Russland

Andrej Belyj : Petersburg

In diesem am Vorabend der Novemberrevolution 1905 in Petersburg angesiedelten Roman treffen wir auf den Senator Apollon Ableuchow und seinen Sohn Nikolaj Apollonowitsch Ableuchow. Der Senator ist Behördenleiter und sieht einer weiteren Beförderung entgegen. Möglicherweise wird er Minister werden. Er ist vehementer Verfechter der zaristischen Ordnung und bemüht, das Chaos, die Gefahr aus dem Osten und den weiten, menschenleeren Flächen um Petersburg herum mittels Verordnungen und Verwaltungsakten von Petersburg, der auf einem Sumpf in geometrischer Ordnung errichteten Stadt fernzuhalten. Vater und Sohn leben seit mehr als zwei Jahren allein in einem repräsentativen Haus, nachdem die Ehefrau und Mutter mit einem italienischen Künstler das Weite gesucht hat. Nikolaj hat sich daraufhin immer weiter zurückgezogen, sich in philosophische Studien vertieft und seinen Vater hassen gelernt. Ihre Ähnlichkeiten wie auch die Unterschiede verschärfen den Konflikt, zumal die Mutter als ausgleichendes und versöhnendes Element fehlt. Eine unerfüllte Liebe zu einer verheirateten Frau, die zwar heftig mit ihm flirtet, ihn aber letztendlich nicht erhört, treibt ihn nächtens auf einer der Newa - Brücken. Hier macht er die Bekanntschaft mit einem Mitglied der sozialistischen Bewegung. Immer enger schließt er sich den Revolutionären an und erklärt sich sogar bereit, ihnen zu helfen. Gleichzeitig sucht er, verkleidet mit einem roten Domino die Nähe seiner Angebeteten und versetzt nicht nur sie in Angst und Schrecken. Selbst die Petersburger Presse berichtet über die geheimnisvolle Erscheinung. Nikolaj ist geradezu entsetzt, als Dudkin, sein revolutionärer Bekannter eines Tages mit einem Paket auftaucht und ihn bittet, dieses sicher zu verwahren. Eingedenk seiner Zusage, die revolutionären umtriebe zu unterstützen, bleibt sein Sträuben eher symbolisch. Allerdings hat Dudkin vergessen, einen zu dem Päckchen gehörigen Brief auszuhändigen. Darin wird erklärt, daß das Päckchen eine Bombe sei, mit der Nikolaj seinen Vater in die Luft sprengen solle. Als Nikolaj auf einem Ball auftaucht - wieder im roten Domino - übergibt die von ihm geliebte Sofja ihm nun genau diesen Brief, den sie einer anderen Genossin im Glauben abgeschwatzt hatte, es handele sich um intime Post, mit der sie ihren Verfolger hätte bloßstellen können. Doch als sie den Brief durchliest, weiß sie, daß ihre Rache um vieles wirksamer ausfällt. Auch der Senator hatte diesen Ball besucht und muß nun erfahren, daß sein Sohn der "Rote Domino" ist, der als stadtbekannter Unruhegeist Petersburger Gesprächsthema ist. Zudem wird der Presse dessen Identität und Verwandschaft mit Apollon nicht verborgen bleiben. Der Senator zerbricht innerlich, seine Dominanz wandelt sich zunehmend in die Hilflosigkeit eines alten Mannes. Nikolaj eilt nach Hause und untersucht das Päckchen. Obwohl er keineswegs die Absicht hat, seinen Vater zu töten, bedient er den Zeitzündemechanismus und stellt die Bombe scharf. Dann macht er sich auf den Weg zu Dudkin, um zu erfahren, ob die Handlungsanweisung denn ernst gemeint sein könne. Der ist entsetzt und rät ihm, die Bombe schnellstmöglich in der Newa zu entsorgen. Solch gewalttätiges Verhalten traut er der sozialistischen Partei nicht zu, vielmehr hat er bald den Verdacht, daß derjenige, der ihn mit der Weiterleitung des Paketes beauftragt hatte, ein Doppelagent und agent provocateur sei. Die Sozialisten haben derweil Streiks und Demonstrationen organisiert, und in der Stadt schießt das Militär auf Demonstranten. Nikolaj eilt nach Hause, um die Bombe zu entsorgen, bevor sie Schaden anrichten kann. Doch unglücklicherweise trifft er auf den Ehemann seiner Angebeteten, der ihn mit Gewalt in seine Wohnung schleift. Fast nicht bei Sinnen malträtiert er Nikolaj heftig, und die Zeit bis zur Explosion wird zunehmend knapper....

