Charles Lewinsky : Melnitz
Onkel Melnitz ist tot. Gerade gestorben, beerdigt. Was ihn allerdings nicht hindert, ins Leben der Familie Meijer zurückzukehren, ein Wiedergänger der besonderen Art. Salomon Meijer ist seines Zeichens Viehhändler und lebt mit seiner Frau Golde, der Tochter Mimi und der Adoptivtochter Hanna (Chanele) in dem kleinen Schweizer Ort Endingen. Das Dorf ist einer der wenigen Gemeinden, in dem sich Juden niederlassen dürfen, ohne allerdings Land erwerben oder mit Nichtjuden unter einem Dach hausen zu dürfen. 1871, nach dem Ende des Deutsch - Französischen Krieges steht Janki, ein entfernter Verwandter und Teilnehmer auf französischer Seite am verlorenen Krieg vor der Tür. Zunächst nur Asylsuchender, fasst er bald die Tochter des Hauses als künftige Braut und Mitgiftbeschafferin ins Auge, muß jedoch erkennen, daß ihm trotz geringerer Mitgift mit Chanele besser gedient ist. Zumal die ihn wirklich liebt. Onkel Melnitz ist es, der ihren Stolz wegen der unerwiderten Liebe besänftigt und ihr die Ehe schmackhaft macht. Janki hat währenddessen ein Stoffgeschäft in der nahegelegenen Stadt eröffnet, dessen Bestand durch den Antisemitismus der dortigen Bevölkerung gefährdet ist, hat man doch böswillig kolportiert, er beziehe seine Stoffe aus der ungezieferverseuchten und durch den verlorenen Krieg stark geschädigten Stadt Paris. Erst Mimis Einfall, ihn einfach zum verwundeten Kriegshelden zu erklären, obwohl Janki nie auch nur in Gefechtshandlungen verwickelt gewesen ist, bringt den Durchbruch. Fortan laufen die Geschäfte und mit der Mitgift Chaneles läßt sich alsbald ein zweites Geschäft eröffnen. Mimi heiratet Pinchas, einen langjährigen Verehrer. Der ist Schächter und in den religiösen Schriften und Bräuchen bewandert. 1893 ist die nächste Generation erwachsen geworden. Pinchas gerät in Bedrängnis, als die Schweizer unter dem Vorwand des Tierschutzes per Volksabstimmung ein Schächtverbot beschließen. Die Töne auf den Versammlungen, in denen das Verbot diskutiert wird, sind unverhohlen antisemitisch, auch wenn Pinchas und viele andere das verdrängen wollen. Doch hier tritt Onkel Melnitz in seiner eigentlichen Funktion auf und besteht auf der Wahrnehmung des Offensichtlichen. Arthur, einer der Söhne Chaneles und Jankis ist Mediziner geworden. Eine Affäre mit einem Ringer läßt ihn zum mittelmäßigen Sportler und Mitglied des jüdischen Sportvereins werden, dessen medizinische Betreuung er übernimmt. Als sein Geliebter die Beziehung beendet, um auf heterosexuellen Pfaden zu wandeln, läßt zwar Arthurs Sportbegeisterung nach, aber die ärztliche Betreuung des Vereins setzt er fort. François, sein Bruder, gründet ein Kaufhaus. Doch seine Pläne sind weit ehrgeiziger : er möchte einen großen Warentempel errichten. Das Grundstück, das er im Auge hat, will man ihm nicht verkaufen, weil er Jude ist. Kurzerhand läßt er sich und seinen Sohn Alfred taufen, während seine Frau der jüdischen Religion treu bleibt. Dies hat nicht nur familiäre Zerwürfnisse zur Folge, sondern auch die Orientierungslosigkeit seines Sohnes. Das Grundstück kann er zunächst dennoch nicht erwerben, da er ja immer noch Jude ist. Erst spät kommt er zum gewünschten Erfolg. Seine und Arthurs Schwester Hinda verliebt sich in den Sozialisten Zalman Zamionker. Beide heiraten trotz des anfänglichen Widerstands von Hindas Eltern. Zalman ist der einzige, der seine Frau mit Lohnarbeit ernähren muß. Doch durch die Zeitläufte wird aus ihm ein Kleidungsfabrikant, der vor allem zunächst von Aufträgen des Warenhauses von François lebt. Die spätgeborene Tochter von Pinchas und Mimi, Desirée, verliebt sich in Alfred, den christlichen Cousin. Da die Verbindung von allen als undenkbar gesehen wird, trennt man die beiden. Alfred wird nach Paris geschickt. Dort gerät er in den Ersten Weltkrieg, und da er als Jude immer noch kein Schweizer Bürger ist, muß er als Soldat dienen und fällt. Auch Zalmans Sohn Ruben, der seine Ausbildung zum Rabbiner in Galizien vorantreibt, wird in den Krieg verwickelt. Mit seinen Mitschülern und dem Rabbi muß er fliehen und wird von den Russen festgesetzt. Zalman macht sich auf den gefährlichen Weg, ihn zu retten. 