Grossbritannien

Stef Penney : Die Zärtlichkeit der Wölfe

1867 ist der Norden der kanadischen Provinz Ontario noch immer wenig bevölkert. Nur wenige Ortschaften und ein paar Vorposten bilden die zivilisatorischen Anfänge in diesem pelztierreichen Gebiet. Ordnungsmacht ist die "Hudson Bay Company", die den Pelzhandel quasi monopolisiert und die dort beheimateten Indianerstämme mit Handelsgütern und Alkohol abhängig gemacht hat. In der kleinen Ortschaft Dove River wird der französischstämmige Pelzhändler Laurent Jammet, der unter den vorwiegend schottischen Einwanderern eher als Außenseiter galt, ermordet. Mit durchschnittener Kehle und skalpiert liegt er in seiner Blockhütte, wo ihn Mrs. Ross auffindet. Sie ist weniger schockiert als besorgt, denn ihr siebzehnjähriger Adoptivsohn Francis, der häufig mit dem einsiedlerisch lebenden Jammet Kontakt hatte, ist etwa zur Tatzeit verschwunden. Die Company schickt zwei Ermittler in den Ort, die den Täter dingfest machen sollen. Verdächtige sind schnell gefunden : ein Halbblut, der alsbald festgesetzt wird, und Mrs. Ross' Sohn, der weiterhin verschwunden bleibt. Aber auch andere Täter und Motive kommen infrage : Jammet soll eine Konkurrenz zur allgegenwärtigen "Hudson Bay Company" aufgebaut haben, die das Monopol im Pelzhandel massiv bedrohte, und ein ehemaliger Fährtensucher und Journalist zeigt deutliches Interesse an einer kleinen Tafel mit Schriftzeichen, die er einer alten indianischen Zivilisation zurechnet. Würde sich das bestätigen, wäre das eine Revolution in der Geschichtsschreibung, da man bislang allgemein davon ausging, es gäbe keine indianische Schriftkultur. Während Mackinley alles dafür tut, um den Halbindianer William Parker zu einem Geständnis zu bewegen, macht sich sein Untergebener Donald Moody auf den Weg in die Wildnis, um Francis zu finden. Nach einem beschwerlichen Weg durch die verschneite Wildnis findet er ihn schließlich in einem kleinen Dorf tief religiöser Norweger. Nach einem Unfall war er nur zufällig gefunden und gerettet worden. Da Moody bei ihm Geld und andere Gegenstände aus dem Besitz Jammets findet, ist er überzeugt, den Täter vor sich zu haben. Francis Ross behauptet, er sei dem Täter in die Wildnis gefolgt, den er beim Verlassen von Jammets Blockhütte beobachtet hatte. Und in der Tat gab es eine zweite Spur. Als Parker vom Ortsvorsteher aus der Haft entlassen wird, weil Mackinley ihn mit Schlägen zum Reden hatte zwingen wollen, schließt sich Mrs. Ross ihm an, um ihren Sohn zu finden und möglichst zu entlasten. Auch die beiden gelangen in das Dorf der Norweger und können Moody überreden, der zweiten Fährte in die Wildnis zu folgen. Donald Moody, der sich seines selbständigen Handelns endlich freuen konnte und nur durch die fehlende Transportfähigkeit Francis' daran gehindert wurde, ihn zurückzuschaffen und sein Handeln gewürdigt zu sehen, ist immerhin pflichtbewußt und wahrheitsliebend genug, auch entlastenden Tatsachen nachzugehen. Und so brechen Parker, Mrs. Ross und Donald Moody noch einmal in die Wildnis auf, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Einzig ein abgelegener Vorposten der "Hudson Bay Company" ist ein Fixpunkt auf ihrem strapaziösen und gefährlichen Weg. Als sie schließlich im Fort eintreffen, finden sie desolate Zustände vor : der Leiter des Postens befindet sich auf der Jagd, sein Stellvertreter ist laudanumabhängig und teilt sein Bett mit einer Indianerin. Als Mrs. Ross ein Gespräch mithört, erfährt sie, daß es noch eine Person im Fort gibt, von dessen Existenz die Besucher nicht erfahren sollen... .

Nicht zu Unrecht ist dieser Roman 2006 als bester Debütroman und bestes Buch des Jahres mit dem Costa Book Award ausgezeichnet worden. Stef Penney ist ein interessanter, unterhaltsamer und spannender Genremix aus Kriminalroman, historischem Roman und Liebesgeschichte gelungen. Die Geschichte ist recht konventionell erzählt und konzentriert sich auf die Handlung, Landschaftsbeschreibungen und die Personen, ohne daß der Leser auf einen theoretischen Überbau träfe, der eigentlich bei einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaften der Autorin zu vermuten gewesen wäre. Einzig die wechselnden Erzählperspektiven fallen auf, sind aber durch den Handlungsablauf an drei, vier verschiedenen Orten bedingt. Denn die Ich - Erzählerin, Mrs. Ross, von der wir nie den Vornamen erfahren werden, kann ja nur an einem Ort gleichzeitig sein, während zur gleichen Zeit sich andernorts andere Handlungsstränge entwickeln, die aber letztendlich zusammengeführt werden und den Handlungsverlauf abrunden. Mrs. Ross ist die eigentliche Hauptperson des Romans, eine starke und selbstbewußte Frau, als Jugendliche wegen Angstzuständen in einem Sanatorium, später laudanumabhängig und etwa sechzehn Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Handlung mit ihrem Ehemann aus Schottland nach Kanada eingewandert. Nach einer Totgeburt hatte sie auf eigene Kinder verzichten müssen, aber gelernt, ihren Adoptivsohn zu lieben, auch wenn dieser mit den Jahren immer abweisender geworden ist. Selbstbewußtsein, Klugheit, ein gewisser Hang, sich Konventionen zu widersetzen, und Mutterliebe lassen sie stark genug sein, um das Wohl ihres Kindes zu kämpfen und auch existentielle Wagnisse einzugehen. Und sie ist nicht die einzige starke Frau in diesem Roman : in der Doppelortschaft Dove River / Caulfield gibt es Maria, eine Tochter des Ortsvorstehers, die durch ihren Verstand Donald Moody mehr beeindruckt als er zunächst bemerkt und wahrhaben will, hat der sich doch eigentlich in deren schöne Schwester Susannah verliebt. Eine dritte starke Persönlichkeit ist Line, eine Norwegerin, die nach dem Verschwinden ihres Mannes als alleinerziehende Mutter ohne finanziellen Rückhalt in die tief religiös geprägte Gemeinschaft ihrer Landsleute gezogen ist, dort allerdings nie recht heimisch wurde. Eine der wesentlichen Stärken der Autorin ist es, daß sie ihren wichtigen Personen nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Geschichte und eine Entwicklung gibt, sodaß die Figuren lebendig und authentisch wirken. Eine weitere Stärke ist ihre Fähigkeit, die Landschaft eindrucksvoll und nachhaltig zu beschreiben, gleichzeitig ihre Schönheit und Gefährlichkeit zu evozieren. Und dies scheint einigermaßen verwunderlich, ist sie doch niemals selbst in Kanada gewesen, sondern hat sich das Wissen um Land und Landschaft in Bibliotheken erarbeitet. In Kombination mit einer spannenden Krimi - Handlung ergibt sich daraus ein lesenswertes und nicht wenig informatives Buch, das auch durch den flüssigen, angenehmen Stil zu überzeugen weiß. Wer nach gehobener und gekonnter Unterhaltung sucht, ist mit diesem Buch sicherlich gut beraten und dürfte seine Wahl nicht bereuen.

