Nachrufe
Der palästinensische Dichter Mahmud Darwish ist am 9. August 2008 an den Folgen einer Herzerkrankung nach einer Operation in den USA verstorben. Nach dem Eingriff in Houston, Texas, hatte er künstlich beatmet werden müssen. Darwish zählte zu den einflußreichsten Lyrikern der arabischen Sprache und war wohl der wichtigste Dichter Palästinas. Im Laufe seines Lebens veröffentlichte er über dreißig Gedichtbände und acht Bücher mit Prosa. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Zudem fungierte er bei mehreren Zeitschriften als Herausgeber. Darwish wurde 1941 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Akkon im Norden Israels als Kind landbesitzender Eltern geboren. 1948 flüchtete die Familie für kurze Zeit in den Libanon, kehrte aber nach kurzer Zeit nach Israel zurück. Allerdings war das Heimatdorf zerstört und durch zwei Kibbuzim ersetzt worden. Nach der Teilnahme an einer Protestaktion wurde er als Vierzehnjähriger für kurze Zeit inhaftiert. Er besuchte die Oberschule in Nazareth, lernte Hebräisch und las sowohl die Bibel als auch wichtige Werke der Weltliteratur in dieser Sprache. 1960 trat er in die Kommunistische Partei Israels ein. 1969 ging er für ein Jahr nach Moskau, um dort zu studieren. Daran schloß sich ein langjähriges Exil in Kairo, Beirut, Zypern, Tunis und Paris an. Bereits 1960 debütierte er mit dem Gedichtband "Vögel ohne Flügel". 1964 avancierte er mit dem Gedichtband "Awraq Al-Zaytun" ("Ölbaumblätter") zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen des palästinensischen Widerstands. Seine politische Aktivität beschränkte sich allerdings nicht auf literarische Arbeiten, sondern nahm auch durch die Leitung des "Palestine Research Centers" der PLO und seiner Mitgliedschaft 1997 bis 1993 im Palästinensischen Nationalrat. 1988 beteiligte er sich an der Abfassung der Proklamation eines Palästinensischen Staates. 1993 zog er sich aus Protest gegen das Oslo - Abkommen aus dem Exekutivkomitee der PLO zurück. 1995 durfte er nach Israel einreisen, um seine Mutter zu besuchen, ein weiteres Mal um an der Beerdigung eines befreundeten Schriftstellers teilzunehmen. Seit 1996 lebte er in der jordanischen Hauptstadt Amman und in Ramallah. Auch in Israel war er als Lyriker und Schriftsteller durchaus anerkannt, sodaß im Jahre 2000 der israelische Kultur - und Erziehungsminister dafür plädierte, seine Werke in Teilen in den Lehrplan der israelischen Oberschulen aufzunehmen, was aber an der Einschätzung des Ministerpräsidenten Ehud Barak scheiterte, daß die Zeit dafür noch nicht reif sei. Dennoch konnte er 2007 auch in Haifa auftreten. Darwishs Anliegen war ein faires und gleichberechtigtes Miteinander von Israelis und Palästinenser in zwei Staaten. Die von der PLO akzeptierten Lösungsansätze des Oslo - Abkommens schienen ihm aber die Palästinenser zu benachteiligen. Seine Bücher thematisierten hauptsächlich seine Liebe zu Palästina und das Leben vieler Palästinenser im Exil. Seine Werke verloren nach Vertreibung der PLO und seiner Person aus Beirut 1982 den propagandistischen Unterton und klangen eher leicht resignativ. In deutscher Sprache sind nur einige seiner Bücher veröffentlicht worden, darunter das autobiographische Essay "Ein Gedächtnis für das Vergessen. Beirut, August 1982", die Gedichtbände "Wo du warst und wo du bist" und "Wir haben ein Land aus Worten".
