Oesterreich

Marlen Haushofer : Die Tapetentür

Annette, knapp dreißig, hat eine kurze Ehe, die durch den Tod des Mannes im 2. Weltkrieg beendet wurde, und mehrere belanglose Beziehungen hinter sich. Als sie den Anwalt Gregor Xanther kennenlernt, verliebt sie sich in ihn. Denn er scheint ihr die Erwiderung ihrer Gefühle und Geborgenheit zu vermitteln, nach der sie lange gesucht hat. Die beiden heiraten, als Annette ein Kind erwartet, und auf Drängen ihres Mannes gibt sie nach langem Zögern ihren Beruf als Bibliothekarin auf, zumal die Schwangerschaft, verbunden mit körperlichen Beschwerden, recht beschwerlich verläuft. Gregor bleibt des öfteren am Abend der gemeinsamen Wohnung fern, während sie schlaflos und von Schmerzen geplagt auf ihn wartet. Ihr ist bald klar, daß Gregor sein Vergnügen bei anderen Frauen sucht und sie betrügt. Allerdings läßt sie ihn gewähren, ohne ihn zur Rede zu stellen. Als das Kind jedoch tot geboren wird, kommt es zur Trennung. Das Buch ist in einer Abfolge von Erzählung und Tagebucheintragungen geschrieben, auch die erzählenden Teile strikt aus der Perspektive der jungen Frau.

Es war zunächst eine etwas spröde Lektüre, denn dieser - auch aus autobiographischen Motiven gespeiste - Roman ist zutiefst pessimistisch. Die klaglose Anpassung an die Rolle der Hausfrau und Mutter, die in den fünfziger und sechziger Jahren den Frauen abverlangt wurde, die Unterdrückung jeder kritischen Lebensäußerung und die Verstellung Annettes, die in ihren Tagebucheinträgen durchaus erkennt, daß sie den falschen Mann geheiratet hat und ihre Suche nach Geborgenheit ergebnislos verlief, reizen zum Widerspruch. Dennoch lohnt die Lektüre und die Beschäftigung mit dem Werk Marlen Haushofers, da die Radikalität ihrer Darstellung alltäglicher Gegebenheiten und ihre daraus gezogenen Schlußfolgerungen haften bleiben und zum Nachdenken anregen. Zudem finde ich Sprache und Stil, wenn auch dem Primat des Inhaltes untergeordnet, angemessen, lesbar und interessant.

Kathrin Röggla : really ground zero

Kathrin Röggla hält sich als Stipendiatin des Deutschen Literaturfond in New York auf, als die beiden Gebäude des World Trade Centers kurz nacheinander durch Passagierflugzeuge getroffen und letztendlich zerstört werden. Ihr Appartment liegt nicht mehr als einen Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt. Nur wenige Stunden später beginnt sie, ihre Eindrücke und Beobachtungen niederzuschreiben, Fotos zu machen und mit einem Rekorder Töne und Äußerungen einzufangen, nicht zuletzt, um das kaum oder gar nicht fassbare Geschehen irgendwie zu verarbeiten. Entstanden sind 22 kurze Prosastücke und einige in den Text eingefügte Fotographien, die die von ihr erlebten Ereignisse, Äußerungen von Politikern, die Stimmung auf den Straßen und in den Räumen New Yorks nahezu dokumentarisch, meist realistisch wiedergeben. Die Texte erschienen teilweise vorab in der Tageszeitung TAZ, sind in diesem Buch gesammelt und veröffentlicht, einige Zeit später mit den von ihr aufgenommenen Originaltönen zu einem Hörspiel gestaltet worden. Sie reichen von nur kurzer Zeit nach dem Anschlag bis zu den ersten Kriegshandlungen in Afghanistan. Kathrin Röggla bildet die anfängliche kollektive Panik und Hysterie ebenso ab wie das sehr schnelle Umschwenken der Regierungspolitiker zu militärischen Vorhaben und Jargon. Sie konstatiert eine zunehmende Vermischung politischer und religiöser Denk - und Sprachweisen. Ihr entgeht nicht, daß im Laufe der Zeit in New York selbst die Stimmung leicht anders ist als im Rest der Vereinigten Staaten. Die Stimmungen sind zunehmend diffus, die anfängliche Panik hat sich in die eher privaten Bereiche zurückgezogen. Während die USA eher eine - martialische - Geschlossenheit nach außen zeigen, findet sich in New York eher eine Verbundenheit miteinander und das Bemühen, so schwer es auch fallen mag, den Alltag wieder zu gestalten und zu meistern. Die Autorin bemüht sich, aus ihren Beobachtungen Rückschlüsse auf das gesamte Land zu ziehen, das fehlende Bewußtsein, die Rolle der kritischen, eher oppositionellen Intellektuellen....

Zuerst sei ein möglicher Leser darauf hingewiesen, daß sich in diesem Buch seitenweise Statements und Äußerungen amerikanischer Politiker und anderer Personen in englischer Sprache finden, die die Autorin unmittelbar aus ihren Tonaufzeichnungen und Mitschnitten amerikanischer Fernsehsendungen in ihre reportagenhafte Texte übernommen hat, ohne sie zu übersetzen. Dies fördert natürlich die von ihr angestrebte Authentizität, kann aber manchem das Lesen erschweren. Entstanden sind 22 zumeist intensive, realistische Prosaminiaturen, Beobachtungen, die einen Einblick in die Wirkungen einer einschneidenden Katastrophe ermöglichen, ohne jedoch ein einziges Mal die Grenze des Voyeurismus zu berühren oder gar zu überschreiten. Einiges scheint - durch die Entstehung im Jahre 2001 und die militärischen Aktionen im Irak - nicht mehr ganz aktuell, sehr vieles aber ist aufschlußreich und entwirft ein realistisches Bild einer Stadt und eines Landes im Ausnahmezustand. Manches Mal aber liegt der Verdacht nahe, daß Kathrin Röggla ein vorgefasstes Bild Amerikas, seiner Menschen und seiner Politik hat, zu stereotyp scheint sie gängige Klischees und Vorurteile zu spiegeln, doch bleibt immer wieder ein Zweifel, ein Reflektieren des eigenen Erlebens und ihres Schreibens ihre Begleiterin, sodaß die Texte nicht in Polemik abgleiten. Und oft genug erkennt man ihre eigene Unsicherheit in dieser Ausnahmesituation, hin und wieder ein ehrliches Erstaunen. Wer sich mit dem Thema des 11. September auseinandersetzen möchte - und aktuell wird es für einige Zeit bleiben - ist mit diesem Buch gut beraten. Zudem sind die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin auch in diesem Band ein weiteres Highlight, auch wenn das naturgemäß mehr im Hintergrund steht als in ihrem Roman "wir schlafen nicht".

