China
Ein junger Mann, der beauftragt wurde, durch das Land zu reisen und Zeugnisse bäuerlicher Volksdichtung zu sammeln, trifft eines Tages auf den alten Xu Fugui, der gerade sein Feld bestellt. Bislang von seiner Tätigkeit eher gelangweilt und als "Der Gähner" in den Dörfern bekannt, läßt er sich von diesem dessen Lebensgeschichte erzählen. Xu Fugui ist in den vierziger Jahren ein Tunichtgut. Er hurt herum und verspielt nach und nach das elterliche Ackerland. Er widersetzt sich seinem Vater und demütigt und piesackt den Schwiegervater. Als alles verloren ist, stirbt sein Vater. Auch der Mutter geht es zunehmend schlechter. Die Bearbeitung des gepachteten Landes ist kaum noch zu bewältigen, denn Jiazhen, seine Frau hat ein kleines Kind und ist bereits wieder schwanger. Als er für seine Mutter den Arzt holen will, wird Fugui von den Truppen der Guomindang zum Militärdienst gepresst. Erst zwei Jahre später kehrt er zurück. Seine Mutter ist inzwischen gestorben, seine Tochter nach einer Krankheit ertaubt und die Kommunisten haben die Macht übernommen. Zunächst erhalten sie im Zuge der Landreform eigenes Ackerland, doch bald wird der eigene Besitz den neugegründeten Volkskommunen zugeschlagen. Jiazhen ist duch die harte Arbeit bald gesundheitlich angeschlagen, und Mißernten und Hunger verschlechtern ihren Zustand zusehends. Die beginnende Kulturrevolution und weitere private Katastrophen verschärfen die Lage....
Das Buch und die Lebensgeschichte des Bauern Xu Fungui sind eine Aneinanderreihung der verschiedensten Katastrophen. Seien es Todesfälle oder politische Fehlentwicklungen im Zusammenspiel mit Naturereignissen. Doch immer geht das Leben weiter. Stoisch setzt der Ich - Erzähler und Protagonist seinen Lebensweg fort, ohne zu revoltieren oder Kritik zu äußern. Und so ist der Titel des Romans "Leben!" programmatisch. Dem europäischen Leser dürfte die dichte Abfolge der Unglücke und Todesfälle ebenso fremd erscheinen wie das Fehlen jeglicher Kritik an den politischen Verhältnissen seitens der Hauptfigur oder des Autors. Und doch ist dies genau das Anliegen des Autors : die Stärke im Aushalten und Hinnehmen des chinesischen Volkes zu schildern. Man fühlt sich an den biblischen Hiob erinnert, nur daß die Wiedergutmachung ausbleibt. Dennoch funktioniert die Geschichte : man ist - manchmal wider Willen - gefesselt und folgt den Geschehnissen bis zum Ende, wenn denn auch letztendlich ein leichtes Befremden bleibt. Yu Hua versteht es zu erzählen, die Spannung aufrecht zu erhalten. Nur selten bremsen Einschübe der Rahmenhandlung die rasante Entwicklung der Geschichte von den vierziger bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Eines meiner Lieblingsbücher jedoch ist es nicht geworden.
In diesem autobiographischen und auf Tatsachen beruhenden Roman beschreibt Zhang Jie die letzten Monate im Zusammenleben mit ihrer Mutter, die an den Folgen einer Tumoroperation stirbt. Als alleinerziehende Mutter hatte sie die Tochter unter Mühen und finanziellen Entbehrungen während des Krieges und der Revolution großgezogen. Umso enger ist das gegenseitige Verhältnis, enger noch als das Zhang Jies zu ihrem Ehemann. 1991 wird bei der Mutter ein Tumor an der Hirnanhangdrüse diagnostiziert, der eine schnelle Erblindung und schließlich den Tod zur Folge haben könnte. Weitere Untersuchungen ergeben zusätzlich eine fortschreitende Degeneration des Gehirns, die eine massive Einschränkung aller Funktionen befürchten lassen. Um ihre Mutter behandeln zu lassen, nutzt Zhang Jie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Beziehungen, sodaß sie schließlich Operation und Krankenhausaufenthalt durchsetzen kann. Allerdings ist sie stark im Zweifel, ob diese Operation angeraten sei. Von den Ärzten überzeugt, willigt sie schließlich ein, und die Entffernung des Tumors gelingt. Nachsorge und Pflege sind im Krankenhaus nur mit Mühe und hohem privaten Aufwand zu gewährleisten, und besorgniserregende Symptome werden entweder mißachtet oder gänzlich übersehen. Zhang Jie ist bestrebt - angesichts der bedrohlichen Gehirndegeneration - die Mutter zu schneller Selbständigkeit und Mobilität zu nötigen, und dies mit Ungeduld und Druck. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kommen beide in der Wohnung von Zhang Jies Ehemann unter. Immer härter und ungeduldiger drängt sie die Mutter, die normalen Abläufe wieder aufzunehmen, unbeachtet, wie es der Mutter geht oder, was sie wünscht. Die Mutter steckt immer wieder zurück und fügt sich der Tochter. Beschwerden richtet sie höchstens, und dann nur sehr zaghaft, an Außenstehende. Doch letztlich ist ihre Gesundheit so zerrüttet, daß sie einen tödlichen Herzinfarkt erleidet.