Der russische Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist Anatoli Pristwakin ist im Alter von 77 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus verstorben. Er stand lange Zeit in Opposition zur Regierung der Sowjetunion und war mit dem Dissidenten Lew Kopelew befreundet. 1989 nahm er sogar an einer Demonstration gegen die damals noch existierende Regierung der DDR auf dem Alexanderplatz teil. Außerdem protestierte er 1991 vehement gegen die Politik Rußlands gegenüber dem Baltikum und unterstützte die lettische Unabhängigkeitsbewegung. Von 1992 bis zu deren Auflösung durch Präsident Putin im Jahre 2001 war Pristawkin der Vorsitzende der Begnadigungskommision des russischen Präsidenten und wählte vor allem exilierte Dissidenten als Mitglieder aus. Die Kommission konnte erreichen, daß über 1000 Todesurteile, die noch nach sowjetischem Recht verhängt worden waren, nicht vollstreckt wurden, und daß unverhältnismäßig hohe Freiheitsstrafen abgemildert wurden. Dennoch war das Verhältnis zum Präsidenten niemals wirklich konfliktfrei, denn 1995 und 1996 bereiste Pristawkin Tschetschenien und prangerte die Politik gegen die Kaukasus - Provinz und das Vorgehen gegen Zivilisten an. Mit der Umwandlung sämtlicher Todesurteile in Freiheitsstrafen 1999 durch Präsident Jelzin wurde ein immer noch gültiges Moratorium in Kraft gesetzt. Denn auch Jelzins Nachfolger Putin verzichtete nicht auf die Mitarbeit Pristawkins, sondern berief ihn nach Auflösung der Begnadigungskommission zum Berater in Begnadigungsfragen. Anatoli Ignatjewitsch Pristawkin wurde 1931 in Ljuberzy im Verwaltungsbezirk Moskau als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Da seine Mutter 1940 an Tuberkolose starb, sein Vater Frontoffizier der Roten Armee war, verbrachte Pristawkin seine Kindheit vor allem in Waisenhäusern. Mit anderen Waisenkindern wurde er 1944 nach Tschetschenien evakuiert, überlebte nur knapp ein Massaker und floh schließlich mit vierzehn Jahren aus dem Heim. Seitdem schlug er sich zunächst als Arbeiter in einer Konservenfabrik und als Helfer auf einem Flughafen durch. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Flugzeugtechniker. Danach arbeitete er als Techniker und Funker. Dieser Tätigkeit schloß sich ein Studium am Literaturinstitut Maxim Gorki in Moskau an, das er 1959 beendete. Anschließend ging er nach Sibirien und arbeitete auf der Großbaustelle des Kraftwerks Bratsk in sibirien. Außerdem war er Korrespondent der Wochenzeitschrift "Literaturnaja Gaseta". Bereits nach Kriegsende hatte Pristawkin erste Gedichte in Zeitungen veröffentlicht, gegen Ende des Studiums folgten erste Erzählungen, 1867 der erste Roman. Ab 1981 lehrte er am Maxim Gorki Literaturinstitut in Moskau Prosa und Literatur und wurde später dort Dekan. Bis 1988 erschienen seine Bücher vor allem in der DDR, bis ihn sein Freund Lew Kopelew westdeutschen Verlagen empfahl. Die Erinnerungen an seine Kindheit "Schlief ein goldenes Wölkchen", die 1981 enstanden und bis 1987 mit einem Publikationsverbot in der Sowjetunion belegt waren, erschienen zuerst in einem westdeutschen Verlag in deutscher Sprache. Erst die Perestroika machte eine Veröffentlichung in der Sowjetunion möglich. Sie brachte ihm dann 1988 einen Staatspreis einund ermöglichte daß das Buch zur Pflichtlektüre an den Schulen wurde. 