Paul Verhaeghen : Omega Minor
Als Post - Doktorand verschlägt es den belgischen Psychologen Paul Andermans 1995 für drei Monate an die Universität in Potsdam, wo er Erfahrungen im Forschungsgebiet der Kognitiven Psychologie sammeln soll. Doch von seinem eigentlichen Arbeitsgebiet wird er bald gründlich abgelenkt, zum einen durch das erotische Knistern zwischen ihm und einer Post - Doktorandin der Physik, Donatella, die sich mit einer - von Einstein letztlich aber ad acta gelegten - kosmologischen Weltformel und sehr plakativ mit ihrem sexuellen Verhältnis zu einem Astrophysiker, Goldfarb, beschäftigt, dann von einer streunenden Katze mit dem vielsagenden Namen Mefista, die ihn recht nachdrücklich in Beschlag zu nehmen versucht, zum anderen durch die zufällige Begegnung mit Josef de Heer, der ihn animiert, dessen Lebensgeschichte zu protokollieren. Paul trifft ihn in einem Berliner Krankenhaus, als er bei seiner ersten Fahrt von Potsdam nach Berlin von einer Gruppe Neonazis unter dem Kommando Hugos und seiner Freundin Nebula übel zusammengeschlagen wird. De Heer dagegen hatte versucht, sich angesichts seiner Unfähigkeit, die eigene Lebensgeschichte zu Papier zu bringen, selbst zu töten. Josef de Heer ist Jude, hat als Jugendlicher einige Zeit im Berliner Untergrund gelebt und als Falschspieler und Assistent eines Zauberers zur Finanzierung einer kleinen Widerstandsgruppe beigetragen, die versuchte, Menschen aus Berlin herauszuschmuggeln. Doch dann wird die Gruppe verraten, ausgerechnet von Stella, in die er in besseren Zeiten verliebt war. Stella ist selbst Jüdin und kollaboriert mit der Gestapo, um eigene Verwandte und Freunde vor dem Abtransport in die Lager zu bewahren. Zwar gelingt es Josef, die Gunst eines SS - Offiziers mit Kartentricks zu erlangen, doch ein gemeinschaftlicher Fluchtversuch mit anderen Gefangenen legt sein Schicksal unwiderruflich fest : auch er wird nach Auschwitz deportiert. Nur durch die Abkommandierung zu einem Sonderkommando, das die vergasten Juden zu den Verbrennungsöfen transportieren muß, gelingt es ihm, die Befreiung des Konzentrationslagers zu erleben. Zur selben Zeit befindet sich Paul Goldfarb, der spätere Nobelpreisträger und Astrophysiker, in den USA. Mit seinen Eltern ist er als Kind rechtzeitig vor den Nationalsozialisten dorthin emigriert. Zunächst gilt sein Interesse der Mathematik, doch beeinflußt durch seine Jugendliebe wechselt er schnell in den Bereich der Physik. Hier zeigt er ein erstaunliches Talent, das auch Hannah, seiner Angebeteten, nicht verborgen bleibt. Sie ist mittlerweile Wissenschaftlerin beim us - amerikanischen Atombombenprojekt in Los Alamos und läßt auch Goldfarb rekrutieren. Beide arbeiten nun an der Wasserstoffbombe und beginnen eine innige Liebesbeziehung. Doch Hannah ist wenig geneigt, den Vereinigten Staaten das Monopol der Nuklearwaffen zu überlassen, sondern will auch den Sowjets die Forschungsergebnisse zukommen lassen. Goldfarb spielt mit. Als Hannah allerdings bei einer nuklearen Testexplosion verstrahlt wird und mit ihrem ungeborenen Kind qualvoll stirbt, geht Paul Goldfarb noch einen Schritt weiter, wohl wissend, daß auch deutsche Wissenschaftler unter der Leitung des Physikers Heisenberg - bislang allerdings vergeblich - an der Entwicklung nuklearer Waffen arbeiten. Und dies wird Auswirkungen auf die Gegenwart - 1995 - haben : denn nach und nach wird klar, daß fast niemand der ist, der er zu sein scheint, daß es über die Jahrzehnte eine gigantische Verschwörung gibt, die die Welt grundlegend verändern wird...."Omega Minor" ist nicht nur umfangreich und komplex, sondern in gewissem Sinne monumental. So scheint es sich der Autor zur Aufgabe gemacht zu haben, das zwanzigste Jahrhundert und dessen Auswirkungen auf den Menschen zu bilanzieren, indem