Deutschland

Johann ist der jüngere Sohn einer Gastwirtsfamilie in Wasserburg am Bodensee. Martin Walser schildert dessen Entwicklung und den Fortgang der Zeitgeschichte anhand dreier, längerer Episoden. Der erste Teil des Romans ist in der Zeitspanne von 1932 bis 1933 angesiedelt. Die Weltwirtschaftskrise ist mittlerweile auch im Dorf Wasserburg in ganzer Härte zu spüren : Zwangsversteigerungen, Konkurse häufen sich. Daß Johann sich von einem Wanderphotographen zu mehreren Aufnahmen hat überreden lassen, scheint ihm im Nachhinein keine gute Idee, auch wenn es ihn ein wenig stolz macht. Er ist nämlich der einzige aus der Familie, der ein Bild von sich allein besitzen wird. Doch auch Kohlenhandlung und Gaststätte der Eltern sind hoch verschuldet, der Gerichtsvollzieher ist ein regelmäßiger Gast. Johanns Vater, Anhänger der Lehre Swedenborgs und vor allem ein heilloser Träumer, der Projekte wie eine Seidenraupenzucht oder die Haltung von Pelztieren oder gar einen ominösen Magnetisierapparat als Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere im Kopf wälzt, ist keine wirkliche Stütze des elterlichen Betriebs. Johanns Mutter hat die Zügel fest in der Hand und sucht nach praktikableren Lösungen, sei es die Fälschung einer Unterschrift unter einer Bürgschaft oder der Beitritt zur an Einfluß gewinnenden NSDAP, wodurch die Gaststätte zum Versammlungsort der Partei wird und damit gesicherte Umsätze gewährleistet. Der Vater ist wenig begeistert, ahnt er doch, daß Hitler Krieg bedeutet. Aber sein Einfluß ist gering. Nur Johann begeistert er mit Buchstabierspielen und exotischen Wörtern, eine Prägung, die dem Kind erhalten bleibt und ihn später zum Dichter, zum Schriftsteller werden läßt. 1938 ist der Vater jedoch tot. Johann ist inzwischen elf Jahre alt. Sein bester Freund ist Adolf, der Sohn eines der örtlichen Nazi - Honoratioren. Nur am Rande nimmt Johann an den Aktivitäten der Hitlerjugend teil, erlebt mit, wie ein gleichaltriger Spielkamerad aus der Gruppe verbannt wird, weil er Jude ist. Dennoch scheint es, als agiere die Nazidiktatur eher gedämpft und zurückhaltend. Zwar agitiert der Dorfschullehrer vehement gegen die Kirche und die für Johann anstehende Erstkommunion, doch bleibt der Gottesdienstbesuch mehrheitlich eine feste dörfliche Tradition, auch wenn die führenden Parteimitglieder die Kirche nun meiden. Für Johann allerdings wird etwas anderes wichtig : ein Wanderzirkus gastiert im Dorf und hat sein Lager im weitläufigen Gelände der Gastwirtschaft aufgeschlagen. Und dort trifft er auf Anita, Zirkuskind im gleichen Alter, ebenfalls kurz vor der Erstkommunion und alsbald Ziel seiner Sehnsucht. Begeistert verfolgt er die Vorstellung, in der Anita eine der Attraktionen ist. Eine Clownsnummer jedoch, die offen politisches Kabarett und gegen die Nazis ist, hat schwerwiegende Folgen : der Dumme August wird in der Nacht von Unbekannten überfallen und krankenhausreif geprügelt. Über Täter und Motiv wird allenfalls gemunkelt, auch wenn man eigentlich nicht lange zu suchen brauchte. Dennoch will man den Gedanken, es seien Dorfbewohner gewesen, nicht wirklich aufkommen lassen. Zwischen Johann und Anita scheinen sich zarte Bande zu entspinnen, doch Johann muß erkennen, daß er einen - wohl erfolgreicheren - Nebenbuhler hat : Adolf. Allerdings zieht der Zirkus weiter, sodaß auch der nicht wirklich von Anitas Zuneigung wird profitieren können. Im dritten, abschließenden Teil des Romans treffen wir auf Johann und seine Familie im Jahre 1944. Sein älterer Bruder Josef dient beim Militär und wird noch vor Ende des Krieges in Ungarn fallen. Johann, der mittlerweile in Lindau zur Schule ging, arbeitet beim Reichsarbeitsdienst. Als er nach Wasserburg zurückkehrt, trifft er auf ein verändertes Dorf : viele Ausgebombte aus dem ganzen Deutschen Reich wurden in freie Zimmer einquartiert, die Mutter muß sich mit dem Jüngsten auf zwei Zimmer beschränken, der Gasthof ist verpachtet. Johann verliebt sich in die Schwester eines Freundes und beginnt, Gedichte zu schreiben, die er bereitwillig seiner Angebeteten schenkt. Ob sie sie wirklich liest und zu würdigen weiß, bleibt aber eher zweifelhaft. Doch für Johann wird Dichten ein notwendiger Bestandteil seines Lebens. Noch vor der Kapitulation Deutschlands muß Johann zur Reichswehr. Gegen die Plackerei und die spürbaren Demütigungen bei der Grundausbildung wappnet er sich mit pathetischen, poetischen Gedanken. Zum Kampfeinsatz kommt er jedoch nicht mehr. Mit Kameraden desertiert er kurz vor Kriegsende, gerät aber dennoch in französische Gefangenschaft. Allerdings ist auch dort sein Aufenthalt nur kurz, denn das Schreiben verschafft ihm Sympathien bei einem der Aufseher, der für seine Freilassung und einen Passierschein sorgt. Und so kehrt Johann nach Wasserburg heim. In der Gaststätte seiner Mutter sind französische Soldaten einquartiert. Lena, die Tochter des Pächters wird zu seiner Geliebten, mit der etliche lustvolle Nächte verbringt. Aber er wird auch erfahren, was ihm in seiner Kindheit verborgen geblieben war : daß es etliche Juden in Wasserburg gab, die sich so gut wie möglich versteckt hielten, da ihnen die Denunziation drohte - durch den Dorfschullehrer, der mittlerweile öffentlich in einem Schaufenster an den Pranger gestellt wurde....
Wer einen Blick auf die Lebensdaten Martin Walsers wirft, wird feststellen, daß die Übereinstimmungen richtig vermuten lassen, "Ein springender Brunnen" sei weitgehend autobiographisch. Dennoch hat Walser diesen Roman in der dritten Person geschrieben, die Autobiographie gleichsam fiktional verbrämt. So hält der Autor seine Figur frei von der kollektiven Erinnerung an die Zeit der Nazidiktatur und kann allein deren subjektives Erleben und Erinnern in den Mittelpunkt stellen, die von Völkermord, Auschwitz und anderen Grausamkeiten nichts oder erst im Nachhinein wissen. Beinahe programmatisch ist jedem der drei erzählenden Teile ein Kapitel vorangestellt, in dem Walser über Vergangenheit und deren "Verfälschung" durch das im Erinnern ins Spiel kommende kollektive Gedächtnis und die dann unausweichlichen moralischen Wertungen räsoniert. Ihm geht es darum, eine durch gegenwärtiges Wissen unverfälschte Erinnerung literarisch zu erschaffen. Dies (als Programmatik) ist nicht unabhängig von der durch ihn losgetretenen Debatte über Auschwitz und dessen mediale Instrumentalisierung zu rezipieren. Dennoch hütet sich Walser vor einer Verallgemeinerung und damit der Lossprechung aller. Ihm geht es um den Lebensweg seines Protagonisten Johann. Dessen Welt oder Kosmos ist das Dorf, Wasserburg mit seinen so verschiedenartigen Bewohnern, die Gaststätte mit dem weltfremden Vater, der resoluten und pragmatischen Mutter, den wunderbar gezeichneten Angestellten, die in der Küche ein Geflecht subtiler Interaktionen geschaffen haben, in dem Hochdeutsch mit Dialekt konkurriert.