1989 erschien der Roman "Wir Kuckuckskinder", der sich mit dem Schicksal der Kinder von Opfern der stalinistischen Säuberungen auseinandersetzte. Dieser Roman wurde international zum Bestseller. Seit 1960 war Pristawkin Mitglied des russischen Schriftstellerverbandes. Seit dem Ende der achtziger Jahre war er Vorsitzender der Fraktion Aprel, einer Gruppierung innerhalb des Schriftstellerverbandes, die sich für Glasnost und Demokratie einsetzte. Zudem war er bis zu seinem Tode Vorsitzender des russischen Schriftstellerverbandes und Mitglied des russischen PEN - Zentrums. Pristwkin hinterläßt eine Frau und drei Kinder. Bis auf das Buch "Ich flehe um Hinrichtung. Die Begnadigungskommission des russischen Präsidenten", in dem er sich mit dem Strafvollzug in Rußland und seiner Arbeit in der Begnadigungskommission auseinandersetzt, sind derzeit alle seine Bücher nur noch antiquarisch erhältlich
Wie der Rowohlt Verlag mitteilte, ist bereits am 4. Juli der bekannteste niederländische Kriminalschriftsteller, Janwillem Lincoln van de Wetering, im us - amerikanischen Bundesstaat Maine verstorben. Er wurde 77 Jahre alt. de Wetering wurde 1931 in Rotterdam als Sohn eines Gewürzhändlers geboren. Nach dem Abschluß der schulischen Ausbildung und dem Besuch eines Business - Colleges tritt er 1952 eine Stelle in einer niederländischen Firma in Südafrika an, die ihm sein Vater vermittelt hatte. Sechs Jahre bleibt er in Südafrika, wo er auch heiratet. Allerdings scheitert die Ehe nach kurzer Zeit, er gibt seinen Job auf und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, immer wieder Alkohol und Drogen konsumierend. 1958 kehrt er nach Europa zurück, besucht Vorlesungen für Philosophie und beginnt, sich mit dem Zen - Buddhismus zu beschäftigen. Diese Glaubensrichtung bewegt ihn auch, für zwei Jahre in einem buddhistischen Kloster in Japan zu bleiben. Erst 1960 nimmt er sein normales Arbeitsleben wieder auf, diesmal in Südamerika, wo er ein zweites Mal heiratet, und in Australien. Ab 1965 leitet er die Textilfabrik seines verstorbenen Schwiegervaters. Um nicht in der Armee Dienst tun zu müssen, leistet er als Hilfspolizist neben seiner eigentlichen Tätigkeit einen Ersatzdienst, in dem er bis zum Inspektor aufsteigt. Etliche Jahre arbeitet er für die Amsterdamer Polizei. Durch seine Polizeiarbeit inspiriert erscheint 1975 sein erster Roman "Outsider in Amsterdam", mit dem er auch seine Figuren von der Amsterdamer Mordkommission etabliert, die auch in den folgenden Romanen ermitteln werden : der namenlose Commisaris, der Brigadier de Gier und der Adjutant Grijpstra. Neben seiner Polizeiarbeit beeinflussten van de Wetering die Kriminalromane von Georges Simenon und Robert van Gulik, aber auch das Werk von Sartre und der Zen - Buddhismus spürbar. Insgesamt vierzehn Romane um die Amsterdamer Mordkommision erscheinen im Laufe der Jahre. Der bekannteste von ihnen ist "Massaker in Maine", der 1979 erscheint. Janwillem van de Wetering verfasst seine Werke jeweils in niederländischer und in englischer Sprache. Dabei können beide Fassungen mitunter erheblich von einander abweichen. Neben seinen Kriminalromanen verfasste er zudem einige Kinderbücher, Bände, die sich mit der Philosophie des Zen auseinandersetzen, und eine Biographie über Robert van Gulik, der mit seinen im alten China angesiedelten Romanen um den Richter Di ebenfalls einer der wichtigsten Vertreter des niederländischen Kriminalromans war. Seit 1975 lebte van de Wetering an der Küste des US - Bundesstaates Maine nahe der kanadischen Grenze. Derzeit sind in deutscher Sprache nur Bände zum Zen regulär lieferbar, seine Kriminalromane um die "Amsterdam Cops" können derzeit nur antiquarisch erworbnen werden. Auch die für Dezember angekündigte Veröffentlichung der Kriminalnovelle "Der Freund, der keiner war" ist eine Wiederauflage des Buches "Die entartete Seezunge" unter anderem Titel, das mit dem Commisaris und de Gier nichts zu tun hat.