Robert Schneider : Kristus

Der Roman "Kristus" erzählt das Leben von Jan Beukels, auch Jan van Leyden oder Johann Bockel genannt, und die Entwicklung der Wiedertäufer zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Jan wird 1509 als Sohn eines Leydener Rechtsanwaltes und einer aus dem Niederdeutschen geflüchteten Magd geboren. Die Handlung beginnt mit seinem siebten Lebensjahr. Er hat eine innige Beziehung zu seiner Mutter, ist aber in der Schule eher ein Außenseiter. Als er bei einer Prozession auf den Mönch Gerrit stößt, der den auf einem Esel reitenden Jesus verkörpert, hat er sein Lebensziel gefunden : Er möchte Kristus werden. Fortan sucht er - zunächst erfolglos - den Kontakt zu Gerrit, kann aber dessen Widerstand überwinden und wird zu dessen Freund und Schüler. Ihre Gespräche verschaffen dem Jungen Wissen und religiöse Einsichten, sodaß er bald in der Schule von einem eher schlechten zu einem sehr guten Schüler wird. Dennoch will der Vater ihn nicht studieren lassen, sondern schickt ihn in eine Schneiderlehre, zu der er sich wenig eignet. Auch die Avancen der Tochter des Schneiders sind angesichts seiner religiösen Ideale erfolglos. Als er in einem Engländer einen Freund gefunden zu haben glaubt, bricht er die Lehre ab, fordert sein Erbteil und bricht mit ihm nach London auf. Der vermeintliche Freund jedoch gaunert ihm das Geld ab, sodaß er mittellos in der fremden Stadt umherirrt. Mit einer Tagelöhnerarbeit fristet er sein Leben, kommt ins Gefängnis und kehrt schließlich in die Niederlande zurück. Hier wird er von einer Gastwirtin gesundgepflegt, heiratet sie und wird von einem arabischstämmigen Portugiesen als Stoffverkäufer in Portugal angeworben. Doch auch diese Tätigkeit dauert nicht allzu lang. Zurück in Holland schließt er sich den "Wiedertäufern" an, einer reformatorischen Sekte, die in Bälde das Ende der Welt erwartet und in Münster ein neues Jerusalem errichten will, dessen Einwohner von der Strafe Gottes verschont bleiben würden. Der Prophet und Wanderprediger Mathys zieht ihn und viele andere in den Bann, und Jan verkündet auf Wanderschaft den neuen Glauben. In Münster haben sich inzwischen die "Wiedertäufer" gesammelt und geraten immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Alteingesessenen und der Obrigkeit. Schließlich eskaliert die Gewalt, die Kirchen werden gestürmt und die Einwohner anderen Glaubens vertrieben oder unterdrückt. Nun beginnt der Bischof Franz von Waldeck mit Unterstützung anderer Herrscher gegen Münster vorzugehen, allerdings bleiben seine Bemühungen recht erfolglos. Als der vorhergesagte Weltuntergang ausbleibt, unternimmt der Prediger Mathys einen Ausfall und kommt dabei ums Leben. Jans Rhetorik und Ausstrahlung gelingen es, die Auflösungstendenzen unter den "Wiedertäufern" zu beenden. Mehr und mehr wird er selbst zum Propheten und macht sich selbst zum König. Derweil belagern die Landsknechte des Bischofs und seiner Verbündeten die Stadt, sodaß die Nahrungsmittel immer knapper werden. Das Regime in Münster jedoch wird immer restriktiver und blutiger. Die Vielehe (für Männer) wird eingeführt, um die unzufriedenen Frauen im Griff zu behalten, das Eigentum und die Lebensmittel werden vergesellschaftet, auf Unmutsbezeigungen folgt nicht selten die Todesstrafe. Und Jan tötet auch selbst..... Wie die Utopie der "Wiedertäufer im Jahre 1535 endete, kann man den Geschichtsbüchern und diesem Roman entnehmen.

Das Buch läßt mich sehr zwiespältig zurück. Schneiders leicht historisierende Sprache, der erzählerische Rhythmus sind beeindruckend und ein wahrer Lesegenuß, den man am Ende des Romans nur ungern wieder aufgeben möchte. Allerdings bringen es die Sprachwahl und die geschichtliche Einbettung mit sich, daß man sich ein zumindest kleines Glossar wünscht, denn Begriffe wie "Letterer" oder "Schaube" sind in unserer Zeit wohl kaum noch geläufig und erklären sich im Buch entweder garnicht oder sehr viel später von selbst. Ein weiteres Plus dieses Romans, für das der Autor bestenfalls durch seine Auswahl des Themas verantwortlich ist, stellen die dichtgedrängten und zum Teil spannenenden historischen Abläufe dar, die zusammen über weite Strecken das Buch tragen und den Leser an der Lektüre halten. Und doch hat mich der Roman unbefriedigt zurückgelassen. In einem Vorspruch zu diesem Buch erklärt Schneider sein Unterfangen, das Scheitern durchaus idealistischer Ideologien und Utopien an der Wirklichkeit aufzeigen zu wollen. Und so entsteht der - meiner Meinung nach nicht unberechtigte - Eindruck, daß der Autor historische Ereignisse, deren zeitliche Kompression ein solches Vorgehen erst ermöglicht, als Folie und Beispiel für Ereignisse der jüngeren Vergangenheit hernimmt. Dies an sich wäre kein Problem - viele historische Romane funktionierem nach diesem immer etwas fragwürdigen Muster - würde er Biographie und die Beschreibung der Gedankengänge des Jan Beukels nicht spätestens dann aufgeben, wenn der Protagonist eine führende Rolle in Münster übernommen hat. Auch die Nebenfiguren wie Gerrit oder Jans stummer Bruder Johann bleiben zumeist recht blass. Gerrit, der den Freund auch nach Münster begleitete und bis zum Fall der Stadt bei Jan van Leyden geblieben ist, wird je nach Bedarf als moralischer Spiegel benutzt und verschwindet ansonsten in der Versenkung. Gelungen sind dagegen die Figuren des Bernt Knipperdolling, des geltungssüchtigen und immer grausamer werdenden Statthalters und Scharfrichters, und die des Gegners des Fürsten und Bischofs Franz von Waldeck, des eher glücklosen und zunächst desinteressierten Gegners der "Wiedertäufer". So prägen dann die Vorgänge in der Stadt und die Belagerungsmaßnahmen die zweite Hälfte des Romans. Dies ist immer noch leidlich spannend und interessant, doch bleibt bis zum Schluß im Dunkeln, weshalb sich Jan von einem Schneiderlehrling zu einem religösen Eiferer und darüber hinaus zu einem gewalttätigen Despoten hat entwickeln können, und mehr noch : weshalb ihm die Menschen zumeist willig folgten. Mit Sicherheit ist das Buch besser als einiges Andere, das sich im Genre des historischen Romans tummelt, und zum Schmökern recht gut geeignet, aber eine literarische Meisterleistung mitnichten.

