Argentinien

Pablo De Santis : Die Fakultät

Als Esteban Miró, der Ich - Erzähler, im "Institut für Nationale Literatur" zu arbeiten beginnt, hat er dafür vor allem zwei Gründe : zum einen läßt ihm die Stelle als Archivar und Bibliothekar genügend Zeit, für seine Doktorarbeit über einen recht obskuren Schriftsteller zu recherchieren, zum anderen kann er dank des Gehaltes nun endlich aus der mütterlichen Wohnung ausziehen. Allerdings verdankt er seine Anstellung vor allem der Freundschaft seiner Mutter mit dem Institutsleiter Conde, und genau das stellt den Protagonisten im Verlauf des Romans vor ungeahnte Schwierigkeiten. Conde hat sich der Erforschung des Lebens und der Werke des Schriftstellers Homero Brocca gewidmet, von dem aber nur eine Erzählung in unzähligen Varianten existiert. Seine anderen Bücher sind spurlos verschwunden, und nur Conde hat scheinbar einige Werke des durch ein Schiffsunglück getöteten Autors gelesen. Recht bald hat er Miró als Helfer rekrutiert, der neben seiner Arbeit in dem düsteren und halb zerfallenen Institutsgebäude nun auch mit der Erstellung der möglichen Urfassung beschäftigt ist. Doch Conde ist nicht der Einzige, der sich mit Brocca und seinem Werk auseinandersetzt. Zwei weitere Professoren, Novario und Selva Granados, letztere hat einen dem "Depressionismus" zuzurechnenden (ziemlich schlechten) Gedichtband veröffentlicht, konkurrieren um die wissenschaftliche Meinungsführerschaft und um die Hilfe des Bibliothekars. Zunächst beweist dieser seine Loyalität gegenüber dem mit seiner Mutter befreundeten Leiter, doch der Streit wird zunehmend erbitterter. Und bald gibt es einen Toten. Miró beginnt, Nachforschungen anzustellen, und stößt auf Unglaubliches. Und das ist nicht allein das vollkommen ungeordnete Bücherlabyrinth im vierten Stock des Universitätsgebäudes....

Dieser Roman, der in Deutschland vor allem als Kriminalroman wahrgenommen wurde, ist ein komplexes und äußerst vielschichtiges Gebilde. So finden sich in der Kulisse und der Atmosphäre enge Bezüge zur "Gothic Novel", während der formale Ablauf der Handlung an die klassischen englischen Kriminalromane erinnert. Aber auch Kafka und vor allem Jorge Luis Borges haben Pate gestanden. Die kriminalistische Handlung und der erzähltheoretische Hintergrund werden durch eine recht böse akademische Satire ergänzt und pointiert, sodaß sich dem Leser eine spannende, atmosphärisch dichte und nicht humorlose Lektüre bietet, die ihn gleichzeitig fesseln und amüsieren dürfte, jedenfalls dann, wenn er den Windungen und Volten der literarischen Theorie folgen mag. Mir hat das Buch Spaß gemacht, und wie bei jedem guten Kriminalroman war ich durchaus begierig, die Auflösung der kunstvollen literarischen Konstruktion zu erfahren.

Carlos María Domínguez : Das Papierhaus

Bluma Lennon, eine Literaturwissenschaftlerin, wird von einem Auto erfasst und getötet, als sie in einem gerade gekauften Band der Gedichte Emily Dickinsons blättert. Ihr aus Argentinien stammender Stellvertreter, der nun vorerst ihre Aufgaben übernimmt, erhält mit der Post ein an seine Vorgängerin adressiertes Päckchen mit einem Buch : Joseph Conrads Roman "Die Schattenlinie". Der Band ist alt und ziemlich ramponiert, zudem haften an vielen Stellen Mörtelreste an dem Buch. Im Inneren findet sich auf der Vorsatzseite eine Widmung in Bluma Lennons Handschrift : "Für Carlos als Andenken an die verrückten Tage in Monterrey...". Die Neugier von Blumas Stellvertreter, der auch der Ich - Erzähler dieser Geschichte ist, bringt ihn dazu, Nachforschungen nach dem Absender (und ursprünglichen Empfänger) des Buches anzustellen. Durch einen Zufall stößt er auf das Programm und die Gästeliste einer Literaturtagung, die vor einiger Zeit in Monterrey stattgefunden hatte, und kann auch wirklich Kontakt zu einem der damaligen Teilnehmer herstellen. Als er in den Semesterferien in die Heimat reist, nutzt er die Gelegenheit und macht einen Abstecher nach Montevideo. Nach einem wenig ergiebigen Gespräch mit seinem Informanten wird er von diesem an den Büchersammler Delgado verwiesen, der Carlos Brauer, den Absender des Buches, gut kannte. Ebenso wie Delgado sammelte Brauer mit Leidenschaft Bücher, und noch leidenschaftlicher las er sie. Um über seine Bestände Herr zu werden, widmete er sich zudem der Erstellung eines Bestandskataloges, allerdings immer im Zweifel, die richtigen Bezugssysteme zwischen den einzelnen Büchern und Autoren herstellen zu können. Als dieses Karteikartenarchiv durch einen unglücklichen Zufall verbrennt, steht Carlos beinahe vor dem Nichts....