Immer steht Sprache und deren Verwendung im Mittelpunkt des Romans. Dialekt gegen Hochsprache, Alltagssprache gegen die fremdartigen Wörter, die Johann unter Anleitung des Vaters zu buchstabieren lernte, die lyrische Sprache Stefan Georges oder die pathetische Nietzsches, die Johann - und damit der Autor - der Sprache der Diktatur und des Militärs gegenüberstellt. Dementsprechend ist auch Walsers Sprache in diesem Roman melodiös, manchmal sentimental, weitgreifend oder minutiös beschreibend. Jeder Teil des Romans wirkt wie ein Bild, das bei näherer Betrachtung langsam in Bewegung zu geraten und ein eigenes Leben zu beginnen scheint. Erzählton und Sprache geleiten den Leser in diese dörfliche Welt, in das kindliche und später jugendliche Erleben mit seinen Nöten und Freuden, aber auch in eine inzwischen vergangene Welt, die nur in der Erinnerung des Protagonisten hat weiterleben können. Das Ende des Krieges, der Einbruch des Wissens um die Dimension der Nazi - Verbrechen, aber auch die "Erlösung" in der sexuellen Beziehung zu Lena bedeuten folgerichtig einen Bruch - im Denken des Protagonisten, aber auch in dessen literarischer Produktion : Lyrik wird zugunsten der Prosa aufgegeben. "Ein springender Brunnen" - das ist Sprache einerseits, die Seele, die unverfälschte Erinnerung andererseits, der es nun nachzuspüren gilt. Martin Walsers Roman korrespondiert mit dem Künstlerroman, etwa dem "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller, ebenso wie mit den autobiographischen Aufzeichnungen oder Romanen seiner gleichaltrigen jüdischen Zeitgenossen wie Imre Kertesz oder Georges - Arthur Goldschmidt. Auch wenn mir Walsers Thesen zur medialen "Moralkeule Auschwitz" eher unsympathisch gewesen sind, sodaß ich zunächst auch Walsers literarische Werke von mir geschoben habe, muß ich zugeben, daß ich mit "Ein springender Brunnen" ein ansprechendes, interessantes und vollkommen gelungenes Buch beinahe versäumt hätte.
Zur Vertiefung des Verständnisses des Romans war
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Conny ist eine junge Frau, Anfang zwanzig, Mutter dreier Kinder von verschiedenen Vätern, alleinerziehend und auf Sozialleistungen angewiesen. Sie lebt in einer Plattenbausiedlung im Osten der Republik, von der elterlichen Wohnung nur einige Aufgänge entfernt. Ihren Eltern hat sie auch das älteste Kind, eine Tochter anvertraut, aber die beiden verbliebenen Söhne, drei und vier Jahre alt, überfordern sie. Fürsorge und beinahe grenzenlose Aggression wechseln einander ab. Conny fühlt sich in ihrem monotonen Dasein und in ihrer Mutterrolle gefangen. Auch die Beziehung zu einem Mann, der sie allenfalls als willige Bettgespielin zum Ausleben seiner Phantasien zu akzeptieren bereit ist, bietet keinen wirklichen Rückhalt, zumal Conny in ihrer Kindheit von ihrem Vater sexuell mißbraucht wurde und nicht wirklich Lust empfindet. Und Connys Mutter ist abweisend und desinteressiert. In einem Wutanfall sperrt Conny ihre Söhne ins Kinderzimmer, versehen mit einigen kleinen Kartons Saft und ein paar eingeschweißten Würstchen. Den Schlüssel versenkt sie kurzerhand in der Toilette und verläßt danach die Wohnung. Es soll ein Aufbruch sein - in ein neues Leben, eine neue Gegend. Doch sie kommt nicht weit. Sie streift durch die Neubausiedlung, kauft für sich Kleider und Stofftiere, befriedigt gegen Bargeld einen Nachbarn und landet schließlich in der Wohnung ihres Freundes. Nach gemeinsam verbrachten Nächten verschwindet er in der Werkstatt in der er arbeitet, während Conny die Wohnung durchstöbert, eine Videokassette mit Kinderpornos findet, Geld aus den Manteltaschen klaubt, fernsieht und das Nötigste an Hausarbeiten verrichtet. An ihre Kinder denkt sie kaum, nur ab und an tauchen Bilder auf, wie sie sich über ihre Rückkehr freuen, wie sie die Freiheit in der sonst verlassenen Wohnung nutzen würden, ohne wirklich zu realisieren, daß sie ja im Kinderzimmer gefangen sind. Immer wieder zieht es Conny hinaus, in die Siedlung, in das Kaufhaus. Manchmal trifft sie sich mit einer Freundin, die allerdings wenig anderes im Kopf hat als Männer und Kleider. Als Conny über ihre Kinder sprechen will, wird sie vollkommen abgeblockt. Und nicht anders ist es, als sie mit ihrer Mutter telefoniert. Der hatte sie eine Art Abschiedsbrief in den Briefkasten geworfen, allerdings darin nicht erwähnt, daß die Kinder in ihrer Abwesenheit versorgt werden müßten. Am Telefon holt Conny das nach, ohne daß jedoch die Mutter darauf wirklich reagiert. Ab und an treibt es Conny zurück zu ihrer Wohnung, wo sie dann vor der Wohnungstür steht, bis sie sich vor anderen Bewohnern verstecken muß. Einmal hat sie sich sogar fest vorgenommen, die beiden Söhne zu töten, kann sich aber letztlich nicht überwinden, die Wohnung zu betreten. Stattdessen redet sie sich erneut ein, daß zuhause alles in Ordnung sei, daß die Kinder wie gewohnt und einigermaßen zufrieden spielten. Ein letzter Ausbruchsversuch mißlingt, der Ausflug in ein nahegelegenes Strandbad erzeugt keine wirklichen Hochgefühle, ihr Trampversuch in Richtung Dresden endet in der Heimatstadt. Und Conny ist emotional immer stärker angegriffen. Scheinbar grundlos fängt sie an, zu weinen. Sie rettet sich in die Wohnung ihrer Eltern. Als die Mutter einen gemeinsamen Ausflug vorschlägt und recht resolut dafür sorgen will, daß auch Connys Söhne daran teilnehmen, wird Connys Wohnung zum ersten Mal nach zwölf Tagen wieder betreten. Und natürlich ist die Tür zum Kinderzimmer immer noch verschlossen, der Schlüssel unauffindbar... .
In seinem zweiten Roman hat sich Michael Kumpfmüller an realen Geschehnissen orientiert : 1999 erregte ein Fall von doppelter Kindstötung durch Vernachlässigung bundesweit Aufsehen. Daniela J. aus Frankfurt / Oder hatte ihre beiden Kinder in der heimischen Wohnung in einer Plattenbausiedlung eingeschlossen und sie ohne Aufsicht oder ausreichend Nahrung und Getränke zwöf Tage alleingelassen. Die Zeit verbrachte sie bei ihrem Freund.