Robert Schneider : Schlafes Bruder

1802 wird in dem Vorarlberger Bergdorf Eschbach Johannes Elias Alder, der Protagonist des Romans geboren. Vieles deutet darauf hin, daß nicht Seff Alder, sondern der Kurat Benzer der Vater des Kindes ist. Dies ist nichts ungewöhnliches in dem kleinen Ort, dessen Einwohner vor allem Mitglieder nur zweier Familien sind, innerhalb derer es ebenso inzestuöse Verbandelungen wie heftige Feindschaften gibt. Aberglaube, Rückständigkeit und Eigennutz sind weitverbreitete Eigenschaften im Dorf. Ungewöhnlich allerdings ist Elias, der schon im Taufgottesdienst eine Neigung zur Musik erkennen läßt. Als er mit fünf Jahren sowohl innerhalb einer Nacht die Pubertät durchlebt als auch das absolute Gehör entwickelt, wird er endgültig zum Außenseiter. Eine tiefe Stimme, starke männliche Behaarung und gelb schimmernde Augen lassen es der Mutter notwendig erscheinen, das Kind im Haus zu verbergen. Wenn er am Fenster steht, wird er von anderen Kindern angegafft und verspottet, nur sein Cousin Peter beteiligt sich nicht daran und sucht seinen Kontakt. Niemand im Dorf erkennt Elias' musikalisches Talent, und keiner fördert ihn, sodaß er nicht einmal lernt, Noten zu lesen. Nachdem er sich wieder frei im Ort bewegen darf, freundet er sich mit Peter an. Doch der ist herrisch und sadistisch. Er ist es auch, der aus Rache an seinem Vater einen verheerenden Brand auslöst, bei dem die Hälfte der Häuser des Ortes zerstört wird. Elias rettet Peters Schwester Elsbeth und verliebt sich in das Mädchen. Schon in der Nacht seiner Verwandlung hatte er den Herzschlag seiner damals noch ungeborenen großen Liebe gespürt. Elias darf mittlerweile die Blasebälge der Orgel während der Gottesdienste bedienen und schleicht nachts in die Kirche, um heimlich das Orgelspiel zu erlernen und autodidaktisch eigene Kompositionen zu entwickeln. Als der Organist eines Tages ausfällt, kann er sein immenses Talent unter Beweis stellen und beeindruckt die ganze Gemeinde. Auch der Kontakt zu Elsbeth gestaltet sich angenehm und positiv, und bald meint er, daß seine Liebe, die er allerdings niemals ihr gegenüber äußert, erwidert werden könnte. Doch Elsbeth fügt sich den Anweisungen ihres Bruders und heiratet den Bauern Lukas. Elias verzweifelt darüber. Doch eine positive Wendung scheint sich abzuzeichnen, als sein musikalisches Genie von einem Musiker aus der Stadt erkannt wird, der ihn zu einem Orgelspielwettbewerb einlädt. Und auch hier triumphiert Elias....

"Schlafes Bruder", der Titel des Romans leitet sich aus dem Choral "Komm, O Tod, Du Schlafes Bruder" aus der "Kreuzstab - Kantate" von Johann Sebastian Bach her, dem Werk, mit dem Elias zum Sieger des musikalischen Wettbewerbs wird. Und so weisen der Titel und schon das Vorwort eindeutig auf das unvermeidliche Ende des Romans hin. Der Autor bedient sich im wesentlichen einer auktorialen, allerdings manchmal postmodern gebrochenen Erzählhaltung und einer Sprache, wie sie in den Romanen des neunzehnten Jahrhunderts häufig zu finden sind. Gerade in der Sprache hat der Leser mit ungewohnten, altertümlichen Wörtern zu kämpfen, die sich meist aus dem Sinnzusammenhang klären. Aber auch inhaltlich zeigen sich Brüche : zumeist realistisch erzählt, finden sich ab und an surrealistische oder phantastische Momente, der wichtigste ist dabei wohl das frühzeitige Pubertieren des Kindes, jedoch nicht der einzige. Dennoch liest sich das Buch angenehm und beinahe flüssig, versteht es der Autor, Interesse und Mitgefühl an und mit seinen Figuren entstehen zu lassen. Ein wenig scheint das Genialische - dabei aber durchaus dem Denken des neunzehnten Jahrhunderts folgend - überbetont und in dem strengen Gegensatz zum Hinterwäldlertum der übrigen Dorfgemeinschaft überzeichnet. Und ebenso mag es dem Leser mit Elias' Liebe und deren Konsequenzen gehen, wiewohl diese durch die ketzerischen Reden eines Wanderpredigers geschickt motiviert sind. Verkündete dieser doch, daß jemand, der schlafe, nicht liebe. Das Zusammenspiel von Inhalt, Stil und Sprache jedoch hat für mich dieses Buch zu einer interessanten, genußvollen Lektüre gemacht.