Zunächst sei dem Verlag ein Lob für die liebevolle und längst nicht mehr selbstverständliche Buchgestaltung ausgesprochen. Die Einbandgrafik und eine vor die Erzählung eingefügte Landkarte machen den nicht sehr umfangreichen Band zu einem kleinen Schatz im Bücherregal. Aber auch inhaltlich ist dieses "Bibliomanikum" äußerst reizvoll, auch wenn man berücksichtigt, daß leidenschaftliche Leser und Büchersammler von Büchern über das Lesen und noch mehr über die ihnen ja auch eigene Sammelwut magisch angezogen werden. Diese Erzählung ist vielschichtig und mancherorts sogar schillernd. Zwar weist der Autor - oder stellvertretend sein Ich - Erzähler - an einigen Stellen auf die von Büchern ausgehende Gefahr hin, schildert Unglücksfälle, die passionierten Büchersammlern zustießen oder - und hier wird es politisch - zeigt auf, wie Bücher während der argentinischen Militärdiktatur zu Zeugen der Anklage geworden sind, doch man merkt, daß Bücher einen hohen Stellenwert im leben der Menschen und der Gesellschaft einnehmen (sollen). Die Grundstruktur der Erzählung ist angelegt wie eine Detektivgeschichte, allerdings werden dem Leser längst nicht alle Ergebnisse geliefert, sodaß er selbst gefordert ist, sich ein eigenes Bild zu machen. Eine zentrale Stelle der Erzählung ist das Gespräch mit Delgado und dessen Schilderung von Brauers Beziehung zu Büchern, die nicht unabsichtlich mit seiner eigenen, ziemlich differierenden konfrontiert wird. Während Brauers Verhältnis zu einem Buch ungestüm und vehement wie ein Liebesakt definiert wird, ist Delgado ein eher vorsichtiger Nutzer, stets auf Werterhaltung und möglichst wenig Gebrauchsspuren bedacht. Und auch in der Sammelleidenschaft unterscheiden sich beide, unkontrolliert auf der einen, rational gesteuert auf der anderen, auch wenn sich bei beiden die Bücher fast überall ausgebreitet haben. Interessant wäre es mit Sicherheit, die Bedeutungsebene und den sich daraus ergebenden Spannungsbogen der beiden namentlich erwähnten und an herausragender Stelle auftauchenden Bücher zu analysieren : "Die Schattenlinie" von Conrad, ein Entwicklungsroman eines jungen Kapitäns, der Fehler und Fehlentscheidungen als zu ihm gehörig erfahren und erkennen muß und dadurch seiner Verantwortlichkeit gerecht werden kann, ebenso wie die Lyrik der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson, deren Gedichte oft genug Zeugnisse einer mystisch - ekstatischen Gedankenwelt aufweisen und sich mit Schmerz, Vereinzelung, Angst, aber auch Liebe beschäftgen. Doch dies sei dem Leser überlassen, so er sich berufen fühlt.

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tinius - 28. Jun, 03:12
Die Zusammenfassung und...
hat meine Neugierde auf das besprochene Buch geweckt...
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help - 3. Jul, 10:21
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Es gibt eine twoday - interne Abofunktion, die ohne...
riekja - 3. Jul, 10:16
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booksandmore - 3. Jul, 09:03
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Herzlichen Glückwunsch zum Wiegenfeste. LG tinius
booksandmore - 3. Jul, 00:52
Der weitere Ratifizierungsprozeß...
Der weitere Ratifizierungsprozeß ist nicht undemokratisch...
litart - 2. Jul, 00:40

Verlagsangaben :

Online seit 328 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 1. Jul, 15:06

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