Auch wenn die Autorin das Buch eine Liebesgeschichte zwischen Mutter und Tochter nennt, kann das der (westliche) Leser nur sehr bedingt nachvollziehen. Von der Seite der Tochter scheinen eher Lieblosigkeit, Überforderung und Ungeduld vorzuherrschen. Der Druck auf die Mutter, ihre Bewegungsübungen zu machen oder sich selbständig zu bewegen, das Wechselspiel aus Drohungen, kleinen Erpressungen und Versprechungen auf der einen Seite, das beinahe vollständige Ignorieren der Befindlichkeit der Mutter auf der anderen machen das Buch zu einer zwar ehrlichen, aber beinahe unerträglichen Lektüre. Ist einiges auch der chinesischen Mentalität zuzurechnen, etwa Außenstehende - und dazu zählt auch der Ehemann - niemals unter den Auswirkungen familiärer Probleme leiden zu lassen, so bleibt mir der Mensch Zhang Jie zumindest nach diesem Roman zutiefst unsympathisch, auch wenn sie in diesem Roman ihre Zweifel an ihrem Verhalten unentwegt formuliert. Daß sie andererseits ungehemmt alle Möglichkeiten und Beziehungen ihrer doch privilegierten Stellung nutzt, um die medizinische Versorgung der Mutter zu ermöglichen, könnte die Wahrnehmung der Autorin in ihrer Heimat beeinflussen. Die Datierung einiger Fotos auf den letzten Seiten des Bandes ist fehlerhaft.
Mit seinem Freund Xi Yong reist der junge Protagonist und Ich - Erzähler des Romans durch China. Mit List und Witz schlagen sie sich, obgleich finanziell nicht üppig ausgestattet, durch die chinesische Provinz. Sie nehmen die harte Arbeit der chinesischen Bauern wahr, die Diskrepanz zu den offiziellen Verlautbarungen, aber auch den voranschreitenden Wandel Chinas zu einem eher kapitalistisch geprägten System. Kommt es für die beiden mal etwas härter, so finden sie Unterstützung zumeist bei den Frauen. Zurück in Peking verliert Xi Yong seine Anstellung an einer Universität. Seine Familie arrangiert seine Ausreise nach Deutschland, wo er von einer aufgenommen und in ihrem China - Restaurant beschäftigt wird. Die Arbeit dort grenzt an Ausbeutung, der Lohn ist niedrig. Angestachelt durch einen Kollegen plündert er den Safe seiner Tante, verspielt jedoch das Geld nach und nach an Spielautomaten. Währenddessen plant der - namenlose - Ich - Erzähler, seinem Freund nach Deutschland zu folgen. Doch bis die Ausreise genehmigt ist, wird es noch einige Zeit dauern. So läßt er sich zunächst durch Pekings Künstlerkreise treiben und beschließt dann, einen Abstecher nach Tibet zu unternehmen. Auch wenn er dort neue Bekanntschaften machen kann, gerät er recht bald in bedrohliche Situationen, denn als Chinese ist er im besetzten Tibet nicht immer gern gesehen. So ist er froh, als er schließlich nach Deutschland aufbrechen kann. Der Westen erscheint ihm verheißungsvoll, nicht nur seiner Freiheiten und finanziellen Möglichkeiten wegen, sondern auch wegen der Frauen. Doch seine Erwartungen erfüllen sich nicht. Er trifft auf chinesische Exilanten, deutsche Punker, er arbeitet am Fließband und wird von einer Prostituierten betrogen. Und mit Erstaunen registriert er, wie sein Freund Morgen für Morgen Unmengen von Brötchen einkauft....