Margit Schreiner : Buch der Enttäuschungen

Die namenlos bleibende Erzählerin, gerade verstorben, blickt auf ihr Leben und die damit immer wieder verbundenen Enttäuschungen und Desillusionierungen zurück. Vom Trauma der Geburt, das mit dem unvermeidlichen Klaps endet, um die Atemfunktion in Gang zu setzen, und das doch mit dem unstillbaren Drang, zu leben, verbunden ist, führt die Erzählerin direkt in die Erfahrungen des Babys, das sich nicht anders als schreiend verständlich machen kann und eben deshalb mißverstanden wird, in das Krabbelalter, das Forschungs - und Eroberungsdrang mit den rigiden Grenzziehungen und Erziehungsmaßnahmen der Eltern konfrontiert. Als Schulkind erlebt die Erzählerin die Freude am Aufsatzschreiben und schafft es nicht selten, die Lehrerin zu amüsieren und zum Vorlesen der Arbeit zu motivieren. Jedoch genügen ihre Aufsätze nicht einer geforderten Ernsthaftigkeit, ihr schulinterne Auszeichnungen meist verwehrt bleiben. Eine Scharlacherkrankung schafft erstmals so etwas wie familiäre Nähe, doch dies um einen hohen Preis : alle Dinge, die sie während der Krankheit berührt hatte und nicht durch Waschen mit hohen Temperaturen zu desinfizieren waren, müssen weggeworfen werden, um eine Ansteckung anderer auszuschließen. Und unvermeidlich ist darunter die Lieblingspuppe der Protagonistin, denn die hatte in der Zeit der Krankheit als Beschäftigung und Trost zugleich dienen müssen. Noch nachhaltiger greift ein Schulausflug in das Leben der Erzählerin ein : Beinahe unvorbereitet - zumindest in der Erinnerung der Erzählerin - fährt die Klasse in das Konzentrationslager Mauthausen. Unbelastet kaufen sich einige Eis an einem Kiosk außerhalb des Geländes, wollen Baracken und Gegebenheiten frei erkunden, doch bald rufen die Lehrer und die Bilder des Vernichtungslagers die Besucher zur Räson. Ein verdunkelnder Schleier legt sich über das Gemüt des Mädchens, der sich erst in der Studienzeit wieder zu heben beginnt. Andere Dinge werden zunewhmend wichtig : Partnersuche, das eigene Auftreten und Erscheinungsbild und die Positionierung im Berufsleben der Leistungsgesellschaft. Mehr und mehr aber werden Zweifel laut an der eigenen Authentizität ebenso wie an den Wertmaßstäben der Umgebung. Das eigene Kind macht das Leben noch um vieles komplizierter. Denn mit zunehmendem Alter gerät das Verhältnis von Ehrlichkeit und Täuschung mehr und mehr aus dem Gleichgewicht. Die ersten körperlichen Einschränkungen müssen ebenso kaschiert werden wie das nachlassende Interesse an der Außenwelt und der direkten Umgebung, um der Fürsorge und später der Pflege im Heim zu entgehen. Und auch vor ihrer stärker werdenden Verbitterung will sie ihr Kind schützen. Doch ein Schlaganfall macht die Erzählerin zum Pflegefall, der von ambulanten Diensten betreut werden muß. Mit achtundsiebzig Jahren stirbt die Erzählerin an einem weiteren Schlaganfall. Und nun ist es Zeit für sie, eine Bilanz zu ziehen, denn nach ihrem Tod muß sie weder Rücksicht walten lassen noch Erwartungen gerecht werden... .

Das Leitmotiv des Romans findet sich in einer Abwandlung eines Zitates aus Samuel Becketts "Warten auf Godot" : "Sie gebären rittlings über dem Grab". Dementsprechend vernichtend scheint die Lebensbilanz dieser mit achtundsiebzig Jahren verstorbenen Frau auszufallen. Von der Geburt an werde alles nur schlechter, resümiert sie. Gab es in den Kinderjahren noch Freiräume, die erobert werden konnten - auch gegen Widerstände, so werden die Räume nach und nach enger, die Restriktionen rigider und die (Selbst)Täuschungen umfassender. Erst das Sterbebett und der Tod machen das Ausmaß der Illusionen und Desillusionierungen vollends sichtbar. Und doch ist Margit Schreiner weit davon entfernt, die menschliche Existenz als absurd oder nichtig zu sehen. Ihre Erzählhaltung ist zumeist wohltuend ironisch , pointiert und verweigert sich auch nie der Selbstironie. Der Text gliedert sich, zum Teil alternierend, in verschiedene Lebensabschnitte, die mit unterschiedlichen Erzählperspektiven gestaltet wurden : Von der Geburt bis zur Kindheit ist die Erzählperspektive in der zweiten Person (singular) gehalten, danach wechselt die Autorin zur Ich - Erzählung. Die Erwachsenenjahre dagegen werden durch die Wir - Perspektive geschildert, wodurch - nicht unbeabsichtigt - der Eindruck von Abstraktion oder zumindest Verallgemeinerung entsteht. Dennoch entsteht durch den ironischen Ton nur selten der Eindruck, man habe es nun mit einem pauschalisierenden oder dozierenden Text zu tun, der die Einsichten der Autorin als allgemeingültige Dogmen verkünden wollen. Und das umso weniger, als der Leser immer wieder spürt, daß der Finger der Schriftstellerin genau auf der Wunde platziert ist. Erst spät im Alter der Protagonistin kehrt die Ich - Perspektive zurück. Der fortschreitende Rückzug in sich selbst und die sich mehrenden Einsichten in die Täuschungen des bisherigen Lebens scheinen zu einer Selbstvergewisserung und zur Festigung der eigenen Persönlichkeit zu führen. Nicht (nur) die Desillusionierung oder die erlittenen (und unvermeidlichen) Enttäuschungen bestimmen den Roman, sondern mit dem Antagonismus Hoffnungen - Enttäuschungen geraten - vielleicht zum Teil nur unterschwellig - die Hoffnungen als bestimmende Triebkraft des Lebens in das Blickfeld des Lesers, sodaß ihn das Buch weder depressiv noch mit vernichteten Ambitionen oder überzeugt von der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz zurücklassen wird. Ich zumindest habe mich gut unterhalten, habe den Sprachfluß, den selbstironischen Tonfall und das Spiel mit den Erzählperspektiven zu schätzen gewußt, sodaß ich dem Buch weitere Leser wünsche.

