Australien

Tom Petsinis : Die Buchliebhaberin

Sonya Gore, eine australische Lehrerin, hat alles auf eine Karte gesetzt und ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht : mithilfe einer Hypothek eröffnete sie eine Antiquariatsbuchhandlung in einem belebten Viertel. Zunächst gehen die Geschäfte gut, doch am Ende der neunziger Jahre schwappt die Rezession auch nach Australien. Der Umsatz geht immer weiter zurück, das Viertel, in dem sie ihr Antiquariat betreibt, verelendet langsam. Statt attraktiver Geschäfte ziehen Beerdigungsinstitut und Bordell in die direkte Nachbarschaft, außerdem schießen Second - Hand - Buchläden, die Bücher kilo - und meterweise verramschen, wie Pilze aus dem Boden, sodaß ihr eigenes anspruchsvolles Konzept unterzugehen droht. Dennoch kann Sonya es nicht lassen, immer wieder neue Bücher anzuschaffen. Ist es erst die reine Sammellust, die sie auf Flohmärkten stöbern läßt, sind es zuletzt nur noch Mitleidskäufe bei Menschen, die sie nicht abweisen zu können glaubt. Doch auch diese Einkäufe sind wirtschaftlich nicht tragbar. Der Vermieter, ein aus Bulgarien stammender jüdischer Schneider, der nichts mehr fürchtet als ohne Mietzahlungen und Nachmieter sitzengelassen zu werden, drängt recht eindrücklich auf seine Miete, drückt jedoch zunächst immer wieder ein Auge zu. Inzwischen hat allerdings auch die Bank die prekäre wirtschaftliche Lage des Unternehmens erkannt. Ein persönlicher Sachbearbeiter schaut eigens regelmäßig vorbei und versucht, Sonya den Ernst der Lage klarzumachen. Da er Sonya sympathisch findet, bemüht er sich, einschneidende Maßnahmen herauszuzögern. In dieser Situation findet Sonya immer wieder Umschläge mit handgeschriebenen Manuskripten in oder vor ihrem Laden. Sie, die in letzter Zeit überhaupt nicht mehr zum Lesen kam, taucht in diese Seiten, Dialoge, in denen das Schreiben ebenso diskutiert wird wie die Haltung zu Gott oder der Religion oder Begriffe wie "Wahrheit". Wichtige Personen der Literaturgeschichte, der Philosophie diskutieren äußerst lebendig miteinander : die Büsten von Marx und Moses scheinen einem Museumsbesucher im Traum lebendig zu werden und erörtern die Notwendigkeit Gottes für das Werk der Befreiung und Veränderung, Borges und Cervantes treffen in Borges' Bibliothek aufeinander und streiten sich über Schreiben und Interpretation, zwei psychiatrische Patienten haben die Rollen von Goethe und Kleist übernommen und können sich nicht über den richtigen Schreibansatz - aus der überlegenen Distanz oder aus dem schmerzhaften Erleben - einigen. Sonya ist von diesen fesselnden Dialogen beeindruckt und rätselt, wer denn der verfasser sein könne. Sie spürt eine geistige und emotionale Verbundenheit mit dem Autor, umso mehr als im Hintergrund immer wieder eine Frauengestalt in den Geschichten auftaucht, die deutlich ihre Züge trägt. Erst spät gibt sich der Schreiber zu erkennen, aber auch dessen Stummheit halten sie nicht davon ab, sich in ihn zu verlieben. Derweil gerät sie finanziell immer mehr unter Druck. Ein alter Schulkamerad bietet ihr eine Problemlösung der besonderen Art an : er könne jemanden beauftragen, den Laden abzubrennen, um so die Versicherungssumme zur Sanierung der Finanzen einzusetzen. Erst sträubt sich Sonya, mehr wegen der Bücher und ihres ideellen Wertes als wegen der Unrechtmäßigkeit, doch als auch ihr neuer Freundihr zurrät, stimmt sie dem Vorschlag zu. In der Nacht des Jahreswechsels 1999 / 2000 steuert Sonya auf eine Katastrophe biblischen Ausmaßes zu... .

