Italien

Alessandro Barbero : Das schöne Leben des Edelmannes Robert Pyle und die Kriege der anderen

Im Jahre 1806 wird man in den Vereinigten Staaten angesichts des französischen Expansionsdranges auf dem europäischen Kontinent allmählich unruhig, denn es scheint nicht ausgeschlossen, daß Napoléon Bonaparte auch Ambitionen hegt, auch amerikanisches Territorium seinem Einflußgebiet hinzuzufügen. Eilends wird ein Botschafter nach Großbritannien entsandt, um ein strategisches Bündnis zu schmieden. Allerdings braucht man auch Hintergrundinformationen vom europäischen Festland, insbesondere das Verhalten des preußischen Königs Friedrich Wihelm III. und das des russischen Zarenhofes soll erkundet werden. William Pinkney, der Botschafter am britischen Hof, wählt den aus Maryland stammenden jungen Anwalt und Genußmenschen Robert Pyle aus, die Interessen Amerikas in Berlin zu vertreten, auch wenn der Kongreß eher unwillig ist, Diplomaten in alle Welt zu entsenden. Im Frühjahr 1806 schifft Pyle sich ein und erreicht im Juli 1806 Amsterdam. Von nun an reist er mit Kutschen quer durch Deutschland, das allerdings in zahlreiche Fürstentümer geteilt ist. Über Münster, Hannover und Braunschweig reist Pyle recht mühsam nach Berlin, trifft regierende Fürsten, Generäle und andere Militärs und versucht ihre Haltung zu Frankreich und einem möglichen Krieg zu erkunden. Als Genußmensch fühlt sich Robert Pyle nicht wirklich wohl auf dieser langwierigen und anstrengenden Fahrt, zu sehr fehlen ihm Bequemlichkeit, gute Verpflegung und erotische Abenteuer. Und allzu widersprüchlich scheinen ihm die Einschätzungen seiner Gesprächspartner über die politische und militärische Situation angesichts der seit der Schlacht von Austerlitz geübten preußischen Neutralität, die das Königreich zunehmend isoliert hatte. Immerhin hatte Friedrich Wilhelm Rußland zugesichert, Napoléon nicht zu unterstützen, falls dieser gegen Rußland zu Felde ziehen würde. Schließlich in Berlin angekommen, wird Pyle am Hof akkreditiert, auch seine äußeren Lebensumstände verbessern sich wesentlich. Statt schmaler Kost und unbequemer Unterbringung kann er nun recht komfortable Verhältnisse genießen, wird in die bessere Gesellschaft aufgenommen und hat Kontakt zu Offizieren und Adligen, darunter den Prinzen Louis Ferdinand. Er besucht den literarischen Salon von Rahel Levin / Varnhagen von Ense, verkehrt in einem recht niveauvollen Bordell. Er freundet sich mit Major von Schack an und trifft auf Victoire, die er zunächst überhaupt nicht attraktiv findet, deren Verstand und Gedanken er aber alsbald zu schätzen lernt. Seine Erfahrungen mit dem preußischen Militär allerdings sind mehr als ernüchternd : vieles ist bloßer Schein, an Uniformen, Ausrüstung und Verpflegung der einfachen Soldaten wird gespart, das Exerzieren wirkt zwar beeindruckend, ist aber alles als auf den Ernstfall vorbereitend. Nur die Offiziere, die Verpflegung und Ausrüstung größtenteils selbst finanzieren müssen, stehen besser da. Die Beratungen zwischen der Armeeführung und dem Königshaus wirken unkoordiniert und unentschlossen, sodaß man im Kriegsfalle das Schlimmste erwarten könnte, zumal nicht Friedrich Wilhelm selbst, sondern der gebrochene und wenig enthusiastische Herzog von Braunschweig das Oberkommando der preußischen Armee innehaben wird. Pinkney beordert Pyle in das ehemalige polnische Staatsgebiet, das zu dieser Zeit als Ost - bzw. Westpreußen unter preußischer Herrschaft steht. Auch hier soll er die Stimmungslage erkunden, zumal gewisse Sympathien für die "demokratischen" Verbesserungen durch Napoléon vermutet werden können. In der Tat sind die Unterschiede in den materiellen Gegebenheiten zwischen Polen und preußischen Besatzern kaum zu übersehen. Hausen die deutschen Bauern in Häusern, gibt es für die polnische Landbevölkerung nur Katen - und Pyle muß einmal mehr auf die meisten der gewohnten Annehmlichkeiten verzichten. Bis nach Königsberg reist er und tritt erst dann die Rückreise an, als er den König auf dem Weg nach Sachsen weiß. Sachsen und Preußen sind militärisch verbündet - und dort will er sich der königlichen Entourage wieder anschließen. Mittlerweile hat Friedrich Wihlem sein Zaudern aufgegeben und den Franzosen das Ultimatum gestellt, seine Truppen umgehend aus Süddeutschland abzuziehen. Als Napoléon die Forderung ignoriert kommt es im Oktober zur Kriegserklärung. Mit seinem farbigen Diener Henry gerät Robert Pyle in die ersten Scharmützel und schließlich in die Schlacht bei Jena und Auerstedt, die in einer verheerenden Niederlage für die Preußen und Sachsen endet. Friedrich Wilhelm ist entmachtet, Preußen wird mehr oder minder zerschlagen. Pyle gerät in französische Gefangenschaft, mittellos, sein Diener getötet, und darf wegen seiner Stellung als Diplomat über Hamburg in die Vereinigten Staaten zurückreisen.