Kathrin Röggla : Wir schlafen nicht

Grundlage für diesen Roman, der die Stimmen und Ansichten von sechs Angestellten einer Unternehmungsberatung zusammenführt, waren um die 30 Interviews und Gespräche. Auf einer Messe führt die - nahezu - unsichtbar bleibende Autorin Gespräche mit einer Online - Redakteurin, die sich den Anforderungen der Arbeit, dem Termindruck und der Überwachung durch Vorgesetzte und Kollegen nur mithilfe von Tabletten gewachsen zeigt, mit einer Praktikantin, die im ewigen Praktikumskreislauf gefangen scheint und vergeblich auf eine richtige und (gut) bezahlte Arbeitsstelle wartet. Zu Wort kommen eine Key - Account - Managerin, die sich Gedanken über ihr nicht mehr vorhandenes Privatleben zu machen beginnt und Sozialkontakte ausschließlich im beruflichen Zusammenhang, oft kombiniert mit einigen Gläsern Sekt, wahrnehmen kann, ein Senior Associate, der das letzte von sich und anderen abfordert und sich über - vermeintlich - Schwächere ausläßt. Die Gespräche werden auseinandergerissen, in kurzen Abfolgen neu kombiniert, gegenübergestellt und zu thematisch gefassten Kapiteln zusammengesetzt. Es entsteht eine Mischung aus fiktiven und journalistischen Elementen, die sowohl ein Bild der New - Economy - Arbeitswelt entwerfen als auch eine manchmal schonungslose Selbstanalyse aufscheinen lassen. Aus den rhapsodischen, mit Branchenjargon versetzten Elementen zeigen sich deutlich Hektik, Druck und Schlaflosikkeit in dieser modernen Wirtschaftswelt, aber auch die mehr oder minder freiwillige Unterwerfung der dort arbeitenden Personen, ihr allmähliches Zerbrechen.
Die Autorin verwendet die radikale Kleinschreibung, behält aber ansonsten die alten Rechtschreibregeln vor der Reform bei.

Das Buch hat mich restlos begeistert. Die Autorin beobachtet genau, sezierend, und ist gleichzeitig fähig, mithilfe der Sprache und der Komposition ein lebendiges Bild der New Economy erstehen zu lassen. An keiner Stelle geraten die Personen leblos oder werden denunziert. Wenn, tun das die Protagonisten selbst, denn, auch wenn sie Kollegen derselben Firma sind, beobachten sie sich argwöhnisch und überhaupt nicht wohlwollend. Alle sind Täter und Opfer zur gleichen Zeit. Sartres Ausspruch : "Die Hölle, das sind die anderen." scheint hier Wirklichkeit geworden, und vielleicht nicht nur im übertragenen Sinne. Kathrin Röggla hat eine beängstigende und doch fesselnde Einheit aus Fiktion und Realität geschaffen, deren nicht geringstes Verdienst die sprachliche Umsetzung zu einem literarischen Kunstwerk sein mag.

Peter Handke : Don Juan (erzählt von ihm selbst)

Der Ich - Erzähler und Chronist lebt beinahe vereinsamt im Pförtnerhaus einer ehemaligen Klosteranlage auf der Ile de France. Einst hatte er dort versucht, ein Gasthaus zu betreiben, doch der nahegelegene Ort hat sich geleert, und auch die Touristen sind selten geworden. Besuch erhält er nur selten vom Dorfgeistlichen der benachbarten Gemeinde. Und so arbeitet er im Garten oder liest, zunehmend lustlos, bis eines Tages Don Juan auf der Flucht vor einem Paar, das er beim Liebesakt beobachtet hatte, in die Abgeschiedenheit einbricht. An den nun folgenden sieben Tagen erzählt er die Erlebnisse des jeweils eine Woche zurückliegenden Tages, und der Chronist gibt sie dem Leser wieder. Don Juan, bei Handke ein Vater, der um ein totes Kind trauert, ist ein ruhelos Getriebener, einer der beobachtet und zählt und zunächst fast ohne Beziehungen seine Umwelt wahrnimmt. Am ersten Tag seiner Reise, während eines Aufenthaltes in der Nähe von Tiflis, trifft ihn auf einer Hochzeitsfeier der Blick einer Frau, nämlich der Braut. Don Juan wird dadurch aus seiner Lethargie gerissen, und nun beginnt seine "Frauenzeit". Begünstigt durch den Aufruhr um eine verschluckte Gräte kommt er in die Nähe der Braut und die beiden genießen einen Augenblick der vollkommenen Übereinstimmung und Harmonie, der jedoch bald wieder beendet ist. Don Juan übergibt die Braut wieder ihrem Ehemann, auch wenn diese mit der Entwicklung gar nicht zufrieden ist. Don Juan jedoch weiß, daß das vollkommene Einssein nur einen Moment, selten länger andauert. Sein Diener, ein namenloser Georgier, hat inzwischen eine recht häßliche Frau verführt, die zu allem Überfluß im Dorf als geistig behindert gilt. Dieser Tabubruch bringt die anderen Hochzeitsgäste in Rage, sodaß er überhastet fliehen muß. Weitere sechs Begegnungen an sechs verschiedenen Orten der Welt schildert Don Juan seinem Zuhörer, in Damaskus, in Ceüta, der spanischen Enklave auf dem Staatsgebiet von Marokko, im norwegischen Bergen, in Holland und zuletzt in einem namenlosen Land. Immer weniger Einzelheiten erzählt Don Juan, und immer weniger Einzelheiten gibt der Erzähler an den Leser weiter von Don Juans Reisen und Begegnungen. Immer mehr konzentriert sich das Buch auf den Augenblick der Begegnung und des Erkennens, der manchmal nur Sekunden währt, manchmal eine Nacht, und unweigerlich endet. Es ist immer wieder ein kurzer Zeitraum der absoluten Übereinstimmung und des Gleichklanges, den herstellen zu können Don Juans eigentliche Macht und Gabe ist. Dann aber geht der Aufenthalt Don Juans im Garten des Erzählers zuende....