Bereits am 4. Juli 2008 wurde Thomas Michael Disch in seiner Wohnung tot aufgefunden. Der achtundsechzigjährige Science - Fiction - Autor hatte sich mutmaßlich selbst getötet, nachdem er jahrelang an Depressionen litt, die durch den Tod seines langjährigen Lebensgefährten ausgelöst worden waren. Thomas M. Disch wurde 1940 in Des Moines im amerikanischen Bundesstaat Iowa als Sohn eines Handlungsreisenden geboren. Aufgrund einer Polio - Erkrankung wurde er zunächst von seiner Mutter unterrichtet, besuchte später dann eine katholische Schule. Im Alter von 13 Jahren zog er mit seiner Familie nach Minnesota und besuchte dort öffentliche Schulen. Nach 1957 arbeitete er in verschiedenen Jobs, unter anderem in einer Buchhandlung, bei einer Zeitung oder als Garderobier eines Theaters. Seine Einberufung zur Armee endete recht schnell in einer Klinik für psychisch Erkrankte. Anschließend begann er zunächst ein Abendstudium im Fach Architektur, wandte sich doch bald dem Schreiben zu. 1962 veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte in einem Science - Fiction - Magazin. Sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser haltend, trieb er seine schriftstellerischen Arbeiten voran. Er veröffentlichte weitere Geschichten, vor allem aus dem Bereich der Science Fiction, Gedichte und Kinderbücher. 1965 erschien sein erster Science - Fiction - Roman "Die Feuerteufel ("The Genocides"). Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitete er mehr und mehr als Journalist und Kritiker, etwa für "Harper's", "The Washington Post" oder "The Los Angeles Times". Er rezensierte Bücher ebenso wie Theateraufführungen. Nach und nach erschienen weitere Romane, die meisten aus dem Genre Science Fiction, so "Camp Concentration" oder "Der Merkurstab". Außerdem veröffentlichte er Sachbücher, in denen er sich mit den Formen und Spielarten moderner amerikanischer Lyrik auseinandersetzte. Zu seinen bekanntesten Werken gehört mit Sicherheit die Novelle "Brave Little Toaster" (dt.: "Tapferer kleiner Toaster"), die die Vorlage für einen erfolgreichen Zeichentrickfilm bildete. Seit 1968 war bekannt, daß Thomas M. Disch homosexuell war, doch hielt er sein Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Auch legte er Wert darauf, keine "schwule" Literatur zu schreiben. Allenfalls fanden sich leichte Anklänge an die Thematik. Einige seiner wichtigen Romane und Erzählungen wurden auch in deutscher Sprache veröffentlicht, sind aber derzeit nur noch antiquarisch erhältlich, während in englischer Sprache wenigstens einige Titel regulär lieferbar sind.
Wie die
FAZ meldet, ist der Soziologe und Schriftsteller Nicolaus Sombart am 4.07.2008 in Straßburg gestorben. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch den ersten Bands seiner Erinnerungen "Jugend in Berlin" bekannt, in der er seine Kindheit und Jugend von 1933 bis 1944 beschrieb. Nicolaus Sombart wurde 1923 in Berlin als Sohn des Soziologen und Professors für Nationalökonomie Werner Sombart geboren. Carl Schmitt, Freund der Familie wurde in den dreißiger Jahren zu seinem Mentor. Von 1942 bis 1945 diente Sombart in der Wehrmacht und geriet gegen Kriegsende in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung studierte er Kultursoziologie, Staatswissenschaft und Philosophie in Heidelberg, Neapel und Paris. 1950 beendete er das Studium mit einer Doktorarbeit. Er gehörte zu den Mitbegründern der Gruppe 47 und veröffentlichte zusammen mit Alfred Andersch und Hans Werner Richter die Zeitschrift "Ruf". 1947 war auch das Jahr, in dem er als Schriftsteller debütierte und mit "Capriccio Nr.1" seine erste Erzählung veröffentlichte. Wissenschaftlich beschäftigte er sich vor allem mit der Geschichte der Soziologie. 1952 bis 1954 lebte er in Paris und arbeitete an seiner dann doch unvollendet bleibenden Habilitationsschrift. 1954 ging er nach Straßburg, wo er ein Beamter des Europarats wurde. Außerdem unterrichtete er an verschiedenen Universitäten, so etwa in Ulm, Freiburg und Wuppertal. Nach seiner Pensionierung als Leiter der Kulturabteilung des Europarates 1984 widmete er sich ausschließlich dem Schreiben und seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Freien Universität Berlin. Hier widmete er sich in Vorlesungen vor allem der Wilhelminischen Gesellschaft. 1984 erschien dann auch sein hochgelobtes und oft verkauftes Erinnerungsbuch "Jugend in Berlin". 1985 gründete er einen literarisch - kulturellen Salon, der regelmäßig kulturelle und literarische Themen diskutierte und jeden Sonntag stattfand. 1987 endete seine Tätigkeit an der FU, seitdem lebte er als freier Schriftsteller in Berlin. So setzte er seine autobiographischen Werke mit "Pariser Lehrjahre" und "Journal intime" fort. Nicolaus Sombart war seit 1977 Mitglied des Pen - Clubs in Deutschland, seit 2003 Ritter der französischen Ehrenlegion.