Alessandro Barbero ist Historiker und Dozent für Mittelalterliche Geschichte, hat allerdings neben einem Buch über Karl den Großen, sich wissenschaftlich auch mit der Schlacht bei Waterloo beschäftigt und einige Romane verfaßt, von denen allerdings nur dieser ins Deutsche übersetzt worden ist. Formal angelehnt an die Lebensbeschreibungen von Giacomo Casanova oder die Reisejournale von Lawrence Sterne oder Samuel Johnson ist dieser Roman eine äußerst detaillierte Reisebeschreibung quer durch das spätere deutsche Staatsgebiet, dessen erste Vereinigungsbestrebungen ausgerechnet durch Napoléon Bonaparte mit der Schaffung eines Süddeutschen Bundes angestoßen werden. Akribisch rekonstruiert Barbero Gebäude - von den einfachsten Landgasthöfen bis zu den Fürstenresidenzen, erkundet Stimmungen und Lebensgewohnheiten bei Bauern, Soldaten, Bürgern, Adligen und Politikern, schildert Begegnungen mit Geistesgrößen wie Jean Paul oder Goethe, mit Militärs wie General von Blücher oder dem späteren Militärtheoretiker von Clausewitz, und selbst der spätere, antisemitisch geifernde, Turnvater Jahn läuft seinem Ich - Erzähler Robert Pyle über den Weg. Pyle selbst ist Hedonist, dem leiblichen Wohl, zu dem er auch seine nicht unterentwickelte Sexualität rechnet, nicht abgeneigt, überzeugter Demokrat und steht der deutschen Kleinstaaterei und dem politischen Durcheinander eher leicht überheblich gegenüber. Daß ihn die Vereinigten Staaten, die weder über ein stehendes Heer verfügen (wollen), noch von der Notwendikeit diplomatischer Beziehungen wirklich überzeugt sind, finanziell an der kurzen Leine halten, fuchst ihn allerdings denn doch. Die Stärke dieses mit dem Premio Strega ausgezeichneten Buches ist allerdings gleichzeitig seine (nicht allzu große) Schwäche : auf über siebenhundert Seiten kann die Detailfreudigkeit, das akribische Beschreiben auch der letzten Kleinigkeit ab und an recht ermüdend sein, zumal die Erwartungen an einen eher konventionellen historischen Roman schlicht nicht erfüllt werden. Wer also eine - kompakte - (Abenteuer) - Geschichte erwartet oder die Entwicklung des Protagonisten erhofft, wird eher enttäuscht. Zwar hat auch dieser Roman seinen Beginn und einen Endpunkt, der den Ausgang einer - politischen - Entwicklung beschreibt, ist aber dennoch eher - fiktives - Journal und durch die Details recht weitschweifige Lebensgeschichte : immerhin werden auf knapp siebenhundertdreißig Seiten gerade vier Monate - von Juli bis Oktober 1806 abgehandelt. Dennoch hat genau dies, zumindest für den Leser, der etwa an Casanovas "Geschichte meines Lebens" in etlichen Bänden Gefallen gefunden hat, seinen Reiz. Mag auch die Gesamtsicht des Autors und Historikers Barbero eher modern sein, beläßt er seine Figuren in ihrer eigenen Geschichtlichkeit, modernisiert in keinem Fall ihr Denken oder transportiert durch sie oder ihre Handlungen Allegorien auf die Gegenwart. So ist etwa auch sein Protagonist Pyle keineswegs frei von dem in Europa grassierenden und durch Jahn vehement vertretenen Antisemitismus, der auf finstere zukünftige Entwicklungen weist, doch persönliche Begegnungen - etwa mit Rahel Varnhagen - relativieren dann doch dessen Vorurteile stark. Ebenfalls äußerst positiv aufgefallen sind mir die Schilderungen der Kriegshandlungen : weder heroisch noch maschinenhaft agierend kommen seine Soldaten daher. Auf einen Angriff folgen zunächst meist kopflose Fluchtversuche, die nur mit Mühe gebändigt und in wirkliche Kampfhandlungen überführt werden können. Und das gilt für Preußen und Franzosen. Auch wenn alles Geschilderte - zwangsläufig - mehr oder weniger fiktiv ist, sobald der Autor die großen Handlungslinien von Politik und Krieg verläßt, erweckt dieses Buch einen abgenehmen Eindruck von Authentizität. Barbero beläßt die real - historischen Vorgänge, die ja eh zumeist in Paris oder London stattfinden, eher im Hintergrund, ohne sie jedoch vollkommen aus den Augen zu verlieren. Stattdessen beschäftigt er sich lustvoll mit der realen Erlebniswelt seiner Figuren, mit ihren Persönlichkeiten und Charakteristika. Mag auch Pyle nicht wirklich begeistert von Deutschland bzw. dessen Fürstentümern und Königreichen sein - der Autor Barbero ist es anscheinend allemal. Beinahe liebevoll hat er sich in diesem Roman dem Wendepunkt einer historischen Epoche und den Auswirkungen auf eine damit konfrontierte vielschichtige Gesellschaft gewidmet. Für mich war dieses Buch, das allzu lange ungelesen in meinen Regalen stand, eine interessante, informative und durchaus unterhaltende Lektüre, die allenfalls ein wenig Lesedisziplin abverlangte.

Sowohl die gebundene Ausgabe als auch das Taschenbuch sind mittlerweile nur noch gebraucht erhältlich.

Claudio Piersanti : Luisa und die Stille

Luisa ist sechzig, Buchhalterin in einer Spielzeugfabrik in einer Stadt im Veneto. Sie ist, ihrem Beruf entsprechend, korrekt, beinahe penibel, und pflichtbewußt. Zu den Kollegen pflegt sie ein eher distanziertes Verhältnis, auch wenn sie die Firma als ein Zuhause zu empfinden gelernt hat. Sie lebt mit ihrem Kanarienvogel allein in einer kleinen Eigentumswohnung und beschränkt private Kontakte auf ein Minimum. Nur mit ihrer Cousine fährt sie ab und an aufs Land. Männer gibt es in ihrem Leben, seitdem sie sich zehn Jahre zuvor von ihrem Lebensgefährten Bruno getrennt hatte, nicht mehr. Den einzigen ernsthaften Interessenten hatte sie - in Erinnerung an die zurückliegende Beziehung - abschlägig beschieden. Als sie immer wieder Anrufe erhält, bei denen sich der Anrufer nicht meldet, verändert sich Luisa nach und nach. Sie hat Hitzewallungen, Angstzustände und leidet unter dem Lärm der jungen Motorradfahrer der Gegend, die sich just unter ihrem Fenster allnächtlich versammeln, solange es die Temperaturen zulassen. Als sie eines Tages bei der Arbeit unvermutet schwere Fehler begeht, beschließt sie, zu kündigen und in Rente zu gehen. Selbst daß der Fabrikbesitzer sie zur persönlichen Buchhalterin für seine privaten Finanzen erkoren hat, kann sie nicht mehr umstimmen. Sie zieht sich fast vollständig in ihre Wohnung zurück, leidet unter Schlaflosigkeit und erlebt mit halluzinatorischer Deutlichkeit Erinnerungen an ihre Eltern, an ihre vergangene Beziehung zu Bruno. Sie empfindet den Lärm als immer aufdringlicher und schreitet eines Tages mit etlichen Nägeln zur Tat : sie verteilt sie auf der Straße und hofft, etliche Reifen beschädigen zu können. Zwar gibt es einen Verletzten, bei dem sich einer der Nägel durch den Stiefel in den Fuß gebohrt hatte, aber einen Effekt hatte ihre Aktion keineswegs. Noch einmal rafft sie sich auf, ihr Leben aktiver zu gestalten und nimmt Schwimmunterricht, bei dem sie eine etwa gleichaltrige Malerin kennenlernt. Doch nach einer Reise an die Küste bleibt diese verschwunden, sodaß ein näherer Umgang mit ihr sich nicht ergeben kann. Inzwischen vereinsamt Luisa immer mehr, wird müder und antriebsloser. Kleine körperliche Beschwerden werden größer und beeinträchtigen ihr Leben immer nachhaltiger. Zuletzt entdeckt sie ein Melanom, dessen Existenz sie zu verdrängen sucht. Ein Arztbesuch kommt für sie nicht in Frage. Ihre Müdigkeit wird gravierender, sie geht nicht einmal mehr einkaufen, sondern läßt sich Lebensmittel ins Haus liefern. Sie verdämmert den Tag im Schlafanzug zwischen Bett und Fernseher, und selbst der unangemeldete, besorgte Besuch der Cousine ist ihr eher lästig....