Dieser zwischen 1911 und 1913 entstandenen Roman ist dem Leser eher schwer zugänglich. Zwar gestaltet sich der Handlungsverlauf, wie oben skizziert, recht übersichtlich und hält sich die Anzahl der Personen für russische Romane in relativ engen Grenzen, doch sind symbolische und formale Ebenen derart dicht mit dem Handlungsstrang verbunden, daß der Roman "Petersburg" mit Sicherheit nicht zu den einfachen Werken des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gehört und nur schwer vollkommen zu entschlüsseln sein dürfte. Der 1880 geborene Andrej Belyj hatte seine literarische Laufbahn als symbolistischer Lyriker begonnen und mit seinen Gedichten, Abhandlungen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten höchste Anerkennung errungen. In "Petersburg" überträgt er den russischen Symbolismus auf ein episches Erzählwerk und greift formal über die bis damals geltenden Beschränkungen des Genres hinaus, indem er etwa den "Bewußtseinsstrom" als erzählerisches Element vorwegnimmt. "Hirnspiel" ist ein immer wiederkehrender und herausragender Begriff in diesem Buch, und nie wird endgültig geklärt, ob es sich bei dieser Geschichte nicht um ein "Hirnspiel" des ab und an auftauchenden personalen Erzählers handelt, ob nicht Petersburg selbst eine literarische Chimäre ist. Petersburg im Roman ist ein fast künstlich wirkender, geometrisch ausgerichteter Raum mit langen, geraden Prachtstraßen, ein Ebenbild westeuropäischer Metropolen und Symbol für westliche Zivilisation. Und doch wurde Petersburg auf Sumpfgelände errichtet, grünlich - gelbe Nebelschwaden durchziehen die Straßen und umwabern das Reiterdenkmal Peter des Großen, der sich - wie in Puschkins Gedicht "Der eherne Reiter" - in Dudkins Phantasie in Bewegung setzt. Doch das Chaos hat längst Einzug gehalten aus den Weiten der umliegenden Gouvernements, aus dem fernen Osten, in dem Port Arthur den Russen von den Chinesen entrungen wurde : auf den Inseln im Fluß Newa braut sich das Unruhepotential aus Armen, Revolutionären und Zuwanderern zusammen, um bald in Demonstrationsmärschen durch die Prospekte zu ziehen. Belyj hat seinen Roman in stark rhythmisierter, an antike Versmaße gemahnender Prosa verfasst, die zu übersetzen mit Sicherheit eine Meisterleistung erforderte. Und eben diese Prosa ist es, die den Leser frortwährend in den Bann zieht und zum Weiterlesen mitreißt, auch wenn die erschwerte Deutung einige Widerstände errichten mag. Weniges in diesem Buch ist ohne Bedeutung, seien es Lautfolgen in Namen, die Namen selbst - denn Ableuchow ist für Russen als aus dem asiatischen Bereich stammend erkennbar - oder Farben. Hilfreich für das Verständnis des Romans ist das kurze, jedoch informative Nachwort von Ilma Rakusa, dessen ich mich auch für diese Rezension bedient habe, um den Lesern neben einer Inhaltsangabe auch die literarische und formale Dimension dieses Buches vermitteln zu können. Belyj, der das Buch für die erste Übersetzung ins Deutsch übrigens stark gekürzt hatte, sodaß zuvor keine sich an die Urfassung haltenden Übersetzungen veröffentlicht waren, beherrscht allerdings auch den Spannungsaufbau meisterlich. Er reiht fragmentarische Episoden aneinander, führt sie später weiter und setzt ab und an - und an den richtigen Stellen - retardierende Elemente ein, etwa die Rückkehr der Ehefrau und Mutter, mit der ein versöhnliches Ende unvermittelt möglich erscheint. Zusammenfassend neige ich zu der Behauptung, das Lesen dieses Romans gestaltet sich wie ein Abenteuer in einem recht dichten Dschungel. Demjenigen, der zumindest das Vorhandensein breiterer Wege notwendig erscheint, sei die Lektüre abgeraten. Abenteuerlustigeren jedoch wird die - bisweilen bizarre - Landschaft dieses Werkes der frühen modernen Literatur eindrückliche, ästhetisch faszinierende Ansichten bescheren, die die Strapazen belohnen werden.