er die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten, den sich folgenlos wähnenden wissenschaftlichen Forschungsdrang und die Schrecken der atomaren Zerstörung zu Zentrum und Klammer seines Romanes macht. Sein Interesse gilt den Menschen, die auf geschichtliche Entwicklungen reagieren müssen, sich arrangieren, gedanklich wie auch im Handeln. Folgerichtig wechseln in diesem Buch Perspektiven und Erzähler ebenso wie die Zeitebenen und Orte, ohne daß ein chronologischer Aufbau zunächst Orientierung böte. Des Lesers Aufmerksamkeit ist gefordert, Handlungsebenen und verschiedene Ich - Erzähler auseinanderzuhalten, doch recht bald werden sich Zusammenhänge erschließen, die den Leser an das Buch fesseln und seine Aufmerksamkeit wachhalten werden. Allerdings macht es der Autor seinem Leser nicht allzu leicht, erst recht wenn diese bemerken müssen, daß kaum eine der Personen so ist, wie man es erwartet oder gar : die ist, für die sie sich ausgibt. Wir treffen auf eine Jüdin, die andere Juden der Vernichtung preisgibt, um eigene Verwandte und Freunde zu retten, einen jungen SS - Mann, der ein jüdisches Kind aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, auf Wissenschaftler, die einerseits am Bau der Atombombe mitwirken, andererseits geheime Forschungsergebnisse an nicht nur konkurrierende Staaten weitergeben. Und dann wäre da noch Josef de Heer, der Auschwitz überlebt hat und sich vehement dagegen wehrt, der (literarischen) Ikonographie jüdischer Überlebender - von Primo Levi bis Imre Kertesz - zu entsprechen, sondern ein eigenes Leben mit Fehlern und Schuld einfordert. Nur : im Laufe des Romans wird zunehmend zweifelhafter, ob Josef de Heer überhaupt der ist, für den er sich ausgibt, ob seine Biographie nicht nur eine Collage aus den Erinnerungen anderer Überlebender darstellt. Selbst Nebula, die Freundin des Anführers der Neonazis, verfolgt durchaus eigene Ziele und ist keineswegs an der Ausbreitung rechtsextremistischen Gedankengutes interessiert. Sie sucht vielmehr den Hintermann der Neonazis und ist alsbald einer sehr gefährlichen Verschwörung auf der Spur, die während des Nazisregimes ihren Ausgang nahm und in der Gegenwart schwerwiegende Folgen haben wird. Der Roman ist doppelbödig und labyrinthisch zugleich, stellt die Gültigkeit der Geschichtsschreibung und von Biographien infrage. De Heer ist es, der (sinngemäß) konstatiert, Geschichte sei die Lüge, die Leute erzählen, um ihrer Vergangenheit einen Sinn zu geben. Man kann dieses Buch mit Recht zu den anspruchsvollen postmodernen Romanen zählen, die in der Nähe von Pynchon ode DeLillo anzusiedeln nicht verkehrt wäre. Dennoch erstickt das Buch nicht in theoretischen Gedanken - und Ideengebäuden, sondern glänzt durch erzählerische Kraft, Lebendigkeit und sogar Spannung, ohne allerdings wirkliche Unterhaltungsliteratur zu sein. Erstaunlicherweise ist eine messbare Resonanz in den deutschen Feuilletons nahezu ausgeblieben, während die vom Autor selbst besorgte Übersetzung ins Englische zum Teil mehr als freundlich rezipiert wurde. Verhaeghen, der zur Zeit das Fach Kognitive Psychologie an einer us - amerikanischen Universität lehrt, war 1995 selbst als als Post - Doktorand in Potsdam und wurde durch seinen Aufenthalt in Potsdam und seine Fahrten nach Berlin zu diesem Buch inspiriert. Historische Fakten und Örtlichkeiten sind gründlich recherchiert, Kurse und Vorleseungen über Kosmologie, die Relativitätstheorie und jiddische Literatur ergänzten die Nachforschungen und wurden sorgfältig in das Werk eingearbeitet, ohne daß der Leser überfordert würde. Dennoch ist dieser Roman höchst anspruchsvoll, der ein gutes Maß an Leseerfahrung und intellektuellem Verständnis voraussetzt, dann allerdings ebenso interessant wie spannend ist.
tinius - 30. Apr, 03:31






