USA

Isabel Archer ist Anfang zwanzig, als ihr Vater stirbt. Als einzige von drei Schwestern noch unverheiratet, belesen und intelligent, träumt sie von Freiheit und neuen Erfahrungen. Als ihre Tante Lydia Touchett sie mit nach Europa nimmt, scheinen sich Isabels Wünsche zu erfüllen. Denn in England und Italien würden sich ihr ungeahnte Welten erschließen. Sie trifft auf ihren tuberkolosekranken Cousin Ralph, der sich in sie verliebt, aber wegen seiner Erkrankung auf ein formelles Werben um sie verzichtet, auf den Adeligen Lord Warburton, einen Freund der Familie, der ihr nach nur kurzer Bekanntschaft einen Heiratsantrag macht. Doch sie gibt ihm - ebenso wie Caspar Goodwood, einem amerikanischen Verehrer - einen Korb, denn eine Ehe will nicht recht zu ihren Vorstellungen von Freiheit passen. Ralph indessen bleibt ihr ein Freund und Berater, überredet seinen Vater, einen Teil des eigentlich ihm selbst zustehenden Erbes seiner Cousine zu vermachen, um ihr freie Entscheidungen zu ermöglichen. Als Lydia Touchett nach Florenz reist, um dort den größten Teil des Jahres zu verbringen, begleitet sie Isabel. Madame Merle, einer alten Bekannten der Touchetts, knüpft immer engere Beziehungen zu der jungen und recht naiven Isabel, imponiert durch gesellschaftliche Gewandtheit und ein großes Maß an Selbstbestimmung und Freiheit. Ihr gelingt es, Isabel mit Gilbert Osmond bekanntzumachen. Osmond, ein Ästhet und Hedonist, gewinnt mit seiner Bildung und seinem Sinn für das Schöne Isabels Herz, hat es jedoch vornehmlich auf Isabels Geld abgesehen, mit dem er seinen Lebenstil finanzieren und gesellschaftliches Ansehen erlangen will. Niemand von Isabels Freunden ist begeistert, als sie sich in den Kopf setzt, Osmond zu heiraten und für dessen Tochter Pansy die Mutterrolle zu übernehmen. Ihre einstigen Verehrer versuchen, sie umzustimmen, ihre Freundin Henrietta, eine amerikanische Journalistin und Schriftstellerin, sowie ihr Cousin Ralph raten ihr dringend ab, da Osmond nicht im besten Ruf steht. Doch Isabel läßt sich davon nicht wirklich beeindrucken. Doch nach der Eheschließung zeigt Gilbert Osmond sein wahres Gesicht : er isoliert Isabel von ihren Freunden, verlangt streng traditionelles Verhalten, das sämtliche Freiheiten Isabels in ihre Vorstellungswelt verbannt. Gleichzeitig zeigt er sich lieblos und uninteressiert, ersinnt Demütigungen und kleine Rachefeldzüge, wenn er meint, Isabel habe seinem Ansehen geschadet. Auch dessen Beziehung zu Serena Merle wird immer fragwürdiger, denn Isabel scheint es, als verbände beide mehr, als sie vorher hätte ahnen können. Einzig die Stieftochter Pansy gibt ihr emotionalen Halt. Pansy ist ein Teenager, ausgebildet in einer römischen Klosterschule und ihrem Vater uneingeschränkt gehorsam. Als der plant, sie mit dem ehemaligen Verehrer Isabels Lord Warburton zu verheiraten, obwohl Pansys Zuneigung einem anderen gilt, versucht Isabel ihres Mannes Verheiratungspläne zu hintertreiben und riskiert einen offenen Konflikt. Ahnt sie doch, daß der Lord nur einen Ersatz für sie selbst sucht und Pansy mit dem doppelt so alten Mann kaum glücklich werden könnte. Sofern überhaupt möglich, verschlechtert sich die Beziehung der Ehepartner noch einmal, als Ralph todkrank eine Weile in Italien verbringt und Isabel ihn häufig besucht. Als Ralph wieder nach England zurückkehrt und dort nach nur kurzer Zeit wirklich im Sterben liegt, reist ihm Isabel gegen den ausdrücklichen Wunsch ihres Gatten hinterher. Und es will scheinen, daß ihre Abreise unumkehrbar sei....
In seinem 1881 als Buch erschienenen Roman, der einen Höhepunkt des Frühwerks von Henry James gilt, legt der Autor seinen Fokus beinahe uneingeschränkt auf die Perspektive und die Gedankenwelt seiner jungen, naiven Protagonistin. Sie stammt - wie fast alle Figuren in diesem Roman mit Ausnahme Lord Warburtons - aus Amerika. Hochgebildet, belesen und intellektuell unabhängig hat sie einen recht romantischen Freiheitsbegriff entwickelt, den sie nun im alten Europa zu verwirklichen gedenkt, um immer neue, sensationelle Erfahrungen zu machen. Doch letztlich ist sie weit entfernt von der Freiheit ihrer Freundin Henrietta Stackpoole, die selbstbestimmt, beinahe als Mannweib überzeichnet, durch Europa und die Vereinigten Staaten zieht, Korrespondentenbriefe an die heimatliche Zeitung sendet und - für damalige Zeiten unerhört - eine enge Beziehung zu ihrem Verehrer Bantling pflegt. Selbst Lydia Touchett, die angesichts immer wieder auftretender Differenzen in Geschmacks - und Alltagsfragen die meiste Zeit fernab vom heimischen England und ihrer Ehe in Florenz verbringt, ist in Wirklichkeit um einiges autonomer in ihren Enbtscheidungen als Isabel es jemals sein wird. Und so ist nun dieser Roman eine Beschreibung der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis der Hauptfigur, die erst nach und nach lernt, ihre jugendlichen Illusionen mit den Realitäten in Beziehung zu setzen. Maßgeblich dafür ist die Erkenntnis, von Madame Merle und vor allem ihrem Ehemann ausgenutzt und manipuliert worden zu sein, die sich ihrer Vorstellungswelt und iher Unabhängigkeit meisterhaft zu bedienen wußten. Doch auch wenn der Autor vor allem bei Isabel verweilt, hat er einige eindrückliche Nebenfiguren geschaffen, denen er immer wieder eigenes Gewicht zumißt : Da ist Ralph, der todkranke Cousin, der meist mit sich selbst beschäftigt ist und in Isabel nicht zuletzt ein Objekt für sein Unterhaltungsbedürfnis findet, das ihm die ihm selbst verwehrte Teilnahme am Leben ersetzen soll, der dennoch Isabel aufrichtig mag und sie unterstützt, wenn auch einmal mit fatalen Folgen. Eine andere Figur, die dauerhaft im Gedächtnis bleiben wird, ist Madame Serena Merle, die ein wenig an Isabelle de Merteuil aus den "Gefährlichen Liebschaften" erinnert, die Intrigantin des Romans, die lange unentdeckt und mit größter Liebenswürdigkeit ihre verhängnisvollen Fäden spinnt, doch selbst eher eine recht tragische Figur ist, ehemalige Geliebte von Gilbert Osmond und Mutter von Pansy, zu der sie aber keine wirklich enge Beziehung pflegen darf, um das - zweifelhafte - gesellschaftliche Ansehen Osmonds nicht noch weiter zu gefährden. Nicht zuletzt dann der "Bösewicht" selbst, der es versteht, mit seiner Kultiviertheit und seiner Bildung zu blenden, dem aber selbst dieser Aufwand beinahe zu hoch erscheint, will er doch Ansehen und Geld einfach nur genießen, ohne dafür Energie aufwenden zu müssen. Gesellschaftliche Anerkennung aber bedeutet auch, daß er überzeugt ist, er und vor allem seine Gattin müssen sich den gängigen gesellschaftlichen Vorschriften und Moralvorstellungen anpassen, eine Warnung, die er schon vor der Eheschließung Isabel gegenüber geäußert hatte, die sie aber in ihrer Verliebtheit entweder überhört oder ignoriert hatte. Letztlich verlangt er von ihr, jeden eigenständigen Gedanken, jede Idee von Freiheit zu begraben. Im Gegensatz zu anderen Romanen von Henry James ist Europa in "Porträt einer jungen Dame" nur der Hintergrund der Handlung, nicht ein Gegenbild zum materialistischen und naiven Amerika. Die handelnden Figuren bilden eine Art amerikanische Binnengesellschaft auf dem europäischen Kontinent, die kaum mit Europäern konfrontiert wird. Dennoch zeichnet James, der lange in Europa gelebt hat und kurz vor seinem Tode noch britischer Staatsbürger wurde, trotz einiger Seitenhiebe ein recht positives Bild dieses durch die Geschichte geprägten Kontinents. Die äußere Handlung des Romans ist eher unaufgeregt und recht minimiert, sodaß sich der Leser auf knapp 700 Seiten auf die Entwicklung der Protagonistin, auf Dialoge und Beschreibungen und auf den Stil des Autors angewiesen sieht. Doch solches beherrscht er meisterhaft, auch wenn ein moderner Leser sich vermutlich etwas darauf einstellen muß, um das Buch wirklich schätzen zu können. Henry James, der Balzac als eines seiner Vorbilder benennt, ist allerdings ein Meister der Beschreibung und setzt Interieurs und Räume in enge Beziehung mit seinen Figuren. In der Übersetzung, von denen es derzeit zwei unterschiedliche gibt (die andere heißt "Bildnis einer Dame"), fielen mir allerdings ab und an umgangssprachliche Modernismen auf, die mir nicht unbedingt angemessen schienen. Eine Übersetzungskritik der NZZ, die man bei amazon nachlesen kann, meint allerdings, daß alle Übersetzungen ihre Schwachpunkte hätten, sodaß ich vielleicht eher zur Lektüre des originalsprachlichen Textes raten würde. Dennoch findet eine wirkliche Verfremdung des Textes nicht statt, sodaß man kein schlechtes Gewissen haben sollte, wenn man eine der beiden lieferbaren Übersetzungen zu lesen beschließt. "The Portrait of a Lady" ist
hier in englischer Sprache online kostenlos zugänglich.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sind drei Personen unvermittelt mit unerwarteten Ereignissen konfrontiert, die sie recht bald in das Zentrum einer großen, ziemlich undurchsichtigen Verschwörung führen. Celeste Temple, eine fünfundzwanzigjährige, aus der Karibik stammende Tochter eines Plantagenbesitzers hatte fernab der Heimat nach einem geeigneten Bräutigam gesucht und in Robert, einem Mitarbeiter des Außenministeriums, auch gefunden. Der jedoch beendet die Verlobung ohne Begründung, und Celeste beschließt, dessen Motive zu erforschen und Robert zu beschatten. Der Auftragsmörder Kardinal Chang hat ein ganz anderes Problem : er wurde gedungen, einen Regimentskommandeur im Auftrag von dessen Rivalen um den Posten zu ermorden. Zwar ist Oberst Trapping bald darauf tot, doch hat jemand anderes Changs Auftrag ausgeführt. Auch Abelard Svenson, Hofarzt des mecklenburgischen Kronprinzen, steckt in Schwierigkeiten : der Kronprinz, bekannt für seine psychische Instabilität und ein Faible für Frauen, ist verschwunden. Alles deutet auf eine Entführung. Und Svenson kann auch im Stab des Kronprinzen niemandem trauen. Bald darauf finden sich die drei auf einem nahe der Küste gelegenen Landsitz wieder, der von einem Gefängnis inzwischen zu einer Art Festung ausgebaut worden war. Hier findet anscheinend eine Art Maskenball statt. Anlaß ist die Verlobung der Tochter des Gastgebers, eines reichen Geschäftsmannes, mit dem Kronprinzen von Mecklenburg. Celeste wird Zeugin unheimlicher Vorgänge, in denen indigofarbenes Glas und unheimliche Apparaturen eine Hauptrolle zu spielen scheinen. Als man sie entdeckt, setzen die eigentlichen Organisatoren des Festes alles daran, ihrer habhaft zu werden. Chang und Svenson geraten ebenfalls in das Visier der Verschwörer, ohne jedoch zu wissen, was eigentlich vorgeht. Zwar glückt auch die Befreiung des Kronprinzen, doch ist der bald darauf ein zweites Mal entführt. Als Celeste, Chang und Svenson aufeinandertreffen, schmieden sie ein Bündnis und tauschen ihre Erkenntnisse aus, immer in der Gefahr, von den Verschwörern gefasst zu werden. Kleine Platten aus Glas, die lebendige Bilder gespeichert halten und den Betrachter in ihren Bann zu ziehen scheinen, sind eine erste konkrete Spur. Als Celeste einem emotionalen Impuls nachgibt und verschwindet, trennen sich die Wege der drei Protagonisten wieder. Einzeln treffen sie auf die Köpfe der Verschwörung, die Comtessa Laquer - Sforza, Francis Xonck und den Comte d'Orkancz, versuchen deren Mitverschwörern und Schergen zu entkommen. Denn der Verschwörerkreis ist um einiges größer und illustrer : Ein Verwandter der Königin und Mitglied des Kronrates, der Vize - Außenminister und dessen Mitarbeiter Robert, Celestes Verlobter, ein hoher Geistlicher und selbst der Kronprinz von Mecklenburg scheinen dazuzugehören. Die Entdeckung von indigofarbenen Glasbüchern, in denen unzählige Erinnerungen und Phantasievorstellungen gespeichert zu sein scheinen, machen ie Unternehmungen der Hauptfiguren nicht ungefährlicher, zumal sie kaum jemandem wirklich trauen können, scheinen doch fast alle unter dem Einfluß der Glasbücher und der Verschwörer zu stehen. Alle drei geraten schließlich unabhängig von einander in die Gewalt der Verbrecher und haben einiges zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen oder gar das nackte Leben zu retten. Und noch immer wissen sie nicht wirklich, worum es den Bösen eigentlich geht. Und es scheint äußerst fraglich, ob deren Treiben wirklich ein Ende gesetzt werden kann, denn mit dem Erscheinen dreier indigofarbenen Frauen mit ungeheuren mentalen Fähigkeiten wird deutlich, daß sie mit einer beinahe überirdischen Macht zu kämpfen haben... .
Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts etablierte sich - mit der weiten Verbreitung des Mediums Zeitung - die Form des Fortsetzungsromans, zunächst für die anspruchsvollere Literatur, sodaß Autoren wie Charles Dickens oder Wilkie Collins damit ihren Lebensunterhalt verdienten. In der Mitte des Jahrhunderts aber eroberten trivialere Hervorbringungen diesen Markt : "Dime Novels", sogenannte Groschenromane, die einzig auf Unterhaltung und Spannung ausgelegt waren und auf soziale oder psychologische Hintergründe weitestgehend verzichteten. Gordon, W. Dahlquist, ein us - amerikanischer Dramatiker hat sich genau diese als Vorbild für seinen Roman "Die Glasbücher der Traumfresser" genommen. Zwei Konsequenzen des portionsweisen Erscheinens - durchaus auch für angesehene Autoren wie Charles Dickens - waren, daß der Umfang von Romanen letztlich auch die daraus zu gewinnenden Einnahmen bestimmte, und daß jeder Autor sorgfältig auf die Spannungsbögen innerhalb und am Ende eines Kapitels zu achten hatte, um die bisherigen Käufer zum Erwerb der weiteren Folgen zu motivieren. Beides gilt - zumindest in der Theorie - auch für Dahlquists Roman, der zwar in Einzelbänden, aber in einem Schuber gesammelt, veröffentlicht wurde. Nur einmal zuvor in den letzten Jahren wurde ein ähnliches Experiment, damals aber mit einer wirklichen Veröffentlichung in einzelnen Kapiteln, gewagt : Stephen Kings "The Green Mile" erschien auch in Deutschland zunächst in sechs nacheinander erscheinenden Taschenbüchern, bevor eine einbändige Gesamtedition angeboten wurde. Dahlquist bleibt - sowohl im Umfang als auch bei den Konstruktionsprinzipien seinem gewählten Vorbild verhaftet : knapp neunhundert Seiten füllt er mit einer temporeichen, sich manchmal beinahe überschlagenden Handlung, die nur wenige Ruheinseln bietet. Und selbst Zugfahrten, Treffen oder Gespräche finden zumeist in einer Atmosphäre der unmittelbaren Bedrohung statt. Dennoch steht der Erzählton dazu nicht selten in einem völligen Gegensatz : Dahlquist schildert Umgebungen, Räumlichkeiten mit einer dem adaptierten Jahrhundert entsprechenden Genauigkeit und Weitschweifigkeit. Dies mag daran liegen, daß Gordon W. Dahlquist, wie er in einem Interview bekannte, die Örtlichkeiten den Notwendigkeiten der jeweiligen Handlung angepasst hat. Die Umgebung selbst bleibt relativ undefiniert, ist aber einem viktorianischen England und dessen Hauptstadt London weitestgehend angenähert, wenn auch ab und an französische Namen für Bahnstationen irritieren. Auch das ausschließlich in Gesprächen und Schilderungen auftauchende Mecklenburg hat wenig mit der (historischen und geographischen) Realität zu tun. Denn von mecklenburgischen Bergen zu sprechen, wäre ansonsten in diesem flachen, küstennahen Gebiet eher tollkühn. Nicht weniger auffallend ist immer wieder der Ton der Gespräche selbst zwischen den Gegnern und unter größter Bedrohung : zumeist gestalten sich diese in vollendeter britischer Höflichkeit, gelassen, wenig von Affekten beeinflußt, als finde man sich gerade zur Teestunde zusammen oder James Bond und sein Widersacher übten sich in nonchalanter Souveränität. Das Buch versammelt einige zeitgemäße, aber auch unzeitgemäße Einflüsse und Bezüge : von der "Gothic Novel", etwa Frankenstein, über Jules Vernes technische Utopien bis hin zu Szenen aus Kubricks Film "Eyes Wide Shut" und einem Handlungsablauf, der einem überdimensionierten Actionfilm gerecht würde, hat Dahlquist aus einem unendlichen Reservoir der Populärkultur geschöpft und alles recht vergnüglich miteinander vermengt. Der Roman bleibt, getreu seinen Vorbildern, weitestgehend auf einer reichlich oberflächlichen Unterhaltungsebene, wenngleich er mit einer ziemlich labyrinthischen Lösungsfindung das Seine dazu tat, den Leser nicht vollkommen widerstandslos durch das Buch gleiten zu lassen. Allerdings verzichtet er auf die psychologische Ausgestaltung seiner Figuren und beläßt es bei leichten Anspielungen und dem nicht nur Unterhaltungszwecken dienenden immer wiederkehrenden, nur wenig unterschwelligen Motiv der Sexualität, mit der er - nicht vollkommen unabsichtlich - seine drei Protagonisten konfrontiert. Ausgearbeitet wird dies aber ebensowenig, wie Dahlquists Behandlung des Themas in Pornographie ausartet. Denoch galt früher wie auch heute : Erotik und Gewalt verkaufen sich immer. Celeste Temple, jungfäulich, selbstbewußt und impulsiv ist das eigentliche Zentrum des Buches wie auch der Dreierkonstellation der Protagonisten, ohne aber daß der Autor versäumt hätte, die anderen beiden ebenso eindrücklich, teilweise unvergesslich zu gestalten. Ihnen gegenüber steht ein nicht minder einfrucksvolles Trio von Schurken, das sich aber in der Flut der Helfer und Anhänger etwas stärker zu behaupten hat. Für mich ist das Buch ein ziemlich gelungener, spannender Unterhaltungs - und Abenteuerroman, der aber über die ganze Länge von fast 900 Seiten zu ermüden beginnt. Es ist meiner Meinung nach weniger die mangelnde Fähigkeit des Autors, seinen Handlungsablauf zu gestalten, als vielmehr die beinahe spürbare Endlosigkeit des Romans, so als müsse man sich auf einem Langstreckenlauf dem Ziel mit unerträglichem Seitenstechen nähern. Eine Kürzung und Raffung hätte diesem Buch vermutlich gutgetan, obwohl es Hinweise darauf gibt, daß "Die Glasbücher der Traumfresser" vor Erscheinen noch länger gewesen sind (und daß etliche us - amerikanische Verlage eine Veröffentlichung u.a. wegen dessen Länge nicht in Betracht gezogen hatten). Ich hatte eigentlich geplant, direkt im Anschluß den bislang nur in englischer Sprache erschienenen Folgeband "The Dark Volume", dessen deutschsprachige Veröffentlichung zu einem noch nicht näher bezeichneten Zeitpunkt im Jahre 2009 erfolgen soll, zu lesen, habe aber wegen meiner Ermüdung und Übersättigung zunächst darauf verzichtet.