Handke zu lesen ist allein wegen seiner Sprache ein Genuß. Er hat Fähigkeiten entwickelt, Wortwahl und Erzählfluß so harmonisch und in großen Teilen bedächtig ineinanderzufügen, daß ein Text ein ästhetisches Vergnügen darstellt. Dies liegt bestimmt nicht jedem Leser, zumal dann nicht, wenn er eine stringente, detailliert geschilderte Handlung gewohnt ist und bevorzugt. Immer mehr verzichtet Peter Handke im Laufe der Erzählung auf Aktion und Handlungselemente. Einzelheiten verlieren sich in einem stilistisch und ästhetisch meisterhaft gestalteten Textgewebe, das sich jedoch niemals zu einem sinnentleerten l´art pour l´art - Gebilde entwickelt, sondern das Thema "Liebe" zu fassen und zu deuten versucht. Dieser Don Juan ist nicht der, der bislang in Geschichten, Opern oder im Theater dargestellt worden ist, und vor allem nicht der, der als Archetyp für die Beschreibung mancher auch heutiger Menschen herhalten mußte. Er ist jemand, der weder verführt noch verführt wird, sondern einer, dessen Augen Erkennen (auch im biblischen Sinn) und Selbsterkenntnis ermöglichen. Auch auf anderen Ebenen ist das Buch durchaus vielschichtig : so spielt Handke auf den Mythos von Odysseus an, einer, der niemals in seiner Heimat anzukommen scheint, einer auch, der auf Ithaka ausgesetzt, seine Heimat zunächst nicht erkennt und recht orientierungslos umherirrt. Dazu kommt eine ausgefeilte Erzähltechnik, die sich auf mehreren Ebenen bewegt, ohne daß die Einheitlichkeit des Textes gesprengt würde. Der Erzähler don Juan erzählt über sein Leben einem Chronisten, der eben diese Erzählung an den Leser - noch einmal gebrochen durch den Autor Handke - weitergibt. Und vielleicht ist nicht einmal die einmalige Lektüre ausreichend, um das ganze Spektrum dieses Kunstwerkes ausleuchten und erfassen zu können. Aber eben das sprachliche und künstlerische Geschick des Schriftstellers lassen ein erneutes Lesen in einigem Abstand zumindest mir durchaus verlockend erscheinen.

Arno Geiger : Es geht uns gut

Philipp Erlach erbt 2001 das Haus seiner verstorbenen Großmutter in einem Wiener Nobelbezirk. Der Dachboden ist von Tauben und deren sterblichen Überresten vollkommen verdreckt, die Zimmer stehen voll mit den Möbeln und Überbleibseln seiner Familie. So beschließt er - vollkommen desinteressiert an seiner Familie und deren Geschichte -, das Haus zu entrümpeln. Da er selbst nicht im geringsten praktisch veranlagt ist, heuert er zwei Schwarzarbeiter an, die die gröbsten Arbeiten für ihn erledigen sollen, sich aber bald mehr mit dem schwunghaften Handel der entsorgten Familienhinterlassenschaften befassen. Auch die Bemühungen Philipps, sich der Vergangenheit und seiner Familie zu entledigen, bleiben unerfüllt, denn diese bleiben lebendig : immer wieder melden sich die Verwandten zu Wort, schildern an jeweils einem Tag der vergangenen 63 Jahre ihr Leben, ihre Befindlichkeiten, die mit der österreichischen Geschichte mehr oder minder eng verflochten sind. Richard, Philipps Großvater, christlich und sozial orientiert, wird durch den Einmarsch der Nationalsozialisten in seinen politischen Ambitionen gebremst. Erst nach dem Krieg geht seine Karriere voran, Er wird Minister und ist an der Verhandlung des Staatsvertrages, der Österreich die Existenz als eigenverantwortlicher Nationalstaat ermöglicht, maßgeblich beteiligt. Doch schon in den sechziger Jahren haben sich die Vorzeichen geändert. Die Politiker der nächsten Generation sind mehr am Machterhalt der Parteien als am Gemeinwohl interessiert. Und Richard muß sein Amt aufgeben. Alma, die auf Drängen ihres Mannes das ererbte Familiengeschäft hatte aufgeben müssen, hat schweres zu verkraften : nicht nur die Untreue Richards, sondern den Tod ihres Sohnes Otto, der als Hitlerjunge bei der Verteidigung Wiens fiel, später auch den Tod ihrer Tochter Ingrid, die bei einem Badeunfall ums Leben kommt. Nach dem Ende der Laufbahn ihres Mannes zieht der sich immer mehr zurück und wird in späten Jahren zunehmend seniler und dementer. Ingrid, die sich in Peter, den künftigen Vater Philipps, verliebt hatte und ihre Liebe in schweren familiären Konflikten gegen den Vater hatte verteidigen müssen. Doch auch diese Ehe bleibt keineswegs krisenfrei. Ingrid ist eine erfolgreiche Ärztin und erwartet, bestärkt durch die beginnende Frauenbewegung, daß sich Peter an Erziehung und Haushalt beteiligt, während dieser durchaus patriarchalische Einstellungen kultiviert. Auch er war einst Hitlerjunge gewesen, war verwundet worden. Nach dem Krieg hatte er ein - fast unverkäufliches - Spiel erfunden und dann eine Laufbahn als Beamter der Verkehrsbehörde begonnen. Und so hat der Autor eine Familiengeschichte über drei Generationen und über einen Zeitraum von 63 Jahren entworfen.

