Kanada

Mordecai Richler : Wie Barney es sieht

Als der kanadische Schriftsteller Terry McIver seine Autobiographie veröffentlicht, in der Barney Panofsky eine nicht unwesentliche und recht unrühmliche Rolle spielt, fühlt dieser sich gedrängt, mit einem eigenen Erinnerungsband dagegenzuhalten, denn neben seinen wenig gesellschaftstauglichen und verletzenden Umgangsformen wird ihm die Schuld am Tod zweier Menschen gegeben. Anfang der fünfziger Jahre hatte Barney in Paris gelebt und war das Anhängsel einer Gruppe amerikanischer und kanadischer Intellektueller und Künstler. Hier heiratet er auch Clara, eine begabte, aber psychisch eher instabile Künstlerin, die sich nach der Trennung von ihm, das Leben nimmt. Auch seine Freundschaft zu Boogie, Bernard Moscovitch, einem begabten, aber drogen - und alkoholabhängigen Schriftsteller, beginnt hier. Barney selbst hat keinerlei künstlerische Ambitionen, hat kaum die Highschool beendet und blickt eher arrogant und distanziert auf die Künstlerclique. Er beginnt, mit allem Möglichen zu handeln und legt damit den Grundstein zu seinem Vermögen. Nach dem Selbstmord Claras kehrt er nach Kanada zurück, gründet eine Film - und Fernsehproduktionsfirma, die erfolgreich qualtitativ minderwertige Serien und Seifenopern entwickelt und produziert. Er heiratet ein zweites Mal, diesmal eine Tochter aus reichem, jüdischen Elternhaus, die im ganzen Roman niemals mit Namen genannt wird. Schon auf ihrer Hochzeitsfeier allerdings trifft er auf seine große Liebe : Miriam Greenberg. Die Ehe verläuft erwartungsgemäß desaströs, eine Ehescheidung ist allerdings aufgrund der kanadischen Gesetzgebung nur schwer möglich. Da kommt ihm ein Zufall zu Hilfe : Er erwischt seine Frau im Bett mit Boogie, der bei Barney Zuflucht gesucht hatte, um einen Drogenentzug zu machen. Nach einem Streit zwischen Boogie und ihm schießt er auf den Freund, der anschließend im Alkoholrausch schwimmen geht und nie wieder auftaucht. Barney wird des Mordes beschuldigt, verhaftet, doch mangels Beweisen - eine Leiche ist nie gefunden worden - freigesprochen. Nun endlich kann Barney seine große Liebe Miriam heiraten. Etwa 30 Jahre bleiben die beiden zusammen und setzen drei Kinder in die Welt. Schließlich zerstört Barney durch Eifersucht und einen Fehltritt im Alkoholrausch die Ehe... Wie weit man allerdings den Erinnerungen Barneys trauen kann, bleibt bis kurz vor dem Schluß offen, denn immer wieder schleichen sich Erinnerungslücken, falsche Tatsachen in die Aufzeichnungen ein. Dem ältesten Sohn bleibt es überlassen, das Manuskript zu redigieren, die gröbsten Fehler mit Fußnoten zu korrigieren und das Buch mit einem Nachwort zu beenden : denn Barney Panofsky leidet immer stärker an Alzheimer....

Mordecai Richlers letzter Roman ist ein ironisch - gebrochenes Spiel mit Erinnerungen. Sein Barney ist ungebildet, grob, trinkt zu viel, aber ebenso verletzlich, aufrichtig und nicht selten sentimental. Denn auch nach der Trennung hängt er an Miriam, hält fest an der Beziehung zu seinen inzwischen erwachsenen Kindern. Und selbst die Tatsache, daß er seine Erinnerungen zur Korrektur seinem ältesten Sohn übergibt, hat einen überraschenden Hintergrund, der ebenso verblüfft wie die Lösung im Todesfall seines besten Freundes. Barneys Erinnerungen sind mäandrierend, abschweifend wie Sternes "Tristram Shandy", auf den sich Barney als Vorbild beruft, ebenso wie auf Samuel Johnson. Gleichzeitig benutzt Richler den Roman, um satirisch gegen "political correctness", die frankokanadischen Separatisten, Feministinnen, Liberale und viele andere zu schießen. Aber auch die sinnentleerte Fernsehproduktion, der Barney letztlich seinen Erfolg verdankt bleibt nicht verschont. Das Buch ist eine bissige, äußerst unterhaltende Satire auf den Kulturbetrieb und auf Kanada, doppelbödig und vielschichtig. Bis zum Ende des Romans bleibt der Leser der Erzählung und vor allem deren Erzähler verbunden und wird letztendlich mit gleich zwei Pointen belohnt, die Barneys Erinnerungen in vollkommen neuem Licht erscheinen lassen.