Jane Charlotte hatte - in ihren Augen - keine angenehme Kindheit : Tochter einer alleinerziehenden Mutter und mit der Aufsicht über ihren jüngeren Bruder belastet, was ihre Freiheiten gründlich einschränkte. Konsequent ließ sie ihren Unmut an ihrem Bruder Phil aus, bis sie eines Tages zu weit ging. Inzwischen ist Jane Charlotte über vierzig, hat ein abgebrochenes Collegestudium, eine Drogenkarriere und etliche sexuelle Kontakte mit Minderjährigen hinter sich - und mindestens einen Mord. Genau deswegen sitzt sie in einem weißen, karg möblierten Verhörraum der Polizei von Las Vegas. Daß sie sich dort aber nun keinem Verhör, sondern der Begutachtung durch den Psychiater Vale unterziehen muß, liegt weniger an der Verhaftung wegen Mordes an Dixon, als an ihrem freimütigen Geständnis, sie habe als Angehörige einer Geheimorganisation etliche Übeltäter getötet. Nach und nach schildert sie ihre Karriere als Kämpferin für das Gute im Namen einer namenlosen Organisation, mit deren Exekutivabteilung "Bad Monkeys" sie erst in Kontakt kam, dann arbeitete. Aufgefallen war sie der Abteilung, als sie als Teenager einen Hausmeister des sexuellen Mißbrauchs und der Tötung etlicher Jungen beschuldigte und dieser sich an ihrer rächen wollte. Eine Schußwaffe, die einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen kann, wurde ihr von den "Bad Monkeys" zugespielt und rettete ihr das Leben. Danach dauert es Jahre, bis sie wieder von der Organisation hört. Diesmal jedoch wird sie angeworben, getestet und geschult. Allerdings geht sie auch dort höchst eigenwillige Wege, erweitert sogar die Zielpersonen und verursacht indirekt den Tod ihrer Ausbilderin. Und ihre Vergangenheit als Verführerin einiger Jugendlicher ruft zudem die interne Überwachung auf den Plan, denn in deren Augen könnte Jane Charlotte ebenso grundböse sein wie die Übeltäter, für deren Exekution sie zuständig sein soll. Dixon, der Vertreter der Internen Abteilung nimmt sie ins Kreuzverhör und erreicht, daß sie ihre Fehltritte offenlegen muß. Und er ist nicht wirklich überzeugt, daß Jane Charlotte wirklich für die organisation arbeiten sollte. Doch die Leitungsebene mißachtet sein Votum, denn sie hat Besonderes mit dieser Agentin vor : gibt es doch eine Organisation des Bösen, die die wirklich Bösen vereinigt, mit Informationen versorgt und vor den Zugriffen der "Bad Monkeys" warnt. In deren Führungsebene sitzt ausgerechnet Jane Charlottes Bruder. Und so scheint es nicht verkehrt, Jane Charlotte mit einer Horde axtschwingender Clowns auf dessen Spur zu setzen, um ihn unschädlich zu machen. Allerdings gibt es recht bald eine ernstzunehmende Gegenspielerin, die Jane Charlotte und ihren Vorgesetzten ihre Aufgabe mehr als schwer macht. Dr. Vale, der immer wieder Widersprüche zur Aktenlage und zu realen Fakten feststellen muß, zweifelt immer stärker am Wahrheitsgehalt von Jane Charlottes Aussagen, aber mehr als kleine Korrekturen in den Details kann er nicht erreichen, und so erzählt Jane Charlotte ihre Geschichte bis zum endgültigen Showdown....
Erneut erweitert Matt Ruff in seinem Roman die Handlungsebene in den Bereich des Phantastischen. Diesmal hat er einen eigenwilligen Genremix aus Science Fiction und Kriminalroman geschaffen, dem er als Ingredenzien verschiedene Bezugspunkte aus der Kultur des 20. Jahrhunderts beimengt. Gilbert Keith Chestertons "Der Mann, der Donnerstag war" ist ebenso präsent wie die Gedankenwelt Philip K. Dicks, dessen Romane immer wieder um das Moralische, Menschliche kreisen, weniger um das technisch Machbare oder um die Eroberung des Weltraumes. Und so sind Anklänge an "Minority Report", eine Kurzgeschichte Dicks, deutlich spürbar. Die Welt, die Ruff entwirft - die Karriere Jane Charlottes beginnt bezeichnenderweise am 10.9.2001, einen Tag bevor die World Trade Towers durch einen Terroranschlag zerstört wurden - besteht aus einem kaum nuancierten Kontrast aus Schwarz und Weiß und läßt kaum Grautöne und Zwischenstadien zu. dennoch verzichtet Ruff darauf, mit seinem Roman eine Utopie oder Dystopie zu entwerfen und "Gut" oder "Böse" zu einem bestimmenden Kriterium einer Gesellschaft zu machen. Vielmehr verlagert er in seinem handlungsorientierten und mit vielen Kapriolen versehenen Roman die Moralfrage in das Innere seiner Protagonistin, denn die eigentliche Frage lautet : Wer ist Jane Charlotte ? Ist sie gut oder ist sie in Wahrheit böse ? Und so fühlt man sich angesichts der Widersprüche in ihrer erzählten Biographie an den vorangegangenen Roman Ruffs "Ich und die Anderen" erinnert, zu dem der Autor bereitwillig deutliche Verknüpfungen schafft, um dann mit einer weiteren Volte die Gewißheit des Lesers ad absurdum zu führen. Matt Ruff will unterhalten, und so mischen sich Grundfragen menschlicher Existenz und Identität mit einer temporeichen und spannenden Unterhaltung, sodaß nie die Gefahr besteht, in einen philosophischen Diskurs zu geraten, der den Leser langweilen oder gar überfordern könnte. Doch bleibt die Fragestellung nichtsdestoweniger präsent und dürfte einen Leser durchaus zu eigenen Gedanken anregen. Sicherlich wird nicht jeder mit diesem Roman angesprochen, denn die, denen das Phantastische von jeher fremd ist, sollten andere Lektüre wählen, aber die, die literarischen, postmodernen Experimenten gegenüber offen sind, werden mit diesem Buch wirklich bestens bedient. Meiner Meinung nach hat "Bad Monkeys" zwar nicht ganz das Niveau meiner beiden Lieblingsbücher - "Fool on the Hill" und "Ich und die Anderen" - erreichen können, was vielleicht daran liegt, daß sich Ruff einer bei ihm unbekannten formalen Disziplin unterworfen und sich zudem für seine Verhältnisse kurzgefasst hat. Doch bleiben seine Vorstellungskraft und seine schriftstellerischen Fähigkeiten stark genug, einen guten, lesbaren und anregenden Roman vorzulegen, auch wenn mir die liebgewordene Entfesselung seiner Imagination ein wenig fehlt. Ein wenig verwundert mich das geringe feuilletonistische Echo - weniger in Deutschland, wo das Buch ja gerade erst erschien - als in den USA, wo wenigstens die New York Times und die Washington Post das Buch rezensierten. Es scheint, Matt Ruff wird immer noch als Geheimtip gehandelt. Das scheint mir einigermaßen unverdient, denn trotz einiger Kühnheit in seinen Weltentwürfen, ist Ruff ein ernstzunehmender Autor, der dem Menschlichen, dem ureigenen Aufgabengebiet der Literatur, engagiert und mit viel Geschick nachspürt.
Einige Tage vor Weihnachten steht die endgültige Schließung einer "Red Lobster" - Filiale außerhalb einer kleinen Stadt in Connecticut unmittelbar bevor. Die Konzernleitung hat entschieden, daß die Umsätze zu gering seien. Einen Arbeitstag muß Manny DeLeon noch bewältigen, danach werden er und ein paar Kollegen auf andere Standorte verteilt, die Mehrzahl aber muß sich um andere Jobs kümmern. Manny, puertoricanischer Abstammung, übergewichtig, pflichtbewußt und konziliant, ist der Geschäftsführer, der auch am letzten Tag dafür sorgen muß, daß das Schnellrestaurant reibungslos läuft und sich nach Schließung als Assistent eines anderen Geschäftsführers wiederfinden wird. Leicht ist dieser letzte Tag nicht : Connecticut versinkt im Schnee, was die Gästezahl reduziert, von den Angestellten - besonders denen, die danach auf der Straße stehen - ist nur ein Teil erschienen, und unter diesen gibt es nicht unerhebliche Spannungen um Schnelligkeit oder die trinkgeldträchtigen Reviere der Kellnerinnen. Auch die Gäste bieten einiges an Konfliktpotential. Daß eine größere Gruppe unangemeldet eine Feier veranstalten will, ist dabei noch ein kleines Problem, das allerdings die Zuteilung der Bedienungen etwas erschwert. Schlimmer sind dann schon einige ältere Damen, die mit abgelaufenen Gutscheinen zahlen wollen und vehement um den Rechnungsbetrag feilschen. Manny ist immer dann gefragt, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht, und schafft es beinahe immer, eine für alle Seiten akzeptierte Lösung zu finden oder die Geschäftsinteressen durchzusetzen, ohne die Gäste zu verprellen. Nur ein Kind, das sich nach einer etwas zu üppigen und abwechslungsreichen Mahlzeit übergibt, ist ein nicht zu klärender Streitpunkt, der vermutlich eine Beschwerde bei der Bezirksleitung der Restaurantkette nachsichziehen wird. Schlimmer ist da schon das Verhalten des Personals untereinander und mit den Vorräten des Restaurants : Ty, der Koch, verträgt sich nicht mit einer der Küchenkräfte, die daraufhin wutentbrannt Mannys und Tys Jacken mit einem Messer aufschlitzt und die Windschutzscheiben ihrer beiden Autos einschlägt, bevor sie mitten in der Arbeitszeit endgültig verschwindet. Ein anderer Angestellter schafft noch heimlich ein paar Flaschen mit Spirituosen beiseite und versteckt sie bei den Mülltonnen, um sie später unbeobachtet einsammeln zu können. Und dann ist da noch die Kellnerin Jaqui, mit der Manny eine längere Affaire hatte. Obwohl sie sich inzwischen getrennt haben, hofft Manny immer noch, die Beziehung wieder aufleben zu lassen, denn seine schwangere Freundin Deena scheint ihm nicht wirklich die Richtige zu sein - emotional hängt er immer noch an Jacqui, die allerdings selbst inzwischen einen neuen Freund hat. Am frühen Abend sieht es so aus, als würde der Schnee eine vorzeitige Schließung des Restaurants angebracht erscheinen lassen. Nur ein Ehepaar auf der Durchreise hat sich in den "Lobster" verirrt. Doch Mannys Vorstellung, den letzten Tag seines Restaurants mit überdurchschnittlichen Umsätzen und in üblicher Harmonie zu beschließen, leben wieder auf, als ein von einem Polizeiwagen eskortierter Reisebus auf den Parkplatz fährt. Etwa sechzig chinesische Reisende drängeln sich durch die Eingangstür....