Claudio Piersanti hat mit diesem Roman ein nüchternes, distanziertes Psychogramm einer alternden und vereinsamenden Frau geschaffen. Seine Erzählweise ist ebenso sachlich, neutral wie die Selbstwahrnehmung seiner Protagonistin. Er vermeidet es, die Sympathien des Lesers zu lenken, sondern bewahrt sich und den Lesern eine distanzierte Unvoreingenommenheit, die einen möglicherweise schaudernd vor diesem rasanten Abstieg einer bis dahin energischen und tatkräftigen Frau stehen lassen. In dem Roman mischen sich realistische Erzählung und halluzinatorisch - surreale Momente zu einer beklemmenden Schilderung der letzten etwa zwei Jahre eines Lebens. Diesem Roman ist wie auch der Protagonistin jede Larmoyanz, jedes Selbstmitleid oder Gefühlsseligkeit fremd. Luisa geht bewußt und erhobenen Hauptes dem Ende entgegen, ohne daß sie sich der gesammelten Tabletten für einen eventuellen Selbstmord bedienen müßte. Ich habe diesen Roman interessiert gelesen, ohne daß ich unberührt geblieben wäre. Insbesondere den klaren, sachlichen Stil und die Unaufgeregtheit des Erzähltones konnte ich als eine nicht zu unterschätzende literarische Qualität genießen.

Das Buch ist derzeit vergriffen und nur noch gebraucht erhältlich.

Davide Longo : Der Steingänger

Cesare hat ein recht bewegtes Leben hinter sich. Als Kind gelangte er mit den Eltern nach dem Krieg nach Marseille. Nur kurz besuchte er dort eine Schule und mußte sich bald als Hilfsarbeiter im Hafen verdingen. Nachdem der Hafenausbau beendet war, heuerte er auf verschiedenen Schiffen an. Als er mit den Mannschaftskameraden ein Schiff besetzte, da sich die Reederei weigerte, die Heuer zu bezahlen, schlug er einen Polizisten und wanderte für fünf Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung ging er zurück in das heimatliche Piemont. Wegen seiner Haftstrafe galt er auch hier als Außenseiter. Über Wasser hielt er sich mit Schmuggel - und Schleusertouren durch das grenznahe Gebirge. Auch sein Patenkind Fausto wies er in die Besonderheiten und Gefahren der Schleichwege ein, sobald dieser alt genug war. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert : Statt armer Italiener, die im Nachbarland ihr Auskommen suchen wollen, werden organisiert Schwarzafrikaner und Drogen über die Gebirgszüge geschmuggelt, und Cesare hat seine Tätigkeit an den Nagel gehängt, während Fausto zu seinm Nachfolger avancierte. Auch sonst hat sich vieles verändert in Cesares piemonesischem Tal, denn während Telefon, Autos und Fernseher Einzug hielten, wanderten die Leute in die Städte ab. Die verbliebenen Einwohner bilden eine schweigsame, beinahe verschworene Gemeinschaft, die wenigen jungen Leute fühlen sich zunehmend eingesperrt. Als Cesare nach der defekten Wasserversorgungsanlage schaut, findet er seinen Patensohn Fausto erschossen auf. Wie viele anderen Bewohner des Dorfes hat auch Cesare bald eine Vermutung, wer für den Tod verantwortlich sein könnte, doch die ermittelnde Kriminalpolizei stößt überall auf eine Mauer des Schweigens. Verschiedentliche Gespräche Cesares mit der leitenden Kommissarin haben die Tötung seines Hundes zur Folge, und Cesare ist gewarnt. Als ihn Sergio, einer der noch im Dorf verbliebenen jungen Leute, dessen Mutter schon vor vielen Jahren nach Marseille verschwunden ist, darüber informiert, daß er in einer leerstehenden Almhütte Menschen gesehen habe, weiß er, daß Fausto seinen letzten Auftrag nicht hat zu Ende bringen können. Mit Sergio macht er sich noch einmal auf die Schmugglerroute, um die Flüchtlinge nach Frankreich zu schleusen. Und dies ist alles andere als ungefährlich, denn neben den Unwägbarkeiten der schon im September verschneiten Berglandschaft wartet auch ein Schütze auf sie....

Davide Longo, der selbst aus dem Piemont stammt, verwendet als Schablone seines Buches die Konstruktion des Kriminalromans. Und der Leser kann sich durchaus darauf verlassen, daß er am Ende der etwa 170 Seiten zu einer - ihn hinlänglich überraschenden - Lösung gelangen wird. Und doch ist dieser Roman mehr oder anderes, als man von seiner Konstruktion hätte erwarten können. Möglicherweise vermittelt sich eingefleischten Krimilesern auf der suche nach neuem Lesestoff eher das Gefühl, sie hätten einen Fehlgriff getan, denn in diesem Roman geht es dem Autor vor allem um die Darstellung des Piemonts, seiner kargen, teilweise bedrohlich wirkenden Landschaften, seiner wortkargen und doch intuitiv kommunizierenden Menschen und der für diese Bergwelt bedrohlichen Entwicklungen der Moderne. Ebenso majestätisch wie einengend und bedrohlich wirken die Felsen, schnüren die Dörfer im Tal ein. Auch die Ansässigen, zumal die Jüngeren, verspüren die nur selten überwindbaren Grenzen, umso mehr als die Flucht in die Stadt oder ins Nachbarland Frankreich nicht immer eine Befreiung sein muß. Die soziale Kontrolle ist engmaschig und von Werten wie Ehre, Pflicht bestimmt. Dazu kommt die Wortkargheit, die bisweilen an immerwährendes Schweigen grenzt. Daß Begegnungen, Freundschaften oder gar Ehen möglich sein sollten, grenzt an ein Wunder, und doch teilt man etwas, das man sich nicht mitzuteilen braucht, mehr auch als das kollektive Schweigen über die organisierten Schleusungen und Schmuggeleien, deren mächtige Drahtzieher in der Stadt leben und deren Gefährdung nicht selten mit dem Tod bestraft werden. Davide Longo vollzieht das Schweigen ebenso wie diese - nonverbale - Kommunikation in seiner Erzählweise nach. Kaum dringt er in die Innen - oder Gedankenwelt seiner Figuren ein, verharrt nicht selten in der genauen Beobachtung ihrer Handlungen. Und oft genug erzählt er nicht einmal alles, läßt Freiräume und Lücken, ohne daß dies verhindern könnte, daß ein stimmiges, verzahntes und literarisch anspruchsvolles Gesamtbild entstünde. Der recht zurückgenommenen Sprache und Erzählweise gewinnt er in recht kurzen Abschnitten einen natürlichen und doch poetischen Ton ab, der seinem Thema und der Landschaft uneingeschränkt gerecht wird und dem Leser die Intenstät des Stoffes und der Darstellung vermittelt.