David Mitchell : Der Wolkenatlas

David Mitchell verwebt in seinem Roman fünf verschiedene, stilistisch und sprachlich von einander getrennte Erzählstränge zu einem sechsten, der die Essenz der einzelnen Erzählungen zu einer drastischen und umfassenden Konsequenz führt. Im 19. Jahrhundert schließt sich ein amerikanischer Arzt einer Expedition in die Südsee an und erlebt hautnah den Rassismus und die Ausbeutung durch die britischen Kolonialherren. Ohnmacht und Fassungslosigkeit lassen ihn Trost in einer Freundschaft zu einem britischen Arzt suchen und scheinbar auch finden. Erst sehr spät, beinahe zu spät, muß der Anwalt erkennen, daß sein Freund alles andere als ein Wohltäter ist. Im zweiten Handlungsstrang lesen wir die Briefe eines jungen Komponisten. Er ist so hoch verschuldet, daß ihm wenig anderes bleibt, als außer Landes zu fliehen, um seinen Gläubigern zu entgehen. In Belgien findet er 1931 Unterschlupf bei einem Komponisten, dessen Genialität er lange bewundert hatte. Bald ist er dessen Adlatus und findet außerdem Gelegenheit, eigene Kompositionen zu schreiben. Allerdings ist der Idylle keine lange Dauer beschieden, denn er findet recht bald heraus, daß der bewunderte Meister ihn hemmunglos plagiiert und seine Ehefrau benutzt, um den jungen Flüchtling mittels sexueller Abhängigkeit weiter an sich zu binden. In einer dritten Geschichte erzählt Mitchell von einem Verleger, den sein Bruder in ein Altenheim einweisen läßt, obwohl der gar keiner Pflege bedarf. Schlimmer noch : Das Heim erinnert weniger an eine Pflegeeinrichtung als an eine geschlossene Psychiatrie, in der die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt wird und menschenunwürdige Pflegemethoden praktiziert werden. Ein Entkommen scheint unmöglich. Dennoch tut sich der Verleger mit Mitpatienten zusammen und begibt sich auf eine recht abenteuerliche Flucht. Im Stil eines Kriminalromans werden die Leser in der vierten Geschichte mit dem Schicksal einer jungen Journalistin konfrontiert. Durch Zufall stößt sie auf Hinweise, daß es in der Atomindustrie seit langem bekannte, doch verschwiegene massive Sicherheitsprobleme gibt. Mit journalistischem Eifer begibt sie sich auf die Jagd nach weiteren Informationen und Quellen, muß aber bald feststellen, daß sie selbst zur Gejagten geworden ist. Eine fünfte, in der Zukunft angesiedelte Geschichte ergänzt das so unterschiedliche Quartett : hier begegnet der Leser einer in der Retorte gezüchteten Mitarbeiterin der Systemgastronomie, die in diesem zukünftigen Jahrhundert bis zur Perfektion entwickelt worden ist. Obwohl dieser weibliche Klon eigens für ihre Arbeit gezüchtet wurde und eigentlich keine eigenen weitergehenden Impulse entwickeln dürfte, wird sie unversehens zur Rebellin und zur Hoffnung für viele, die aktiv die herrschenden Zustände bekämpfen. Jedoch bleibt ihr nicht die Erkenntnis erspart, daß sie von den Machthabern instrumentalisiert worden ist. In einer noch ferneren Zukunft entwirft die sechste Geschichte, auf die alle anderen letztendlich hinauslaufen, ein noch düstereres Bild : Die westliche Zivilisation ist untergegangen. Die wenigen Überlebenden treffen auf Hawai auf zwei Stämme der hawaianischen Ureinwohner....

Eigentlich hatte ich das Buch Ende 2005 gelesen, zu einer Zeit, in der ich mein ursprüngliches Blog geschlossen, ein neues noch nicht begonnen hatte. Somit hatte ich nur in einem Forum meine Eindrücke grob geschildert, die ich nun hier - überarbeitet, dennoch lückenhaft - wiedergeben will, da diese Buch für mich zu den literarischen Highlights der letzten Jahre zählt und zudem enge Bezüge zur jetzigen Lektüre und zu weiteren geplanten Lesestoffen aufweist.
Mitchell unternimmt in seinem Roman nichts weiteres, als eine Art fiktiver Menschheitsgeschichte, Literatur - und Ideengeschichte zu entwerfen, deren Pessimismus notwendig im Weltuntergang mündet. Er bedient sich verschiedener literarischer Muster, etwa der Expeditionsberichten - und Tagebücher der Kolonialzeit, der Brief - und Künstlerromane, der Genres Science Fiction und Kriminalroman, adaptiert sie mit eigenem Können und Stil zu einem nur auf den ersten Blick disparat erscheinenden Ganzen. Er beherrscht die Klaviatur des Erzählens und gestaltet die Form des Romans vollkommen neu. Eines der herausstechendsten Merkmale ist der formale Aufbau des Buches : in zeitlicher Reihenfolge reihen sich die jeweiligen, bis zur Hälfte erzählten fünf Geschichten aneinander, bis sie in den Mittelteil münden, der ausführlich und eindrucksvoll den Untergang der bekannten Zivilisation (und mehr) schildert, um dann in umgekehrter Reihenfolge zuende erzählt zu werden. Diese Gestaltung macht es dem Leser zunächst schwer und vermittelt den Eindruck des Disparaten, sogar Unfertigen, doch bleibt nach der letzten Seite der Eindruck eines homogenen und gewaltigen Ganzen, dessen Erarbeitung gelohnt hat. Zu verdanken ist das dem erzählerischen Talent des Autors, der durchaus weiß, wie und wann er Spannungsbögen zu verwenden hat, um den Leser bei der Stange zu halten und ihn zu seinen Schlußfolgerungen zu geleiten. Dazu gehört, daß der Autor Distanz zu seinen Figuren behält, sich hauptsächlich hinter den verwendeten literarischen Formen verbirgt. Im weitesten Sinne kann man diesen Roman der Postmoderne zurechnen, es als Spiel mit Formen, Zitaten und Inhalten begreifen, allerdings ist aus dem ursprünglich eher unbelasteten Spiel inzwischen ernst(e) Literatur geworden, die ich mehr als nur faszinierend, sondern eher als eine Befriedigung empfand und der ich viele gleich empfindende Leser wünsche.