Die Konstruktion ist ungewöhnlich und gewagt, aber sie funktioniert dennoch hervorragend. Eingebettet in die Entrümpelungsaktion des als Charakter, nicht als Figur, blaß bleibenden Philipp, gewinnen die Familienmitglieder Kontur und Leben. Insbesondere die weiblichen Verwandten werden lebendig und kommen dem Leser unvermittelt nah. Jede der Personen hat mit seinen eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen, und das Aufeinandertreffen dieser so unterschiedlichen Menschen und Probleme schafft immer neue Konfliktlinien innerhalb der Familie. Und so mag Philipps Desinteresse, ja eher noch Abneigung, sich mit seiner Familie zu beschäftigen, nicht nur ein generationstypisches Phänomen, sondern durch seine Erlebnisse wenigstens teilweise nachvollziehbar sein. "Es geht uns gut" ist ein leicht ironischer, aber zumindest vieldeutiger Titel für diesen Familienroman, denn, mag man sich auch arrangiert haben mit der Wirklichkeit und dem Schicksal, also eine Art Zufriedenheit entwickeln können, ist es doch weit entfernt von der harmonischen und erträumten Glücksvorstellung, die einem der Begriff "Familie" suggerieren könnte. Und ebenso legt diese oberflächliche Phrase - eine eher stereotype Antwort auf die Frage nach dem Befinden von eher entfernten Bekannten - den Blick frei auf das Untergründige, das Verschwiegene oder den Verzicht. Die österreichische Geschichte ist in diesem Roman niemals nur Kulisse oder Schablone, sondern duch Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen eng verwoben mit den Personen und ihren Entwicklungen, Meinungen und Handlungen. Für mich - beinahe zum Abschluß des Jahres - eines der Highlights in den Leseerfahrungen des Jahres 2005, das ich gern jedem ans Herz legen möchte.

Daniel Kehlmann : Beerholms Vorstellung

In zwölf Kapiteln berichtet der Ich - Erzähler Arthur Beerholm sein bisheriges Leben. Einen Monat lang hat er sich dafür auf der Aussichtsterrasse eines Fernsehturmes eingerichtet, um danach ein letztes Experiment zu wagen. Kurz nach seiner Geburt wird Beerholm von einem wohlhabenden, aber älteren Ehepaar adoptiert. Der Tod der Adoptivmutter durch einen Blitzschlag wird zum einschneidenden Erlebnis, umso mehr als das Verhältnis zum sechzigjährigen Adoptivvater eher problematisch ist. Als der seine um vieles jüngere Haushälterin heiratet, wird Arthur in ein Schweizer Internat geschickt. Hier wird er mit zwei Dingen konfrontiert, die sein Leben prägen werden : mit der Mathematik und den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten einerseits und Kartenzaubertricks, die er sich dank seiner mathematischen Begabung leicht aneignen und später auch verbessern und ausbauen kann. Doch die Mathematik birgt auch ungeahnte (metaphysische) Abgründe, die ihn immer mehr in Bann ziehen. So ist es fast folgerichtig, daß er nach der Reifeprüfung ein Theologiestudium beginnt. Allerdings bricht er es ab, nachdem er das Schweigen während eines längeren Klosteraufenthaltes nicht hatte aushalten können. Von nun an ist er sich sicher, daß es der Weg der Magie ist, den zu gehen er bestimmt ist. Mit Mühe, aber letztendlich erfolgreich, kann er einen Zauberkünstler dazu bewegen, ihn auszubilden. Beerholm zeigt eine hohe Begabung und kann bald auftreten. Seine Kunststücke erregen schnell Aufmerksamkeit und garantieren hohe Zuschauerzahlen. Seine Bühnenzaubereien sind wohldurchdachte, auf Naturwissenschaft beruhende "Tricks", allerdings kommt es immer wieder zu Situationen, in denen die naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten aufgehoben scheinen, in denen echte Zauberei am Werk scheint : beinahe beiläufig kann er Gedanken lesen, bringt einen Busch zum Brennen, ja, selbst seine Freundin Nimue scheint er vor der ersten Begegnung selbst entworfen zu haben, auch wenn sich dann in realiter einige Abweichungen ergeben. Seine wirklich magischen Fähigkeiten machen ihn zunehmend fassungslos, bewirken aber auch, daß ihn die Bühnenkunststücke mehr und mehr langweilen....

Der Leser dieses eloquenten und stilistisch sicheren Romans ist mit Sicherheit nicht schlecht beraten, wenn er dem Protagonisten und Ich - Erzähler Beerholm (und damit dem Autor Daniel Kehlmann) mit einiger Vorsicht begegnet, denn bei aufmerksamer Lektüre läßt sich eine gewisse Doppelbödigkeit dieser Lebensgeschichte erkennen, denn immer wieder gibt es Anzeichen dafür, daß uns die Vorstellung eines Illusionisten geboten wird. Beerholm selbst ist ein unterhaltsamer und interessanter Erzähler, eine Figur, die lebensnah und beinahe sympathisch wirkt. Sein Werdegang ist in großen Teilen nachzuvollziehen, jedoch wird sich kaum ein Leser mit ihm identifizieren können oder wollen, denn durch den ganzen Roman hindurch wirkt er beinahe autistisch. Gefühle und Erfahrungen finden beinahe ausschließlich in seinem Inneren statt, seine Beziehungen zu anderen Menschen, seine Kommunikation wirken eher rudimentär (und auf das Thema des Romans reduziert). Selbst seine "Freundin" Nimue taucht immer nur am Rande auf, zu einer Interaktion der beiden kommt es kaum. Und dennoch bleibt das Buch bis ins Letzte glaubhaft, was sich nicht zuletzt der ausgefeilten Erzähltechnik und der stilistischen Sicherheit des Autors verdankt, der in diesem Debütroman von 1997 erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten und wirklich hohe Erzählkunst zeigt. Dadurch hat der Leser ein unterhaltsames, ja, mitreißendes und nicht zuletzt auch nachdenkliches Buch in Händen, dessen Lektüre er wohl kaum bedauern dürfte. Nicht zuletzt kann man das Zaubern als Analogie zum Schreiben, den Magier als Schriftsteller sehen, sodaß sich äußerst interessante Einblicke in die Kunst der Literatur und die Rolle des Autors ergeben. Sicher hätte der Roman weniger monothematisch, raumgreifender in andere Wirklichkeitsbereiche ausfallen dürfen, und doch wird man das beim Lesen selten oder gar nicht als Beschränkung empfinden.

