Der deutschstämmige Regisseur Gruber versammelt auf einem abgelegenen Landsitz 10 Schauspieler, die wenig oder gar keine Erfahrung mit dem Medium Film haben, sondern dem Regisseur wichtige Charaktereigenschaften aufweisen.. Es soll sein letzter Film und ein nach langem Stillschweigen künstlerisches Comeback werden, denn der Regisseur ist an einem unheilbaren Tumor erkrankt. Es gibt kein Drehbuch, und neben einer improvisierten Handlung sollen die schwierigen Charaktere der Schauspieler den Film "Das Weltgericht" tragen. ihnen wird Zeit gegeben in ihre Rollen zu wachsen, sorgsam betreut vom Regisseur. So prallen die unterschiedlichen Personen und Konflikte aufeinander, die Kamera läuft unentwegt mit, nicht nur während der eigentlichen Spielszenen, sondern auch bei den aufkommenden Streitigkeiten. Realität und Film vermischen sich zusehends, bis es Tote gibt und Grubers Plan letztendlich aufzugehen scheint.
Der Autor ist ein solider Handwerker, der es versteht, Spannungsbögen zu konstruieren, Perspektivwechsel und genresprengende Erzähltricks zu verwenden. Zeitweise erreicht das Buch eine große Intensität, doch schrammt es immer wieder am Kitsch, an der Soap - Opera vorbei, in der recht modische Diskurse über das Ende der Kunst, des Jahrtausends und des Lebens eingebunden sind. Dieser Spagat zwischen Handlung und Reflektion bleibt für mich insgesamt leblos und überkonstruiert.
"Die Herrin der Träume" ist der zweite Roman der Autorin. Ana Fernández ist eine sorgfältige, fast leidenschaftliche Hausfrau, Mutter und Ehefrau. Doch sie muß feststellen, daß sich im Laufe der Jahre vieles abgeschliffen hat. Die Kinder pubertieren, der Ehemann verbringt seinen Feierabend lustlos und müde auf der Couch, das Intimleben ist praktisch nicht mehr vorhanden. Ana verfällt in eine Depression, und der Ehemann veranlasst - widerwillig - eine Familientherapie. Hier erzählen alle vier Familienmitglieder ihre Sicht der Dinge. Der einzige, der Ana einigermaßen verstehen kann, ist der Sohn, Ehemann und die Tochter, die ihre Zukunftsplanung an den traditonellen kulturellen Mustern und am Leben ihrer Mutter ausgerichtet hatte, sind eher ungehalten. Doch Anas Leben verändert sich, als sie zufällig in einer Buchhandlung auf ein Buch stößt, das ein Frauenschicksal beschreibt. Gebannt stürzt sich Ana in die Lektüre. Sie versetzt sich in die Geschichte und erzählt der Therapeutin - und damit den Lesern - den Werdegang der Hauptperson, in die sie sich hineinversetzt hat. Der erste Roman, den sie liest, schildert das Leben einer Araberin, die nach vielen Wirren im arabischen Teil Spaniens lebt und nach der Wiedereinnahme Andalusiens durch die Spanier in die mehr oder weniger fremde Heimat vertrieben wird. Als ihr Besitzer und Ehemann stirbt, steht sie mittellos da. Das Lesen hat auch im realen Leben Konsequenzen. Ana versucht, Gelesenes in ihrem Handeln und ihrer Einstellung umzusetzen. Und ihr Interesse am Leben anderer Frauen ist geweckt. Immer wieder kauft sie sich Romane, schließt sich in ihrem Zimmer ein und versinkt in einer Geschichte. Und immer wieder finden sich Handlungsweisen und Gedanken, die sie in ihren Alltag mitnimmt. So "lebt" sie das Leben einer Tochter eines russischen Großgrundbesitzers, eines weiblichen Punks im New York der achtziger Jahre, einer Enkelin einer Kibutz - Mitbegründerin im vorisraelischen Palästina, einer Weggefährtin und Geliebten Fidel Castros und einer Anhängerin Ghandis. Die sich immer wieder einstellenden Änderungen im Familienleben entsetzen und erzürnen vor allem Tochter und Ehemann, sodaß er autoritär jede weitere Lektüre verbietet. Doch Ana liest weiter, lernt aus dem Gelesenen und findet nach und nach einen eigenen, gefestigten Standpunkt....
Kurze Bewertung : Eines der auffallendsten stilistischen Merkmale ist die Vielzahl der Ich - Erzählperspektiven, realer und fiktiver. Ohne daß der Roman jemals unübersichtlich würde, korrespondieren die Sichtweisen der "realen" Familienmitglieder mit den Erzählungen der fiktiven Frauencharaktere und den daraus gewonnenen Einsichten. Jede der erzählten Frauenbiographien muß sich mit existentiellen Herausforderungen, mit den Ansichten und den Handlungen ihrer Umwelt auseinandersetzen und schließlich einen eigenen Standpunkt, eine selbstbestimmte Rolle entwickeln. Und dies tut auch Ana, durch das Lesen, durch das Sich - Hinein - Träumen. Diese Binnenerzählungen sind spannend und klug komponiert und gestaltet, ohne jemals reale Romanvorlagen stilistisch, inhaltlich oder sprachlich zu kopieren, die Übertragung gewonnener Einsichten erfolgt schrittweise, allerdings manchmal bis ins - ironisch gebrochene - Extrem, sodaß niemals die Gefahr besteht, daß das Buch in ein dogmatisches Traktat abgleitet. Auch das Ende ist kein unversöhnliches, radikalfeministisches, aber dennoch eines, das die begründeten und berechtigten Ansprüche an eine selbstbestimmte und selbstverantwortete Frauenrolle in der (mexikanischen) Gesellschaft selbstbewußt verficht und letztendlich illustriert. Das Buch ist unterhaltsam und höchst interessant, sodaß ich ein wenig bedauere, daß dieser Roman - ebensowenig wie die anderen Veröffentlichungen der Autorin - auf dem hiesigen Buchmarkt nicht (mehr) greifbar ist.