Das Buch folgt dem Muster des klassischen Schelmenromans. Der Ich - Erzähler, ein liebenswerter, aber für die chinesische Gesellschaft wenig nützlicher Tunichtgut und Schelm reist durch China und später sogar ins westliche Ausland. Er erlebt immer wieder ironisch beleuchtete Abenteuer, die den Leser einen kritischen Blick auf China und dessen aktuelle gesellschaftlichen Entwicklungen werfen lassen, aber auch - für deutsche Leser nicht ohne besonderes Interesse - aus einem chinesischen Blickwinkel auf die deutschen Gegebenheiten. Mir hat das Lesen durchaus Spaß gemacht, denn die kleinen, fast anekdotischen Abenteuer und der ironische Tonfall bilden ein Ganzes, das bei allem Amüsement Nachdenklichkeit hinterläßt. Und wer sich fragt, was denn bleibe, wird eine Antwort find
Der mit 95 Seiten recht schmale Band enthält vier Erzählungen des Autors aus den Jahren 1982 bis 1984, also einer recht frühen Zeit des Schaffens Gao Xingjians. "Fünfundzwanzig Jahre", die erste Geschichte des Buches, schildert die Begegnung eines zur Umerziehung auf das Land verbannten Lehrers mit einer ehemaligen Kommilitonin, die sich einst in der Parteiversammlung für ihn eingesetzt hatte. Eine Dienstreise nutzt der nun wenigstens teilweise Rehabilitierte, um diese einst von ihm auch begehrte Frau nach fünfundzwanzig Jahren an ihrer Arbeitsstelle zu besuchen. Er nutzt eine Pause, in der die meisten anderen Mitarbeiter Gymnastikübungen absolvieren zu einem kurzen, gerade 10 Minuten währenden Gespräch, und beide bemühen sich, gemeinsame Erinnerungen wachzurufen und sich über die aktuellen Entwicklungen zu informieren... "Auf dem Meer" ist eine von zwei Erzählungen, deren Handlungsort vor allem das Meer ist. Als ein Betrieb älteren Mitarbeitern einen Ferienaufenthalt an der Küste ermöglicht, werden zwei jüngere Kollegen abgeordnet, sich um das Wohl der Gruppe zu kümmern. Wang Shaoping, der sich schon am Arbeitsplatz abgesondert hatte, seinen Schreibtisch von anderen abrückte und selten seine Kollegen grüßte, bleibt auch während dieser Reise weitgehend für sich und taucht nur zu den gemeinsamen Mahlzeiten auf, während Li sich fast ununterbrochen um die Bedürfnisse der ihm Anvertrauten kümmert. Erst zum Schluß des Aufenthalts nimmt Li sich die Freiheit, auf das Meer hinauszuschwimmen. Als er, recht weit vom Strand entfernt, auf ein altes Boot trifft und sich für eine Pause hinaufzieht, trifft er auf Wang Shaoping, der allerdings kaum auf ihn reagiert, sondern immer wieder unhörbar für andere in die lauten Wellenbewegungen schreit... Die zweite mit dem Meer verbundene Erzählung ist "Der Krampf": ein namenlos bleibender Schwimmer erleidet weitab von der Küste einen Krampf der Bauchmuskulatur. Nur, wenn er auf Schwimmbewegungen verzichtet und treibend die betroffene Stelle massiert, bleibt er vom Schmerz verschont. Als er aber in eine kalte Strömung gerät, deren Richtung er kaum abschätzen kann, nimmt er alle Kraft zusammen und gelangt schließlich - nicht ohne starke Unterstützung der einlaufenden Flut ans rettende Ufer. Am Abend geht er noch einmal an den Strand und beobachtet eine Gruppe junger Leute. Die beiden Männer der Gruppe stürzen sich in das Meer, während das Mädchen zurückbleibt. Ihre Rufe, ihre Begleiter mögen schnell zurückkommen bleiben unbeantwortet.... Die letzte und längste Erzählung des Bandes ist "Mutter". Hier versucht sich ein junger Mann in einem Selbstgespräch seiner Mutter gegenüber zu rechtfertigen, weshalb er den Kontakt zu ihr und der Familie hat schleifen lassen, obwohl ihm durchaus bewußt war, daß seine Mutter sich immer für das Wohl der Familie und des Sohnes eingesetzt hat. Selbst zur Beerdigung der Mutter war er zu spät gekommen, so daß er nur noch das zugeschaufelte Grab zu sehen bekam. Denn obwohl ihm die Mutter genug Geld für eine schnelle Heimfahrt hatte zukommen lassen, nahm er trotz der dringenden Aufforderung seiner Familie den üblichen Bummelzug, der die Studenten zum Semesterende aus der Hauptstadt in die Provinz beförderte. Und einige Jahre nach ihrem Tod verbrannte er ihr Foto, beinahe gedankenlos, als er dabei war, alle seine Manuskripte zu vernichten, damit sie ihn nicht belasten könnten....