Mark Haddon : Der wunde Punkt

Für George Hall und seine Familie beginnt eine harte Zeit, als er eines Tages beim Anprobieren einer Hose eine tumorartige Veränderung seiner Haut feststellt. Gerade ist ein Freund gestorben, und nun befürchtet er, selbst totkrank zu sein. Auch die Auskunft des Arztes, es handele sich nur um ein leicht behandelbares Exzem, kann ihn kaum beruhigen. George, der sich in seinem Rentnerdasein ausschließlich auf die Errichtung eines Anbaus seines Hauses als Lebensinhalt konzentriert, ist zutiefst verunsichert. Die Nachricht, daß seine Tochter Katie ein zweites Mal zu heiraten gedenkt, stößt bei ihm und auch dem Rest der Familie auf alles andere als Begeisterung, denn Ray, ihr Lebensgefährte, erscheint ihnen zu wenig gutbürgerlich und kultiviert und stellt damit das genaue Gegenteil der kunstinteressierten Tochter dar. Seine Vorteile, ein ausgeprägter Pragmatismus, ein Gespür im Umgang mit Menschen und im besonderen mit Katies Sohn Jacob, nicht zuletzt seine tief empfundene Zuneigung, sind augenscheinlich nicht geeignet die allseits herrschenden Zweifel zu zerstreuen. Selbst Katie ist nicht wirklich sicher, ob sie ihn liebt oder die Geborgenheit und Sicherheit genießt. Als Ray Katie wegen eines Treffens mit ihrem Ex - Mann eifersüchtig eine Szene macht, kommt es zum Zerwürfnis. Auch Katies Bruder Jamie, ein homosexueller Immobilienmakler, wird durch die geplante Hochzeit in Mitleidenschaft gezogen. Zum einen schätzt auch er den zukünftigen Ehemann Ray wenig, zum anderen versucht er seinen Freund Tony davon abzuhalten, die auch an ihn gerichtete Einladung zur Feier anzunehmen, genau wissend, daß seine Eltern seiner Homosexualität - und damit seinem Freund - eher zwiespältig gegenüberstehen, umso mehr als sie befürchten, den Gästen und Verwandten ein Klatschthema zu bieten. Tony wirft seinem Freund Jamie mangelnde Unterstützung und Liebe vor, sodaß er die Beziehung beendet und nach Kreta reist. Die familiäre Situation eskaliert, als sich George den vermeintlichen Tumor mit einer Nagelschere herausschneidet und das Haus mit Blut vollsudelt. Hypochondrie, Todesangst und die Entdeckung, daß seine Frau ihn seit längerem mit einem ehemaligen Arbeitskollegen betrügt, lassen ihn vollkommen entgleisen. Nach einer weile raufen sich zumindest Katie und Ray wieder zusammen, sodaß die Hochzeit dann doch stattfinden kann, wenn auch etwas weniger organisiert als geplant, da die meisten Arrangements inzwischen abgesagt wurden. Doch schon der Vorabend der Hochzeitsfeier bringt neue Schwierigkeiten : eine Toilette ist verstopft, der Boden des Festzeltes von Regen überflutet und Verwandte bringen zur Feier einen Hund mit, vor dem sich Jacob fürchtet. Am Tag der Trauung dann verschwindet George, der sich überfordert fühlt, zunächst spurlos. Frau und Kinder geraten in Panik. Als er gefunden wird, nimmt er einige Tabletten Valium, um einigermaßen entspannt der Hochzeit beiwohnen zu können. Allerdings sind es wohl einige zuviel, die er außerdem mit Alkohol kombiniert. Und das hat Folgen....

Das Thema Familie - eigentlich eines der Grundthemata der Literatur - ist seit einigen Jahren wieder deutlicher in den Vordergrund moderner Romane gerückt. In seinem zweiten Roman bringt Mark Haddon seine Variation des Familienromans - tragikomisch und äußerst unterhaltsam. Zwar erscheint die Häufung der Konfliktlinien in diesem Buch auf den ersten Blick etwas künstlich und konstruiert, doch weiß der Autor den Leser mit leichter Hand darüber hinweg zu geleiten. Mehr noch trägt die leichte Überzeichnung der eigentlich an allen denkbaren Stellen zerrütteten Konstellation nicht wenig zum Unterhaltungswert und der liebevoll - komischen Behandlung der Geschichte und iher Figuren bei. In abwechselnden Kapiteln begleitet der Erzähler jeweils die vier Hauptakteure und schildert den Fortgang der Ereignisse. Somit ist gewährleistet, daß jeder Figur Gerechtigkeit widerfährt, niemand denunziert oder der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die Personen durchleiden wirkliche Konflikte, die aus Entfremdung und mangelnder oder falsch getimeter Kommunikation herrühren oder auf der Unfähigkeit, Gefühle zu erkennen, einzuordnen und zu äußern, basieren. Fast jeder hütet Geheimnisse, manch einer bringt Verschwiegenes gerade im unpassendsten Moment zur Sprache. Mark Haddon läßt seine Figuren lernen und Vorurteile und Abgrenzungen abbauen. Diese Lernprozesse sind nicht selten schmerzhaft, nie sonderlich schnell, aber immerhin kann der Roman recht versöhnlich ausklingen. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen, denn der Autor hat es durchaus verstanden, eine recht leichte Erzählweise mit tiefgründigen Gedanken und Einsichten zu kombinieren, ohne an irgendeiner Stelle den moralischen Zeigefinger zu erheben. Nur die Befreiung Georges von einem fast psychotischen Verhalten zu einem einsichtigen und handlungsfähigen Subjekt erschien mir etwas zu plötzlich, auch wenn bewußt bleibt, daß dies nur ein erster Schritt hin zu einem funktionierenden Familienleben und einer wieder intakten Ehe sein kann. Ich denke, die Figuren werden einem recht lange im Gedächtnis verbleiben, so menschlich, kantig und ernstzunehmend hat der Autor sie gestaltet.