Jewgenij Samjatin : Wir

Der Autor : Jewgenij Iwanowitsch Samjatin wurde 1884 in Lebedjan, einer russischen Provinzstadt etwa 200 Kilometer südlich von Moskau, als Sohn eines russisch - orthodoxen Priesters und Lehrers geboren. Seine Mutter war gebildet und hatte Klavierspielen gelernt. Als Jugendlicher las er unter anderem Dostojewskij, Gogol, Turgenjew und Anatole France. Im Gymnasium entwickelte er bald ein Talent für das Schreiben und fiel durch exzellente Aufsätze auf. Die Schule beendete Samjatin 1902 mit Auszeichnung. Er immatrikulierte sich am St. Petersburger Polytechnikum für Schiffsbau. In den Ferien arbeitete er ab und an in Fabriken, meist jedoch heuerte er auf Schiffen an und gelangte so an die unterschiedlichsten Orte. Seine weiteste Fahrt führte ihn bis nach Alexandria. Schon bald schloß er sich den Bolschewiki an und vertrat auch aktiv deren revolutionäre Politik, was ihn mehrmals vor Gericht und in die Verbannung brachte. 1908 beendete er sein Studium und wurde Dozent des Polytechnikums. Schon 1906 hatte Samjatin nebenbei mit dem Schreiben begonnen, zwei Jahre darauf debütierte er mit der Erzählung "Ausbildung", die in einer Tageszeitung veröffentlicht wurde, ohne jedoch Beachtung zu finden. 1911 schrieb er - verbannt in ein kleines russisches Dorf bei St. Petersburg - die satirische Erzählung "Vom Leben in der Provinz", die ihm die ersten literarischen Erfolge brachte. Schon die nächste größere Erzählung "Am Ende der Welt" brachte ihn erneut vor Gericht, da er die russische Armee verunglimpft haben sollte. Im Jahre 1916 wurde er nach England entsandt, um den Bau von Eisbrechern für Rußland zu überwachen. Hier enstand unter anderem die satirische Erzählung "Die Insulaner". Die Februarrevolution 1917 veranlasste ihn, baldmöglichst in seine Heimat zurückzukehren. An der folgenden und für die Bolschewiki erfolgreichen Oktoberrevolution beteiligte er sich aktiv. Danach fand er seinen beruflichen Schwerpunkt in kulturellen und literarischen Leben der jungen Sowjetunion. Er gab verschiedene Literaturzeitschriften heraus, unterrichtete Literatur, war als Kritiker, Übersetzer und Herausgeber - so der Werke von Jack London, O Henry und vor allem H.G. Wells. In dieser Zeit freundete er sich mit Maxim Gorki an. Auch wurde er zum Kulturfunktionär und gelangte so in den Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Zudem entwickelte er mit anderen eine Literaturtheorie (Neorealismus), die sowohl dem Realismus - auch dem sozialistischen - eine Absage erteilte und stattdessen eine mikroskopische und mit Zeitraffereffekten versehene Betrachtungsweise propagierte, als auch jeder Funktionalisierung der Literatur für revolutionäre Ziele. Der