Der Verlag preist - zu Unrecht - diese Erzählungen als Wegmarken der chinesischen Literatur. In China wurde das erzählerische Frühwerk, zum Teil nur in Taiwan veröffentlicht, kaum wahrgenommen. (Quelle: Berliner Zeitung,17.03.2001) Dennoch sind die Geschichten nicht uninteressant. Zum einen spürt man in fast allen dieser Erzählungen die untergründige Anwesenheit der Politik und ihrer Bedrohung, zum anderen sind Inhalt und Gestaltung soweit tragend, daß man gerne weiterliest. Aber dem Leser bleibt genauso stets bewußt, daß es sich um frühe Proben des literarischen Schaffens des Autors handelt, die die Vergabe des Nobelpreises nicht unbedingt rechtfertigen würden. Wie bei Zhang Yie fand ich die Erzählung "Mutter", die posthume Selbstkritik des zu Lebzeiten eher lieblosen Verhaltens gegenüber der Mutter und der Familie am störendsten, auch wenn hier die Gefährdung eines jungen Autoren durch die Definitionshoheit und die Verfolgung der chinesischen Führung recht deutlich wird. Dagegen scheint mir zum Beispiel die fast unverhohlene Sympathie für den sich absondernden Wang Shaoping erklärlich und auch vom Gefühl her nachvollziehbar. Uneingeschränkt gelungen, und da mag es vielen so gehen, fand ich indes nur "Fünfundzwanzig Jahre" und "Der Krampf".
Als Fang Yan eines Abends nach Hause kommt, im Schlepptau ein gerade kennengelerntes Mädchen, mit dem er den Abend gestalten möchte, erwarten ihn in der Wohnung drei Polizisten. Sie befragen ihn nach seinen Kontakten zu Gao Yang, einem ehemaligen Freund und Kumpanen bei seinem recht liederlichen Leben. Doch Fang Yan kann sich nur vage erinnern, denn seine letzte Begegnung mit ihm liegt zehn Jahre zurück. Damals hatten er und seine Clique, gerade aus dem Militärdienst entlassene junge Männer und einige Frauen ein ausschweifendes Leben zwischen Kleinkriminalität und Halbstarkendasein geführt. Von seiner Arbeitsstelle war er für eine Woche verschwunden, ohne daß er sich an den Aufenthaltsort erinnern könnte. Als er erfährt, daß die Polizisten wegen der Ermordung seines Freundes vor 10 Jahren ermitteln und er durch sein lückenhaftes Erinnerungsvermögen zum Verdächtigen avanciert, erkennt Fang Yan, daß er sich in recht großen Schwierigkeiten befindet. Und so beginnt er, seiner Vergangenheit nachzuforschen. Unterstützung erhofft er sich von seiner immer noch existierenden Clique und einer Frau, in die er damals heftig verliebt gewesen ist, und deren Handtasche immer noch in seiner Wohnung liegt. Aber gerade an die Frau kann er sich kaum erinnern, und sie bleibt unauffindbar. So sucht er weiter und rekonstruiert mühsam und Stück für Stück sein vergangenes Leben....