Auch wenn sich der Autor zweihundert Seiten lang fast ausschließlich auf die Gedanken und das Erleben der Frau konzentriert und damit den langen, aller Wahrscheinlichkeit nach qualvollen Sterbeprozeß der Kinder ausblendet, geht das Buch ziemlich an die Nieren, sodaß eher zartbesaitete Gemüter besser davon Abstand nehmen. Denn die Tat oder besser : das Wissen um das unvermeidbare Ende schwingen von Anfang an mit, zudem ist dem Autor durch Sprache und Konstruktion eine beängstigende Intensität gelungen. Als Erzähler bleibt er dicht an seiner Protagonistin, wechselt immer wieder in den inneren Monolog und entfaltet eine Welt der Leere, Kälte und Orientierungslosigkeit, die nicht nur auf seine Hauptfigur beschränkt ist, sondern Freunde, die Eltern, Bekannte, die ganze Siedlung umfaßt und gefangen hält. Es gibt weder Liebe, noch Zuwendung, Zuhören oder gar Perspektiven. Auch die Vorstellungen eines Ausbruchs, eines Neuanfanges bleiben letztendlich vage, phantasmagorische Illusionen. Kumpfmüller "leiht" seine Sprache der Figur, deren Sprachmächtigkeit sich also kaum von der des eigentlichen Erzählers unterscheidet. So mag an einigen Stellen die eigentlich Sprachlose oder zumindest sprachlich Eingeschränkte zu Gedanken fähig zu sein, deren phliosophisch - poetischer Gehalt ihr in realiter und auch in der Vorstellung des Lesers ihr selbst eigentlich fremd sein müßte, doch ist es - meiner Meinung nach - legitimes Mittel, Nähe und Intensität zu erzeugen. Jedes der dreizehn Kapitel sieht die Protagonistin zunächst als "eine Frau" und bewegt sich dann schnell und reibungslos immer tiefer in die Welt der Protagonistin, sodaß auch der Leser nicht anders kann als folgen und sich einlassen. Einlassen auf eine karge und trübe Seelenlandschaft, auf ein ebenso verödetes Umfeld und die heillosen Verstrickungen, die die noch selbst kindliche und überforderte Frau zur Täterin werden lassen. Kumpfmüller geht es weder um Verurteilung, noch um Entlastung, vielleicht nicht einmal um eine Erklärung im wissentschaftlichen Sinn, auch wenn er die Diagnose des psychiatrischen Gutachtens (der realen Täterin) in Erleben und Handlung weitgehend und stimmig umgesetzt hat. Sein Anliegen ist es wohl eher, die Frau selbst, ihre Handlungs - bzw. Unterlassungsmotivation, erlebbar und nachvollziehbar zu machen, zu erzählen also im eigentlichen Sinne. Allgemein Menschliches - etwa gelegentliche Aggressionsgefühle gegenüber den eigenen Kindern, ein Gefühl der Überforderung - korrespondieren mit der spezifischen Persönlichkeit der Protagonistin, mit einer eigenen Vorstellungswelt und einer nun auch nicht allzu selten anzutreffenden Umwelt, bis sich daraus eine Katastrophe entwickelt, die vielleicht nicht Symptom, aber doch eine Facette unserer modernen Gesellschaft ist. Wie verschiedene Kritiker aufzeigen, sind weder die Vorgänge, noch ein solches Thema in der Literatur beispiellos : von Gretchen im "Faust" bis zur Marie in Büchners "Woyzeck" ziehen sich Kindsmörderinnen als Figuren durch die Literatur und verweisen auf gesellschaftliche Realitäten. Neu ist vielleicht nur, daß die Ursachen andere sind und wir als Zeitgenossen mit weniger Abstand mit diesem Thema konfrontiert werden, daß es uns dadurch bedingt näher geht. Michael Kumpfmüller hat ein wirklich intensives, weniger fesselndes als nicht loslassenden Buch geschrieben, dem es in meinen Augen mit hohen sprachlichen und literarischen Fähigkeiten gelingt, Nachdenken herauszufordern - über Täter, Gesellschaft und den Roman selbst. Mehr kann man als Schriftsteller kaum erreichen (wollen). Dieser Roman sei also allen - beinahe dringlich - empfohlen, die genügend Unvoreingenommenheit aufweisen, aber auch emotional ein wenig Abstand halten können.

Tanja Merz ist Regieassistentin an einem Stadttheater an der Ostsee. Mit den Widrigkeiten der Bürokratie muß sie sich ebenso herumschlagen wie mit der mit ihr befreundeten Regisseurin, deren Trinkverhalten zusätzliche Probleme schafft. Zufällig lernt Tanja Im Theater einen holländischen Dirigenten kennen. Der ist gut zwanzig Jahre älter, kultiviert, wirkt selbstbewußt, stabil und offen. Eine Einladung zum Essen führt schnell zu einer Liebesnacht, dann zu einer Beziehung. Beide sehen sich jeden Abend, zumal das Verhältnis zu Tanjas Freundin immer problematischer wird. Tanja genießt die Kochkünste ihres Freundes, die wohnliche und saubere Atmosphäre seines kleinen Reihenhauses in einer ländlichen Gemeinde. Doch als sie schwanger wird, droht beinahe eine Katastrophe : das Baby muß wegen einer Infektion der Mutter vorzeitig per Kaiserschnitt entbunden werden. Als Frühchen wird es im Inkubator hochgepäppelt. Für Tanja ist diese Erfahrung traumatisch, ein nicht endender Alptraum, den sie fast ohne ihren Freund bewältigen muß, da der meist auf Konzertreisen ist. Der behandelnde Arzt bläut ihr nachdrücklich ein, daß allein Hygiene und Sauberkeit das Leben ihrer Tochter Paula zu garantieren vermag. Und diesen Grundsatz verinnerlicht Tanja vollkommen. Fortan tut sie alles, Schmutz und Keime aus dem gemeinsamen Heim zu verbannen. Scheint das in der ersten Zeit noch für jeden nachvollziehbar, steigert sich die Mutter immer weiter in ihren Putzwahn hinein. Selbst die Hausärztin vermag es nicht, die Risiken zu relativieren. Auch die inzwischen geschlossene Ehe entwickelt sich immer mehr zu einem Konfliktfeld. Zwar ist Edgar, wenn er denn von seinen Konzertreisen zurückkehrt, ein guter Vater, aber er mag sich nicht in die dörfliche Gemeinschaft eingliedern, in der Tanja inzwischen ihren Rückhalt gefunden hat. Abweisend und arrogant steht er Tanjas Bekannten gegenüber. Zu sehr scheint er sich als künstlerische Elite zu sehen, während Tanja sich, geprägt durch das Aufwachsen im real existierenden Sozialismus, ihr privates Netzwerk schafft. So artet das Ehedrama in einen privaten Ost - West - Konflikt aus. Als bei Edgar die Engagements ausbleiben und er seine Tage im gemeinsamen Heim fristet, eskalieren die Streitigkeiten : denn Edgar beginnt mehr und mehr, sich gehen zu lassen, vernachlässigt Kleidung, Frisur und Körperhygiene, sodaß er als Person ein ständiger Affront für seine Frau zu sein scheint, während er sich durch Tanjas Säuberungsaktionen angegriffen fühlt. Als refugium könnte ein Gewächshaus dienen, das er im Garten errichten läßt und in das er sich immer häufiger zurückzieht. Doch es ist für beide längst zu spät... .