Bereits am Freitag, dem 27. Juni 2008 verstarb die Übersetzerin Elke Wehr im Alter von 62 Jahre. Dies bestätigte inzwischen ein Sprecher des Suhrkamp Verlages. Elke Wehr gehörte zu den wichtigen literarischen Übersetzerinnen aus dem Spanischen und besorgte die Übersetzungen spanischer und lateinamerikanischer Autoren für verschiedene Verlage, so den Suhrkamp Verlag, den Verlag Klett - Cotta und den Antje Kunstmann Verlag. So zeichnete sie unter anderem für Übersetzungen Von Augusto Roa Bastos, Mario Vargas Llosa, Javier Marías, Rafael Chirbes, Clarín, Octavio Paz oder Alonso Cueto verantwortlich.
Elke Wehr wurde 1946 in Bautzen geboren und studierte Französisch und Italienisch in Paris und Heidelberg. 2006 hatte sie den Paul - Celan - Preis des Deutschen Literaturfonds für ihre Arbeiten erhalten. Ihre letzte Arbeit, die Übersetzung des Romans "Blaue Tage" des Kolumbianers Fernando Vallejo, wird posthum im August 2008 bei Suhrkamp erscheinen.
Die tschechische Autorin Lenka Reinerová ist im Alter von 92 Jahren in Prag verstorben. Sie war die letzte Vertreterin der deutschsprachigen Literatur in Tschechien. Lenka Reinerová wurde 1916 in Prag als Kind einer Deutsch - Böhmin und eines tschechischen Eisenwarenhändlers geboren und ist in Prag bei ihrer jüdischen Familie aufgewachsen. Sie arbeitete zunächst als Journalistin. Als 1939 während eines Besuches bei Freunden in Rumänien Prag durch die Deutsche Wehrmacht besetzt wurde, ging sie von Bukarest aus direkt ins Exil nach Paris, wurde dort jedoch verhaftet, zunächst in Einzelhaft gehalten, später in ein Internierungslager des Vichy - Regimes verbracht. Sie konnte entkommen und ging nach Mexiko ins Exil, wo sie den Arzt und Journalisten Theodor Balk (eigentlich : Fodor Dragutin) heiratete, der sie bereits in Prag kennengelernt hatte. 1945 kehrten beide nach Europa zurück. Zunächst lebten sie in Belgrad, wo auch die gemeinsame Tochter Anna geboren wurde. Eine schwere Erkrankung Balks machte 1948 den Aufenthalt in der Tschechoslowakei notwendig, und beide blieben fortan in diesem Land. Allerdings geriet sie schon zu Beginn der fünfziger Jahre in die Mühlen der stalinistischen Justiz und erst 1964 rehabilitiert. Danach arbeitete sie wieder als Journalistin und Schriftstellerin, bis die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 erneute Repressionen für sie nach sich zog. Sie wurde aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, verlor ihre Arbeit und wurde zudem für mehrere Jahre mit einem Publikationsverbot belegt, daß mit ihrer politischen Unzuverlässigkeit begründet wurde. So arbeitete sie bis 1989 vor allem als Dolmetscherin. Seit der politischen Wende veröffentlichte Lenka Reinerová mehrere Bände mit Erinnerungen und Erzählungen. Zu ihren Werken, die meist auch heute noch regulär in deutscher Sprache lieferbar sind, gehören etwa die Erzählbände "Mandelduft" oder "Das Traumcafé einer Pragerin" und die autobiographischen Bücher "Närrisches Prag. Ein Bekenntnis" oder "Das Geheimnis der nächsten Minuten". 2004 gründete sie zusammen mit František Černý und Kurt Krolop das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren. Im Jahr 2006 erhielt Lenka Reinerová das Große Bundesverdienstkreuz, das ihr von Bundespräsident Horst Köhler überreicht wurde. Lenka Reinerová, die einst mit Max Brod und Egon Erwin Kisch befreundet war, hatte durch die Nazis alle Familienangehörigen verloren. Dies führte 2008 zu der Einladung, anläßlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor dem Deutschen Bundestag eine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu halten. Aus gesundheitlichen Gründen konnte die Autorin nicht selbst anwesend sein, sondern mußte ihre Rede verlesen lassen.