Künstler sei immer ein Außenseiter und Ketzer, der mit Traditionen zu brechen habe, um Neues und Revolutionäres zu erreichen. Hierin bahnen sich auch bald die Schwierigkeiten mit dem sowjetischen, leninistischen System an, dem er Unterdrückung der Meinungs - und Kunstfreiheit vorwirft. Nach einigen Erzählungen wie "Die Höhle" oder "Der Norden", beide im Jahr 1920 entstanden, schreibt er seinen ersten und einzigen (vollendeten) Roman "Wir". Die Bezugspunkte des Werkes finden sich einerseits in den sozialkritischen, aber technikbegeisterten Romanen H.G. Wells, andererseits in einer massiven Kritik an der "Proletkult" - Literatur, vor allem vertreten durch den Schriftsteller Alexander Bogdanow, die Technik, Industrie und gleichgeschaltete Kollektive verherrlichten. Auch wenn "Wir" nicht als Kritik an spezifisch sowjetischen Zuständen gedacht war, obwohl dies von der sowjetischen Kritik bis zum Zerfall der Sowjetunion immer behauptet worden war, sondern an den Gefahren durch übernationale Technisierung und Industrialisierung, die Entfremdung und technologische Kollektivierung und daraus enstehende Entwicklungen eines Totalitarismus, war es unvermeidlich, daß das Buch der Zensur zum Opfer fiel und bis zum Ende der Sowjetunion dort nicht erscheinen durfte. Allerdings fiel Samjatin nicht vollkommen in Ungnade. Mehr und mehr wandte er sich in den folgenden Jahren der Dramatik zu und verfasste Theaterstücke, die auch weiterhin gespielt wurden / werden durften. Auch Erzählungen erschienen weiterhin, die zunächst immer experimenteller wurden, später eine Konzentration auf eher einfache Erzählstrukturen aufwiesen. 1924 erschienen die ersten Übersetzungen des Romans "Wir" in englischer und französischer Sprache (zu den literarischen "Folgen" später mehr), 1927 in tschechischer Sprache und im selben Jahr in einer Prager Emigrantenzeitung eine Kurzfassung in russischer Sprache. Obwohl versucht wurde, diese russische Veröffentlichung als eine Übersetzung der tschechischen Ausgabe zu tarnen, hatte die Publikation massive Auswirkungen auf Samjatin : die sowjetische Presse führte Kampagnen gegen ihn, man warf ihm "Pessimismus", "feindliche Einstellung gegenüber der Revolution" und "Antisowjetismus" vor. Weitere Veröffentlichungen waren unmöglich. Samjatin legte seine Ämter nieder, trat aus dem sowjetischen Schriftstellerverband aus. 1931 bat er Stalin, die Sowjetunion verlassen zu dürfen, was dieser - vermutlich wegen der Fürsprache Gorkis - genehmigte. Samjatin ging mit seiner Frau nach Paris ins Exil. Hier lebten sie einige Jahre in Armut, während Samjatin an einem - unvollendet gebliebenen - Roman arbeitete. 1937 starb Jewgenij Samjatin an einem Herzinfarkt in Paris.