Katja Oskamp hat in diesem ersten Roman die Figur der Tanja Merz, die schon die Protagonistin ihres Debüts mit Erzählungen - "Halbschwimmer" - gewesen ist, weiterentwickelt. Die Tochter eines hohen NVA - Offiziers und einer (ehemaligen) Schuldirektorin hat sich freigeschwommen, ist wunschgemäß an einem Theater beschäftigt. Die Wende liegt etliche Jahre zurück. Ihre Mutter muß eine Umschulung zur Zahnarzthelferin auf sich nehmen und kann sich mit ihrer neuen gesellschaftlichen Stellung nur schwer arrangieren. Tanja, die Ich - Erzählerin dieses Romans, beschreibt die Vorgänge zumeist aus einer leicht (selbst -) ironischen Distanz, nur das Aufwachen nach dem Kaiserschnitt und die Konfrontation mit ihrem zu früh geborenen Kind bildet eine eindringliche, beinahe vehemente Ausnahme, nicht nur im Erleben, sondern auch in der Beschreibung. Doch nach und nach gewinnt die Ironie wieder an Raum, ohne allerdings jemals zu verschleiern, daß sich Tanja und ihre Ehe in schweren Fahrwassern bewegen. Ein wenig ist dieser Bruch in der Erzählhaltung irritierend, doch durch den Inhalt durchaus gerechtfertigt. Kaum vorstellbar, daß jemand über ein solch dramatisches, einschneidendes Erlebnis mit Ironie hinweggehen könnte. Und dennoch trägt diese, meist feine, Ironie das ganze Buch. So wird dieser kurze Roman zu tiefgründiger Unterhaltung und verliert sich weder in quälenden Analysen, noch in Belanglosigkeiten. Zudem gelingt es der Autorin durch den Blick ihrer Ich - Erzählerin, auch Nebenfiguren wie der Kindergärtnerin, einem Bauern oder der Hausärztin Konturen und Plastizität zu verleihen. Theater und Dorf haben eine fast spürbare eigene Atmosphäre. Nur eines mag verwundern : als Tanja ihren Mann, das Reihenhaus und das Dorf verläßt, um in Berlin neu zu beginnen, ist ihrer Reinlichkeitswahn - der ja aus anderen Gründen entstanden schien - mit einem Male verschwunden, als sei er von jeher der Beziehung zu Edgar geschuldet. Hier wäre noch anzumerken, daß ich - als männlicher Leser - natürlich auch teilweise Edgars Positionen nachvollziehen habe können, daß es also der Autorin auch gelungen ist, diesem männlichen Antagonisten Konturen zugeben und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man erkennt die Verschiedenheit der Sozialisationen ebenso wie die Fehler beider, auch wenn die Sympathie des Lesers - nicht ungewollt - eher auf Seiten Tanjas liegen dürfte. Wer also Lust verspüren sollte, ein intelligent und flott geschriebenes, eher unterhaltsames als grübelndendes, auf keinen Fall aber belangloses Buch zu lesen, ist mit diesem Roman gut bedient.
Seit Anfang der achtziger Jahre lebt der Genetiker Eduard Hoffmann in Kalifornien. Er ist mit Jenny, einer deutsch - italienischen Jüdin verheiratet, hat drei Kinder. Eine Anstellung in einem Institut in Berlin - Buch veranlaßt ihn, nach Berlin zurückzukehren. Außerdem hat er erfahren, daß seinem Großvater ein Haus im Prenzlauer Berg gehört hatte, daß nun im Rahmen der Restitutionsregelungen seinem Bruder und ihm zufallen soll. Eduards Aufgabe ist es, die Eigentumsübertragung abzuwickeln und einen vorteilhaften Verkauf zu organisieren. Seine Rückkehr nach Berlin fällt alles andere als erfreulich aus : alles hat sich verändert, seine Freunde, die Kneipen, die Menschen, das gesamte Klima der Stadt. Er muß feststellen, daß das Haus inzwischen besetzt wurde, die Kosten für Wasser oder Strom aber ihm berechnet werden. Hilfe findet er bei einem Anwalt, mit dem er früher befreundet gewesen ist. Der hat sich vom Achtundsechziger zu einem fülligen, auf dem Boden des Gesetzes stehenden Anwalt verändert, der ihm recht trocken die rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen seiner Lage aufzeigt. Nur das Verhältnis zu Theo, einem Dramatiker und Dichter aus der ehemaligen DDR scheint noch einigermaßen ungetrübt. Doch der wird sich im Verlaufe des Romans umbringen, um dann sowohl von Linken wie Rechten als Kämpfer für ihre Sache reklamiert zu werden. Eduards Besichtigung des ihm gehörenden Eigentums endet mit Schüssen auf ihn, die Polizei sieht sich nicht in der Lage, ihm zu helfen. Als ihm der befreundete Anwalt einen potentiellen Käufer vermittelt, rückt der gleich mit einem Schlägertrupp an, und beinahe kommt es zur Katastrophe. Inzwischen machen Gerüchte die Runde, der Großvater habe das Haus 1933 im Rahmen der Arisierung unrechtmäßig und mit illegitimen Druck erworben. Für die Arbeit hat er kaum Zeit, zudem werden kurz nach seinem Arbeitsantritt sämtliche Computer aus dem Institut entwendet. Und die schwelenden Konflikte zwischen Ost - und West - Professoren, die in der Hierarchie und Bezahlung unterschiedlich eingestuft sind, machen es auch nicht leichter. Als Jenny nach Berlin kommt, um sich um eine Stelle als Pressesprecherin eines Unternehmens zu bewerben, spürt er deren Widerwillen gegen die Stadt, obgleich sie es ist, die sich mit gesundem Menschenverstand besser durch die Wirklichkeit des Berliner Lebens zu lavieren versteht. Ihr gelingt sogar ein erster Kontakt mit den Hausbesetzern. Doch Eduard kann nicht sicher sein, daß sie bereit ist, ihre Zelte in Amerika endgültig abzubrechen. Noch mehr verunsichert ist Eduard, als er bemerken muß, daß er Jenny nicht zum sexuellen Höhepunkt bringen kann, noch nie konnte. Das treibt ihn zu wilden Grübeleien und eher hilflosen und fast lächerlichen Versuchen, dem abzuhelfen. Als Jenny bis zur Entscheidung über ihren Job zu ihren Kindern zurückkehrt, beginnt er eine Affäre mit einer Mitarbeiterin des Instituts. Da sie um seine Ehe weiß und ahnt, daß er seine Familie nicht aufgeben wird, gibt es die Abmachung, keine Perspektiven zu entwickeln, keine Fragen über einanderzustellen, sondern nur die Treffen - an recht außergewöhnlichen Orten wie einem auf der grünen Wiese errichteten Neubaugebiet - zu genießen. Doch Eduard bricht die Vereinbarung... .