Ugo Riccarelli : Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß

Der - nicht allzu fiktive - Ich - Erzähler schildert in diesem Roman sein Leben von der Geburt bishin zu seiner Erschießung durch einen SS - Offizier. Bruno ist das dritte Kind eines angesehenen Tuchhändlers in einer kleinen galizischen Stadt, die zum Zeitpunkt seiner Geburt noch zur k.u.k. - Monarchie gehört. Im Krabbelalter erobert er die begrenzte Welt seines Elternhauses, in dem er Linien und Spuren auf den Fußböden betrachtet und fasziniert verfolgt, die Familienmitglieder und Besucher anhand von Schuhen und Beinen wahrnimmt. Ausflüge in den Stoffladen des Vaters und in die Synagoge erweitern bald seine kleine Welt. Hier stößt er auch auf Bücher, das Hauptbuch des Geschäfts, die Tora in der Synagoge, die ihn in ihren Bann ziehen. Doch bald überwiegt sein Drang zu zeichnen, die Linien der Fußböden nachzumalen, die Welt mittels Bildern festzuhalten. Währenddessen zieht die moderne Zeit in das verschlafene Städtchen ein, als am Stadtrand Öl gefunden und dann gefördert wird. Doch mit der Jahrhundertwende endet der Traum vom Wohlstand und der Industriegesellschaft in einer verheerenden Explosion. Bruno studiert an der Technischen Hochschule in Lemberg, findet wenig Anerkennung für seine Zeichnungen. Daheim beginnt die Familie zu bröckeln. Der Vater leidet erst an Schlaflosigkeit und widmet sich später monoman religiös - naturwissenschaftlichen Forschungen, bis er dann stirbt. Der ältere Bruder bleibt im Ersten Weltkrieg verschollen, die Schwester heiratet den Erben eines Bankhauses. Ihre Schwangerschaft und der Konkurs des Bankhauses, den ihr Ehemann nicht mehr abwenden kann, lassen sie sich grollend zurückziehen. Zurück in der Heimat arbeitet Bruno als Zeichenlehrer am örtlichen Gymnasium, verliert durch die schablonenhafte Vermittlung selbst die Lust am Zeichnen. Stattdessen beginnt er zu schreiben. Nicht für ein Buch, sondern in Briefen an einen ehemaligen Kommilitonen, der mittlerweile in einem Sanatorium liegt. Als dieser stirbt, versucht Bruno vergeblich, die ihm gesandten Texte zurückzuerhalten : sie sind aus seuchenhygienischen Gründen verbrannt worden. Sein Schaffensdrang gerät erneut in eine Krise, bis er bei einer Dichterlesung Jozefina kennenlernt. Beide verlieben sich, ihr schreibt er wieder Briefe mit seinen Texten. Und in ihrem Umfeld findet er Kontakte, die eine Veröffentlichung seiner Texte ermöglichen. Eine Ehe scheint ihm jedoch nicht möglich, zu gefangen ist er von seiner Familie, seiner Heimatstadt, seinem Schreiben, und auch seine ansatzweisen Fluchten wie eine Lesereise nach Paris gibt er recht schnell auf. Als seine Heimatstadt zunächst von der Roten Armee, dann von den Nationalsozialisten besetzt wird, schlägt er selbst die letzte Fluchtmöglichkeit mithilfe eines falschen Passes aus. Dies allerdings ist für ihn als Juden ein fataler Fehler....

Das Verfassen biographischer Romane ist immer gefährlich. Riccarelli geht in seinem Roman ein doppeltes Risiko ein, indem er einen Ich - Erzähler aus einer posthumen Perspektive erzählen läßt. Denn Bruno Schulz wurde von einem SS - Offizier auf offener Straße erschossen. Der Roman endet mit dem Lauf der Waffe an seiner Schläfe. Doch dem Autor ist das Wagnis mehr als nur gelungen, denn durch den Text treten Fragen nach Fiktion und Wirklichkeit vollkommen in den Hintergrund. es entstehen in diesem sprachlich nicht überhöhten Buch ein fesselnde Lebensgeschichte, ein hochinteressantes Psychogramm und damit eng verwoben eine Geschichte der Region Galizien vom österreichischen Kaiserreich über die kurze Phase der polnischen Unabhängigkeit bis zur aufeinanderfolgenden Besetzung durch Rote Armee und deutscher Wehrmacht. (Heute gehört das Gebiet zur Ukraine): Man gewinnt einen Einblick in jüdische Alltagskultur und das (Zusammen -) Leben von kleinen Handwerkern und Händlern, Polen und Juden. Mehr noch : indem Riccarelli wohldosiert surreale Elemente - Träume, Tagträume und Wahrnehmungen von Bruno - in die Geschichte einwebt, entsteht ein poetischer Text, der nicht nur auf das Werk des Autoren Bruno Schulz ("Die Zimtläden") verweist, sondern den Leser in einer eigentümlich angenehmen Atmosphäre gefangenhält. Ich kann nur angelegentlich empfehlen, dieses mit 186 Seiten recht kurze Buch zu lesen.