Das Buch : Der Roman ist in einer Zeit von beinahe tausend Jahren nach seiner Entstehung angesiedelt. Nach einem mehr als zweihundert Jahre währenden Krieg hat sich der "Einzige Staat" hinter einer "Grünen Mauer" etabliert, die ihn von der chaotischen, feindlichen Umwelt abschottet. Er funktioniert nach rein wissenschaftlichen und vor allem mathematischen Prinzipien und beschneidet die Freiheit der Bürger vollkommen, um deren Glück mittels völliger Gleichschaltung herbeizuführen. Man steht kurz vor der Fertigstellung und Erprobung des Raumschiffs "Integral", das die Errungenschaften des "Einzigen Staates", der durch den Wohltäter regiert und ein engmaschiges Überwachungsnetz kontrolliert wird, auf anderen Planeten verbreiten soll. Dazu sind die Bürger aufgerufen, die Vorteile mithilfe von Briefen, Aufzeichnungen und Aufrufen zu schildern. So beginnt der Protagonist, der Mathematiker und Chefingenieur des Raumschiffes, D-503 ebenfalls mit einem Tagebuch. Jedoch entwickeln sich seine Schilderungen bald vollkommen anders. Zunächst scheint er vollkommen zufrieden mit den Gegebenheiten : alle arbeiten, gehen spazieren, leben in kollektivem Gleichschritt, es gibt ausschließlich gläserne Wohnungen, Vorhänge dürfen nur verwendet werden, wenn einem aufgrund der Berechnung des Hormonhaushaltes ein(e) Partner(in) zugewiesen wurde, man hat sich regelmäßigen Schulungen zu unterziehen etc. Doch dann trifft er auf I-330 und verliebt sich in sie. D-503 wird immer ambivalenter in seiner Haltung zu seinem Staat, er entwickelt nach und nach eine Seele, eine eigene Persönlichkeit. Und doch scheinen ihm der "Einzige Staat", der Wohltäter ein notwendiges Maß an Sicherheit und Geborgenheit zu gewährleisten. Erst nach und nach erfährt er, daß I-330 einer revolutionären Gruppe angehört, die Kontakt zur Außenwelt und zu dort lebenden Menschen hat, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen zur Freiheit und zur Selbstbestimmung zu verhelfen. Mehr und mehr, wenngleich widerstrebend, verwickelt sich der Ingenieur in die heimlichen Vorbereitungen auf den Umsturz, und muß feststellen, daß das von ihm konstruierte Raumschiff dabei ein Schlüsselstellung einnimmt. Hinundhergerissen zwischen Panik, seiner Liebe zu der Revolutionärin und seinem Verlangen nach Sicherheit, erklärt er sich bereit, I-330 zu unterstützen. Doch das Vorhaben wird verraten....


Wirkungsgeschichte : Vor allem die Übersetzung ins Englische (1924) traf in Europa auf bereitwillige Leser und inspirierte im Laufe der Zeit mehrere Autoren, ähnliche, jedoch ebenso eigenständige Anti - Utopien zu entwerfen. 1932 erschien Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt". Hier hat sich ein "Weltstaat" konstituiert, der nach den Prinzipien des Fordismus funktioniert. Das Glück der Menschen ist erreicht (im Gegensatz zu "Wir", wo man noch am Errreichen des allgemeinen Glückes arbeitet). Die Fortpflanzung ist mittels Reproduktionstechnik mechanisiert, die Menschen gehören fünf verschiedenen Klassen an, die seit der Zeugung auf ihre jeweils künftige Rolle vorbereitet werden und dementsprechend zufrieden sind. Nur Bernard, eine der Hauptfiguren, spürt ein wachsendes Unbehagen. In einem Reseervat für "Wilde" trifft er auf John, den er in "Weltstaat" mitnimmt. Der lernt die ihm dort gebotenen Freiheiten (freie Liebe, Drogen, Konsum) zu schätzen, muß aber bald feststellen, daß die wahren Freiheiten (der Meinungsäußerung, der Selbstverwirklichungen) nicht vorhanden sind. Huxley entwickelt seine Kritik an beiden ideologischen Strömungen der Zeit : am Kapitalismus genauso wie an sozialistischen Ideen.