Ich gestehe, ich habe das Buch eigentlich ganz gern gelesen. Das verdankt sich in der Hauptsache dem leicht ironischen, leicht distanzierten Schreibstil Peter Schneiders, der dem Buch einen leichten, fast unbeschwerten Erzählfluß verleiht. Allerdings gleicht die Lektüre einem ausgiebigen Mahl in einem Fast - Food - Restaurant, daß den Geschmack zu reizen versteht, aber weder sonderlich nahrhaft, noch besonders gesund ist. Schneider hat einen Schelmenroman im wiedervereinigten Berlin anzusiedeln versucht, dessen Protagonist und Antiheld wohl eher dem Simplizissimus, denn - wie der Klappentext anklingen läßt - einem Don Quichote ähnelt. Der streift durch das ehemalige Ost - und West - Berlin und führt uns durch sämtliche Konflikte, Probleme und Erscheinungen der Wiedervereinigung beider Staaten und Stadthälften. Vom Ansteigen der Gewalt über neu erstarkende Rechtradikale bis hin zur Herabstufung Ostberliner Lebensleistungen und der Bevorzugung westlicher Fachleute, deren fachliche Qualifikation zumindest zweifelhaft erscheinen mag, von Diskussionen über die Verlagerung des Lebensnervs vom Kudamm zum Prenzlauer Berg bis zu Diskursen über die Zukunft eines wie auch immer gearteten Sozialismus wird der Leser in immer wiederkehrenden kleinen Brocken informiert. Dabei filtert der Autor vieles durch die Wahrnehmung und leicht ironisierende Gedankenwelt seiner Figur, ohne aber mehr als eine Anhäufung von Schlagzeilen oder Kurznotizen zu liefern. Als Berliner Leser dieses Romans kann ich trefflich bestätigen, daß all diese Phänomene und Diskurse im Berlin des Anfangs der neunziger Jahre recht vehement stattfanden und das Klima der Stadt durchaus nachhaltig prägten, aber dem Roman tut diese Anhäufung und oftmals fehlende Ausgestaltung nicht wirklich gut. Spätestens als die sexuellen Komplikationen des Ehepaars Einzug in den Roman halten, ist die Tragfähigkeit des Romans und des routinierten Erzählstils wohl erreicht : Oberflächlichkeit und Inhaltsschwere mischen sich zu einem Ganzen, das die geistige Verdauung auf eine harte Probe stellt. Wie nach einem hemmunglosen Gelage mit Burgern und Pommes fühlt man sich einesteils übersatt, auf der anderen Seite merkt man die ersten Regungen eines Bedürfnisses nach Substantiellerem und schwört, den Burgertempel das nächste halbe Jahr zu meiden. Die Überdosis Mayonnaise, die das Ende des Romans mit seinem versöhnlichen Ausgang bietet, jedoch dürfte in der folgenden Nacht noch einige Probleme aufwerfen. für den Besitzstreit um das Haus läßt sich der Autor eine ungewöhnliche, allerdings nicht unrealistische Lösung einfallen. Aber sowohl die Art, wie er Eduards Schwierigkeiten in der Ehe in ein gutes Ende überführt, wie auch die Wendung, die Eduards ursprünglicher Skeptizismus hin zu einer Versöhnung mit dem wiedervereinigten Deutschland nimmt, sorgen für ein länger anhaltendes Aufstoßen. So mag man dieses Buch als leichte Zwischendurch - Lektüre durchaus genießen, doch sollte man um Defizite und Risiken wissen.
Kurz nach der Wiedervereinigung hatte Hinrich Lobek, Sachbearbeiter in der Kommunalen Wohnungsverwaltung Ost - Berlins seine Stelle verloren. Drei Jahre dämmert er nun auf seiner Couch und versieht mehr schlecht als recht die Versorgung von Blumen und Hund Freitag. Seine Frau dagegen hat eine Stelle gefunden, ist engagiert und der Zukunft zugewandt. Die Ehe der beiden hat inzwischen empfindlich gelitten, denn Lobek verweigert nicht selten die Kommunikation und verdächtigt sie darüberhinaus auch eines Verhältnisses mit einem ihrer Vorgesetzten. Seine Verdachtsmomente protokolliert er ebenso akribisch wie die immer wieder vergeblichen Gesprächsversuche seiner Frau Julia. Als er eine Zeitungsannonce findet, in der nach Vertretern gesucht wird, ändert sich Lobeks Leben rasant. Bei einem Seminar über Verkaufsmethoden fällt er - eigentlich durch ein Mißgeschick - positiv auf, und da es gerade in den neuen Bundesländern an Verkaufserfolgen fehlt, kommt er dem Firmeninhaber gerade recht, um im Osten den Absatz von Zimmerspringbrunnen zu steigern. Insbesondere das Modell "Jona", ein in das Brunnenbecken tauchender und Fontänen ausstoßender Walfisch, soll an den Mann gebracht werden. Mit einem erfahrenen Westkollegen soll er den Berliner Markt bearbeiten, und auch hier kommt er eher unfreiwillig zu Anfangserfolgen. Daß er nun jedoch die Wohnung als Lagerraum für etliche Brunnen zur Verfügung stellt, geht Julia zu weit und veranlaßt sie dazu, auszuziehen. Lobek vermißt sie schmerzlich, ist aber nicht in der Lage, einen Anknüpfungspunkt zu finden. Stattdessen gerät sein Leben in den monotonen Wechsel von Arbeit, Essen und Schlafen, sodaß er selbst den Hund vernachlässigt. Als der das Wasser aus einem der Brunnenbecken trinkt und der Motor des Gerätes verschmort, improvisiert Lobek bei der Reparatur ein vollkommen neues Modell : Atlantis. Statt eines Walfisches erhebt sich nun der Berliner Fernsehturm auf einer im Grundriß der ehemaligen DDR zugesägten Kupferplatte. Zunächst als Warenfehlbestand angesehen, wird genau dieses Modell schnell zum Selbstläufer. Nicht nur die Wendeverlierer, zu denen er sich bislang ja selbst gezählt hatte, sondern auch die alten Kader und Berufsnostalgiker finden daran gefalllen, sodaß er mit den Umbauarbeiten kaum nachkommt. Der westlichen Firmenleitung ist von diesen Änderungen nichts bekannt, doch die steigenden Umsätze werden mehr als wohlwollend zur Kenntnis genommen, und er ist auf dem besten Wege, seinen westlichen, ihm vorgesetzten Kollegen auszustechen....