Weitere Rezensionen :

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Ian McEwan : Am Strand

Im Jahr 1962 heiraten Edward und Florence. Nach den Feierlichkeiten haben sich beide zu zweit in ein Hotel an der Kanalküste zurückgezogen, um gemeinsam zu Abend zu essen und dann die Hochzeitsnacht zu verbringen. Weder Florence, Tochter aus gutem Hause und Musikerin und Initiatorin eines musikalischen Quartetts, noch Edward, der Junge vom Lande, der seit seinem fünften Lebensjahr mit einer durch einen Unfall hirngeschädigten Mutter aufgewachsen ist, haben sexuelle Erfahrungen. Das Geschlechtliche kennen sie allenfalls vom Hörensagen oder aus wenig hilfreichen Ehefibeln. Entsprechend groß sind Florences Ängste und Edwards Erwartungen. Jedoch wird recht schnell deutlich, daß Florence mehr als nur die normale Unsicherheit plagt, denn allein die Vorstellung dessen, was da kommen wird, läßt sie zwischen Panik und Ekel schwanken. In einer Zeit jedoch, in der das Reden über Sex tabuisiert ist, in der selbst die Worte und Sprachformen für ein Gespräch über dieses Thema zumindest in bürgerlichen Kreisen nicht vorhanden sind, steht beiden die einzige Rettung nicht zur Verfügung : das Reden. Und zu unterschiedlich sind beide, als daß sie sich wortlos, intuitiv verstehen könnten. Edward, der Rock'n'Roll und Beat schätzt, in früheren Jahren keiner Prügelei aus dem Weg gegangen war und sich einen drängenden, zupackenden Charakter bewahrt hat, und Florence, die möglicherweise ein schlimmes Geheimnis hütet, sich in der klassischen Musik verwirklicht und dort auch Zielstrebigkeit und Selbstbewußtsein an den Tag legt. Die junge Frau versucht, wenn auch zögernd, den Anleitungen der Ehefibel und den Verpflichtungen des Ehestandes nachzukommen. Aber schon das Öffnen des Kleides wird für den unerfahrenen Ehemann zur Katastrophe, da er den Reißverschluß unrettbar verhakt. Schlimmer ist jedoch, daß er die Regungen und Lautäußerungen seiner Frau ständig mißinterpretiert : ihr Zurückzucken und das Unterdrücken der Panik deutet er als Erregung und drängt immer weiter, und als sie einen ersten Anflug von Wohlgefühl erlebt, zieht er sich schnell zurück. Der Versuch endet letztlich in einem Desaster, dem Florence an den Strand entflieht. Edward, der sich erniedrigt fühlt und im Grunde ebenso verunsichert ist wie seine Frau, tut nichts, um sie aufzuhalten, sondern zögert den Moment, da er hinter ihr hergeht, bewußt hinaus. Am Strand schließlich gerät das Paar in heftigen Streit. Während er ihr Frigidität, monatelange Täuschung und mangelnde Liebe vorwirft, hält sie ihm sein Drängen vor, ohne allerdings ihre vermeintliche Schuld abzuleugnen. Mehr noch : sie glaubt, einen Weg gefunden zu haben, der ihre Liebe würde retten können....

Ian McEwan wirkt zu Beginn des nicht allzu langen Romans wie ein jovialer, freundlicher Gastgeber, der seinen Lesern eloquent und zuvorkommend das Interieur seiner Geschichte zeigt, Personen, Zusammenhänge und Hintergründe, und auch kleine Marotten und Schäden zu erklären versucht. So wird dem Leser bald deutlich, daß es sich bei beiden Ehepartnern um Liebe, um die große Liebe handelt. Das sich nun vollziehende Kammerspiel um eine vollkommen aus dem Ruder laufende Hochzeitsnacht schildert er umso erbarmungsloser mit genauer Beobachtung (und doch ungeschmälerter Sympathie für seine Figuren), ohne allerdings sich selbst oder den Leser zum Voyeur werden zu lassen. Jetzt ist wieder der aus seinen Romanen "Der Zementgarten" und "Der Trost von Fremden" vertraute Erzähler in sein Recht gesetzt, der uns das Schlachtfeld des Zwischenmenschlichen ungeschönt darbietet. Aber auch, wenn er die Unsensibilität Edwards nicht verharmlost, ist sein Buch allenfalls im Hintergrund ein Psychogramm zweier Eheleute, zumal er den möglichen Mißbrauch von Florence durch ihren Vater nur erahnen läßt, sondern in erster Linie das Portrait einer Zeit. Wir sind in die frühen sechziger Jahre versetzt : zwar deuten sich die möglichen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft schon an, die jungen Leute, darunter auch Florence und Edward erhoffen nichts sehnlicher als eine Verjüngung im politischen Establishment, eine Befreiung aus der dumpfen Einengung des Nach - Weltkriegs - Englands, das wenig anderes zu tun hat, als sich die Wunden des ständigen Verlustes von Kolonialgebieten und des Schrumpfen des Commonwealth zu lecken, zwar gibt es - wenn auch versteckt - homosexuelle Lebensgemeinschaften, die zu kennen man sich insgeheim rühmen kann, doch ist der Grundtenor ein strikt konservativer, puritanischer, der den Diskurs, selbst das persönliche Gespräch über Sexualität verbietet, geschweige denn öffentlich das Abweichen von bürgerlichen Mustern erlaubte. Und selbst die beiden Ehepartner sind eingebunden in die Vorstellungen und Moralvorschriften ihrer Zeit. Allerdings, und das macht McEwan deutlich : es gäbe noch nicht einmal eine (gemeinsame) Sprache, die ein Gespräch problemlos ermöglicht hätte. Umso erstaunlicher und unerhörter ist der Lösungsvorschlag, den Florence Edward präsentiert : eine offene Ehe, in der er sich - trotz gegenseitiger Liebe und Verbundenheit - Sexualpartner frei wählen könnte. Edward bleibt es vorbehalten, nach langen Jahren sein Versäumnis, sein eigentliches Versagen zu erkennen : sein Drängen und die fehlende Zusicherung, daß man sich, da das ganze (Ehe -) Leben ja noch vor ihnen liege, getrost Zeit lassen könne, einander (körperlich) wirklich nahezukommen. Der Autor versteht, es in einem Kammerspiel ein Welttheater sichtbar werden zu lassen, ohne seine Figuren zu vernachlässigen. Im Wesentlichen beschränkt er sich auf zwei Personen, auch wenn er die jeweiligen Familien und andere Nebenfiguren nicht vollkommen ausklammert, mithilfe derer er die Endphase einer Epoche beleuchtet. Bald, nur gerade noch nicht, wird die Pille zur sexuellen Revolution führen, wird der Aufbruch in die Achtundsechziger und die Hippiekultur sich Bahn brechen, bis dahin aber werden Enge und Unfreiheit immer schmerzlicher. Für mich ist dieses Buch ein intensives, schillerndes Kleinod, das mich inhaltlich fesseln und erzählerisch überzeugen konnte.