Ich habe etwas gezögert, das Buch hier vorzustellen, sind doch sowohl die englischsprachige Ausgabe ("The Twelfth Dialogue") als auch die Übersetzung ins Deutsche vergriffen, letztere auch gebraucht nur schwer und meist zu hohen Preisen erhältlich. Auch bin ich nicht wirklich sicher, ob ich das Buch nun in allen seinen Dimensionen verstanden habe. Dennoch habe ich mich letztlich für eine Rezension entschieden, da ich ja zum einen eine Art Lesetagebuch führe, zum anderen auch ohne vollständige Erschließung vor allem der religiösen Dimensionen des Romans einen guten Eindruck gewonnen habe. Zudem ist ja nicht auszuschließen, daß das Buch noch in einem Regal ungelesen herumsteht oder in näherer Zukunft wiederaufgelegt wird.
Mein guter Eindruck dieses Buches bezieht sich allerdings allein auf den Inhalt und die schriftstellerische Fähigkeit des Verfassers, des griechischstämmigen australischen Mathematikers Tom Petsinis. Denn schon der Vergleich des Klappentextes, der munter von einer Erbschaft faselt, die Sonya die Eröffnung des Antiquariates ermöglichen soll, zeugt davon, daß man anscheinend das Buch nicht gelesen hat. Leider finden sich so auch einige Rechtschreib - und Druckfehler, die nicht hätten sein müssen, abgesehen davon, daß eine durch die Rechtschreibreform ihrer Eleganz beraubte Raubtierart - der Panter - an einer Stelle durch den Text zu schleichen bemüht ist.
Im Grunde ist dieser Roman - läßt man den Schluß außer acht - recht handlungsarm, was allerdings dem Wesen des Themas und wohl auch der Intention des Autors entsprechen dürfte, in Leserkommentaren aber nicht selten zu Wertungen wie "langweilig" führt. In der Rahmenhandlung beleuchtet Petsinis ausführlich und immer einleuchtend das Verhältnis von Lesern und Händlern zum Buch. Sonya begegnen in ihrem Laden eine Ladendiebin, eine Autorenwitwe, die den Ballast der Vergangenheit in Form von Büchern loswerden will, eine aus Rußland stammende Prostituierte, die mithilfe russischer Literatur die Nähe zur Heimat aufrecht erhalten und in Australien überleben will, ein ausgewanderter Deutscher, der einige Bücher vor der Verbrennung durch die Nazis gerettet hat oder ein Schriftsteller, der nach langen Jahren seine eigentliche Berufung im Lesen erkennt. Das Hauptaugenmerk des Autors liegt auf der Kommunikation zwischen Sonya und ihren Kunden, zwischen Leser und Literatur und natürlich zwischen Sonya und den Figuren, die die rein ökonomische Realität vertreten und deren Tribut einfordern. Wichtiger allerdings scheinen mir die Manuskripte, jedes einem der Kapitel des Romans zugeordnet. Hier führt Petsinis in einer tour de forçe durch Literaturgeschichte, literarische Theorie und Ideengeschichte. Durch die Form der Dialoge gelingt es dem Autor, Inhalte und Ideen anschaulich und lebendig zu vermitteln und sie mit bestimmten Personen nachdrücklich zu verknüpfen. Es scheint, als wären Kierkegaard und Leopardi, Tolstoj und Dostojewskij, Ibsen und Strindberg zu neuem Leben erwacht, so engagiert vertreten die jeweiligen Antagonisten ihre Positionen. Nicht zu übersehen ist in vielen Dialogen die metaphysische bzw. religiöse Dimension, die durch die Figur des zunächst unbekannten Schreibers auch in die Rahmenhandlung übergreift und dort ins Extreme getrieben wird. Kann man das Religiöse in den Dialogen noch als eine der grundfragen des künstlerischen Schaffens und des menschlichen Bewußtseins begreifen, zumal nicht alle Dialoge diesen Themenkomplex direkt ansprechen, so wird es in der Realität (Sonyas) regelrecht bedrohlich, auch wenn sie bis zuletzt durch ihre Verliebtheit davon nichts mitzubekommen scheint. Der Leser wird allerdings schon bald nach dem Erscheinen Theos, des Schreibers der Manuskripte, ein leicht ungutes Gefühl bekommen angesichts recht radikaler Einstellungen. Trotz anfänglicher Handlungsarmut ist das Buch für Leser und Buchliebhaber interessant, klug kalkuliert, ohne allzu mathematisch konstruiert zu wirken. Dennoch ist es keine reine Unterhaltungslektüre, sondern bedarf stetiger und wacher Aufmerksamkeit.

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Die Kapitel und Fußnoten :

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Im Alter von 78 Jahren ist in St. Petersburg der russische...
tinius - 14. Mai, 20:45
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Das hört sich sehr überzeugend an - ist gekauft. Hoffentlich...
Gunnar (anonym) - 13. Mai, 04:38
Nuala O'Faolain verstorben
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Am 9. Mai wird Marcel Reich - Ranicki den mit insgesamt...
tinius - 5. Mai, 23:24

Randnotizen anderswo :

Ich habe einen Wecker,...
Ich habe einen Wecker, dessen Ton an eine Sirene erinnert....
Jekylla - 16. Mai, 11:14
Es gibt doch kostenlose...
Es gibt doch kostenlose Counter, die man hier mühelos...
CiliaSommer - 15. Mai, 23:55
Es war in der Tat entweder...
Es war in der Tat entweder erbärmlich oder haarsträubend....
elsalaska - 14. Mai, 00:01
Tief in den Zeiten der...
Tief in den Zeiten der Unwissenheit verwurzelt bevorzuge...
jequetepeque - 13. Mai, 19:20
Das war einst eine meiner...
Das war einst eine meiner ersten modernen deutschen...
kursiv - 12. Mai, 10:13
Ja, das wäre logisch....
Ja, das wäre logisch. Allerdings sind unterschiedliche...
help - 12. Mai, 01:11
Ich vermute, es werden...
Ich vermute, es werden nur die drei aktuellsten Feeds...
help - 12. Mai, 00:28
Der Feed von beyars.com...
Der Feed von beyars.com (Kunstlexikon)funktioniert ...
help - 11. Mai, 13:39

Verlagsangaben :

Online seit 279 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Mai, 18:22

Danksagung :

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