Im Untertitel nennt sich dieser kurze Roman "Ein Heimatroman", und genau das ist er im besten Sinne. Ort der Handlung ist ein seit drei Jahren wiedervereinigtes Deutschland, und so sorgt Jens Sparschuh dafür, daß in seiner Satire weder die Vertreter des Westens noch des Ostens ungeschoren davonkommen. Lobek selbst hat sich von Beginn an in einer Opferrolle eingerichtet, die ihm moralische Überlegenheit sichern soll, und frönt ständig und ausdauernd seiner Ich - Bezogenheit, die ihn Frau, Ehe und Hund vernachlässigen läßt. Aber auch die Vertreter des Westens und deren Methoden stehen nicht viel besser da. Die angepriesenen Verkaufsstrategien basieren entweder auf Vulgärpsychologie oder gar den Strategieplanungen von Kriegen, wie die Wortwahl der Schulungsmaterialien vermuten lassen. Und man muß befürchten, daß etliches dieser sinnfreien, gleichwohl hanebüchenen Anleitungen nicht allzu fern der Realität eines Vertreterseminars sind. So gerät das Verkaufstraining zur Farce, und die anwesenden Vertreter glänzen im Rollenspiel entweder durch lehrbuchhaftes Verhalten oder durch komplettes Versagen bei selbst simpelsten Vorgaben. Der Brunnen "Atlantis" findet in den neuen Bundesländern reißenden Absatz, denn es herrscht weitgehend das Gefühl vor, sich auf der Verliererseiter der Wiedervereinigung zu finden. Zumindest unterschwellig dominiert das Gefühl der Nostalgie, ein Nachtrauern den alten, sicheren Gegebenheiten der DDR. Daß diese jedoch alles andere als wünschenswert waren, wird schnell deutlich, wenn der Ich - Erzähler Hinrich Lobek über seine Tätigkeit in der Kommunalen Wohnungsverwaltung berichtet. Denn er mußte sich mit den Beschwerden über bauliche Mißstände befassen, ohne daß er deren Behebung wirklich hätte veranlassen können. Sparschuh hat eine lesenswerte Satire geschrieben, die sich zunächst einmal dadurch auszeichnet, daß die Geschichte mindestens gleichwertig neben der - politischen, gesellschaftlichen - Aussage steht. Somit wird dem Leser ein literarisches Werk geboten, das unterhaltsam, manchmal urkomisch und ab und an recht böse daherkommt. Und doch wird es an keiner Stelle wirklich verletzend oder bösartig. Ich denke, ein gelegentliches Kichern wird allen Lesergruppen herausrutschen. Selbst heute noch.
Nachdem der fünfzehnjährige Ben einen Flugzeugabsturz überlebt hat, bei dem seine Eltern ums Leben kamen, lebt er mit seiner Tante Lynn, einer hochangesehenen Schriftstellerin, in New York. Ihr Verhältnis ist nicht das Beste, denn Ben hat sich in sich selbst zurückgezogen und erträgt vor allem ihre Begeisterung für die Literatur nur widerwillig. Doch dann wird seine Tante anscheinend entführt. Inmitten der Kampfspuren in ihrem Arbeits - und Bibliothekszimmer findert eine Hälfte ihres zerbrochenen Amuletts, das mit magischen Fähigkeiten versehen ist, die ihn kurzerhand in Shakespeares Drama "Romeo und Julia" versetzen. Von Romeos Freund Mercutio aus einer mißlichen Lage befreit, wird er Zeuge, wie Romeo von unheimlichen Gestalten in Umhängen ermordet wird. Mercutio und Ben ahnen, daß auch Julia gefährdet sein muß. Nur mit knapper Not können die beiden mit ihr fliehen und landen im Unterdeck eines Schiffes. Bald stellt sich heraus, daß an Bord Kapitän Ahab das Sagen hat, fanatisch auf der Suche nach dem weißen Wal Moby Dick. Sie geraten ernsthaft in Gefahr, als Ben mit seiner Harpune den lange gejagten Wal verfehlt. Nur mit der Hilfe des Harpuniers Quiqueg können sie entkommen. Allerdings stellt sich die Lage auf der Insel, auf der sie landen, als ebenso gefährlich heraus : Menschenfresser haben es auf sie abgesehen. Jedoch finden sie Schutz bei Robinson Crusoe, der vor langen Jahren hier gestrandet war. Doch die nächste Bedrohung, die Wiederkehr der unheimlichen Mörder, ist weitaus schwieriger abzuwenden, und Robinson und sein Gefährte Freitag fallen ihr zum Opfer. Wieder fliehen die drei Gefährten, gelangen von einem Buch in ein nächstes, immer mit den "Schattenkriegern" auf den Fersen. Sie treffen auf Don Quixote, Oliver Twist, Emma Bovary, Faust und Mephisto, bewegen sich durch Becketts "Endspiel", Tolstois "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina". Doch auch der Loyalität Mercutios kann Ben nicht wirklich sicher sein, denn dessen Liebe zu Julia, die immer deutlicher wird, und seine Eifersucht auf Ben, bei dem ebenfalls verhaltene Gefühle für das Mädchen erwachen, scheinen ihn zu mindestens unvorsichtigem Verhalten, wenn nicht gar Sabotage zu veranlassen. Immerhin enträtseln sie nach und nach den Grund für diese tödliche Hetzjagd durch die Werke der Weltliteratur. Ein Bösewicht namens Gondar hat seine Tante entführt und benötigt unbedingt die zweite Hälfte des Amuletts, um weiter sein Unwesen in der Welt der Literatur zu treiben. Und Ben erfährt, daß er sich ihm stellen muß : im Inferno aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie"....
Einige Online - Buchhandlungen geben eine Altersempfehlung, die zwischen zwölf und vierzehn Jahren variiert. Und auch mein Eindruck ist, daß der Verlag hier ein Jugendbuch veröffentlicht hat, das auch auf erwachsene Leserschaft spekuliert, ähnlich wie bei "Harry Potter", Michael Endes "Unendlicher Geschichte" oder der "Tintenherz" - Trilogie von Cornelia Funke. Bei Ende, Funke und natürlich den Romanen von Jasper Fforde sind wohl auch die direkten Vorbilder dieses Buches zu suchen. Denn in all diesen Büchern geht es um die unmittelbare Konfrontation ihrer Protagonisten mit literarischen, fiktiven Welten. Jedoch muß man den beiden Autoren Wortberg und Theisen wohl bescheinigen, daß ihr Projekt wohl kläglich gescheitert ist. Mag man zu ihren Gunsten auch annehmen, daß es beiden um ein Heranführen Jugendlicher an Bücher und die Stoffe der Weltliteratur gegangen sein mag und nicht um das einkommensfördernde Abreiten einer Modewelle, so bleibt doch zweifelhaft, ob dieses Buch medienpädagogisch effektiv, ja überhaupt jugendgerecht geraten ist. Denn zum einen bleibt diese Tour de Forçe immer hübsch an der Oberfläche, jagt atemlos von einem Buch zum nächsten, ohne das Wesen der einzelnen Werke im mindesten wiedergeben, geschweige denn auf wenigen Seiten die Figuren zum Leben und zur Dreidimensionalität erwecken zu können, etwas, das die hier so zahlreich herangezogenen Originale sehr wohl konnten, zum anderen ähnelt das Buch auf weiten Strecken eher einem recht blutigen Action - B - Movie, das man einem Jugendlichen in der empfohlenen Altersklassen nur ungern zumuten wollte. Metzelnd ziehen die Schergen Gondars durch die Weltliteratur, trennen Köpfe ab, schlitzen Bäuche auf und dezimieren das literarische Personal so manches auch von Jugendlichen gern gelesenen Buches : Oliver Twist, Werther, Don Quixote fallen ihnen zum Opfer, ohne daß sich die Autoren allzu sehr in der Darstellung zurückhielten. Und auch relativ belesene Erwachsene, die möglicherweise nach einer unterhaltsamen postmodernen Spielerei mit der Literatur suchen, werden wohl nur bedingt Freude an diesen knapp 300 Seiten haben. Zu oberflächlich und lieblos ist dieses Buch - ja man kann sagen - dahingeschludert worden. Sprachliche und stilistische Unebenheiten paaren sich mit einer gewissen Unaufmerksamkeit der Autoren (und des Lektorats), etwa wenn Ben den "Faust", nur getrennt durch einen Absatz, gleich zweimal eindeutig identifiziert oder Ben verkündet, er tue, "was ihm zusteht", obwohl er etwas an sich nimmt und "er nehme sich, was ihm zustünde" nicht nur richtiger, sondern logischer wäre. Bemerkenswert ist auch die Wahllosigkeit, mit der die durchreisten Bücher in den abzuarbeitenden Katalog aufgenommen worden zu scheinen, denn es ist denn doch eher unwahrscheinlich, daß die eigentlich anvisierte Altersgruppe sich willens und in der Lage sieht, sich mit Becketts "Endspiel", dem Monumentalwerk "Krieg und Frieden" oder gar mit Thomas Manns "Tod in Venedig" auseinanderzusetzen. Und auch den Erwachsenen bleibt höchstens die Erkenntnis, daß es diese und alle anderen Bücher gibt, da zumeist Inhalte und Hintergründe, literarische Verdienste und Eigenheiten als bekannt vorausgesetzt werden. Immerhin funktioniert das Buch leidlich als wenig hintergründiger Abenteuerroman, den man schnell und problemlos hinterschlingen kann.