Louis de Bernières : Traum von Stein und Federn

Etwa 25 Jahre umfaßt die Handlung des hauptsächlich in einer kleinen Stadt im Südwesten spielenden Romans, eine Zeit, in der das Osmanische Reich langsam zerfällt und immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen gerät. Viel ist davon in Eskibahçe zunächst nicht zu spüren, denn hier leben seit vielen Jahrzehnten Muslime, griechischstämmige und armenische Christen recht konfliktfrei zusammen. Die Kulturen haben sich vermischt, man schreibt Türkisch mit griechischen Buchstaben, betet als Moslem auch zur Jungfrau Maria und eine Heirat zwischen den Religionen ist generell kein Problem, umso weniger als der Glaube der Frauen bei beiden Religionsvertretern eher nebensächlich erscheint. Selbst bei einer Steinigung einer muslimischen Ehefrau sind die griechischen Bewohner munter dabei, bis der Imam eindrücklich darauf verweist, daß selbst nach islamischem Gesetz, die notwendigen Grundlagen für das grausame Gebaren fehle. Die Geburt Philotheis, deren Schönheit sich im Ort wie ein Lauffeuer herumspricht, aber scheint ein erstes warnendes Vorzeichen zu sein, denn manche ahnen, daß es mit ihr kein glückliches Ende nehmen könne. Doch zunächst wächst Philothei recht unbeschwert heran, ebenso ihre Spielkameraden Drosoula, Ibrahim, der sich schon als Kind in Philothei verliebt und ihr letztendlich auch versprochen wird, die beiden Jungen Nico und Abdul, die bald nach den Stimmen ihrer mit Wasser gefüllten Tonpfeifen Mehmetçik (Rotkehlchen) und Kravatuk (Amsel) benannt werden. Als Rustem Bey, der örtliche Großgrundbesitzer eine Geliebte aus Istanbul mit in den Ort bringt, besteht diese darauf, Philothei als Zofe zu beschäftigen. Die beiden entwickeln ein eher freundschaftliches Verhältnis, und auch die Liebesgeschichte zwischen Leyla und Rustem entwickelt sich für beide befriedigend, auch wenn er nie erfährt, daß sie ursprünglich aus Griechenland stammt. Ein erster Einschnitt im Leben der Stadt erfolgt, als Ibrahim für einen Krieg gegen die Griechen eingezogen wird. Doch Philothei und er bleiben zuversichtlich, daß die später geplante Hochzeit einst stattfinden werde. Noch bedrohlicher allerdings wird es, als es wiederholt zu Auseinandersetzungen mit Rußland kommt, in deren Verlauf Teile der Armenier gegen die osmanische Bevölkerung vorgeht. Enver Pascha, der inzwischen faktisch die Führung im Land übernommen hat, befiehlt die Umsiedlung aller Armenier, was faktisch auf eine ethnische Säuberung und Völkermord hinausläuft. Und auch in Eskibahçe müssen die armenischen Mitbewohner ihre Häuser verlassen und ihrem gewissen Untergang entgegen ziehen. Doch als der 1. Weltkrieg ausbricht, trifft Enver Pascha eine folgenschwere Entscheidung : er schlägt sich auf die Seite der Deutschen - aus Angst vor einer Allianz mit den Russen und weil seine Regierung von den anderen Alliierten vor den Kopf gestoßen wird. Abdul zieht in den Krieg und erlebt die Grausamkeiten der Schlachten um Gallipoli, Nico darf als Christ nicht kämpfen, sondern wird zum Arbeitsdienst herangezogen, bis er wegen der unmenschlichen Bedingungen flieht. Der Weltkrieg geht auch für die Osmanen verloren und sie müssen die alliierte Besatzung erdulden. Der griechische Staat sieht die Gelegenheit, seine Träume von einem großgriechischen Reich zu verwirklichen und marschiert in Smyrna (heute Izmir) ein, ohne daß außer den Italienern die Besatzungsmächte dem entgegenstünden. Doch Mustafa Kemal Atatürk, dessen Lebensgeschichte von Beginn an kapitelweise in den Roman verwoben war, leistet Widerstand und bietet auch den besatzern Großbritannien und Frankreich Paroli. Und der Abzug der Griechen bedeutet für die griechischstämmige Bevölkerung das Ende ihrer Existenz im nun türkischen Staat : sie werden in das griechische Staatsgebiet vertrieben, mit ähnlichen Folgen wie sie die Armenier einst erleiden mußten. Die Stadt verliert fast die Hälfte der Einwohnerschaft, die nachrückenden Muslime aus Kreta können die Lücke aber kaum schließen. In den Wirren der Vertreibung kommt Philothei um, Ibrahim verliert seinen Verstand... .

Recht gemächlich breitet Louis de Bernières sein Kleinstadtpanorama aus und schildert farbenfroh und lebendig das nachbarschaftliche Leben von Christen und Moslems, von ihren kleinen Fehden und ihren Gemeinsamkeiten. Bis beinahe zur Hälfte des Buches findet Geschichte nur in den Kapiteln über den Werdegang Atatürks statt. Umso mehr kann sich der Leser mit den einzelnen Figuren des vielstimmigen Romans anfreunden. Die Geschichten sind selten weltbewegend, sondern lassen das Leben in Eskibahçe und die Figuren lebendig und vertraut werden. Es sind zumeist einfache Menschen ("Birds without Wings", so auch der Originaltitel), die den Zeitläuften nicht entfliehen können, sich in den sich andeutenden Ereignissen wohl oder übel zurecht finden und arrangieren müssen. De Bernières gelingt es, das Mit - und Gegeneinander anschaulich und für den Leser interessant zu vergegenwärtigen. Doch in der zweiten Hälfte des Buches kommen die geschichtlichen Ereignisse zum Tragen. Das Buch gewinnt an Tempo, etwa wenn Abdul seine Schlachterfahrungen aus Gallipoli berichtet, gleichzeitig bemüht sich der Autor um eine Gesamtsicht der historischen Ereignisse, verknüpft Aktionen mit politischen Reaktionen. Gerade hier wird der Roman allerdings fragwürdig, zu sehr scheinen die Fakten subjektiv und zugunsten der türkischen Regierungen interpretiert, und obgleich der neutralen Erzählerstimme ein leicht moralischer Unterton unterlegt wurde, bleibt dieser teils zu allgemein, teils einseitig gegen Briten, Griechen und Franzosen gerichtet. Das Wort "Völkermord" oder "Genozid" im Zusammenhang mit der Vertreibung und Tötung der Armenier taucht niemals auf, stattdessen ein recht allgemein gehaltenes und (hier in diesem Zusammenhang auch recht wohlfeiles ) Statement, daß auch nur ein einziger Toter zuviel wäre. Somit läßt mich das Buch recht zwiegespalten zurück, denn obgleich es handwerklich und literarisch mit Sicherheit lesenswert ist, habe ich mich mit den politischen und moralischen Implikationen nur sehr bedingt anfreunden können (Ähnlich erging es mir mit seinem Roman "Corellis Mandoline", die die italienische Besetzung Griechenlands als zutiefst human und harmlos darzustellen bemüht war).