1937 verschärfen sich die Verhältnisse innerhalb und außerhalb der Schweiz. Zalmans Enkel Hillel, der sich zu einer landwirtschaftlichen Ausbildung entschlossen hat, um die später in Palästina nutzbringend anwenden zu können, freundet sich mit einem Schulkameraden an, der den Fröntlern, einer nationalistischen Bewegung, nahesteht. Eine Wette veranlaßt ihn, eine Versammlung dieser Organisation zu besuchen. Als er als Jude enttarnt wird, kommt es zur unvermeidlichen heftigen Rauferei. Er und sein Freund landen im Gefängnis. Ruben, der inzwischen eine Gemeinde in Halberstadt betreut, weigert sich, Deutschland zu verlassen, obwohl auch er die Repressalien des Dritten Reichs gegen Juden zunehmend zu spüren bekommt. Arthur versucht derweil, eine Frau in die Schweiz zu lotsen, deren Kinder er im Rahmen seiner Tätigkeit für ein Kinderheim kennengelernt hatte. Seine Bemühungen scheinen erfolglos. Zalmans Tochter Rachel lernt in der Fabrik ihres Vaters den ungelernten Arbeiter Felix Grün kennen. Der war einst Komiker in Deutschland, wurde in ein Konzentrationslager verbracht und - während der Olympischen Spiele - für kurze Zeit freigelassen, um den weltoffenen und toleranten Eindruck auf das Ausland herzustellen, den die deutsche Propaganda benötigte. Ihm ist die Flucht in die Schweiz geglückt... .
Charles Lewinsky hat mit "Melnitz" einen recht umfangreichen Familienroman geschrieben, der sich über fünf Generationen der Familie Meijer und 770 Seiten erstreckt. In einem doppelten Sinne klug hat er das Buch in vier, mit dem Epilog fünf Teile gegliedert, die in Intervallen von 18 bis 24 Jahren einander folgen und jeweils bis zu einem Jahr im Leben der Familie schildern. Geknüpft sind diese Abschnitte an historisch bedeutsame Zeitpunkte : Deutsch - Französischer Krieg, Schächtverbot, Erster Weltkrieg, Drittes Reich und die Nachkriegszeit.
So ist es ihm möglich, immer wieder neu und frisch anzusetzen und dennoch die Kontinuität in Personen und Handlung nicht allzu sehr zu strapazieren. Gleichzeitig bleibt dieser Familienroman in der Zeitgeschichte verortet, und man kann die Wechselwirkungen immer wieder aufs Neue studieren. Erzählerisch sind die Strukturen des Familienromans das tragende Element : die menschlichen Beziehungen untereinander, die Liebesgeschichten, Zerwürfnisse, kleineren Streitigkeiten und der Werdegang einiger der vielen Personen. Während denn - bei der Anzahl des Persomals wenig verwunderlich - einige Figuren etwas blaß erscheinen, sind ihm doch einige Personen höchst eindrucksvoll und nachhaltig gelungen. Sowohl der Arzt Arthur als auch seine Mutter Chanele werden wohl lange im Gedächtnis des Lesers bleiben, auch der orientierungslose, vom Vater dem Christentum überantwortete Alfred, der aus Deutschland geflohene Felix Grün werden wohl nicht schnell vergessen. Lewinsky versteht es, das gesamte Repertoire eines Familienromans gezielt, elegant und unterhaltsam einzusetzen und zu gestalten, ohne daß er das Genre revolutionierte, sodaß der Leser willig und ohne Widerstand dem Erzählfluß folgt. Und dennoch sind allerhöchstens die Oberfläche und die sprachliche Ausgestaltung ohne Reibung. Denn mit "Onkel Melnitz", einer Variation des "Ewigen Juden" als dem kollektiven Gedächtnis der jüdischen Bürger, wird schnell deutlich, daß auch - so es denn zustande kommt - das Glück allenfalls ein oberflächliches, bedrohtes und zeitlich befristetes ist. Es gibt - und das ist zutiefst pessimistisch - für Juden (auch in der Schweiz) kein ungefährdetes und endloses Glück, und die Verdrängungsmechanismen werden durch Realitäten irgendwann - und schneller als man glauben will - obsolet. Dennoch liest man das Buch gerne, denn das Buch ist reich an Personen und Handlung, reich an alltäglichem Leben und an Informationen über den jüdischen Alltag. So ist es auch unerlässlich, ab und an das dem Buch beigegebene Glossar zu konsultieren, um jiddische oder hebräische Begriffe nachzuschlagen. Wer Zeit und Muße hat, sich auf einen fast 800 Seiten langen Roman einzulassen, sollte das in diesem Falle tun : schlecht beraten ist er damit nicht.