Mit "Herzklopfen heißt das Spiel" hat der Leser ein ziemlich komplexes und schwieriges Buch in der Hand - es bewegt sich auf vier verschiedenen Ebenen der Realitiät bzw. Fiktion. Mühelos gleiten Gegenwart und Vergangenheit, Wirklichkeit und Traum, Realität und literarische Fiktion ineinander. Dazu gesellen sich noch zwei Bezugsebenen, die sich bei der Lektüre nur schwer oder nur mithilfe des angefügten Glossars erschliessen. Die Figuren verwenden immer wieder ironisch verfremdete revolutionäre Zitate oder Äußerungen von Mao, der Roman korrespondiert in Stil und mithilfe von Anspielungen gleichzeitig mit Werken der klassischen chinesischen Literatur, etwa dem "Traum der Roten Kammer" oder der "Reise nach Westen", was dem westlichen Leser zumeist verborgen bleiben muß. Und dennoch lohnt es sich, sich die Mühe des Lesens und des Sortierens der Realitätsebenen zu machen, denn es bietet sich ein sehr dichtes literarisches Werk mit einigem Humor, das man mit viel Vergnügen und einigen Einblicken in die gegenwärtige chinesische Gesellschaft genießen kann.
Gao Xiaoting erzählt sein Leben und vor allem von seinem liebsten Haßobjekt, dem Immobilienbesitzer und Gourmet Zhu Ziye. Gaos Familie ist beinahe mittellos und darf gegen gelegentliche kleine Dienstleistungen im Pförtnerhaus von Zhu Ziye wohnen. Der Schüler Gao, zudem aufgrund der schlechten finanziellen Situation eher zur Zurückhaltung beim Esssen ermahnt nimmt die Abhängigkeit von Zhu und dessen gänzlich auf gute Mahlzeiten gerichtete Lebensführung zum Anlaß, den "Kapitalisten" abgrundtief zu hassen. denn dieser verbringt den Tag zumeist damit, sich von einer Gaststätte zur nächsten fahren zu lassen, um so in den Genuß der besten Mahlzeiten der Stadt zu kommen. Dafür hat er eigens einen Rikschafahrer, A Er engagiert. Auch Gao wird für die Nahrungsbeschaffung gelegentlich herangezogen, was dessen Abneigung nur verstärkt. 1948, nachdem Gao die Schule beendet hat, schließt er sich der kommunistischen Revolutionsarmee an, auch wenn die Auseinandersetzungen nahezu beendet sind. Als er entsprechend seinen Fähigkeiten in seiner Heimatstadt Suzhou eingesetzt werden soll, kann er wenig anderes vorweisen als seine Abneigung gegen die bürgerliche Kultur des Schlemmens, die ihm Zhu vorgelebt hat. Beinahe folgerichtig wird er zum Leiter eines berühmten Restaurants bestellt. Dort entwickelt Gao das Konzept einer Volksgaststätte, die auf einfachste und billigste Kost setzt. Andere Restaurants schließen sich nur sehr halbherzig an, doch Mißernten und Lebensmittelknappheit sorgen dafür, daß Zhu Ziye um seinen einzigen Lebensinhalt gebracht wird. Nachdem wieder bessere Zeiten anbrechen, muß Gao feststellen, daß auch die Arbeiter und Bauern auf kulinarische Genüsse legen. Sein vorsichtiges und zögerliches Umsteuern bringt ihn zunächst als politischen Abweichler in Mißkredit und führt zur Verbannung, doch dann erkennt auch die Politik, daß gute Küche nicht unwichtig ist. Nur sind inzwischen alle traditionell ausgebildeten Köche in Rente, und Gao erkennt mit Entsetzen, daß er auf das Wissen seines Erzfeindes Zhu Ziye angewiesen ist....
Das Buch ist zweierlei : Ein Lobgesang auf das genußvolle Essen und die gute (chinesische) Küche genauso wie eine bitterböse Satire auf die chinesische Politik und kleine, kaum geschulte Politkarrieristen, die unbehelligt ihr eigenes Süppchen kochen und grundlegende Entscheidungen aus persönlichen Motiven fällen. Geifernd und gehässig schildert Gao als Ich - Erzähler seinen Werdegang und den seines Widersachers Zhu, ohne anscheinend zu bemerken, daß letztendlich er derjenige ist, der zu Recht fast jede Sympathie seiner Leser verliert, nicht der von ihm so angefeindete, etwas behäbige Genußmensch Zhu. Auf 179 unterhaltsamen Seiten erfährt der Leser viel über die traditionelle regionale Küche und über vermeintlich politisches und ideologisches Handeln seit dem Sieg der Revolution in China. Zudem eignet sich das Thema Essen gut, um einen Einblick in das chinesische Alltagsleben zu gewinnen.