Dacia Maraini : Die Kinder der Dunkelheit

In diesem Buch sind zwölf Erzählungen enthalten, die auf Polizeiberichten und Presseveröffentlichungen beruhen und in der Mehrzahl Verbrechen an Kindern thematisieren. Nur vier Geschichten beschäftigen sich mit Verbrechen, in die ausschließlich Erwachsene verwickelt sind, sich jedoch im familiären Umfeld abspielen. In "Viollca, das albanische Mädchen" erzählt Dacia Maraini die Geschichte eines albanischen Mädchens, das - wie einige andere - von den Eltern nach Italien verkauft und dort zur Prostitution gezwungen wird. Isolation und körperliche Gewalt machen die Opfer gefügig, und ein Entkommen aus dieser Situation scheint unmöglich. "Tano, elf Jahre" berichtet von den vergeblichen Versuchen eines Jungen mit seiner Anzeige wegen sexuellen Mißbrauchs durch den Vater bei der Polizei und den Sozialbehörden Gehör zu finden. Aus den unterschiedlichsten Gründen schweigen alle in der Familie und belügen die nachfragenden Beamten und Sozialarbeiter, und erst die Tötung des jüngsten Bruders von Tano bringt eine Wende. "Alicetta" lebt eigentlich bei ihrem Großvater, aber als der erkrankt, wird das eher schwierige Mädchen in einem Pflegeheim untergebracht. Allerdings ändert sich das Wesen des Kindes bald darauf vollkommen, und es verweigert unvermittelt jede Nahrung, bis auch sie zu einem Fall für die Kommissarin Adele Sòfia geworden ist. Die Ermittlungen gestalten sich äußerst schwierig, denn ärztliche Diagnosen dienen dem Schutz des guten Rufs des Pflegeheims. In "Macaca" schildert die Autorin die unheilvolle Entwicklung einer Ehe. Zunächst vermeintlich harmlose erotische Spiele entwickeln sich recht schnell zu einem Geflecht aus Demütigungen und Gewalt für die Ehefrau. Im Verhör bei der Polizei enthüllt sie das Ausmaß dessen, was sie zu ertragen hatte, denn sie ist letzten Endes zu einer Täterin geworden....

Die Erzählungen zeichnen sich durch eine fast schockierende Nüchternheit aus. Sie sind nicht weit von der Sachlichkeit eines Berichtes entfernt, allerdings wählt die Autorin oft in dem ersten Teil einer Geschichte die Perspektive des Opfers. Erst nach der Tat wird die Polizei, vertreten vor allem durch die Kommissarin Adele Sòfia, zum Handlungsträger. Doch dann bleibt nicht viel mehr als Ermittlungsarbeit um die Ursachen und Täter ans Licht zu bringen. "Kinder der Dunkelheit" sind keine Kriminalgeschichten im landläufigen Sinne, sondern eher Fallgeschichten, die unfaßbare Verbrechen in den Mittelpunkt des Interesses rücken, fernab von jeder Spekulation oder auch nur einem Hauch von Voyeurismus. Gerade die nahezu emotionslose Nüchternheit macht die Lektüre erträglich und deckt Verhaltensmuster und Tabus recht gnadenlos auf. Das Buch ist für eher zartbesaitete Seelen wohl eher nicht zu empfehlen, auch wenn auf Blutrünstigkeit ebenso verzichtet wird wie auf das Verstärken der Geschehnisse durch dick aufgetragene Emotionalität. Aber allein die Vorgänge und Verbrechen sind durchaus geeignet, den Leser zu erschüttern. Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Mensch, das einzelne Opfer, und das Buch ist ein Plädoyer, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, ebenso wie mit den in den Familien und anderen Beziehungszusammenhängenden Strukturen von Komplizenschaft und Verdrängen.

Roberto Pazzi : Wer das Geheimnis erbt

Der Papst ist schwer krank und spürt, daß sein Tod nahe ist. So kommt er auf die Idee, seinem Nachfolger einen - recht umfangreichen - Brief zu hinterlassen, in dem er auf sein Leben zurückblickt, die Zwänge und Streitigkeiten der Jurie beleuchtet und nicht zuletzt die von ihm getroffenen Entscheidungen einer kritischen Betrachtung unterzieht. Im Rückblick ist er sich nicht immer sicher, den richtigen Weg gewählt zu haben oder genügend in Gang gesetzt zu haben. Und das umso mehr, als es im Vatikan verschiedene Parteien gibt, sodaß nicht gewährleistet ist, daß die von ihm angestrebte Politik von seinem ihm unbekannten Nachfolger fortgesetzt würde. Ihm, seinem Nachfolger und spirituellen Sohn, versucht er sich zu nähern, ihm die Mechanismen der Macht, die Geheimnisse des Vatikans und die aus dem Amt resultierende Einsamkeit zu erklären. Krankheit, das Interessengemenge der Kardinäle und Würdenträger und die Zwänge des geistlichen Daseins haben ihn einsam werden lassen, und selbst seine engsten Vertrauten kann er nur mit List und Bestechung dazu bringen, kleine Freiräume offen zu halten, so etwa den zeitweise recht wahllosen Fernsehkonsum oder unbehelligte Spaziergänge im Garten der Sommerresidenz "Castel Gandolfo". Und hier erscheint ihm zum ersten Mal Satan, um ihn zu versuchen. Die Rückgewinnung der Jugend ist dessen scheinbar nicht auszuschlagendes Angebot. Doch auch die Rettung ist unterwegs....

Der 2002 in Italien erschienene Roman ist ein fiktives und mit fantastischen Zutaten versehenes Portrait des jüngst verstorbenen Papstes Johannes Paul II., ohne daß dessen Name jedoch genannt würde. Zwar sind die Gedankengänge des Protagonisten eine Mischung aus Spekulation und Wunschdenken des Autors, jedoch ist Pazzi ein glaubwürdiges und menschlich nahegehendes Abbild eines Kirchenfürsten gelungen. Dessen Einsamkeit und unerfüllten Wünsche, dessen Zweifel und Reflexionen sind anschaulich und nachvollziehbar und illustrieren interessant und einfallsreich die Persönlichkeit und Gedankenwelt eines Mächtigen, eines klerikalen Würdenträgers. Der Roman arbeitet mit den Mitteln der Satire ebenso, wie mit dem Übersinnlichen, Fantastischen und einem gut recherchiert erscheinenden Realismus. Der Leser darf eine unterhaltsame, informative, spannende und bisweilen humorvolle Lektüre erwarten, die ihn bis zum Ende des Romans am Lesen halten wird. Die gewählte Perspektive des Ich - Erzählers gibt dem Autor einige Freiheiten, die Pazzi gut und glaubwürdig zu nutzen weiß.

