wenig "Lesearbeit" - Literatur als das erfahren können, was es ist, sein sollte : als Kunst.