Am 23.06.2008 verstarb die italienische Schriftstellerin Fabrizia Ramondino im Alter von 72 Jahren. Sie starb während eines Badeausfluges im Meer in der Nähe von Gaeta. Rettungsversuche anderer Badegäste blieben erfolglos. Vermutlich kommen ein Herzinfarkt oder Ertrinken als Todesursache in Frage. Eine Obduktion soll die genauen Todesumstände klären. Fabrizia Ramondino wurde 1936 als Tochter eines Diplomaten in Neapel geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Neapel, Mallorca und Frankreich. Im Alter von 17 Jahren ging sie nach München und studierte dort Literaturwissenschaften und Romanistik. Bis zum Alter von 45 Jahren arbeitete sie ausschließlich als Gymnasiallehrerin, engagierte sich zunächst in der Sozialistischen Partei, kündigte aber schon Anfang der sechziger Jahre ihre Mitgliedschaft, um sich in einer Bewegung der Neuen Linken, dem "Centro Coordinamento Campano". Ihr Engagement für sozial Benachteiligte hat sie zeitlebens aufrecht erhalten. Das Traumbild ihrer Großmutter, das ihr befohlen habe, die Geschichten ihrer Familie zu erzählen, habe sie zum Schreiben gebracht. 1981 debütierte sie mit dem autobiographischen Roman "Althénopis", in dem sie ihre Kindheit in Neapel ebenso schildert wie das Leben anderer dort lebender Menschen. Dieses Buch war bei Kritikern und Lesern ein großer Erfolg, sodaß sie es wagen konnte, als freie Schriftstellerin zu leben. Dennoch verlief ihr Leben nicht ungetrübt, denn zeitweise litt sie an einer Alkohol - und Medikamentenabhängigkeit, von deren Therapie sie in ihrer Erzählung "Im Spiegel einer Insel" berichtet. Ihre Bücher zeichnet eine bildhaft assoziative Sprache aus, ein Stil, der von Sinneseindrücken und Traumbildern geprägt ist. Viele ihrer Romane und Erzählungen wurden auch ins Deutsche übertragen. Insbesondere der Arche Verlag hat sich um die Verbreitung ihrer Werke verdient gemacht. Jedoch sind außer der Sammlung von Erzählungen "Die Katze und andere Erzählungen" und den Erinnerungen "Der Duft blühender Mandelbäume. Frühe Jahre auf Mallorca" die Bände nur noch gebraucht erhältlich. Allerdings wurde in Italien gerade erst ihr Roman "La via" veröffentlicht, dessen Übersetzung noch aussteht.