Eine griechische Darstellung der Vertreibung der griechischstämmigen Bevölkerung aus Anatolien findet sich auch in dem von mir hier besprochenen Roman "Äolische Erde" von Ilias Venesis.

Graham Greene : Orientexpreß

1930 besteigen in Ostende verschiedene Personen den Orient - Expreß : Coral Musker, die in Konstantinopel ein Engagement als Tänzerin antreten will, der jüdische Großhändler Carleton Myatt, der sich durch die Machenschaften eines Bevollmächtigten seiner Firma betrogen glaubt, Richard John, ein etwas geheimnisvoller Arzt, ein Priester und ein recht erfolgreicher Schriftsteller (hier wird vermutlich der Autor J.B.Priestley satirisch dargestellt). Die Reise beginnt zunächst eher entspannt, was sich allerdings ändert, als in Köln die Journalistin Mabel Warren und deren Lebensgefährtin Jane Pardoe zusteigen. Mabel Warren, eine von Verlustängsten geplagte Alkoholikerin, soll eigentlich den Schriftsteller interviewen. Doch in Richard John glaubt sie den Sozialisten Dr. Czinner zu erkennen, der vor Jahren nach einer Aussage gegen einen hohen Vertreter des serbischen Regimes hätte festgenommen werden sollen und unerwartet entkam. Ihr Verdacht ist nicht unberechtigt. Czinner ist auf dem Weg nach Belgrad, um einen Aufstand anzuzetteln. Allerdings müssen beide kurz darauf erkennen, daß der schon begonnen hatte und niedergeschlagen wurde. Dennoch setzt der Sozialist seinen Weg in die Heimat fort. Coral Musker ist die eigentliche Hauptperson des Romans. Sie beginnt im Zug eine Affäre mit dem Großhändler Myatt. Der junge Mann, der sich wegen seiner Religion abgelehnt fühlt, ist ihr sympathisch und bietet gleichzeitig die Aussicht auf eine fast sorgenfreie Zukunft. Und so verbringen beide eine gemeinsame Nacht. Und Carleton Myatts Versprechungen danach lassen eine rosige Zukunft erahnen. Jedoch wird Coral am serbischen Grenzübergang verhaftet, als sie mit Czinner spricht, um ihn zu einer geplanten Feier einzuladen. Denn die serbischen Grenztruppen haben Czinner schon erwartet...

Orient - Expreß, entstanden 1932, gehört zu den frühen Romanen Greenes. Nachdem mehrere wenig erfolgreiche Bücher veröffentlicht worden waren, versuchte der Autor hier erstmals, mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur zu arbeiten. So verknüpft der Autor den recht raumgreifenden Nebenstrang um den gescheiterten Sozialisten Czinner kunstvoll mit der eigentlichen Hauptfigur Coral Musker. Neben den von Greene gewohnten Gewissenskonflikten kommen so Spannungsmomente des Thrillers zum Tragen, verstärkt noch durch die Figur des Einbrechers Josef Grünlich, der nach einem Mord in Wien den Zug bestiegen hatte. Graham Greene versteht es meisterlich, die verschiedenen Personen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, miteinander in Beziehung zu setzen, die Geschichten zu verflechten, sodaß statt einer Reihung verschiedener Einzelpersonen und - Schicksale ein einheitliches Gewebe entsteht. Allerdings wirkt die übermäßige Fixierung Myatts auf sein Judentum, auf die daraus resultierende Diskriminierung aufdringlich, auch wenn der in Europa herrschende Antisemitismus dieser Zeit nicht zu leugnen ist, ebenso wie die Charaktereigenschaften der Journalistin Mabel Warren, die in jedem starken Mann einen Konkurrenten um die Liebe ihrer Gefährtin Jane sieht und bekämpft, bei gescheiterten Existenzen eher Milde walten läßt, denn doch modellhaft überzeichnet wirken. Zudem ist ihr Auftauchen am ungarisch - serbischen Grenzübergang am Ende des Romans in der Handlung nicht motiviert und bleibt für den Leser unerklärlich, hatte sie doch in Wien schon den Zug verlassen. Der Gesamteindruck des Buches bleibt somit gemischt. Die Entwicklung der Handlung, die Dramaturgie des Geschehens vermögen durchaus, den Leser zu fesseln, und auch die menschlich nahen Figuren wie Coral und Dr. Czinner sichern ein weiterführendes Interesse, und doch hatte ich phasenweise den Eindruck, Zeuge eines die komplexe Wirklichkeit des Europas der dreißiger Jahre nachstellenden Laborversuchs zu sein. Geschickte Dramaturgie und handwerkliches Können jedoch waren wesentliche Ursachen dafür, daß ich die Lesezeit nicht als vergeudet betrachten mußte.