Dem Buch vorangestellt ist eine kurze Pressenotiz der am Aktienmarkt notierten Restaurantkette Darden, Betreiberin von 1700 Gaststätten, darunter auch etlichen der "Red Lobster" - Schnellrestaurants, die sich auf Fischgerichte spezialisiert haben, in der ein Wertwachstum der Aktien um 22 - 27 % im Jahre 2005 vermeldet wird. Diese Nachricht hat Stewart O' Nan inspiriert, sich in seinem zehnten Roman mit diesem Thema zu befassen. Dennoch bleiben das Politische und Sozialkritik nur ein Unterton in diesem wenig spektakulären, unaufgeregten Roman. Vielmehr zeichnen diesen mit 157 Seiten recht schmalen Roman eine akkurate Beobachtung, Detailtreue und eine dichte, stimmige Atmosphäre aus. Im Mittelpunkt steht Manny, Fels in der Brandung und Vermittler zwischen allen Fronten. Er achtet auf die Einhaltung aller Vorschriften, nimmt sich nur heimlich kleine Freiheiten, etwa das Kiffen im Auto. Für ihn ist der "Lobster" ebenso sicherer Hafen wie eigenes Werk, auf das er mit Stolz blicken kann. Sein ausgleichendes Wesen, seine Freundlichkeit sichern ihm - in Grenzen - auch die Loyalität seiner Mitarbeiter, sodaß auch am letzten Öffnungstag nicht nur die für eine Versetzung empfohlenen Angestellten auftauchen. Daß andere fernbleiben, kann Manny durchaus nachvollziehen, auch wenn er selbst die Entscheidungen des Konzerns kaum hinterfragt. Aber ein Zeichen will er setzen, indem er den Arbeitstag mit Würde und guten Umsatzzahlen zu Ende bringt. Manny ist fernab von jeder "inneren Kündigung", im Gegenteil identifiziert er sich stark mit seiner Arbeit und "seinem" Laden, möglicherweise mehr als ihm guttäte, denn es ist abzusehen, daß er sich mit Versetzung und damit einhergehender Degradierung klaglos abfinden wird. Aber Manny ist, ebenso wie die anderen, ein Mensch. So erfahren wir andeutungsweise von seiner starken Zuneigung zu seiner verstorbenen Großmutter, von einer allgemein starken Familienbindung und natürlich seiner inneren Unsicherheit über die Beziehung zu Deena, die er wohl heiraten wird, ohne sie zu lieben. Doch schon ein Weihnachtsgeschenk für Deena zu finden, stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem für Manny dar. Zumal das benachbarte Einkaufszentrum auch schon bessere Zeiten gesehen hat, sodaß etliche Fachgeschäfte inzwischen geschlossen sind, andere wegen des starken Schneefalls früher zugemacht haben. Einen Ausweg böte ihm Jacqui, wenn sie sich denn wiedergewinnen ließe, doch das scheint zumindest den Lesern eher unwahrscheinlich, während sich Manny dieser Illusion bis zum Ende des Tages noch hingibt. Der Roman lebt von Manny, den Angestellten, den Gästen und den genauen Alltagsbeschreibungen. O' Nan, der ausgiebig recherchiert, beobachtet und Hintergrundgespräche geführt hat, läßt auf 157 Seiten einen lebendigen Arbeitstag in einem Schnellrestaurant erstehen, indem er Reportage und fiktive Gestaltung verschränkt, ohne dem rein Dokumentarischen vollkommen zu verfallen. Vielmehr sind es Dialoge, Andeutungen, Konflikte, die das Buch auch zur hohen Kunst machen. "America is the people" könnte als Motto über diesen Seiten stehen, Amerikas Wesen machen die Leute aus, die tagtäglich arbeiten, miteinander kommunizieren und Widrigkeiten zu überwinden suchen, nicht die Obrigkeit, die Staatsorgane oder die Konzerne, die unbelastet von den Auswirkungen auf die Menschen schlicht ökonomische Entscheidungen fällen. Und mit diesem Statement ist dieser kleine Roman so amerikanisch wie politisch und auch international aktuell. Ich kann dieses ruhige, beinahe handlungsarme Buch nur wärmstens empfehlen.
1845 startet unter der Leitung des gescheiterten Ex - Gouverneurs von Tasmanien John Franklin eine Expedition zur Entdeckung und Kartographierung der Nordwestpassage. Franklin und die britische Admiralität glauben sich wohl gerüstet für dieses Vorhaben, sind doch beide Expeditionsschiffe "Erebus" und "Terror" mit Panzerplatten verstärkt und dampfbetrieben, Franklin selbst früherer Teilnehmer verschiedener Reisen in den Polarkreis und die Vorräte dank moderner Konservierungstechnik für drei Jahre ausreichend. Die erste Überwinterung im Packeis in einer geschützten Bucht verläuft glimpflich, nur wenige Mannschaftsmitglieder sterben an TBC. 1846 allerdings trifft Franklin, den Anweisungen der Admiralität folgend, eine verheerende Entscheidung. Gegen den Rat des erfahrenen Schiffskapitäns Francis Crozier fährt man in Richtung Süden und wird im anbrechenden polaren Winter ungeschützt vom Packeis eingeschlossen. Insbesondere das Flaggschiff "Erebus" wird vom Druck des Eises nach und nach zerstört. Die Kohlevorräte müssen sukzessive verfeuert werden, um die Schiffsräume zu beheizen, da Temperaturen unter fünfzig Grad minus schlicht unerträglich wären. Eine Landpatrouille stößt auf bei einer Exkursion auf der nahegelegenen King - William - Insel auf zwei Eskimos und erschießt einen von ihnen. Die Überlebende, "Lady Silence" genannt, weil ihre Zunge an der Wurzel entfernt worden ist und sie daher nicht sprechen kann, wird an Bord der "Terror" gebracht. Die Mannschaft begegnet ihr mit Mißtrauen und Aberglauben, sodaß Lieutenant John Irving zu ihrem Schutz und ihrer Überwachung abgestellt wird. Er findet heraus, daß diese Inuitfrau durchaus ihre eigenen Wege geht und das Schiff jederzeit ungesehen zu verlassen und zu betreten weiß und anscheinend über unbekannte Nahrungsquellen verfügt. Doch die Expeditionsteilnehmer haben zunächst andere und drängendere Probleme : ein unbekanntes Raubtier, um etliches größer und gefährlicher als ein Eisbär, dezimiert nach und nach die Mannschaft, die Vorräte werden knapper und erste Fälle von Skorbut treten auf. Als im Sommer 1847 das Packeis nicht weicht, wird die Lage prekär. Die Offiziere der Expedition rechnen jederzeit mit einer Meuterei, Skorbut und die Raubzüge des unbekannten "Monsters" schwächen die Mannschaften immer mehr. Und entsetzt müssen die Ärzte feststellen, daß etliche der bevorrateten Konserven mit Giftstoffen versetzt sind. Immer mehr Menschen kommen ums Leben, zuletzt auch John Franklin selbst. Zwar ahnen Kapitän Crozier und auch Lieutenant Irving, daß ihnen die Eskimofrau notwendige Überlebenstechniken vermitteln könnte, doch eine Verständigung scheint ausgeschlossen. Schließlich befiehlt Francis Crozier, beide Schiffe zu evakuieren und zu Fuß, belastet mit etlichen Schlitten und Booten die King - William - Insel in Richtung Süden zu durchqueren, um an der Südspitze schiffbare Wege zu finden, die das Erreichen der kanadischen Hudson Bay erlauben könnten oder wenigstens die Entdeckung durch eine mögliche Rettungsflotte. Der Fußweg, erschwert durch Eisgrate, Eisschluchten und die schlechte körperliche Verfassung der Seeleute, zehrt an den Kräften und fordert immer neue Tote. Schneeblindheit, Auszehrung, Skorbut und Resignation zermürben die Überlebenden, erst recht als sie erkennen, daß auch hier das Meer wegen des Packeises die Benutzung der Boote nicht erlaubt. Und nun kommt es zur lang erwarteten Meuterei. Unter der Führung des Maates Cornelius Hickey will eine etwa zwanzigköpfige Gruppe die Rückkehr zu den Schiffen durchsetzen. Hickey ist skrupellos und hat schon einen blutigen Rachefeldzug gegen seinen vermeintlichen Widersacher Irving geführt. Crozier kann zwar den allgemeinen Aufstand verhindern, doch die Überlebenden gehen von nun an getrennte Wege. Während Hickeys Gruppe vermeintlich nach Norden abzieht, warten die anderen auf eine Gelegenheit, den Weg in den Süden über Land oder Wasser fortzusetzen. Doch Hickey hat zunächst ganz anderes im Sinn... .
Dan Simmons, der vor allem im Bereich der Science Fiction aktiv war und mit seinem Hyperion - / Endymion - Zyklus weltweit bekannt wurde, hat mit "Terror" einen etwa tausendseitigen historischen Roman vorgelegt, ohne jedoch die Grenzen dieses Genres strikt einzuhalten. Denn mit dem riesenhaften, eisbärartigen Wesen, das einen Teil der Mannschaft nach und nach brutal abschlachtet, führt er eine übernatürliche Dimension in die Handlung des Buches ein. Die Franklin - Expedition, der sich literarisch schon Sten Nadolny in seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" ausführlich widmete, bietet jedem Autor eine fast ideale Projektionsfläche, gibt es doch kaum Erkenntnisse über die Einzelheiten ihres Verlaufs, keine schriftlichen Aufzeichnungen außer einer kurzen Notiz über die Aufgabe der Schiffe und den geplanten Weg in Richtung Süden und nur wenige Überreste von Menschen oder Material, die von Rettungsexpeditionen aufgefunden werden konnten. Das Vorhandene hat Simmons in seinem Roman recht akkurat verarbeitet - sowohl der von ihm geschilderte Kannibalismus als auch die fatalen Folgen einer Vergiftung an der konservierten Nahrung scheinen den Untersuchungen standzuhalten, auch wenn die in aufgefundenen Skeletten nachgewiesene Bleivergiftung, die möglicherweise durch fehlerhafte Verlötungen der Konservendosen zustande kam, durchaus auch andere - zeitbedingte - Ursachen hätte haben können. Andererseits wäre auch eine Botulismusvergiftung durch Lufteinschluß nicht von der Hand zu weisen. So stellt sein Roman in der Hauptsache einen möglichen, nachvollziehbaren Verlauf der Ereignisse dar und verzichtet auch darauf, die handelnden Personen mit ihrer Gedankenwelt allzu sehr den heutigen Zeiten anzugleichen, was Nadolny mit seiner Gestaltung des John Franklin durchaus gemacht hat. Simmons nähert sich in abwechselnden Kapiteln den Perspektiven verschiedener Figuren an. Allerdings bleibt er - mit einer Ausnahme - bei einer personalen Erzählweise und läßt nur beim Chirurgen und Tagebuchschreiber Goodsir die Ich - Erzählung zu. Goodsir, wenngleich kein vollausgebildeter Arzt, sondern eher eine Art Feldscher, gehört neben Franklin selbst, Crozier, Irving und Lady Silence zu den Hauptpersonen des Buches, wobei ihr Tun und Lassen ausschließlich durch die Perspektive anderer wahrgenommen und dem Leser vermittelt wird. Dan Simmons ist es gelungen, einen auf über 1000 Seiten packenden und spannenden Roman zu schreiben, dessen genaue Schilderungen von Tod und Verderben jedoch nicht unbedingt empfindsameren Gemütern zu empfehlen ist. Allerdings drängt sich - zumindest in der ersten Hälfte des Romans - zunächst der Verdacht auf, er selbst traue den real möglichen Handlungsabläufen nicht unbedingt zu, ein Buch über den ganzen Umfang mit Spannungsbögen zu versehen und das Interesse des Lesers konstant zu halten. Weshalb denn sonst hätte er sich bemüßigt sehen sollen, der Erzählung ein phantastisches Element hinzuzufügen, das so sehr im krassen Widerspruch zum historisch und faktisch Denkbaren steht. Auch wenn einen das Unbehagen damit über weite Strecken nicht wirklich verläßt, funktioniert der Mechanismus auf das Beste : das immer wieder unvermittelt zuschlagende Grauen (einer der drei möglichen Bezüge zum Titel des Romans) packt den Leser immer wieder, setzt Kontrapunkte zum alltäglichen Grauen der sich anbahnenden Katastrophe und entbehrt jeglichen maschinellen oder manirierten Charakters, sodaß für den Leser die Einheit der Handlung gewahrt und seine Teilnahme am Geschehen bestehen bleibt. Doch es wäre ungerecht und würde dem Buch nicht gerecht, führte man als Motivation für einen derartigen Schritt nur handwerkliche und gestalterische Gründe des Autors an. Denn Simmons will mehr, wie auch vor ihm Nadolny mehr wollte. Während sich der Autor der "Entdeckung der Langsamkeit" bemühte, aus historischen Fakten und Handlungsabläufen eine Zivilisationskritik an der und ein Gegenmodell zur heutigen Gesellschaft zu entwickeln, stellt Simmons vor allem die damalige (nicht nur technische) Hybris der damaligen technologisch entwickelten Gesellschaft der Mythologie und dem Leben im Einklang mit der Natur nativer Völker, hier im Speziellen der Inuit, gegenüber. Auf den etwa letzten 100 Seiten werden wir mit dem wahren Wesen der Lady Silence, ihrem Denken, den Glaubensstrukturen und den Überlebensstrategien der Eskimos konfrontiert. Der einzig Überlebende ist ihr Begleiter geworden und wird ein Teil ihrer Welt. Unvermeidlich klingen auch hier durchaus gegenwärtige Sehnsüchte und Sichtweisen mit, ebenso wie man die deutliche Brandmarkung der Hybris leichter aus heutigem Wissen und gegenwärtigen technischen Fähigkeiten ableiten kann als aus einer Zeit, in der das Erreichte eben das scheinbar Machbare gewesen ist. Aber auch das stört den Leser in der Regel nicht wirklich. Ich selbst hätte mir allerdings gewünscht, daß Simmons die Gegensicht etwas früher und ausführlicher in die Handlung integriert und sich nicht allein auf zarte Andeutungen verlassen hätte. So erscheinen mir die letzten einhundert Seiten mehr wie ein beinahe störendes Nachkarten, eine nicht ganz organisch eingepaßte Ergänzung. Allerdings hat bei mir dennoch der Gesamteindruck des Romans nicht darunter gelitten. Wer also ein spannendes, abenteuerliches Buch mit hohem Unterhaltungswert zu schätzen weiß, kann auf diesen Roman zurückgreifen, ohne daß er es bereuen müßte.