Thomas Wharton : Salamander

Während der Belagerung Belgrads durch die Osmanen verliert Graf Ostrow seinen Sohn, der aus vollkommen unbekannter Ursache auf dem Schlachtfeld stirbt. Ostrow quittiert den Dienst und zieht sich auf sein Schloß zurück. Seine Frau war kurz vorher im Kindbett gestorben, das Kind, Irena, hat überlebt. Als sie erkrankt, pflegt Ostrow seine Tochter, kann aber nicht verhindern, daß ihr Rückgrat dauerhaft geschädigt wird und sie nur noch mithilfe eines Stahlkorsetts sitzen oder stehen kann. Ostrow ist besessen von Rätseln und Unmöglichkeiten. Um einer Doppelbesteuerung zu entgehen, schafft er in seinem Schloß ein Labyrinth aus beweglichen Wänden und Mobiliar. Ostrows Besessenheit läßt ihn auch Kontakt zu dem Drucker Nicholas Flood aufnehmen und ihn ihn in sein Schloß einladen, denn der soll ein Buch ohne Anfang und Ende schaffen, in dem alle anderen Bücher enthalten seien. Flood, obwohl fleissig und ideenreich, verliebt sich jedoch in Irena, weshalb er eingekerkert wird. Erst nach vielen Jahren wird er von seiner Tochter, Pica, und seinem ehemaligen Gehilfen Dschinn befreit. Irena allerdings ist verschwunden, und so machen sich die drei auf, um sie überall auf der Welt zu suchen. Flood, der immer noch von der Idee des Buches ohne Anfang und Ende fasziniert ist, nutzt die Reise auch, um geeignete Materialien für sein Meisterwerk zusammenzutragen....

Der Roman ist eine Hommage an das Buch, an seine Herstellung ebenso wie an die Literatur. "Salamander" bewegt sich zwischen historischem und phantastischem Roman, spielt mit dem Leser und genauso mit der Literatur. Zunächst wirkt das Buch ein wenig gewöhnungsbedürftig, doch mit der Zeit entwickelt es einen eigenwilligen Sog, der den Leser in eine Welt aus Abenteuern, Literatur und Philosophie zieht. Wharton verwendet immer wieder verschiedene Erzählebenen, sodaß man meinen könnte, dieser Roman sei eben dieses : ein Roman ohne Anfang und Ende. Belesene werden darüber hinaus ihre Freude an verschiedenen literarischen Anspielungen haben.

Weitere Rezensionen :

Der Klang des Schnees

Jane Urquhart : Die Bildhauer

1866 verschlägt es den katholischen Priester vom bayrischen Inzell nach Kanada. Dort, in der kleinen Gemeinde Shoneval, von bayrischen Immigranten begründet, plant er den Bau einer Kirche, die an Größe und Pracht dort eher fehl am Platze ist. Unterstützung findet er bei Joseph Becker, einem Arbeiter in der Kornmühle, der einst die Bildhauerei gelernt hatte und nun zur Hälfte damit beschäftigt sein wird, Altäre, ein Kreuz und Heiligenfiguren aus Holz herzustellen. Gstir ist erfolgreich, aber die Krönung seiner Mühen, die Weihung der Glocke, erlebt er nicht mehr. Joseph Becker ist viele Jahre später bemüht, seine Fähigkeiten an seine Enkelkinder Tilman und Klara weiterzugeben. Der Junge interessiert sich nur für einen Teil dieser Kunst : Landschaftsreliefs, die seiner Unrast und seinem Fernweh entsprechen. Im Alter von zwölf Jahren reißt er aus, um lange Jahre nicht wiederzukehren. Als Landstreicher durchwandert er die Provinz Ontario, bis er auf Nicolò Vigamonti trifft. Mit diesem kehrt er zu dessen Familie zurück, befreundet sich mit seinem Sohn Giorgio und arbeitet zusammen mit ihm an den Verzierungen von Öfen. Als Soldat zieht er in den ersten Weltkrieg. Klara derweil hat die Bildhauerei nahezu mühelos und mit großem Talent erlernt. Jedoch muß sie sich - ebenso wie der Großvater einst - einer zweiten Tätigkeit widmen, um Geld zu verdienen : sie schneidert, und auch das mit großem Geschick. Sie verliebt sich in den jungen Iren Eamon aus einem Nachbarort. Eine intensive Liebesbeziehung beginnt, die jäh unterbrochen wird, als sich Eamon, in der Hoffnung, Pilot zu werden, als Freiwilliger für den Einsatz im ersten Weltkrieg meldet. Klara ist verletzt und verschließt sich dem weiteren Werben ihres Freundes. Einige Zeit später erfährt sie, daß Eamon nach der Schlacht bei Vimy vermißt wird. Sie gibt die Bildhauerei auf und wird mehr und mehr zur alten Jungfer, etwas seltsam und von den Nachbarn mißtrauisch beäugt. Erst 1934 kehrt Tilman nach Shoneval zurück. Er verlor bei der Schlacht von Vimy ein Bein. Als Klara von ihm erfährt, daß dort der Bau eines Mahnmal zu Ehren der 11.000 Vermissten geplant ist, drängt sie ihn, mit ihr dort hinzureisen. Und dort wird sich beider Leben verändern....

Es ist ein glänzend und elegant konstruierter Roman, der die Geschehnisse über den Zeitraum dreier Generationen miteinander verknüpft. Anhand vor allem der Person Klara werden Geschichte und ihre Auswirkungen sichtbar, so als würde die Welt in ein Gemälde gebannt, während Tilman eher etwas blass bleibt. Die Konzentration auf Klara und ihre Trauer hat aber ebenso zur Folge, daß das Leben, der Alltag in dem kanadischen Dorf nicht mehr als Kulisse bleiben. Ich habe diesen Roman gern gelesen, nicht zuletzt wegen des sprachlichen Genusses und der Eindringlichkeit der Darstellung. Und interessant waren die Bezüge und Gedanken, die sich bei der Schilderung des Mahnmals und der künstlerischen Arbeiten immer wieder entwickelten.

Thomas Wharton : Der Klang des Schnees

Im Jahre 1898 verunglückt der junge Arzt Edward Byrne auf einer Bergexpedition in den kanadischen Rocky Mountains und fällt in eine Gletscherspalte. Kopfüber bleibt er in einer Verengung der Spalte hängen, was ihn vor dem endgültigen Absturz bewahrt. Bis er vom Bergführer Frank Trask gerettet wird, vergehen Minuten, in dem er vom Farbspiel des Eises und von der Stille in Bann gezogen wird. Unvermittelt meint er, eine im Eis eingeschlossene geflügelte Figur entdeckt zu haben, möglicherweise einen Engel. Doch diese Wahrnehmung dauert nicht lange, denn das in die Gletscherspalte einfallende Licht verändert sich. Er wird verletzt geborgen und muß seine Genesung in einer nahegelegenen kleinen Ansiedlung, Jasper, abwarten. Um ihn kümmert sich Sara, Tochter eines indischen Dieners, der einst seinen Herren auf eine Bergexkursion begleitet hatte, und einer Indianerin. Sie erzählt ihm von der Expedition, an der ihr Vater einst, nicht ganz freiwillig, teilgenommen hatte.
Zurück in England versucht Byrne sein normales Leben wieder aufzunehmen, plant sogar eine Hochzeit. Aber der Unfall und das Gesehene beeinflussen ihn zu stark. Er wird depressiv, unnahbar, sodaß seine berufliche Karriere ins Schlingern gerät und auch die Beziehung zu seiner Verlobten zerbricht. So zieht er wieder in die Rocky Mountains, diesmal als Arzt einer Eisenbahngesellschaft. Jasper hat sich inzwischen verändert. Mit der Eisenbahn ziehen die modernen Zeiten in die Berglandschaft ein. Das Gletschergebiet selbst ist zum Naturschutzgebiet erklärt worden, Jasper, früher eine kleine Ansammlung von Hütten, wurde für die Eisenbahnstrecke verlegt und ist gewachsen. Frank Trask, der ehemalige Bergführer, hat sich ein feudales Anwesen gebaut und plant, die Gegend, touristisch zu erschließen. Byrne treibt es in seiner freien Zeit immer wieder an den Rand des Eisfeldes, er beobachtet die Beschaffenheit und Farbe des Eises, verfolgt das Voranrücken des Eises, sein Schmelzen und den Rückgang des Gletschers. Jahr für Jahr kehrt er immer wieder in das Gebiet zurück, und als er nicht mehr in Diensten der Eisenbahngesellschaft steht, siedelt er sich in einem einsamen Unterstand auf dem Berg an. Nur gelegentlich schaut er auf dem Anwesen von Frank Trask vorbei. Er wirkt auf die dort lebenden oder logierenden Menschen abweisend, kühl, aber auch geheimnisvoll. Sowohl Freya, eine recht emanzipierte Journalistin, als auch Elspeth, die auf dem Anwesen für die hauswirtschaftlichen Belange zuständig ist, finden ihn faszinierend. Freya beginnt eine Beziehung mit dem jungen Dichter Hal Rawson, Byrne nimmt nach längerer Zeit wahr, daß sich Elspeth für ihn interessiert. Beide Paare führen jeweils eine recht komplizierte Beziehung. Byrne führt derweil sein Einsiedlerleben mehr oder weniger fort, nur ab und an unterbrochen durch Elspeths Besuche. Es scheint, er wartet auf etwas....

Etwa fünfundzwanzig Jahre umspannt der Roman und schildert diesen Abschnitt von Byrnes Leben, seiner manischen Beschäftigung mit dem Gletscher, aber auch von der Entwicklung der ehemaligen Heimatstadt des Autors in den Rocky Mountains. Wenn auch literarisch verfremdet und fiktionalisiert, geht der Roman doch von realen Personen und geschichtlichen Ereignissen aus. Der Autor macht es einem oft nicht leicht, denn immer wieder gibt es Zeitsprünge, öfter Rückblenden. Dazu kommen gelegentliche Perspektivwechsel. Und doch fügt sich alles zu einem Ganzen, vielschichtig, schimmernd und faszinierend. Wharton gelingt es, diese Gletscherwelt in all ihrer Bedeutung zu erfassen und auch dem Leser zu vermitteln. Auf der einen Seite erlebt an den Einbruch der Zivilisation des 20. Jahrhunderts in die Naturidylle, zum anderen gewinnt er dem Eis, dem Gletscher eine Vielzahl von Bedeutungsebenen ab. Naturwissenschaft, Erdgeschichte und Philosophie, nicht zuletzt einiges an Metaphysik nehmen nicht nur die handelnden Personen, sondern auch die Leser gefangen. Für mich war dieses Buch lohnend und im besten Sinne ausfüllend.
(Allerdings werde ich mich nie an "Grisli" oder "Fassetten", diesen reformbedingten Ausfluß der orthographischen Grobmotorik gewöhnen können.)

Weitere Rezensionen :

Salamander

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Vikram Chandra
Der Gott von Bombay


Vikram Chandra
Bombay Paradise

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Die Kapitel und Fußnoten :

Ich kann noch zwei Autoren...
Ich kann noch zwei Autoren und ihre Bücher nachtragen...
tinius - 20. Aug, 15:40
Habe auch länger...
Habe auch länger darüber nachgedacht. manchmal...
AiHua - 20. Aug, 15:04
Aminatta Forna erhält...
Den LiBeratur - Preis 2008 erhält die Autorin...
tinius - 19. Aug, 18:59
Ja, es gibt immer wieder...
Ja, es gibt immer wieder weiße Flecken auf der...
tinius - 19. Aug, 17:27
Apropos Bulgarien
... es ist sehr spannend, wie nah (oder im Falle Bulgariens)...
Adele (anonym) - 19. Aug, 15:32
Autorenalphabet : D
Dahlquist, Gordon W. Die Glasbücher der Traumfresser Danailov,.. .
tinius - 17. Aug, 02:21
Georgi Danailov : Ein...
Seit jungen Jahren hegte der Naturwissenschaftler und...
tinius - 17. Aug, 02:19
ist so ne sache
mit veröffentlichung verstorbener! danke fürn...
woelfin - 14. Aug, 12:38
Dimitri Nabokov hat keine...
Dimitri Nabokov hat keine Kinder. Daher scheint mir...
tinius - 14. Aug, 05:50
Diese Welt ist so schlecht...
deswegen ist immer der erste Gedanke: Die/der braucht...
wvs - 14. Aug, 03:16

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Ein Fehler bei der Kassenabrechnung...
Ein Fehler bei der Kassenabrechnung ? Tröste Dich,...
meliterature - 20. Aug, 17:13
Gute Besserung, Titania....
Gute Besserung, Titania. Ich hoffe, das wird sich schnell...
rdh - 20. Aug, 17:08
Ich kann noch zwei Autoren...
Ich kann noch zwei Autoren und ihre Bücher nachtragen...
readingease - 20. Aug, 15:40
Du willst die lebendig...
Du willst die lebendig essen ? Wäre auf jeden...
libris - 19. Aug, 22:56
Getrocknete Ratten gab...
Getrocknete Ratten gab es immer in einem afrikanischen...
libris - 19. Aug, 22:02
Das dürfte wenig...
Das dürfte wenig sinnvoll sein.... Dann doch eher...
jequetepeque - 19. Aug, 21:53
Schreibe doch einfach...
Schreibe doch einfach an einen Zootierarzt !? LG...
jequetepeque - 19. Aug, 20:46
Wie merkst Du, daß...
Wie merkst Du, daß Dopingkontrollen versagen...
libris - 19. Aug, 17:38

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Online seit 375 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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