1937 entstand der Roman "Hymne" ("Anthem") von Ayn Rand. Er ist eine Abrechnung mit den kommunistischen bzw. sozialistischen Denkansätzen und dem daraus resultierenden Wirtschaftssystem. Wie bei Samjatin (Rand stammt im übrigen ebenfalls aus Rußland bzw., der Sowjetunion), tragen die Personen zumeist Zahlen in ihren Namen. Equality 7-2521 beschreibt in einem Tunnel verborgen über seinen Lebensweg. Gewöhnt an kollektives Denken benutzt er unablässig das Wort "Wir", das Wort "Ich" ist ihm wie allen anderen unbekannt. Als er Liberty 5-3000 trifft, verliebt er sich in sie. Er ist eigentlich als Straßenkehrer verpflichtet, aber seine Verliebtheit treibt ihn dazu, naturwissenschaftlioche Forschungen anzustellen. So entdeckt er noch einmal die Elektrizität, erfindet die Glühbirne ein weiteres Mal, Wissen, das der Gesellschaft anhanden gekommen war. Bevor er aber sein Wissen in den Dienst der Gesellschaft stellen kann, wird er verhaftet, weil er der ihm bestimmten Tätigkeit und Behausung ferngeblieben war. Als er fliehen kann, präsentiert er seine Erfindung dem Wissenschaftsrat, der aber nichts davon wissen will, da für diese Arbeit keine Genehmigung vorlag. Equality 7-2521 flieht mit seiner Erfindung in ein abgelegenes Haus im Wald, trifft auf Liberty 5-3000, und beide entdecken in den dort vorhandenen Büchern das Wort "Ich", ihre Individualität und daraus resultierend ihre Gefühle füreinander. Ayn Rand hat mit diesem Roman ein heftiges Plädoyer für eine kapitalistische, auf den (materiellen) Bedürfnissen des Individuums basierende Gesellschaft geschrieben.

1948 schrieb George Orwell seinen Roman "1984", der Mitte 1949 publiziert wurde. In diesem Buch sind die Parallelen zu Samjatins "Wir" etwas deutlicher : Ozeanien ist ein repressiver Überwachungsstaat, der vom "Großen Bruder" geführt wird. Winston Smith kann sich mit den herrschenden Zuständen nur schwer abfinden. Als er auf Julia trifft, weiß er zunächst nicht, ob er ihr vertrauen kann. Doch sie gesteht ihm ihre Liebe. Wegen der ständigen Überwachung sind Zusammenkünfte schwierig, und nur ein Parteifreund, der durch leicht abweichendes Verhalten auffällt, scheint ihnen die nötigen Freiräume bieten zu können. Er vermag es auch, aus Winston revolutionäre Bekenntnisse hervorzulocken, und verrät schließlich beide. Beide werden rigidesten Umerziehungsmaßnahmen unterworfen und schließlich gebrochen. Orwells Roman wendet sich eindeutig und heftig gegen den Stalinismus (aber auch die Bezüge zum kurz vorher besiegten Faschismus sind unübersehbar). "1984" ist von allen vier Büchern wohl das düsterste und am auswegloseste Buch.

Bewertung : Man möchte anraten, dieses Buch entweder als erstes von allen genannten zu lesen oder - sofern man "Schöne Neue Welt" und "1984" schon kennt - doch eine etwas längere Zeit verstreichen zu lassen, bis man "Wir" zu lesen beginnt. Denn sonst drängen sich die Ähnlichkeiten unvermeidlich ins Bewußtsein und verhindern, daß man Wert und Eigentümlichkeiten des hier vorgestellten Buches würdigen kann. D-503 ist in seiner Ambivalenz, in seinem Zögern und seiner Sehnsucht nach Sicherheit zutiefst menschlich. Und so ist er auch kein Held, beinahe ein Anti - Held. Das Buch - durch die Form der Tagebuchaufzeichnung - ist konsequent aus der Ich - Perspektive geschrieben, auch I-330 bleibt in ihren Gefühlen zu D-503 nur skizziert, sodaß man im Zweifel ist, ob ihre Zuneigung zum Konstrukteur des Raumschiffes nur Mittel zum Zweck oder echt ist. Aber sie ist - neben der Beschreibung der Realität des "Einzigen Staates" das politische Element. Sie sagt deutlich, daß es kein Ende der Revolutionen geben kann, wie "ideal" auch die Errungenschaften der letzten genannt worden seien. Samjatin hat eindrucksvoll und sprachlich brilliant eine Gesellschaft beschrieben, deren Gesetze nach dem Vorbild des Eisenbahnfahrplans verfasst wurden, deren Massen sich wie Industriemaschinen bewegen und bis in die Freizeit kollektiviert wurden. Immer wieder ist die Satire erkennbar, genauso gut aber der Mensch mit seinen widersprüchlichen Bedürfnissen von Individualität, Seele (der unheilbaren Krankheit), Phantasie, die solch ein Staat zuletzt operativ zu entfernen versucht auf der einen, von Anpassung, Sicherheit undAufgehen in der Masse auf der anderen Seite. Samjatin läßt den Türspalt (nur) ein wenig offen, denn mag es seinen Protagonisten an Leben oder Seele gehen, so sind der Rebellen viele, und seine Forderung nach Menschlichkeit, danach menschlich zu bleiben, ist aktuell wie seit jeher. Ich denke, das Buch ist und bleibt interessant und bietet sprachlich und stilistisch einige angenehme Lesestunden.