Ich sollte noch anmerken, daß ich das Buch als englischsprachiges Original gelesen habe, sodaß es beim Namen "Lady Silence" in der deutschen Übersetzung möglicherweise eine Abweichung gibt.
Michael Reed ist dreiundfünfzig Jahre alt, ein auf Zeit angestellter Assistenzprofessor für Geschichte im Mittleren Westen der USA. Seinen Job und die damit verbundenen Verpflichtungen, in spätestens einem Jahr wird der Zeitvertrag nicht mehr verlängert werden, erledigt er mechanisch und routiniert. Seit vier Jahre zuvor seine Frau und die gemeinsame fünfjährige Tochter Elsie bei einem Unfall ums Leben kamen, ist Michael Reed nicht mehr wirklich lebendig. Als Geisteswissenschaftler beobachtet er sich und seine Umwelt recht genau, und so weiß er, daß ihn seine Trauer paralysiert, er aber gleichzeitig immer mehr konkrete Erinnerungen und auch konkrete Gefühle verloren hat. Eine Rückkehr ins aktive (Er)Leben scheint ihm nur möglich, wenn etwas vollkommen Unvorhergesehenes in sein Leben einbräche. Bei einem Abendessen seiner Fakultät, an dem er widerwillig teilnimmt, da er sich eine Verlängerung seiner Anstellung oder eine neue Berufsperspektive verspricht, begegnet er einer rothaarigen Studentin. Für sie beginnt er sich zu interessieren, nicht zuletzt, weil er in ihr eine Art Doppelgängerin seiner getöteten Tochter zu sehen meint. Allerdings erfährt er zunächst weder ihren Namen, noch kann er in Kontakt mit ihr treten. Doch die Begegnungen häufen sich : in der Universität sieht er sie wieder, als sie eine recht freizügige Performance veranstaltet, später begegnet er ihr als Stripperin in einem Spielcasino, in dem er selbst von einer Zufallsbekanntschaft verprügelt wird. Zuletzt mietet er sich ein Auto und folgt ihr durch die karge Landschaft zu einer Kirche, in der sie mit Mitgliedern einer Mennonitengemeinde singt. Es ist keine Hinwendung zu Gott, die der Chorgesang bewirkt, sondern eher im Gegenteil eine Befreiung von ihm, denn Reed hat ihn nur als ungerecht und als Killer gesehen, der wahllos Tod und Verderben unter die Menschen bringt. Nach der Veranstaltung darf er Flower Cannon, so heißt die junge Frau, nach Hause fahren. Sexuell angezogen und durch die - vermeintliche - Ähnlichkeit mit seiner Tochter fasziniert, beginnt er mit ihr zu kommunizieren, zu reden und zuzuhören. Ein Versuch, miteinander zu schlafen, scheitert allerdings an seiner aufkommenden Unlust. Stattdessen erzählt sie ihm ein Erlebnis aus ihrer Kindheit : ein ihm ähnlicher Mann habe sie einst von zuhause entführt. Es bleibt offen, ob sie mißbraucht wurde. Michael Reed scheint nun das Unerwartete gefunden zu haben und bricht auf in ein vollkommen anderes, aktiveres Leben, fernab der Universität. Er arbeitet fortan als Kriegsberichterstatter im ersten Irakkrieg....
Die Zusammenfassung des Inhaltes läßt erahnen, daß das Buch zweigeteilt ist. Während der erste Teil des kurzen Romans realistisch, reflektierend und beinahe analytisch daher kommt, bewegt sich der Leser im zweiten Teil, der direkten Begegnung mit Flower Cannon, in einem kryptischen, komplexen Gelände. Für die, die andere Romane und Erzählungen Denis Johnsons kennen, ist der ruhige und zurückhaltende Tonfall des Buches vermutlich ebenso ungewohnt wie die akademisch gebildete, stets reflektierende Figur des Protagonisten, waren doch andere Hauptfiguren zumeist soziale Außenseiter, der Tonfall entsprechend aggressiv, drastisch und außerhalb der anerkannten Normen. Dennoch finden sich auch in diesem Roman einige Motive seiner anderen Bücher wieder : das Unterwegs - Sein und die nie aufgegebene Hoffnung auf Erlösung. Johnson versteht es auch in diesem Roman - ganz anders als in "
Engel" - ein sprachlich intensives und atmosphärisch dichtes Werk zu schreiben, das einen durchaus in den Bann zu ziehen weiß. Dennoch verunsichert der kryptische und beinahe mythisch überhöhte zweite Teil nicht wenig. Es scheint als bewege sich der Roman aus einer konkreten Handlungsebene in eine allegorische Zwischenwelt, die nur schwer wirklich zu erfassen ist. Dennoch ist es möglich, sich einen Reim darauf zu machen, sodaß der Leser keinesfalls das Gefühl hat, sich allein in unwegsamen Gelände zu bewegen. Denis Johnsons Beschreibung und Analyse der Trauer und ihrer Mechanismen, seine leicht ironische Erdung der Akademiker und des Universitätsmilieus machen das Buch zu einer interessanten und sprachlich ansprechenden Lektüre.
Weitere Rezensionen :
Engel
Im Winter 1865, der amerikanische Bürgerkrieg liegt ein knappes halbes Jahr zurück und die Folgen sind auch im siegreichen Norden noch unübersehbar, beginnt der Dichter Henry Wadsworth Longfellow mit der Arbeit an einer Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie", um so den Unfalltod seiner Frau zu verarbeiten. Zwar gab es bislang schon einige britische Übersetzungen, doch haben diese kaum den amerikanischen Kontinent erreicht. Longfellows Projekt ist also der erste Versuch, Dante den Amerikanern zu erschließen. Unterstützt wird er durch die Dichter und Harvard - Professoren Oliver Wendell Holmes und James Russell Lowell, den Verleger Fields und den Geistlichen und Historiker Greene. Die Gruppe, der sogenannte Dante Club, trifft sich wöchentlich, um die Entwürfe der Übersetzung zu diskutieren und die Arbeit voranzutreiben. Das ist insbesondere für die beiden noch aktiven Dozenten der Universität Harvard nicht ohne Gefahr, denn deren evangelikale Leitung sieht in der "Göttlichen Komödie" ein katholisches Machwerk, das geeignet ist, unziemliche Leidenschaften zu verbreiten und die bislang unangefochtene Dominanz der antiken Literatur zu bedrohen. Das Leitungskuratorium intrigiert auf jede nur erdenkliche Weise gegen die Übersetzung und die daran beteiligten Personen. Und die Befürchtungen scheinen sich alsbald zu bewahrheiten : denn es geschehen Morde, die den Strafen in Dantes "Inferno" gleichen : ein Richter wird lebendigen Leibes von Fliegenlarven aufgefressen, ein Geistlicher kopfüber vergraben, während seine Füße, kerosingetränkt, verbrennen. Auch der Dante Club bemerkt, daß die Morde in jedem Detail der Dichtung nachempfunden wurden, und beschließt, den Täter zu suchen, um Dantes Werk und ihre Arbeit nicht schon vor Veröffentlichung in Mißkredit bringen zu lassen. Erschreckend ist nicht allein die Tatsache, daß es in den Vereinigten Staaten keine englischsprachige Ausgabe des Epos gibt, sondern mehr noch, daß die Verbrechen begangen werden, bevor die entsprechende Szene Thema in den Arbeitsbesprechungen gewesen sind. Die Vermutung, daß der Täter also die italienische Sprache perfekt beherrschen müsse, hat einiges für sich, führt jedoch in eine Sackgasse. Und noch eine Person zeigt ein reges Interesse an der Aufklärung des Falles, während die Bostoner Polizei von den Ermittlungen zugunsten von Ermittlern des Bundesstaates Massachusetts abgezogen wird : Nicholas Rey, der erste und einzige farbige Polizist in Boston. Ihm hatte nach einer Festnahmeaktion ein Verdächtiger einige fremdsprachige Sätze ins Ohr geflüstert, bevor er sich aus dem Fenster stürzte. Doch seine Ermittlungen werden von allen Seiten torpediert. Der Dante Club verhält sich unkooperativ, um ihre Übersetzungsarbeit zu schützen, Rey ist dem auch im Norden allgegenwärtigen Rassismus ausgesetzt, und die Detektive, die gute Kontakte und Geldquellen in der Bostoner Unterwelt haben, sind nicht sonderlich daran interessiert, die Wahrheit zu ermitteln, sondern suchen nur nach einem Sündenbock. Unbeirrt arbeiten die beiden ermittelnden Parteien dennoch an der Aufklärung weiter : der Dante Club mit literarischer Analyse und deduktiver Logik, der Polizist mit einer feinen Beobachtungsgabe, schnellem Auffassungsvermögen und Intuition. Allerdings scheint "Luzifer", wie ihn die Übersetzer nennen, seinen Häschern immer einen Schritt voraus zu sein. Denn der hat längst sein nächstes Opfer ausgewählt... .