Am 22.06.2008 verstarb in Paris im Alter von 94 Jahren der ägyptische, frankophone Autor Albert Cossery. Er wurde 1913 in Kairo geboren. Aufgewachsen in relativ wohlhabenden Verhältnissen besuchte er in Kairo das Französische Gymnasium. Schon früh begeisterte er sich für die französische Literatur, insbesondere für Balzac. Schon bald folgten erste Schreibversuche. Henry Miller, den Cossery auf einer USA - Reise kennengelernt hatte, ermöglichte ihm, seinen ersten Roman "Les Hommes oubliés de Dieu" zu veröffentlichen. Zuvor war bereits ein Band mit Gedichten erschienen. 1945 verließ Albert Cossery Ägypten und ließ sich in seiner Wahlheimat Frankreich nieder. Inspiriert durch Balzac zog es ihn nach Paris. dort wohnte er über sechzig Jahre im selben Hotel, in dem er nun auch verstorben ist. In seinem langen Leben hat Gossery nur acht Romane verfasst. Außerdem entstand ein Theaterstück in drei Akten. Seine Romane schilderten ausnahmslos das Leben in Ägypten und betrachteten ironisch den Unterschied zwischen Arm und Reich, die Beschränktheit der materiellen Welt. Folgerichtig waren seine Protagonisten nicht selten Landstreicher, Diebe oder Dandies. Sein humorvoller Stil fügte sich selten Regeln. Vielen galt er als "Voltaire vom Nil". Er gehörte wohl zu den wenigen Schriftstellern, dessen Werke (in zwei Fällen) als Vorlage für eine Comic - Adaption dienten. In Deutschland erschienen die Romane "Gohar der Bettler" und "Gewalt und Gelächter". Beide Bände sind allerdings nur noch gebraucht erhältlich.
Der Schweizer Autor Gerhard Meier ist im Alter von 91 Jahren am 22.06.2008 verstorben. Gerhard Meier wurde 1917 in Niederbipp im Kanton Bern geboren. Hier lebte er, bis er kurz vor seinem Tod in ein Krankenhaus in Langenthal eingeliefert wurde. Meier hatte eigentlich Architekt werden wollen, studierte dann aber zunächst Hochbau am Technikum in Burgdorf. 1938 brach er das Studium ab und arbeitete - unterbrochen vom Militärdienst während des Zweiten Weltkriegs - über drei Jahrzehnte als Designer und Technischer Leiter in einer Lampenfabrik in Niederbipp. Erste Schreibversuche während des Studiums fanden mit Berufseintritt zunächst ein Ende. Erst 1957, während einer Tubekolose - Erkrankung nahm er das Schreiben wieder auf. 1964 veröffentlichte er einen ersten Gedichtband. Seinen Brotberuf allerdings gab er erst 1971 auf, um dann als freier Schriftsteller in seinem Elternhaus zu leben. Dies war nur möglich, weil seine Ehefrau Dora die inzwischen fünfköpfige Familie ernährte. Die Straße seines Hauses wurde nach ihm benannt, und Meier war Ehrenbürger seines Heimatortes. Meier hat sich zeitlebens dem Literaturbetrieb und der Öffentlichkeit weitgehend entzogen und war einem breiten Lesepublikum eher unbekannt, von Fachleuten aber hochgeschätzt. Seine Werke galten als alltagsnah, unspektakulär in Bezug auf ihre Inhalte. Die Jury des Heinrich - Böll - Preises nannte ihn 1999 den "bekanntesten Unbekannten der deutschsprachigen Literatur". Für seine Werke - Erzählungen, Lyrik, lyrische Kurzprosa und Romane - erhielt er zahlreiche wichtige Preise, darunter den Fontane - Preis, den Hesse - Preis und den Petrarca - Preis. Ein Stilmittel seiner Prosatexte war der fiktive Dialog, der auch bestimmend in seinem Hauptwerk, der Tetralogie um Baur und Bindschädler, wurde. Zu ihr gehören die Romane "Toteninsel", "Borodino", "Die Ballade vom Schneien" und "Land der Winde". Ein weiteres sprachliches Mittel ist die Verwendung des Konjunktivs, etwa in der indirekten Rede und zur Kennzeichnung unerfüllter Phantasien und Wunschträume. 1979 wurde er dann doch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen, als ihm Peter Handke eine Hälfte des eigentlich ihm zugedachten Kafka - Preises zuerkannte. Nur Teile seines Werkes sind derzeit regulär lieferbar, darunter auch die Tetralogie um die Protagonisten Baur und Bindschädler. Für den November 2008 ist allerdings eine Werkausgabe im Zytglogge - Verlag angekündigt.