Weitere Rezensionen :

Das Attentat
Das Ende einer Affäre
Das Schlachtfeld des Lebens

Mo Hayder : Der Vogelmann

Als auf einem brachliegenden Gelände in London fünf Frauenleichen gefunden werden, laufen die Ermittlungsarbeiten auf Hochtouren. Verschiedene Abteilungen müssen zusammenarbeiten. Inspektor Caffery, der Protagonist des Romans, hat jedoch noch eigene Probleme : einerseits ist seine langjährige Beziehung am Ende, andererseits nagt an ihm noch das Verschwinden seines Bruders, der als Kind vermutlich ermordet wurde. Daß der mögliche Täter nie verurteilt wurde und nun in Nachbarschaft wohnt, macht es für Caffery nicht einfacher. Während der Polizist Diamond einen farbigen Drogendealer verhaftet, ahnt Caffery, daß jemand anderes der Täter sein müsse, denn in den Brustkorb der Toten eingenähte Vogelkadaver deuten auf schwere psychische Probleme des Mörders hin. Doch Diamond ist so überzeugt und ehrgeizig, daß er sogar Hinweise unterschlägt, die in eine andere Richtung deuten. Während der Ermittlungen trifft Jack Caffery auf die ehemalige Striptease - Tänzerin Rebecca, die inzwischen ein Leben als Malerin führt. Sie und ihre Mitbewohnerin könnten Hinweise auf den Täter haben, denn sie verkehrten im selben Pub wie die Opfer. Doch auch wiederholte Befragungen fördern keine Anhaltspunkte zu Tage, die Caffery weiterhelfen könnten. Allerdings kommen sich die Malerin und der Inspektor näher. Mehr und mehr wird deutlich, daß Caffery auf einer richtigen, wenn auch vagen Spur ist. Als ein Verdächtiger Selbstmord begeht und Hinweise auf seine Täterschaft gefunden werden, scheint der Fall gelöst... .

Dieser erste Kriminalroman der Autorin rief bei seinem Erscheinen zwei verschiedene Reaktionen hervor : zum einen gab es Aufschreie wegen der brutalen Schilderungen und des Themas Nekrophilie, zum anderen Begeisterung ob der Qualität und der Spannung des Buches. Mo Hayder erzählt die Geschichte relativ distanziert, fast neutral, auch wenn sie mehrfach die Perspektive wechselt. So lassen die detaillierten Schilderungen der Verletzungen ziemlich viel Raum für die Vorstellungskraft des Lesers, selbst wenn sie die Tatausführung eher (gnädig) abblendet. Zudem bewirkt die Neutralität im Tonfall und in der Erzählhaltung auch, daß es einem nicht allzu nahe geht oder gar auf den Magen schlägt. Ein weiterer Effekt der von mir empfundenen Neutralität ist, daß die Hauptperson, der ermittelnde Beamte Jack Caffery, nicht wirklich lebendig wirkt. Verstärkt wird dies allerdings noch durch den zwar nachvollziehbaren, aber nicht unproblematischen Charakter des Protagonisten. Der Handlungsaufbau ist stringent, spannend und ohne viel Leerlauf, jedoch erscheint mir die als besonders originell gepriesene Volte eher die Schwachstelle der Romanhandlung, denn die dort geschilderte Kooperation wirkt unlogisch und kaum wahrscheinlich, zumindest in der von Hayder gewollten Konstellation. Sprachlich - stilistische Ungeschicklichkeiten, die ich allerdings der Übersetzerin anzulasten geneigt bin, vervollständigen das Gesamtbild. Sie kann bestenfalls mithalten mit den anderen Protagonisten der Serienkiller - Literatur : Thomas Harris und Patrcia Cornwell. Es fehlt an der leicht ironischen Intelligenz des Thomas Harris und an der allseitigen Beklemmung , die in Patricia Cornwells Romanen immer wieder durchscheint. So ist dieses Buch ein handwerklich solides, routiniertes und spannendes Werk des Genres, aber doch nicht mehr als Mittelmaß (was vor allem wegen der Marketingstrategie und der übertrieben begeisterten Reaktionen - negativ - auffällt) und wirkt ein wenig wie Konfektionsware aus dem Baukasten.

Alan Isler : Klerikale Irrtümer

Edmond Music ist ein katholischer Priester und Rektor von Beale Hall, einer der Kirche überlassenen umfangreichen Bibliothek mit unzähligen Kostbarkeiten. Als eines Tages ein Buch der Sammlung, eine Ausgabe unbekannter Shakespeare - Sonette, im Katalog eines Antiquars auftaucht, drohen ihm ernsthafte Probleme, denn Edmond Music hat einige Geheimnisse, deren Aufdeckung ihn in Schwierigkeiten bringen dürften: Er ist eigentlich Jude, er glaubt nicht an Gott, seine Stellung als Rektor verdankt er der Liebesaffäre mit einer reichen Erbin und nicht zuletzt hat er eine langjährige Beziehung zu seiner irischen Haushälterin. Ein ehemaliger Kommilitone, erbitterter Widersacher und Rivale, um die bequeme und prestigeträchtige Stellung,der amerikanische Geistliche und Universitätsprofessor Fred Twombly, setzt alle Hebel in Bewegung, um herauszufinden, wie das kostbare Buch aus der Bibliothek gelangt sein könnte, und so Edmond zu schaden. Edmond ist der etwas geschwätzige, nicht humorlose Erzähler dieser Geschichte, in die er auch seine Nachforschungen über einen legendären Rabbi aus der Umgebung, der bei der Beschaffung des Shakespeare -Bandes eine nicht unerhebliche Rolle spielte, eingewoben hat.

Hinter der humorvollen und leicht geschwätzigen Erzählweise und dem vordergründigen Krimi - Plot verbirgt sich das beinahe tragische Schicksal eines säkularisierten Juden, der sich in einer aus Lügen zusammengebastelten Welt behaglich eingerichtet hatte, und doch den Konsequenzen seiner Lebenslügen nicht entkommen kann. Es ist ein unterhaltsames, aber immer wieder doch tief nachdenkliches Buch, das einige Tabus der katholischen Amtskirche deutlich angeht.

Patricia Duncker : Sieben Geschichten von Sex und Tod

Inspiration für diese 7 Erzählungen waren, so ihre eigene Vorbemerkungen, die B-Movies im Nachtprogramm, Filme, die Gewalt, Sexualität und apokalyptische Szenarien nach altbekannten Mustern und Klischees ausgestalten. Duncker nutzt die Vorlagen, um einmal mehr mit den Geschlechterrollen zu spielen, sie zu hinterfragen. "Stalker" etwa befasst sich mit einem Serienmörder, der unendlich geduldig seine Opfer auswählt und zunächst lange beobachtet. "Sophia Walters Shaw" schildert den Weg einer jungen Frau, die sich von der Mitarbeiterin eines Nachtclubs zu einem Mitglied eines Killerteams entwickelt. In der Geschichte "The Strike" beginnt alles relativ harmlos mit Streikmaßnahmen, endet jedoch in der Vision des Weltuntergangs. "My Emphasis", eine der besten Kurzgeschichten dieses Bandes, ist eigentlich eine essayistische Auseinandersetzung mit dem Shakespeare - Drama "König Lear", gut verpackt in eine Reihe von familiären und nachbarschaftlichen Streitereien. Immer wieder greift die Autorin auf einen autobiographischen Hintergrund zurück : ihr Leben als britische Staatsbürgerin in Südfrankreich. Dies eröffnet ihr die Möglichkeit, genaue, pointierte Beobachtungen in die Erzählungen einfliessen zu lassen.