In dieser Fortsetzung des vorhergehenden Romans "Endmoränen" steht einmal mehr das Ehepaar Johanna und Achim Märtin im Mittelpunkt der Betrachtung Marons. Die Ehe scheint unwiederbringlich gestrandet, obwohl von einer Trennung keine Rede ist. Achim, Germanist und angesehener Kleistforscher hat sich seit längerem schon hinter seinem Schreibtisch verbarrikadiert, verweigert selbst häufig genug die Kommunikation mit seiner Frau. Beide leben seit dem Mauerfall in guten Verhältnissen im Stadtzentrum Berlins, berufliche Perspektiven jedoch scheint es für das Akademikerpaar aus der ehemaligen DDR nicht mehr zu geben, Johanna verzichtet darauf, weitere Biographien zu schreiben, Achim ist Angehöriger eines Instituts, deren Mitarbeiter hauptsächlich damit befasst sind, ihre Reputation und Rang zu verteidigen oder ihre Animositäten und Ressentiments zu pflegen. Es bleibt nur die Aussicht auf ein ödes und höhepunktloses Alter(n). Und doch gerät unvermittelt einiges in Bewegung. Nach einer Liebesnacht mit einem viel jüngeren russischen Galeriebesitzer findet Johanna auf der Rückfahrt von ihrem Haus im Brandenburgischen einen ausgesetzten schwarzen Hund. Dieser reagiert auf ihre Zuwendung unmittelbar und erwidert sie mit bedingungsloser Zuneigung. Johanna macht ihn zur Projektionsfläche für ihre Suche nach Sinn und Glück in ihrem Leben und gerät in eine Art Aufbruchsstimmung, während ihr Mann nicht nur in seiner Depression verharrt, sondern die Entwicklung seiner Frau fassungslos und ohne jede Erklärungsmöglichkeit zur Kenntnis nehmen muß. Johanna übernimmt vertretungsweise die Aufsicht über die Galerie des jungen Russen und kommt so in brieflichen Kontakt mit einer russischen Fürstin, Natalia Timofejewna, die nach einem bewegten Leben nach Mexiko gereist ist, um dort nach der Malerin und Autorin Leonora Carrington, einer Jugendbekanntschaft, zu suchen, die dort - obwohl lange totgesagt - dort ihren Lebensabend fristen soll. Sie ermutigt Johanna, nach Mexiko aufzubrechen und ihr bei der Suche behilflich zu sein. Und Johanna wagt diesen Schritt, während Achim recht ziellos durch Berlin streift... .
Es ist keine unabdingbare Voraussetzung, den Roman "Endmoränen" im Vorfeld gelesen zu haben, allerdings wird man am Ende dieses Romans das Erscheinen eines dritten Teiles der Geschichte um das Ehepaar Märtin herbeiwünschen, um zu erfahren, ob Johannas Suche nach Glück und Lebenssinn in Mexiko Erfolge oder Scheitern zeitigt. Denn am Ende von "Ach Glück" betritt sie gerade erst mexikanischen Boden. Somit schildert der Roman nur die eigentliche Aufbruchssituation und nimmt - in Rückblenden - die Bestandsaufnahme einer Ehe vor : längst scheinen die Gemeinsamkeiten der beiden aufgebraucht, der letzte gemeinsame Glücksmoment beim Fall der Mauer liegt lange zurück, und die Affäre Achims mit einer jüngeren Frau hat zwar nicht zur Scheidung, doch aber zu einer weiteren und tiefgreifenden Entfremdung der beiden Ehepartner geführt. Obwohl beide über sowohl finanzielle als auch überdurchschnittliche intellektuelle Grundlagen verfügen, ist es ihnen nicht gelungen, ihr Leben dauerhaft mit Sinn und emotionalen Höhepunkten zu füllen, sodaß das Alter nun in ewiger Wiederholung starrer Routineabläufe zu versanden droht. Ab und an kommt man als Leser nicht umhin, ein larmoyantes Jammern auf hohem Niveau zu konstatieren, das allerdings durch die Fähigkeiten der Autorin, formal, sprachlich und stilistisch auf höchstem Niveau zu schreiben, erheblich gemildert wird. Die Konstruktion des Buches ist relativ komplex : in alternierenden Kapiteln erfahren wir die Sichtweisen der beiden Eheleute, ihr Ringen mit der gegenwärtigen Situation zwischen Umbruch und Stagnation. Zusätzlich bereichern Rückblenden und die Briefe der russischen Fürstin den Roman. Und nicht zuletzt wird der Begriff "Glück" oder vielmehr dessen vermeintliche Unerreichbarkeit, Wiederherstellbarkeit reflektiert. Monika Maron verwendet einen realistischen Erzählstil, aber begibt sich, etwa wenn sie ein Bild Adolf Menzels einem Selbstportrait der den Surrealisten zuzurechnenden Malerin Carrington gegenüberstellt, auch gern einmal auf eine bildliche, symbolische Ebene. Selbst der schwarze Hund ist nicht nur ein Lebewesen, sondern ein symbolhafter Rückgriff auf das Natürliche, Kreatürliche. Immer wieder blitzt in diesem Roman auch ein leichter ironischer Ton auf, am deutlichsten bei einem Abendessen der Institutsmitarbeiter, das sich in sinnlosen Hahnenkämpfen erschöpft. Ich habe dieses Buch recht gern gelesen, ohne jedoch in Begeisterungstaumel zu verfallen. Das Ende - vermutlich sehr bewußt als cliffhanger ausgelegt - kann man dennoch als den Abschluß einer Entwicklung und Ankündigung eines neuen Abschnittes sehen, sodaß man auch unter diesem Aspekt das Buch nicht unzufrieden beendet.