Charles Lewinsky hat mit "Melnitz" einen recht umfangreichen Familienroman geschrieben, der sich über fünf Generationen der Familie Meijer und 770 Seiten erstreckt. In einem doppelten Sinne klug hat er das Buch in vier, mit dem Epilog fünf Teile gegliedert, die in Intervallen von 18 bis 24 Jahren einander folgen und jeweils bis zu einem Jahr im Leben der Familie schildern. Geknüpft sind diese Abschnitte an historisch bedeutsame Zeitpunkte : Deutsch - Französischer Krieg, Schächtverbot, Erster Weltkrieg, Drittes Reich und die Nachkriegszeit.
So ist es ihm möglich, immer wieder neu und frisch anzusetzen und dennoch die Kontinuität in Personen und Handlung nicht allzu sehr zu strapazieren. Gleichzeitig bleibt dieser Familienroman in der Zeitgeschichte verortet, und man kann die Wechselwirkungen immer wieder aufs Neue studieren. Erzählerisch sind die Strukturen des Familienromans das tragende Element : die menschlichen Beziehungen untereinander, die Liebesgeschichten, Zerwürfnisse, kleineren Streitigkeiten und der Werdegang einiger der vielen Personen. Während denn - bei der Anzahl des Persomals wenig verwunderlich - einige Figuren etwas blaß erscheinen, sind ihm doch einige Personen höchst eindrucksvoll und nachhaltig gelungen. Sowohl der Arzt Arthur als auch seine Mutter Chanele werden wohl lange im Gedächtnis des Lesers bleiben, auch der orientierungslose, vom Vater dem Christentum überantwortete Alfred, der aus Deutschland geflohene Felix Grün werden wohl nicht schnell vergessen. Lewinsky versteht es, das gesamte Repertoire eines Familienromans gezielt, elegant und unterhaltsam einzusetzen und zu gestalten, ohne daß er das Genre revolutionierte, sodaß der Leser willig und ohne Widerstand dem Erzählfluß folgt. Und dennoch sind allerhöchstens die Oberfläche und die sprachliche Ausgestaltung ohne Reibung. Denn mit "Onkel Melnitz", einer Variation des "Ewigen Juden" als dem kollektiven Gedächtnis der jüdischen Bürger, wird schnell deutlich, daß auch - so es denn zustande kommt - das Glück allenfalls ein oberflächliches, bedrohtes und zeitlich befristetes ist. Es gibt - und das ist zutiefst pessimistisch - für Juden (auch in der Schweiz) kein ungefährdetes und endloses Glück, und die Verdrängungsmechanismen werden durch Realitäten irgendwann - und schneller als man glauben will - obsolet. Dennoch liest man das Buch gerne, denn das Buch ist reich an Personen und Handlung, reich an alltäglichem Leben und an Informationen über den jüdischen Alltag. So ist es auch unerlässlich, ab und an das dem Buch beigegebene Glossar zu konsultieren, um jiddische oder hebräische Begriffe nachzuschlagen. Wer Zeit und Muße hat, sich auf einen fast 800 Seiten langen Roman einzulassen, sollte das in diesem Falle tun : schlecht beraten ist er damit nicht.
tinius - 27. Nov, 06:58