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Die Kapitel und Fußnoten :

Juri Rytchëu verstorben
Im Alter von 78 Jahren ist in St. Petersburg der russische...
tinius - 14. Mai, 20:45
Das hört sich sehr...
Das hört sich sehr überzeugend an - ist gekauft. Hoffentlich...
Gunnar (anonym) - 13. Mai, 04:38
Nuala O'Faolain verstorben
Im Alter von 68 Jahren ist die Journalistin, Schriftstellerin...
tinius - 12. Mai, 22:40
Generell wäre dies...
Generell wäre dies der Sinn meines Weblogs : die...
tinius - 9. Mai, 08:38
Ich sehe gerade: du liest...
Ich sehe gerade: du liest die Traumfresser.Schreibst...
meliterature - 9. Mai, 07:47
Autorenalphabet : P
Palmen, Connie Luzifer Parks, Tim Alle lieben...
tinius - 9. Mai, 05:26
Connie Palmen : Luzifer
Im Sommer 1981 reisen der niederländische Komponist...
tinius - 9. Mai, 05:24
Paul Verhaeghen erhält...
Einen ungewöhnlichen Erfolg hatte der belgische...
tinius - 9. Mai, 03:13
Luigi Malerba verstorben
Mit Luigi Malerba (eigentlich : Luigi Bonardi) ist...
tinius - 9. Mai, 02:55
Marcel Reich - Ranicki...
Am 9. Mai wird Marcel Reich - Ranicki den mit insgesamt...
tinius - 5. Mai, 23:24

Randnotizen anderswo :

Ich habe einen Wecker,...
Ich habe einen Wecker, dessen Ton an eine Sirene erinnert....
Jekylla - 16. Mai, 11:14
Es gibt doch kostenlose...
Es gibt doch kostenlose Counter, die man hier mühelos...
CiliaSommer - 15. Mai, 23:55
Es war in der Tat entweder...
Es war in der Tat entweder erbärmlich oder haarsträubend....
elsalaska - 14. Mai, 00:01
Tief in den Zeiten der...
Tief in den Zeiten der Unwissenheit verwurzelt bevorzuge...
jequetepeque - 13. Mai, 19:20
Das war einst eine meiner...
Das war einst eine meiner ersten modernen deutschen...
kursiv - 12. Mai, 10:13
Ja, das wäre logisch....
Ja, das wäre logisch. Allerdings sind unterschiedliche...
help - 12. Mai, 01:11
Ich vermute, es werden...
Ich vermute, es werden nur die drei aktuellsten Feeds...
help - 12. Mai, 00:28
Der Feed von beyars.com...
Der Feed von beyars.com (Kunstlexikon)funktioniert ...
help - 11. Mai, 13:39

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Zuletzt aktualisiert: 15. Mai, 18:22

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