Möglicherweise war der deutsche Verlag nicht sonderlich gut beraten, das Buch unter der Genrebezeichnung "Thriller" zu veröffentlichen, während die englischsprachige Originalausgabe (die ich gelesen habe) sich mit dem schlichten "A Novel" bescheidener gibt, auch wenn die Anklänge an den Film "Sieben" nicht zu übersehen sind. Denn "Der Dante Club" ist mehr und will auch durchaus mehr sein, was notwendig das Tempo des Romans vor allem in der ersten Hälfte verringert. Matthew Pearl, der Englische und Amerikanische Literatur studiert hat und auch unterrichtet, sich zudem wissenschaftlich mit Dante und seiner "Göttlichen Komödie" beschäftigt hat, läßt es sich angelegen sein, dem Leser die Denk - und Arbeitsweise Dantes, Interpretationsansätze, historischen Hintergrund und das Leben des Dichters nahezubringen, aber auch die Entstehung der ersten amerikanischen Übersetzung und deren Urheber ins Rampenlicht zu rücken. Und dies gelingt ihm für einen Debütanten erstaunlich gut. Niemals hat man wirklich das Gefühl, man säße in einem Hörsaal und wäre mit einer trockenen Vorlesung konfrontiert, auch wenn eine gewisse Didaktik im Hintergrund spürbar bleibt. Pearl hat es verstanden, seine theoretischen Ausführungen nahtlos in den Handlungsablauf einzufügen und sie mit den Spannungsbögen zu verknüpfen. Die zwischenmenschlichen Reibungsflächen zwischen den Protagonisten, ihre charakterlichen Eigenheiten tun ein übriges, den Dante Club und das Boston des neunzehnten Jahrhunderts zum Leben zu erwecken. Schwierigkeiten allerdings dürften jene haben, die sich für den literaturwissenschaftlichen Hintergrund so gar nicht interessieren, die mit dem Begriff "Thriller" geködert wurden und eine atemlos sich zuspitzende Aneinanderreihung von Spannungsmomenten und Höhepunkten erwarten. Eher ein beinahe klassischer "Whodunit", denn ein Thriller, ist das Buch mit seinen Wendungen und Rätseln durchaus spannend, erreicht sein eigentliches Tempo aber erst in der zweiten Hälfte. Mich selbst hat vor allem ein Thema interessiert und fasziniert, das sich von Anfang bis Ende durch dieses Buch zieht : das Verhältnis von Realität und Literatur. Denn Matthew Pearl stellt drei verschiedene Ansätze der Übersetzung einander gegenüber. Zum einen die Übersetzung der Lebens - und Kriegserfahrungen Dantes, der einst im vierzehnten Jahrhundert für das Fürstenhaus seiner Heimatstadt Florenz zu Felde zog, bedingt durch ein Zerwürfnis dieser Fürsten aus seiner Heimat verbannt wurde, in ein literarisches Werk, dann die Übersetzung des Werkes von einer Sprache in die andere, immer verbunden auch mit interpretatorischen Unsicherheiten, zuletzt die "Übersetzung" einer literarischen Vorlage in tatsächliches Handeln, wie es der Mörder "Luzifer" äußerst brutal praktiziert. Damit verbindet sich - die Befürchtungen der konservativen Universitätsleitung konstatieren das als Tatsache - die Frage, ob Literatur negatives, ruchloses Handeln notwendigerweise hervorrufen wird, oder ob es eine Frage der psychischen Konstitution des Einzelnen ist, welche Projektionsfläche und Handlungsanleitung aus einem literarischen Kunstwerk gemacht wird. Weder Fragestellung, noch die Antwort Pearls werden - klugerweise - explizit ausformuliert, doch schwingt beide knapp unter der Oberfläche unausweichlich mit. Sieht man von einigen sprachlichen unnötigen Übertreibungen zu Beginn des Romans ab, die zu gewollt sensationsheischend wirken, habe ich mit diesem Roman ein historisch fundiertes, in allen - auch sprachlichen - Belangen gut recherchiertes und unterhaltsames Buch gelesen, das durchaus einen hohen Unterhaltungs - und Informationswert aufwies. Noch dazu verzichtet Pear, verglichen mit Ecos "Der Name der Rose", auf ein komplizierendes und manchmal abschreckendes Bildungsfeuerwerk, sondern verquickt Handlung und literaturwissenschaftlichen Hintergrund auf einer leichter verdaulichen Ebene, ohne jedoch jemals flach zu werden.
Zwei Handlungsstränge verbindet Mark Z. Danielewski in seinem Buch zu einem beinahe 800 Seiten starken Roman. Johnny Truant, eine Hilfskraft in einem Tattoo - Studio, verbringt sein Leben mit seinem Freund Lute, Alkohol, Pillen und - manchmal recht bizarr verlaufenden - One - Night - Stands. Er verliebt sich unsterblich und aussichtslos in die Stripperin Thumper, eine Kundin des Studios. Als ein älterer Nachbar Lutes stirbt, betreten Johnny und sein Freund die Wohnung. Hier findet Johnny zufällig hunderte von vollgeschriebenen Manuskriptseiten und Notizzetteln. Johnny beginnt fasziniert, in diesen Konvoluten zu lesen, und schnell reift in ihm der Entschluß, das Manuskript als Buch herauszugeben. Dies erfordert eine lange Zeit des Ordnens und Sichtens. Zampanò, so der Name des Verstorbenen, analysiert in seinem Manuskript ausführlich einen Dokumentarfilm : den "Navidson - Record". Mit akademischer Gründlichkeit schildert er Entstehen, Handlungsverlauf, verweist auf Quellen, Diskussionen und Thesen und gibt verschiedene Interpretationsansätze : seiner Beziehung zuliebe zieht der Filmemacher Will Navidson, einst ein mit dem Pulitzer - Preis geehrter Fotograph, mit seiner Freundin Karen und den gemeinsamen Kindern Daisy und Chad in ein Haus in einer ländlichen Gegend Virginias. Quasi zum Ausgleich für das aufgegebene Fotographieren macht er sich daran, den Einzug und die ersten Tage im Haus zu dokumentieren. Doch recht bald stößt er auf Merkwürdiges. Unvermittelt bemerkt er einen kleinen Raum, der vorher nicht dagewesen ist und zudem nicht den Außenmaßen des Gebäudes entspricht. Ist die Differenz zwischen Außen und Innen erst nur gering, weitet sich später der Raum zu einem dunklen, unendlich scheinenden Labyrinth. Sein erster Erkundungsgang, den er gegen den Widerstand seiner Freundin unternimmt endet nur mit Glück wieder im heimischen Wohnzimmer, denn er hat sich beinahe rettungslos verlaufen. Doch Navidsons Neugier ist geweckt. Und so holt er seinen Bruder Tom, einen Freund und drei Bergsteiger zu Hilfe, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Das Haus verändert sich ständig, ein Grollen läßt auf das Verschieben von Wänden schließen. Die folgende Expedition stößt auf eine unendlich scheinende Wendeltreppe, die über Stunden in die Tiefe führt. Zudem scheint irgendein unsichtbares Wesen die Labyrinthe zu bewohnen, ohne jedoch jemals sichtbar zu werden. Der Anführer der Bergsteiger ist den belastungen nicht gewachsen : er dreht durch und erschießt einen seiner Begleiter und bleibt dann verschollen. Navidson, der von seinem Zimmer die Expedition überwacht hatte, macht sich mit seinem Freund auf zu einer Rettungsexpedition. Diesmal ist die Treppe um vieles kürzer. Er findet den Getöteten und seinen überlebenden Begleiter. Der Schütze allerdings wird das Tageslicht nicht mehr erreichen. Karen stellt Navidson ein Ultimatum : entweder er stellt die Erkundung des Hauses ein oder sie verläßt ihn. Doch es scheint zu spät, denn das Haus beginnt auch in den sicher geglaubten Räumen zu agieren und tötet Navidsons Bruder Tom, der gerade noch Daisy hatte retten können. Navidson gibt sein Vorhaben zunächst auf und läßt Gesteinsproben in einem Labor untersuchen. Karen stellt aus dem vorhandenen Filmmaterial kurze Ausschnitte zusammen und schickt sie an verschiedene Berühmntheiten, etwa an Stephen King, Anne Rice, an den Regisseur Stanley Kubrick, an die feministische Autorin Camille Paglia, den Mathematiker Douglas R. Hofstadter und den Philosophen und Linguisten Jacques Derrida. Alle reagieren beinahe erwartungsgemäß : während King darauf brennt, den Standort des Hauses zu erfahren, wertet Paglia die Expeditionen als ein Symptom des Vaginalneides, und Derrida dekonstruiert sich selbst. Erstaunlich ist nur, daß viele der Angesprochenen, egal ob Mann oder Frau, Karen um ein Rendezvous bitten. Der Frieden jedoch ist trügerisch, denn Navidson hat längst beschlossen, eine weitere Expedition zu unternehmen - diesmal vollkommen allein. Und es sieht nicht so aus, als könnte er das überleben....
Johnny zieht sich während der Arbeit an diesem Manuskript immer mehr zurück und leidet unter Angstzuständen. In ausführlichen Fußnoten, die sich denen Zampanòs und des Verlages zugesellen, verfolgt der Leser eine ständige Verschlechterung, seine zunehmende Verwahrlosung. Auch ist nicht immer klar, ob Johnny phantasiert, lügt oder bei der Wahrheit bleibt. Auch erfährt man nach und nach die Vorgeschichte Johnnys. Seine Mutter wurde in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen, als er noch ein Kind war, ebenfalls im Kindesalter mußte er den Unfalltod seines Vaters miterleben. Im Anschluß begann eine Irrfahrt durch Pflegefamilien und Schulen. Dort fiel er vor allem durch heftige Schlägereien auf, mit denen er seine Außenseiterrolle nur verfestigte. Und Raymond, ein neuer Pflegevater reagiert ungehemmt gewalttätig auf die Störungen Johnnys. Als Lute stirbt und er auch bei Thumper keinen Halt findet, zieht Johnny, von seinen Angstzuständen geplagt, immer zielloser durch die Gegend....