Der Ich - Erzähler und Antiheld dieses nicht sehr umfangreichen Romans fristet seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen und Wochenendseminaren über die Apokalypse. Allerdings steht nicht die biblische Offenbarung des Johannes im Mittelpunkt, auch nicht die drohende Klimakatastrophe, sondern der Untergang der Zivilisation durch den Menschen. Das eigentliche Problem des namenlos bleibenden Erzählers aber findet sich in seinen Liebesbeziehungen zu zwei verschiedenen Frauen, die nichts von einander wissen. Er ist 52 Jahre alt und bemerkt immer mehr Anzeichen und Beeinträchtigungen des Alters, die es ihm immer schwieriger erscheinen lassen, die Frauen voreinander geheimzuhalten, aber auch den ständigen Anforderungen beider gerecht zu werden. Und so beschließt er, sich von einer von ihnen zu trennen : entweder von der einundfünfzigjährigen Judith, die einst hatte Konzertpianistin werden wollen und nun Klavierunterricht gibt, die ihm intellektuell ebenbürtig ist, oder von der dreiundvierzigjährigen Chefsekretärin Sandra, die sich rührend und einfallsreich um ihn kümmert und manchmal eher einer Krankenschwester als einer Geliebten gleicht. Die Schwierigkeiten, sich endgültig festzulegen treiben den Erzähler um, treiben ihn als rastlosen Flaneur auf die Straßen seiner Heimatstadt, wo er seine Mitmenschen und ihre Probleme wahrnimmt, wo er Bekannten begegnet, die sich mit teils abstrusen Tätigkeiten und Beschäftigungen über Wasser und am Leben halten. Im Universum dieser mit sich und seinem Altern hadernden Figur finden sich Menschen, die der Post Fehlverhalten nachzuweisen versuchen, Panikberater oder auch Ekelreferenten, ebenso wie unbenannte und unbekannte Passanten, die ebenfalls so ihre Schwierigkeiten haben...
Genazino ist ein genauer und klarsichtiger Beobachter, weniger ein Humorist oder Satiriker. Nur wenige Überspitzungen (etwa bei den Berufen) reichen aus, um der Realitätswiedergabe einen leicht satirischen Farbton zu verleihen, ohne daß der Realitätsgehalt oder der Wiedererkennungswert verloren ginge. Nur am Rande ist es ein Buch über eine Dreiecksbeziehung - und auch dann bleibt es fern jeder erotischen oder moralischen Verwicklung, sondern es beschäftigt sich mit dem Altern, der Sterblichkeit, also der persönlichen, unausweichlich drohenden Apokalypse, die keinerlei Entscheidung aufzuhalten vermag, die sich aber nach und nach mit teils schmerzhaften Vorzeichen anzukündigen beginnt. Das Buch ist sowohl unterhaltsam wie nachdenklich, und ein Verdienst von Autor Wilhelm Genazino ist es, daß das Leben und auch das Altern lebens - und liebenswert bleiben, daß sich dem Leser wie dem Protagonisten Reichtümer bieten, die nur erkannt werden wollen. Für mich gehört Genazino seit Jahren schon zu den besten und wichtigsten Autoren in Deutschland, weil er mit knappen Sätzen und prägnanten Beobachtungen und Wahrnehmungen deutsche Lebenswirklichkeit und Befindlichkeiten zu spiegeln und zu vermitteln versteht, ohne jemals seine fast tragikomischen Antihelden zu verraten oder zu kompromittieren.
In ihrem erzählerischen Debüt hat Franziska Gerstenberg 15 Erzählungen versammelt,geschrieben aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und Erzählperspektiven :
die meisten ihrer Protagonisten sind etwa ihrer Altersgruppe zuzurechnen, mal männlich, mal weiblich, andere sind jünger oder älter. Ihr Stil ist eher knapp, beinahe lakonisch, die Sätze sind kurze Hauptsätze oder ebenso karge Satzperioden, die dennoch die Hauptpersonen und ihre Konflikte zum Leben erwecken. In "Glückskekse" beschreibt sie die Urlaubsaffäre einer Touristin mit der sechzehnjährigen Tochter des Betreibers des Ferienbauernhofs, die ein unerwartetes Ende findet, als die Flugzeuge am 11.09. ins World-Trade-Center gesteuert werden, in "Doch Schnee" wird das trostlose Weihnachtsfest einer Familie geschildert, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat. "Die Hecke" erzählt die Erlebnisse eines Trampers, der sich einer recht trostlosen Gruppe von Campern anschließt, der immer wieder an seinen daheim gebliebenen Freund denken muß. Es gibt die junge Frau, die heimlich Ballettunterricht nimmt, um ihrer jüngeren Schwester nachzueifern, obwohl ihr Körperbau eher ungeeignet ist, und die mit ihrer Heimlichkeit ihre Beziehung aufs Spiel setzt, Anton, einen autistischen Jungen, der sich als Carlos Santana vorstellt und eines Tages mit dem Fahrrad des Nachbarjungen ausreißt. Fast alle Figuren Berstenbergs scheinen in ihrem Mikrokosmos, in ihren Persönlichkeitsstrukturen unrettbar gefangen, unfähig, auszubrechen und die ihnen eigentlich zugestandenen Freiheiten auszuleben.
Trotz der kargen, knapp gehalten Sprache, dem teilweise bewußt nur auf die Oberfläche gerichteten Blick der Autorin werden die Figuren äußerst lebendig und kommen dem Leser sehr nahe, so nahe, daß man ab und an die Protagonisten aufrütteln möchte, ihnen ihre freiwillige Selbstbeschränkung und das auch in der Zukunft ungelebte Leben bewußt machen. Die Autorin war zu Zeiten des Mauerfalls und der Wiedervereinigung etwa 10 Jahre alt, und so sind die Erzählungen geographisch und politisch kaum verortet. Manchmal kann man annehmen, ein Schauplatz liege im ehemaligen Osten, aber nur selten. Die eigentlichen Einschränkungen rühren aus dem Innenleben der Personen, ganz gleich, wo sie in Deutschland zuhause sind.
Ich fand die Erzählungen immer berührend, immer sehr intensiv und konnte dem lakonischen Stil sehr viel abgewinnendenn gerade der Verzicht auf Bombast oder ausufernde Beschreibungen trägt viel zur Konzentriertheit der Texte bei.
Dies ist ein biographischer Roman über den romantischen Komponisten und Pianisten Robert Schumann. In sich abwechselnden Kapiteln schildert Härtling den Lebenslauf des Komponisten und seine letzte Zeit im Sanatorium, wo er an den Spätfolgen einer Geschlechtskrankheit, geistig und körperlich zunehmend zerrüttet, langsam stirbt. Dort ist seine Hauptperson der Pfleger Tobias Klingenfeld, mit dem er lange und intensive Gespräche führt.Aufgewachsen in Zwickau, studiert Schumann zunächst Jura, doch zieht es ihn dauerhaft zur Musik. In Auflehnung gegen seine Mutter, die ihn zu einer Laufbahn als Juristen drängen will, beginnt er mit dem Klavierunterricht. Dort lernt er auch die Tochter seines Klavierlehrers kennen und lieben, Clara Wieck. Die biographischen Kapitel sind musikalischen Tempi zugeordnet, sodaß sich ganz nebenher parallel zum Roman ein Musikstück zu ergeben scheint.
Es ist ein informativer und fesselnder Roman, gut lesbar, der Einblicke in das Deutschland der Romantik, in den Musikbetrieb und natürlich in das Leben des Komponisten bietet. es erscheint eine Persönlichkeit mit all ihren Widersprüchlichkeiten, ihrem künstlerischen Genie und der ihr eigenen Kleinlichkeit vor dem Auge des Lesers, kontrastiert durch die Hinfälligkeit und den Zerfall in den Klinik - Kapiteln.