Giuseppe Pontiggia : Zwei Leben

Ich - Erzähler und einer Protagonisten dieses Romans ist der Lehrer Frigerio. Während der Geburt seines Sohnes Paolo treten Komplikationen auf, und zögerliches und inkompetentes Handeln der Ärzte bewirken einen zeitweiligen Sauerstoffmangel. Folge ist eine spastische Lähmung. Der Vater, nicht unbeeinflusst von Schuldgefühlen, denn er hatte schon während der Schwangerschaft seiner Frau eine Geliebte, kann den Zustand des Jungen nur schwer akzeptieren. Eine Irrfahrt zu verschiedenen Ärzten und Fachleuten beginnt, doch nur wenige sind bereit, die schonungslose Wahrheit über die Unabänderlichkeit der Behinderung zu eröffnen. Eine gezielte und liebevolle Förderung würde die Lebensbedingungen von Paolo zwar erleichtern, jedoch die Probleme des Kindes nicht grundlegend ändern. Frigerio hat weit mehr Schwierigkeiten als seine Frau, sich damit abzufinden, und so kommt es ab und an zu quälenden Szenen, wenn der Vater vom Kind Unmögliches verlangt. Und immer wieder ist er gefordert, gegen Bürokratie und starre Strukturen anzugehen, um etwa die schulische Integration seines Sohnes durchzusetzen oder ihn anderweitig zu fördern. Meist hält er sich aber in der Familie zurück, schwänzt die Theateraufführungen in der Schule seines Kindes und verläßt sich ganz auf seine Frau. Erst spät erkennt er die positive Entwicklung von Paolo, und nur langsam werden ihm die Klugheit und die angenehmen Charaktereigenschaften von Paolo vollkommen bewußt, sodaß er lernt, die vorgegebenen Grenzen zu akzeptieren und auch zu respektieren. Nicht zuletzt der unvoreingenommene, natürliche Umgang von Paolos Freunden mit seinem Sohn kann ihn einiges lehren....

In mehreren kleinen Kapiteln schildert der Ich - Erzähler Schlüsselerlebnisse im Leben der Familie. Dies Kapitel sind immer allerdings auch mehr : ein innerer Dialog mit seinem heranwachsenden Sohn, Reflektion, essayistische Betrachtung über Behinderung, Diskriminierung und eine christlich geprägte Moral. Diese Form macht das Buch für mich manchmal ein wenig sperrig und abgehackt, andererseits sind die Erlebnisse und Ausführungen für mich immer wieder nachvollziehbar und bieten mir (ich bin ja selbst körperbehindert) doch einen recht hohen Wiedererkennungswert, was nicht immer angehme ist. Pontiggia bleibt dabei nicht nur ernst, sondern manches wird mit humorvollem Ton erzählt, so etwa die Theateraufführung gegen Ende des Buches, nachdem der Vater sich dann doch hatte aufraffen können, dort hinzugehen. Zwei Leben werden hier abgebildet, und das im zweifachen Sinne : das Leben des Vaters und des Sohnes einerseits und das zweite Leben des Sohnes, das durch konsequente Förderung und die Anerkennung auch der durch die Behinderung gegebenen Grenzen und die Entwicklung seiner durchaus eigenständigen Persönlichkeit gewonnen wurde. Pontiggias Buch ist ein Plädoyer für die Integration von Behinderten in diese Gesellschaft, ohne von ihnen immer wieder Unmögliches zu verlangen, ohne eine Überschreitung ihrer Grenzen und Möglichkeiten zu fordern, schlicht, einen Menschen so wahrzunehmen, wie er ist. Ich finde das Buch lesenswert, interessant und berührend, und wenn man sich auf das Fehlen eines von anderen Romanen gewohnten Erzählflusses eingerichtet hat, auch fesselnd.

Stefano Benni : Der Zeitenspringer

In seinem autobiographisch beeinflußten Roman schildert der Autor die Kindheit und das Heranwachsen des jungen "Saltatempo" in einem kleinen Ort in der Nähe von Bologna. Der Ich - Erzähler wächst in den fünfziger Jahren unter der Ägide seines Vaters auf, die Mutter ist früh verstorben. Viele der Dorfgemeinschaft sind ehemalige Partisanen, die Widerstand gegen Mussolini geleistet haben, nun kleine Handwerker, Landwirte und Gewerbetreibende, und immer noch politisch links. Saltatempo, dessen wirklichen Namen man nie erfährt, wächst in einer natürlichen, unzerstörten Landschaft auf, die neben Bäumen und Flüssen, Hügeln und Wiesen auch magische Elemente ihr eigen nennt. So begegnet Saltatempo einem Gott, der ihm die Gabe des "Uhrbiwerks" verleiht, die Fähigkeit nicht nur die realen Zeitabläufe, sondern auch die ihm eigene "innere" Zeit wahrzunehmen, die ungehindert in die Vergangenheit und in die Zukunft springen kann. Dies scheint auch nötig, denn die Zeiten ändern sich, als das italienische Wirtschaftwunder auch auf den kleinen Ort übergreift. Ein ehrgeiziger und am Profit orientierter Bürgermeister begünstigt den Autobahnbau, läßt das naturbelassene Gelände nach und nach zu Bauland für touristische Nutzung erschließen und verdient unter der Hand kräftig daran. Auch andere zwielichtige Gestalten finden den Weg in den Ort, es werden Drogen verkauft, Schläger bewachen den Bürgermeister und die neu gebaute Fabrik. Nach der Grundschule muß auch Saltatempo Veränderungen hinnehmen : die weiterführenden Schulen liegen in der entfernten Stadt, sodaß er nur am Abend, später nur am Wochenende ins Dorf zurückkehren kann. Nur die Freundschaft und beginnende Liebe zu Selene macht es ihm ein wenig leichter, denn die ist mit ihren Eltern in die Stadt gezogen und lernt eifrig, um später Medizin zu studieren. Saltatempos Vater verliert immer mehr Aufträge an mittelständische Unternehmen, die vom Bürgermeister begünstigt werden, beginnt zu trinken, und Vater und Sohn entfremden sich immer weiter. Saltatempo gerät in die politische Aufbruchstimmung der beginnenden Achtundsechziger. Es gibt Debatten, Vorträge von leibhaftigen Arbeitern oder einem zum Philosophen ummaskierten Clochard. Höhepunkt ist die Schulbesetzung, in der drei verschiedene politische Fraktionen die unterschiedlichen Stockwerke besetzt halten, bis die Polizei allesamt räumt. Die Bindung zu Selene wird enger, ist aber nicht von Rückschlägen frei. Die Freundschaften in seinem alten Dorf jedoch werden problematisch, denn einer seiner Freunde ist drogenabhängig, der andere ist Drogenhändler geworden. Durch die rücksichtslosen Baumaßnahmen hervorgerufen, kommt es zu einem verheerenden Erdrutsch, der einige Menschen tötet und etliche Häuser zerstört. Bei den Rettungsarbeiten kommt der Vater ums Leben, und Saltatempo schmiedet Rachepläne gegen die Verursacher. Sogar einen Revolver weiß er, zu finden....