Patricia Duncker ist eine Romanautorin. Die für Kurzgeschichten und andere kürzeren Prosaformen geltenden eigenen Gesetze sind der Autorin eher ein Hindernis. So kann es vorkommen, daß der Leser sich fragt, ob er nicht irgendetwas überlesen hat, denn vieles entwickelt sich eher zusammenhanglos und unvorhergesehen. Aspekte treten in den Vordergrund, die durch sorgfältig und intensiv ausgearbeitete Handlungsstränge zunächst verdeckt wurden. Jedoch vermitteln viele der Geschichten durchaus ihre eigene Spannung und einen teilweise gutgelaunten Humor, der allerdings manche Gelegenheit zu schärfere Ironie ungenutzt läßt. Bis auf die von mir erwähnten Irritationen hat mir das Lesen doch Spaß gemacht.

Weitere Rezensionen :

James Miranda Barry

Graham Greene : Das Schlachtfeld des Lebens

Der kommunistische Busfahrer Jim Drover sitzt im Gefängnis und wartet auf die Vollstreckung des Todesurteils. Während einer Demonstration hatte er einen Polizisten erstochen, der auf Jims Frau einzuprügeln drohte. Die Berufungsverhandlung bestätigte die Todesstrafe, doch im Innenministerium fragt man sich, ob die Vollstreckung opportun sei und denkt eher an eine Umwandlung in eine Haftstrafe nach. Zu diesem Zweck soll ein hoher Polizeioffizier die Lage sondieren und einen möglichst günstigen Bericht für die geplante Begnadigung verfassen. Doch der ist davon nicht allzu sehr begeistert, umso weniger als er dringendere Fälle zu bearbeiten hat. Derweil versuchen die Angehörigen Drovers, seine Ehefrau Milly, seine Schwägerin Kay und sein Bruder Conrad alles, um genügend Unterschriften für ein Gnadengesuch zu sammeln. Die erhoffte Hilfe der kommunistischen Partei, etwa mittels Demonstrationen und Streiks Druck auszuüben, bleibt aus, denn die erwartete Publicity scheint zu gering, um sich zu engagieren. Conrad, der stets seinen Bruder bewunderte und sich selbst ziemlich geringschätzt, läßt sich auf eine Beziehung mit Milly ein, die ihn aber drastisch desillusioniert. Auch Kay, eine Fabrikarbeiterin findet in ihrem Liebesleben nicht die gesuchte Erfüllung. Als einziger Rettungsanker erscheint Caroline Bury, eine reiche, sozial engagierte Witwe. Sie soll den hohen Polizeifunktionär für eine der Begnadigung günstige Stellungnahme gewinnen. Doch Conrad verliert, zerissen von Selbsthaß und Hilflosigkeit, die Nerven, kauft einen Revolver und schießt auf den Commissioner....

Der Titel des 1934 entstandenen und sich an eine reale Demonstration im Jahre 1932 anknüpfenden Romans ist gleichzeitig auch seine Programmatik : Fast alle handelnden Personen sind in Kämpfe und Konflikte verstrickt und verlieren das Gesamtbild aus den Augen. Nur Caroline Bury scheint den Überblick bewahrt zu haben, und sie scheint die einzige Figur zu sein, die erfolgversprechend eingreifen könnte. Im Mittelpunkt des Romans stehen - wie so oft bei Graham Greene - die menschlichen Verstrickungen. Und Greene bedient sich in diesem Werk recht moderner Gestaltungsmöglichkeiten : Innerer Monolog und collagenhafte, an den Film gemahnende Komposition sind die Wesensmerkmale dieses Romans und unterstützen das Gesamtbild von Graham Greenes Aussage und Intention. Die existentiell bedrohliche Ausgangslage für den Verurteilten und seine Familie schaffen darüber hinaus ein Spannungsmoment, das den Leser an der Lektüre hält. Erzählstil und Sprache machen das Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre.

Weitere Rezensionen :

Das Attentat
Das Ende einer Affäre
Orientexpreß

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Die Kapitel und Fußnoten :

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Der in Dresden lebende Schriftsteller und Lyriker Marcel...
tinius - 1. Jul, 15:06
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Joachim (anonym) - 30. Jun, 11:50
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Vom 26. bis zum 28. Juni 2008 finden in diesem Jahr...
tinius - 29. Jun, 01:33
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Seit heute abend stehen die Gewinnner des verkürzten...
tinius - 28. Jun, 22:44
Ich nehme einen Gutschein...
den ich als Geschenk bekommen habe .... da ist der...
wvs - 28. Jun, 17:03
Dann hoffe ich, Dein...
Dann hoffe ich, Dein Vertrauen nicht zu enttäuschen......
tinius - 28. Jun, 03:12
Die Zusammenfassung und...
hat meine Neugierde auf das besprochene Buch geweckt...
wvs - 28. Jun, 02:46
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1 Peter Rühmkorf : Paradiesvogelschiß Gedicht e,...
tinius - 27. Jun, 21:59
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Die tschechische Autorin Lenka Reinerová ist...
tinius - 27. Jun, 21:31

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Das war aber schlecht...
Das war aber schlecht getimed. Da gewittert es ja noch...
libris - 3. Jul, 20:58
Die toolbar ist aktiv,...
Die toolbar ist aktiv, und ruebe, Du findest sie ganz...
riekja - 3. Jul, 10:42
In das Adressfeld Deines...
In das Adressfeld Deines Browsers. Ruf das Blog auf...
help - 3. Jul, 10:37
Per Hand eingeben : blog...
Per Hand eingeben : blog - url/subscribe LG tinius
help - 3. Jul, 10:21
Es gibt eine twoday -...
Es gibt eine twoday - interne Abofunktion, die ohne...
riekja - 3. Jul, 10:16
Sie sollten erst einmal...
Sie sollten erst einmal meine Bibliothek sehen. Da...
booksandmore - 3. Jul, 09:03
Herzlichen Glückwunsch...
Herzlichen Glückwunsch zum Wiegenfeste. LG tinius
booksandmore - 3. Jul, 00:52
Der weitere Ratifizierungsprozeß...
Der weitere Ratifizierungsprozeß ist nicht undemokratisch...
litart - 2. Jul, 00:40

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Zuletzt aktualisiert: 1. Jul, 15:06

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