Thomas Stangl : Der einzige Ort

Der Roman beschäftigt sich mit den Reisen zweier Entdecker in das sagenumwobene Timbuktu. Im Mittelpunkt stehen zum einen die Expedition des britischen Majors Alexander Gordon Laing, der sich 1826 - uniformiert und als Vertreter des britischen Empires von Tripolis aus auf den Weg macht, zum anderen der Franzose René Caillé, der auf eigene Faust, nur unzureichend mit finanziellen Mitteln ausgestattet und als Moslem verkleidet, die Stadt im Jahre 1828 zu erreichen sucht. Doch für beide wird es nicht einfach. Laing hat schon Schwierigkeiten, von Tripolis aufzubrechen, denn die Abreisetermine, bei denen er auf die Leitung einheimischer Karawanenführer angewiesen ist, verschieben sich immer wieder. Auch die Finanzierung bleibt lange Zeit unsicher. So reicht die Zeit, sich in die Tochter des britischen Konsuls zu verlieben und sie zu heiraten, ohne daß allerdings die Ehe vor dem kirchlichen Segen vollzogen werden dürfte. Den soll er nach seiner Rückkehr nach Großbritannien erhalten. Caillé dagegen hat zunächst weniger Probleme. Ihm gelingt es, sich mittels einer erfundenen Geschichte über seine Versklavung durch die Europäer die Hilfe und Gastfreundschaft der arabischen Fürsten und Kaufleute zu sichern, sodaß seine Reise vom Senegal gut vorankommt. Ob diese Fiktion aber wirklich vorbehaltlos geglaubt wird, bleibt eher zweifelhaft. Eine Infektion und Skorbut jedoch lassen seine Reise beinahe scheitern. Nur mühsam erholt er sich und bleibt auf dem Rest seines Weges ziemlich geschwächt und gesundheitlich angegriffen. Nachdem Laing endlich aufbrechen kann, kommt er gut voran. Doch bevor er das Ziel erreichen kann, wird er von Tuaregs angegriffen und schwer verletzt. Auch er hat Mühe, wieder auf die Beine zu kommen und sein Ziel zu erreichen. Schließlich erreichen beide (im Abstand von zwei Jahren) Timbuktu und durchstreifen die Stadt, die ihnen so verlockend erschienen war. Doch die Realität hat mit den Legenden und Berichten wenig gemein....

Der Autor hat es dem Leser nicht einfach gemacht. Etwas mehr als vierhundert engbedruckte Seiten, nur wenige Unterteilungen in Kapitel, ein nahezu vollständiges Fehlen von Absätzenverlangen dem Leser ein hochkonzentriertes Lesen ab. Auch der Satzbau ist komplex - strukturiert. Häufige Einschübe in Klammern und das Aneinanderreihen von Sätzen in Semikola hemmen - gewollt - den Lesefluß. Jedoch trägt diese Art des syntaktischen Aufbaus zugleich zu einer Intensivierung des Textes bei. Manches Mal wirkt der Stil, als schabe der Text Schicht um Schicht die Oberfläche weg und lege die Protagonisten bis auf die Nerven, die Traumbilder der Stadt Timbuktu bis auf die - recht schäbige Wirklichkeit bloß. Stangl, der sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzte, vermag es, afrikanische Geschichtsschreibung, arabische und europäische Reiseberichte und Ausblicke auf die Zukunft des Kolonialismus in Afrika so in den Text einzubetten, daß dem Leser der große Zusammenhang - historisch und politisch - erkennbar wird, und bleibt dennoch immer nahe an den Leidenserfahrungen seiner Figuren. Denn ihre Expeditionen sind nichts anderes als Leiden, Krankheit, Mißtrauen und Enttäuschungen. Nur einer der Entdecker überlebt die Reise - allerdings nur um wenige Jahre. Und beide mußten feststellen, daß die europäische Legende über die Stadt Timbuktu falsch gewesen ist, daß der erwartete Reichtum der Stadt, das gute Aussehen, die Bildung und die Freundlichkeit der Einwohner nicht vorhanden oder bestenfalls historische Tatsachen waren, die von der Entwicklung längst eingeholt worden waren. Eine der Inspirationsquellen Stangls war Jorge Luis Borges' Erzählung : "Der Unsterbliche". Und nicht zuletzt an diesem Punkt wird deutlich, daß Stangl immer die Ebene der Literatur und der "Erzählung" als einen Bezugsrahmen benutzt. Sein Roman folgt wie so viele andere Texte dem Urmuster einer "Reise ans Ende der Welt" und dessen Gesetzmäßigkeiten. "Der einzige Ort" ist ein ziemlich komplexer Roman, der eines geübten und geduldigen Lesers bedarf, diesem aber durchaus Befriedigung und eine interessante, hochliterarische Lektüre garantiert.

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Die Kapitel und Fußnoten :

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tinius - 14. Mai, 20:45
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Das hört sich sehr überzeugend an - ist gekauft. Hoffentlich...
Gunnar (anonym) - 13. Mai, 04:38
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tinius - 12. Mai, 22:40
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Generell wäre dies der Sinn meines Weblogs : die...
tinius - 9. Mai, 08:38
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Ich sehe gerade: du liest die Traumfresser.Schreibst...
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tinius - 5. Mai, 23:24

Randnotizen anderswo :

Ach, die Idee, Deutschland...
Ach, die Idee, Deutschland als Land der Tiefkühltruhen...
begleitschreiben - 17. Mai, 00:38
"immer dorthin, wo alle...
"immer dorthin, wo alle Anderen auch sind ;)))" Oh,...
libris - 17. Mai, 00:20
Ich habe einen Wecker,...
Ich habe einen Wecker, dessen Ton an eine Sirene erinnert....
Jekylla - 16. Mai, 11:14
Es gibt doch kostenlose...
Es gibt doch kostenlose Counter, die man hier mühelos...
CiliaSommer - 15. Mai, 23:55
Es war in der Tat entweder...
Es war in der Tat entweder erbärmlich oder haarsträubend....
elsalaska - 14. Mai, 00:01
Tief in den Zeiten der...
Tief in den Zeiten der Unwissenheit verwurzelt bevorzuge...
jequetepeque - 13. Mai, 19:20
Das war einst eine meiner...
Das war einst eine meiner ersten modernen deutschen...
kursiv - 12. Mai, 10:13
Ja, das wäre logisch....
Ja, das wäre logisch. Allerdings sind unterschiedliche...
help - 12. Mai, 01:11

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Zuletzt aktualisiert: 15. Mai, 18:22

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