Dieses Buch ist ebenso wie das in ihm beschriebene Haus ein nahezu undurchdringliches Labyrinth mit einer Unzahl gegenläufiger oder unabhängiger Strukturen. Somit seien alle die gewarnt, die eine linear erzählte und zu einer Auflösung hingeführte Horrorgeschichte erwarten, denn - sinngemäß zitiert - die Rätsel der Kindheit unterscheiden sich von denen des Erwachsenenlebens dadurch, daß sie meist gelöst werden können. Danielewski bedient sich in seinem Roman der verschiedensten Verschleierungs - und Verschlüsselungstechiken, auch wenn er sich vordergründig bekannter Topoi des Horrors bedient. Augenfällig sind Anklänge an den Pseudo - Dokumentarfilm "The Blair Witch Project" und des Hauses als selbständig handelndes oder beeinflusstes Geistwesen, wie man es bei Stephen Kings "Haus der Verdammnis", dem Klassiker "Landhaus der toten Seelen", der Amityville - Reihe oder etwa in der IT - Version "Game Over" von Philip Kerr finden kann. Auch Bezüge an Eschers Bilder der dimensionsübergreifenden Treppen und damit an Douglas R. Hofstadters "Gödel, Escher Bach - Ein endlos geflochtenes Band" sind kaum zu übersehen. Doch von Anfang an kann niemand sicher sein, was wirklich real ist, was allein literarisches Verwirrspiel. So scheint es denn doch recht unwahrscheinlich, daß Zampanò als Blinder sich ausgerechnet mit dem visuellen Medium Film auseinandersetzt, er der zur Sichtung und Verarbeitung der Quellen regelmäßig auf Vorleserinnen angewiesen ist. Und trotz der in der wissenschaftlichen Analyse und den Fußnoten immer wieder auftauchenden regen Diskussionen und Reaktionen auf den "Navidson - Record" ist von einer Veröffentlichung - auch im Erzähluniversum des Buches - nichts wirklich bekannt. reichlich verworren bleibt auch die Urheberschaft der Analyse. Diente etwa in der Romantik die Erwähnung aufgefundener Manuskripte, überantworteter Tagebücher einer vorgeblichen Absicherung des Wahrheitsgehaltes, überdreht Danielewski diesen Kunstgriff bis ins Extreme : es geht um einen Film, der in einer wissenschaftlichen Analyse behandelt wird, die von Johnny Truant bearbeitet und veröffentlichungsfertig gemacht wurde und letztlich von unbekannten Herausgebern dann auch veröffentlicht worden sein soll. Außer Navidson selbst tragen zudem alle Instanzen zu dem umfangreichen Fußnotenapparat bei, die Instanz der Herausgeber nicht selten korrigierend. trotz dieser Bearbeitungsinstanzen gibt es im Buch und in den Fußnoten nicht selten fehlende Stellen. Seiten sind abhanden gekommen, verschmutz oder zerstört, Fußnoten bleiben zwar markiert, weisen allerdings keine Inhalte auf etc. Auf der anderen Seite wurden dem Buch drei recht umfangreiche Anhänge und ein ebenfalls ausführlicher Wortindex angefügt, der recht wahllos scheinend vorgebliche Schlüsselbegriffe und deren Vorkommen im Text auflistet. Es ist nicht verwunderlich, daß mancher Leser sich versucht sieht, allein den beiden Geschichten zu folgen und den (pseudo)kritischen Apparat einfach auszublenden, zumal dieser wegen einiger Wortspielereien und sorgsam gelegter Fährten nicht selten ausgedehnte Forschungsarbeiten abgebracht erscheinen läßt. Allerdings denke ich, man beraubt sich dadurch eines Teils des Vergnügens, auch wenn ich vermutlich über Monate an diesem Roman gesessen hätte, um allen Verflechtungen nachzuspüren. Unbedingt zu lesen ist aber der Abschnitt "Die Briefe aus dem Three Attic Whalestoe Institute", der einiges in Bezug auf Johnny Truant zu erhellen vermag und vielleicht sogar eine Interpretation des gesamten Buches ermöglicht. Eine weitere Hürde beim Lesen ist die immer wieder anzutreffende ungewöhnliche Typographie des Textes. Manchmal drückt sich der Text an die Ränder, bildet Diagonale, oder kon - zentriert sich mit wenigen Wörtern in der Mitte einer Seite, manchmal liest man in eine Richtung bis zu einem Kehrpunkt, an dem man rückwärts zu blättern gezwungen ist, bis man am Ausgangspunkt den Teil des Textes zuende gelesen hat, oder man muß sich mit einem in Spalten aufgeteilten oder auf dem Kopf stehenden Text befassen. Auch dieses Verfahren ist nicht unbedingt neu, man denke an "Alles oder Nichts" von Raymond Federman oder die konkrete Poesie, ebensowenig wie es die substantielle Verwendung von Fußnoten in literarischen Texten ist, jedoch hat die Kombination dieser unterschiedlichsten Verfremdsungstechinken etwas höchst Eigenes und Experimentelles geschaffen.
Das Buch ist so façettenreich und schillernd, daß nicht wirklich in einer kurzen Rezension in allen Aspekten erfasst und gewertet werden kann. Dennoch strahlen sowohl die Gruselgeschichte als auch die damit eng verbundene Akademiker - und Wissenschaftssatire und der Underdog - Lebenslauf Johnnys einzeln und zusammen eine hohe Faszination aus, der man sich nicht ohne weiteres verschließen kann, vorausgesetzt man bringt denn doch einiges an Leseerfahrung mit. Es entwickelt sich ein wohliges Gefühl zwischen Arbeit und widerstandslosem Verschlingen und Konsumieren. Übersetzt wurde das Buch von Christa Schuenke, die auch für manche Banville - Übersetzung verantwortlich zeichnet, mit Unterstützung von Olaf Schenk. Ihr ist in zweijähriger Arbeit eine wunderbare und gut zu lesende Übersetzung gelungen, die sowohl die verschiedenen Erzählstimmen auseinanderzuhalten und unterschiedlich zu gestalten weiß, als auch den Verästelungen, Spielereien und Verschlüsselungen nachspürt. Da mir in diesem Fall sowohl Übersetzung als auch das englischsprachige Original, an das ich mich dann lieber doch nicht wagte, vorlagen, und ich punktuell Vergleiche anstellen konnte, äußere ich mich ausnahmsweise auch zur Übersetzungsqualität, was ich mir ansonsten mangels Vergleichbarkeit verbiete. Ich denke, "Das Haus" gehört zu den wichtigsten und besten Büchern der letzten Jahre, das vermutlich Einfluß auf die kommende Literatur nehmen wird.
In einem Zimmer sitzt ein alter Mann auf dem Bett. Er versucht zu ergründen, wie er dorthin gelangt ist, wo er sich befindet und wer er eigentlich ist. Der Raum erinnert an eine Zelle oder an ein Zimmer in einer Pflegeeinrichtung. Das Fenster ist unzugänglich, Türen, Schränke nicht auf den ersten Blick erkennbar. Ebenso weiß er nicht, daß Kamera und Mikrophone sämtliche Bewegungen und Lautäußerungen minutiös aufzeichnen. Bemerkenswert in diesem Raum ist, daß sämtliche Gegenstände beschriftet sind : Am Tisch klebt ein Zettel mit der Aufschrift "Tisch", an den Wänden finden sich beschriftete Klebestreifen mit dem Schriftzug "Wand". Inmitten des Raumes befinden sich Tisch und Bürostuhl, auf dem Tisch Stapel mit Manuskriptseiten und einige Photographien. Der Leser erfährt wenig über den Mann : daß er Mr. Blank heißt, daß er zwischen sechzig und einhundert Jahre alt ist, daß er dement scheint und auch körperlich unter Ausfallerscheinungen leidet. Der Weg zum Tisch ist mühsam. Er betrachtet - recht verständnislos - den Stapel der Photographien, meint aber eine abgebildete Frau, etwa im Alter von fünfundzwanzig Jahren, zu erkennen, ohne daß er jedoch genau wüßte, um wen es sich handeln könnte. Als er sich einige Seiten von einem der Papierstapel greift und darin zu lesen beginnt, wird er durch das Telefon unterbrochen. Eine ihm fremde Person kündigt ihren zweiten Besuch an, ohne daß sich Blank an einen ersten überhaupt erinnern könnte. Doch dann betritt eine Pflegerin, Anna Blume, den Raum. Sie ist um die fünfzig und behauptet, die junge Frau auf der Photographie zu sein. Blank, der sich sofort zu ihr hingezogen fühlt, allerdings auch ein undefinierbares Schuldgefühl empfindet, läßt sich von ihr versorgen, füttern, baden und mit Medikamenten versehen, die für die Behandlung unumgänglich seien, auch wenn sie ein starkes Zittern hervorrufen. Der angekündigte Besucher, James P. Flood, erscheint. Er scheint auf der Suche nach seiner Identität und seiner Bestimmung zu sein, doch Blank, dessen Erinnerung immer noch sehr lückenhaft ist, kann ihm kaum weiterhelfen. Nachdem der Besucher verschwuunden ist, widmet er sich wieder der Lektüre des Manuskriptes : auch hier sitzt eine Person in einer Zelle. Er wurde festgenommen, nachdem er von einem Grenzübertritt zurückkehrte. Nach und nach werden die Einzelheiten der Geschichte deutlicher : die Erzählung spielt in einem imaginären Staatsgebilde, der Konföderation, das den USA recht deutlich nachempfunden wurde. Der Protagonist, der im Auftrag der Regierung unterwegs war, um Hintergründe über Grenzkonflikte und das Verschwinden eines Freundes zu klären, scheint in die Hände eines korrupten Grenzkommandanten geraten. Doch bevor Blank weiteres erfahren kann, bricht das Manuskript ab. Zudem erscheint der nächste Besucher. Er scheint der behandelnde Arzt zu sein und drängt Blank, die Geschichte zuende zu erzählen. Erst widerstrebend, zumal er den Anfang der Erzählung als mißlungen empfindet,läßt sich Blank darauf ein, gerät dann aber in Fahrt. Erst recht, als dann sein Besucher verschwindet : jetzt läßt er seiner Phantasie fast lustvoll seinen Lauf, versieht die Handlung mit überraschenden Volten. Sein Protagonist kommt auf die Spur einer unvorstellbaren Gewalttat und einer unglaublichen Verschwörung, ohne daß er sie erkennt und seine Rolle darin einzuschätzen wüßte... .
Der Roman "Reisen im Skriptorium", der national und international auf geteiltes Echo stieß, ist wohl vollkommen nur für Auster - Liebhaber mit einem guten Gedächtnis zu genießen. Denn Paul Auster hat sich in diesem doppelbödigen Werk vor allem mit seinem Werk und seiner Rolle als Autor auseinandergesetzt. Außer Mr. Blank sind alle Personen schon aus früheren Werken Austers bekannt : Anna Blume, die Pflegerin, stammt aus dem Roman "Im Land der letzten Dinge", der Besucher James P. Flood wurde im dritten Teil der "New York - Trilogie" - "Hinter verschlossenen Türen" zum letzten Mal gesichtet, das Manuskript, das Mr. Blank so fleißig weiterspinnt, stammt aus "Nacht des Orakels". Und weitere Figuren geben sich direkt oder durch Erwähnung ein Stelldichein : Daniel Quinn, Peter Stillman, John Tauser u. a. m.
Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß es mit meinem Gedächtnis nicht allzu gut bestellt ist, daß ich also, um eine Ein - und Zuordnung des eigentlich recht übersichtlichen Figurenkreises zu bewerkstelligen, auf etliche hilfreiche Rezensionen zurückgreifen mußte. Mehrheitlich bemängelten die Rezensenten eine deutliche Selbstreferenzialität und noch übelgelaunter : die (vermeintliche) Eitelkeit des Autors. Zudem sahen viele die Intertextualität und den Hang zur Metafiktion, also das Spiel mit (den eigenen) Texten und die Verschachtelung verschiedener Erzählebenen, inklusive einer, in der das Schreiben als solches problematisiert und zu einem wesentlichen Teil des Textes wird, als selbstgewähltes - und in diesem Falle : zu enges - Gefängnis.