Dieser Roman von Stefano Benni hat - im Gegensatz zu anderen Werken von ihm - mehr als ernste Untertöne. Zwar sind Selbstironie und ein Augenzwinkern immer präsent, doch kommen Bennis ansonsten doch anarchischer, surrealistischer Humor, seine äußerst böse Satire nur selten zum Einsatz. Wir haben es mit einem den Charakter des Buches bestimmenden Entwicklungsroman über das Erwachsenwerden eines Jungen im ländlich geprägten Italien zu tun, bereichert durch magische Momente und eine romantische, ernsthafte Liebesgeschichte. Wirklich herzhaft zum Lachen anregende Passagen finden sich vor allem dann, wenn er die revoltierende achtundsechziger Jugend, ihre Debatten und Aktionen mit spitzer Feder aufs Korn nimmt. Mag sein, es liegt an den Erwartungen, die man bei Büchern von Benni hegt, aber eine leichte Enttäuschung bleibt nicht aus. Mir bleibt das Gefühl, einem Drahtseilakt zugesehen zu haben, bei dem der Seiltänzer einge Male unabsichtlich leicht ins Schwanken geriet, ohne aber das Schauspiel denn doch ernsthaft zu gefährden. Seine Charaktere, vor allem die älteren Dorfbewohner sind liebevoll überzeichnet, transportieren aber ein heimeliges Gefühl von Zusammengehörigkeit und kauzigem Miteinander. Andere Personen, die Anwälte etwa, die sich gegen die Machenschaften im Dorf zur Wehr setzen sollen, werden durch einen Blick in die Zukunft, den ja das "magische" Uhrbiwerk Saltatempo immer wieder bietet, zumindest relativiert : der engagierte Junganwalt wird irgendwann ausgebootet, die Seniorpartner, noch ganz der linken Sache verbunden, rücken immer weiter ins rechte Lager. Daß es aber schon vorher nicht opportun erscheint, die Interessen des Dorfes und des Jungen engagiert wahrzunehmen, zeigt sich schon bald. Wirklich halt gibt dem "Zeitenspringer" (=Saltatempo) die nicht unkomplizierte Liebe zu Selene, einer ehemaligen Schulkameradin der ersten Zeit, die er erst als Touristin im Heimatort wiedertrifft und später in den gemeinsamen Jahren in der Stadt lieben lernt, zunächst schwankend von Eifersucht zu Begierde, aber dann doch fähig wird, ihre Charakterstärken und Eigenheiten wirklich zu schätzen. An ihr reift die Persönlichkeit des Protagonisten, nicht geradlinig, aber doch stetig. Es ist ein unterhaltsamer Roman mit ernstem zeitgeschichtlichen Hintergrund, der aber - gerade in Italien - nichts an Aktualität verloren hat. Bennis selbstironischer Ich - Erzähler ist angenehm, menschlich und macht auch manche verunglückt scheinende Wortspiele vergessen.

Natalia Ginzburg : Familienlexikon

In ihren Erinnerungen erzählt die Autorin von ihrer Familie, ihrem Leben in Turin und der Konfrontation mit dem Faschismus, die mit der Besetzung durch die Deutschen noch einmal bedrohlicher wird. Wir begegnen dem polternden, sich patriarchalisch gebenden Vater, einem Anatomieprofessor, der die Familie mit Gewaltmärschen in den Bergen traktiert, ihm nicht passendes Benehmen oder mangelndes Verständnis mit Vokabeln wie "Simpeleien" oder "Negereien" bewertet, letztlich aber nicht viel mehr als ein Papiertiger ist, der laut faucht, sich aber selten wirklich durchsetzen kann. Die Mutter hingegen gewöhnt sich nur schwer an neue Situationen, jeder Umzug, jede Veränderung macht sie zunächst traurig und unzufrieden, bis sie sich dann doch in das Neue hineinlebt. Trennungen akzeptiert sie nur widerwillig, umso mehr als sie nicht in der Lage ist, Beziehungen über eine größere räumliche Instanz aufrechtzuerhalten. Sie hat eine gute Beziehung zu Natalina, dem Dienstmädchen, zu Rina, der Schneiderin, mit denen sie nicht selten angeregte Stunden bei Arbeit und Plauderei verbringt. Vater und Mutter sympathisieren mit den Sozialisten und lehnen die faschistische Regierung unter Mussolini ab. Ihr Freundeskreis sind ebenfalls Sozialisten oder deren Sympathisanten, darunter der Ingenieur Olivetti, der durch seine Schreibmaschinenfabrik zu Wohlstand gekommen war. Sie sind auch daran beteiligt, sozialistischen Politikern die Flucht ins Ausland zu ermöglichen, allerdings sonst nicht weiter im Widerstand aktiv. Auch von den Verwandten der Eltern erzählt Natalia Ginzburg, die seltenen Begegnungen, oft auch nur Anekdotisches, das sich in Aussprüchen manifestiert, die unabhängig von den Situationen, in denen sie entstanden waren, zu stehenden Begriffen, zu Parolen geworden sind, die die Zusammengehörigkeit, den gleichen Erfahrungsschatz der Familie ausdrücken. Erst Natalias Brüder, die ihre Freunde unter eher radikaler denkenden jungen Menschen gefunden haben, beteiligen sich an Aktionen gegen die Regierung oder geraten in deren Dunstkreis mit unter Verdacht. Untereinander eher kaum verbunden stellen sie fest, daß sie dieselben Freunde haben und so treffen sie im Freundeskreis beinahe häufiger aufeinander als in der elterlichen Wohnung. Doch das politische Engagement birgt nicht geringe Gefahren. Der älteste der Brüder, Mario, muß in die Schweiz fliehen, als er beinahe mit antifaschistischen Flugblättern verhaftet wird. In Frankreich wird er bis zum Kriegsende bleiben. Der Vater und die Brüder werden verhaftet und müssen einige Zeit im Gefängnis verbringen. Als ein Freund der Brüder gefasst wird, muß Alberto, der Arzt werden will, in die Verbannung in ein kleines Dorf weitab von Turin. Erst viel später kann er sein Studium fortsetzen und als Arzt praktizieren. Natalia, die inzwischen Literatur studiert, lernt Giulio Einaudi kennen, der in Turin einen Verlag gründet, an dem Schriftsteller wie Carlo Levi und Cesare Pavese mitarbeiten. Hier lernt Natalia auch Leone Ginzburg kennen und lieben. Der wird wegen seines politischen Engagements in ein Dorf in die Abbruzzen verbannt. Natalia teilt sein Schicksal mit den gemeinsamen Kindern. Als die Deutschen Italien besetzen, arbeitet Natalias Vater gerade in Lüttich und wagt es - nicht zuletzt wegen seines jüdischen Glaubens - zwei Jahre lang nicht, in die Heimat zurückzukehren. 1944 wird Leone Ginzburg verhaftet und in einem römischen Gefängnis unter deutscher Aufsicht getötet. Natalia kehrt aus der Verbannung nach Turin zurück, findet mit ihren Kindern Unterschlupf bei der Mutter und arbeitet als Lektorin im Einaudi - Verlag. Die Familie ist weit verstreut, und nur wenige Bekannte und Freunde sind geblieben, denn viele wurden verhaftet, gingen ins Exil oder haben sich den Verhältnissen angepaßt....