Dennoch schlage ich mich an dieser Stelle ganz entschieden auf die Seite der Rezensenten, die diesen kurzen Roman uneingeschränkt für gut befinden. An keiner Stelle empfand ich beim Lesen eine Beengung oder gar Langeweile. Im Gegenteil konnte ich einen höchst intelligent konstruierten, keineswegs witz - oder humorlosen Text genießen, der in einer kaum vorauszuahnenden Pointe gipfelt. Ich habe meine Recherche über die verwendeten Personen erst nach Ende der Lektüre und nur zum Zwecke, eine hilfreiche Rezension zu verfassen, geführt, denn auch in Unkenntnis der konkreten Herkunft, war mir alsbald klar, daß es fiktive Personen aus dem Werk des Mr. Blank sein müßten, die ihren Schöpfer, Erfinder nach ihrer künftigen Rolle fragten, nach dem Sinn ihrer Existenz auch nach Veröffentlichung des Werkes, in dem sie verwendet wurden, besonders da dieser sie nicht selten - einem grausamen Gotte gleich - auf gefährliche und existenzerschütternde Missionen geschickt hatte. Vielen Romanfiguren, nicht aber dem Autor, eignet ja eine Unsterblichkeit in den veröffentlichten Werken. Deutlich wird diese Diskrepanz an der Hinfälligkeit des Mr. Blank, während seine Figuren zwar gealtert, aber dennoch höchst lebendig sind. Allerdings wäre Paul Auster denn auch nicht Paul Auster, wenn er genau dieses Thema in seiner Schlußpointe nicht noch einmal mit einem Augenzwinkern drehte. Einige Kritiker stießen sich auch an der Konstruktion, in der - für sie recht unvermittelt - mit einer längeren Binnenerzählung gearbeitet wird. Hier - und durch das Literarische dreifach abgefedert - wird Paul Auster politisch : unverhohlen beschreibt er in einer Art phantastischen Erzählung eine imperialistische, tückische und gewaltbereite USA, die ohne Rücksicht auf Verluste bei Gegnern und eigenen Staatsbürgern einen Grenzkonflikt in Gang setzt, um ihr eigenes Staatsgebiet zu erweitern. Mir selbst will nicht scheinen, daß die Konstruktion einer Binnenerzählung generell verwerflich wäre, solange es Bezüge zu den im Erzählrahmen agierenden Protagonisten gibt. Und hier hat Mr. Blank eine sogar doppelte Rolle inne : ist er doch zunächst Leser und dann - in seiner wachsenden Lust an der Fortführung der Erzählung, an den grausam erfundenen Verwirbelungen identifiziert sich Blank ja auch endgültig für den ganzen Roman - als Autor, dessen Geist im Umgang mit dem literarischen Handwerk zu höchster Form aufläuft. Auch die Form des Politischen mag mich hier und so nicht verwundern. Höchst zweifelhaft wären in jeder guten Literatur politisch - programmatische Manifeste, und dennoch - da Politik immer in den Lebensbereich des Menschlichen und damit auch unzweifelhaft in den der Literatur gehört - muß sie nicht gänzlich ausgeklammert bleiben. Auster hat seine politische Meinungsäußerung nicht nur fiktionalisiert, sondern zugleich in seine literarischen Metastrukturen mehrfach eingebunden. So bleibt gewährleistet, daß es sich um einen (guten, wie ich meine) literarischen Text handelt und nicht zur politischen Waffe mit zweifelhafter Qualität wird. Gerade auch die Weitererzählung durch Mr. Blank wirft ein bezeichnendes Licht auf ihn als Erzähler, auf die zum Teil unvermeidliche Rolle eines Schriftstellers. Ich bin mir bewußt, daß dieses Buch nicht immer auf Zustimmung oder befriedigte Leser stoßen wird, allerdings halte ich selbst den Roman für ein gelungenes Kabinettstückchen, dem ich gern den ein oder anderen begeisterten Leser wünsche.
John Joseph Moehringer ist sieben Jahre alt, als seine Erinnerungen beginnen. Mit seiner Mutter, die sich kurz zuvor von ihrem Mann, einem gewalttätigen Radiomoderator getrennt hat, lebt er im Haus der Großeltern in dem New Yorker Vorort Manhasset. Außer dem Großvater, der sich in sich zurückgezogen hat und beinahe autistisch wirkt, seinem Onkel Charlie, der im "Dickens", einer der vielen Bars im Orte, arbeitet und spät heimkommt und noch später aufsteht, und einem Cousin, McGraw, leben dort ausschließlich weibliche Wesen. JR, wie sich John Joseph in Abgrenzung zu seinem Vater zu nennen beginnt, vermißt seinen Vater, denn der läßt sich weder blicken, noch zahlt er Unterhalt. Nur seine wöchentlichen Radiosendungen kann der Junge sehnsuchtsvoll verfolgen. Die Mutter versucht immer wieder, auszubrechen und mit einer eigenen Wohnung Fuß zu fassen, scheitert jedoch immer wieder am Geld. Eine Klage gegen ihren Ehemann hat nur den Effekt, daß dieser spurlos vom Erdboden verschwindet und so den Jungen auch um den Klang seiner Stimme im Radio bringt. JR ist nicht selten überfordert, denn er meint, seiner Mutter eine (bessere) Stütze sein zu müssen in ihrem Kampf um eine selbständige Existenz. Und ihm fehlen männliche Bezugspersonen. Als die beiden nach Arizona ziehen, ergattert JR einen Nachmittagsjob in einer Buchhandlung, die von zwei recht exzentrischen Buchliebhabern geführt wird. Diese verkriechen sich lieber in ein Kämmerchen, als die Kunden zu bedienen, was von nun an JRs Aufgabe sein wird. Doch sie schließen den Jungen in ihr Herzen und tun alles Mögliche, ihn an die Grundlagen der Literatur heranzuführen. In den Ferien schickt ihn die Mutter zurück nach Manhasset. Hier nehmen ihn Onkel Charlie und seine Kollegen, Barmänner, Köche, Kellner, unter ihre Fittiche, nehmen ihn mit an den Strand von Long Island und - natürlich - ins "Dickens". Hier trifft JR auf ein buntes Kaleidoskop von Gästen und Angstellten, von denen er sich bld akzeptiert fühlt. Da ist Steve, der Inhaber mit großer Menschenkenntnis und wenig finanziellem Geschick, Onkel Charlie, der in der Bar einen gewissen Kultstatus genießt und seinen Neffen in das Regelwerk und die Strömungen der Bar einführt, der Vietnam - Veteran Cager oder Bob the Cop, ein Polizist, der einst versehentlich einen Kollegen erschossen hatte. Mittlerweile hat sich JR für das College in Yale beworben und - wird wider Erwarten - auch angenommen und mit einem Stipendium gefördert. Doch er fühlt sich Im Grunde überfordert, glaubt mit den Klugen und Reichen des Colleges nicht mithalten zu können. Seine Noten scheinen das denn auch bald zu bestätigen. In den Ferien geht es zurück nach Manhasset, zurück in die Bar, die mittlerweile in "Publicans" umbenannt wurde. Hier wird er aufgefangen, kann seine Versagensängste formulieren und erhält Zuspruch. Auch das tragische Auf - und - Ab seiner Liebesbeziehung mit Sydney, die ihn schließlich zugunsten eines reichen jungen Mannes verläßt, kann er hier wenigstens ansatzweise verarbeiten - allerdings, da er inzwischen volljährig ist - mit mehr Alkohol, als ihm guttut. Auch seine Aufnahme in den Kreis der Volontäre der angesehenen New York Times schafft nur weitere Unsicherheiten und einen größeren Alkoholkonsum. Seine Freunde aus der Bar tun ihr Bestes, ihn mit Lebensweisheiten und Einsichten bei der Stange zu halten. Die Bar ist JR inzwischen so wichtig geworden, daß er sie in einem "großen" Roman verewigen möchte, aber letztlich daran scheitert. Als der Besitzer Steve unvermittelt stirbt, stehen einschneidende Änderungen an - auch für JR....
Dieses Buch, das die New York Times im Jahre 2005 zu den wichtigsten Büchern rechnete, ist - entgegen der Zuordnung des deutschen Verlages aus Marketinggründen, da man um die Lesegewohnheiten - und Präferenzen des deutschen Lesepublikums weiß - beileibe kein Roman, sondern, wie es der Originaltitel präzise benennt, ein Buch der Erinnerung, "a Memoir". Zudem wäre auch anzumerken, daß der Autor durchaus Wert darauf legt, die Buchstaben des Vornamens nicht durch Punkte getrennt zu sehen, was aber anscheinend mit dem Ordnungssinn des Verlages so gar nicht vereinbar scheint. Wäre es denn ein Roman, könnte man ihn wohl mit dem gescheiterten Versuch im Buch selbst gleichsetzen. Viel mehr als eine gut geschriebene und pointierte, ab und an zum Schmunzeln bringende Lebenserinnerung gibt das Buch nämlich nicht her. Zu sehr ist "Tender Bar" reine Selbstbespiegelung, zu wenig ernst nimmt es seine Nebenfiguren, die je nach Bedarf erscheinen dürfen und bald darauf vernachlässigt werden. Selbst die Bar, das sich als eigenes, vielschichtiges Universum als Thema, Handlungsort und Weltmodell dankbar als Romanstoff anböte, bleibt in meinen Augen seltsam blaß, ohne daß es der Autor an Bemühen hätte fehlen lassen. So fügt er einen - durch den Verlauf des Buches kaum motivierten - Epilog an die eigentliche Handlung an, in dem er die letzten zehn Jahre des Werdegangs von ihm und seinen Kneipenfreunden und Verwandten rekapituliert und das Modell "Bar" mithilfe der Ereignisse des 11. September 2001 zu einem amerikanischen Modellfall zu erweitern versucht. Liest man das Buch als Erinnerungen fallen einige Einwände, die sich einem ansonsten aufdrängen weg, doch immer noch weist das Buch zum Teil Längen auf. Zudem mag einem ein gewisser affirmativer Grundton, gestützt durch die recht allgemeinen "Lebensweisheiten" und Lehrsätze der väterlichen Nebenfiguren bald etwas unzufrieden machen. Doch vermögen es das handwerkliche Geschick und die treffsichere Pointensetzung des Autors, der im Hauptberuf ja Zeitungsjournalist ist, den Leser bei der Stange zu halten und ihn das Buch nicht als Zeitverschwendung empfinden zu lassen. Möglicherweise ist die Begeisterung in den USA deshalb größer als hierzulande, weil das Buch, wie man den Seiten der Anmerkungen entnehmen kann, kulturell tief in der amerikanischen Lebens - und Gedankenwelt verortet und verankert ist : vom Baseball über das Hollywood der dreißiger Jahre bis hin zu Trickfilmserien und amnerikanischer Literatur reichen die Wegmarken, die Moehringer gesteckt hat. Auch das affirmative Element, scheint mir, liegt den Amerikanern etwas näher als einer gewissen skeptischen Grundhaltung der Deutschen. Begeisterung hat das Buch in mir nicht wecken können - und nur berdingte Neugier auf ein weiteres Buch aus der Feder des Autors.