Natalia Ginzburg ist eine genaue, akribische Beobachterin. Dennoch entstand kein praller, farbenprächtiger Familienroman oder ein lebendiges Erinnerungsbuch, wie man es in anderen Fällen gewohnt wäre. Die Autorin beschränkt sich auf den nüchtern - sachlichen Bericht, auf detailliert gezeichnete Skizzen, Beobachtungen und Anekdoten, ohne daß sie jemals in Versuchung gerät, zu interpretieren oder zu psychologisieren. So fällt auf, daß es nur wenige präzise zeitliche Wegmarken gibt, daß sie selbst kaum in Erscheinung tritt, sondern meist die anderen Mitglieder der Familie im Blickpunkt stehen. Und nicht weniger auffällig sind die Kargheit, die Sachlichkeit und Selbstbeschränkung ihrer Sprache, erklärbar durch einen tiefwurzelnden Skeptizismus gegenüber den bürgerlichen Phrasen ebenso wie den faschistischen Parolen, denen sie in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter ausgesetzt war. Und doch ergibt sich wie bei einer Patchworkdecke ein Gesamtbild nicht nur der Familie, sondern auch des Freundeskreises, der Turiner Gesellschaft insgesamt. Es erscheint uns ein präzises, kaum interpretiertes Abbild Turins in den dreißiger und vierziger Jahren während der Herrschaft Mussolinis und der nachfolgenden deutschen Besetzung. Und ebenso interessant ist das Auseinandertreiben der Familie durch die Wechselfälle des Lebens und die immer wieder wirksam werdenden politischen Folgen der italienischen Zeitgeschichte. Am Ende gibt es untereinander nur noch wenige intakte Verbindungen; nur eines eint sie noch, läßt die Zusammengehörigkeit und damit die einstige Nähe wieder aufleben : das "Familienlexikon", die immer wieder erzählten stehenden Redensarten der Verwandten, die wie ein Erkennungszeichen ausgetauscht werden. Wiewohl meistens eher sachlich, berichtend, ist in diesem Buch auch nicht selten Humor spürbar, etwa wenn der grantelnde und autoritär erscheinende Vater als eher nur bellender Hund enttarnt wird. Charaktere und die ungewohnte, aber reizvolle Erzählweise tragen zu einer interessanten und bereichernden Leseerfahrung bei, die ich gerne weiterempfehlen möchte.

Ich lese gerade :


Vikram Chandra
Der Gott von Bombay


Vikram Chandra
Bombay Paradise

Der Autor :

Abonnieren :

Der Leser :

Du bist nicht angemeldet.

Bibliographische Recherche :

 

Die Kapitel und Fußnoten :

Ich kann noch zwei Autoren...
Ich kann noch zwei Autoren und ihre Bücher nachtragen...
tinius - 20. Aug, 15:40
Habe auch länger...
Habe auch länger darüber nachgedacht. manchmal...
AiHua - 20. Aug, 15:04
Aminatta Forna erhält...
Den LiBeratur - Preis 2008 erhält die Autorin...
tinius - 19. Aug, 18:59
Ja, es gibt immer wieder...
Ja, es gibt immer wieder weiße Flecken auf der...
tinius - 19. Aug, 17:27
Apropos Bulgarien
... es ist sehr spannend, wie nah (oder im Falle Bulgariens)...
Adele (anonym) - 19. Aug, 15:32
Autorenalphabet : D
Dahlquist, Gordon W. Die Glasbücher der Traumfresser Danailov,.. .
tinius - 17. Aug, 02:21
Georgi Danailov : Ein...
Seit jungen Jahren hegte der Naturwissenschaftler und...
tinius - 17. Aug, 02:19
ist so ne sache
mit veröffentlichung verstorbener! danke fürn...
woelfin - 14. Aug, 12:38
Dimitri Nabokov hat keine...
Dimitri Nabokov hat keine Kinder. Daher scheint mir...
tinius - 14. Aug, 05:50
Diese Welt ist so schlecht...
deswegen ist immer der erste Gedanke: Die/der braucht...
wvs - 14. Aug, 03:16

Collegae /Amici :

Randnotizen anderswo :

Ein Fehler bei der Kassenabrechnung...
Ein Fehler bei der Kassenabrechnung ? Tröste Dich,...
meliterature - 20. Aug, 17:13
Gute Besserung, Titania....
Gute Besserung, Titania. Ich hoffe, das wird sich schnell...
rdh - 20. Aug, 17:08
Ich kann noch zwei Autoren...
Ich kann noch zwei Autoren und ihre Bücher nachtragen...
readingease - 20. Aug, 15:40
Du willst die lebendig...
Du willst die lebendig essen ? Wäre auf jeden...
libris - 19. Aug, 22:56
Getrocknete Ratten gab...
Getrocknete Ratten gab es immer in einem afrikanischen...
libris - 19. Aug, 22:02
Das dürfte wenig...
Das dürfte wenig sinnvoll sein.... Dann doch eher...
jequetepeque - 19. Aug, 21:53
Schreibe doch einfach...
Schreibe doch einfach an einen Zootierarzt !? LG...
jequetepeque - 19. Aug, 20:46
Wie merkst Du, daß...
Wie merkst Du, daß Dopingkontrollen versagen...
libris - 19. Aug, 17:38

Verlagsangaben :

Online seit 375 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

Danksagung :

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB

Marketing :

Verkaufsstatistik :




A - Z Autoren
Aegypten
Albanien
Argentinien
Australien
Belgien
Bulgarien
China
Deutschland
Estland
Frankreich
Griechenland
Grossbritannien
Indien
Irland
Island
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren