Martin Walser : Ein springender Brunnen

Johann ist der jüngere Sohn einer Gastwirtsfamilie in Wasserburg am Bodensee. Martin Walser schildert dessen Entwicklung und den Fortgang der Zeitgeschichte anhand dreier, längerer Episoden. Der erste Teil des Romans ist in der Zeitspanne von 1932 bis 1933 angesiedelt. Die Weltwirtschaftskrise ist mittlerweile auch im Dorf Wasserburg in ganzer Härte zu spüren : Zwangsversteigerungen, Konkurse häufen sich. Daß Johann sich von einem Wanderphotographen zu mehreren Aufnahmen hat überreden lassen, scheint ihm im Nachhinein keine gute Idee, auch wenn es ihn ein wenig stolz macht. Er ist nämlich der einzige aus der Familie, der ein Bild von sich allein besitzen wird. Doch auch Kohlenhandlung und Gaststätte der Eltern sind hoch verschuldet, der Gerichtsvollzieher ist ein regelmäßiger Gast. Johanns Vater, Anhänger der Lehre Swedenborgs und vor allem ein heilloser Träumer, der Projekte wie eine Seidenraupenzucht oder die Haltung von Pelztieren oder gar einen ominösen Magnetisierapparat als Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere im Kopf wälzt, ist keine wirkliche Stütze des elterlichen Betriebs. Johanns Mutter hat die Zügel fest in der Hand und sucht nach praktikableren Lösungen, sei es die Fälschung einer Unterschrift unter einer Bürgschaft oder der Beitritt zur an Einfluß gewinnenden NSDAP, wodurch die Gaststätte zum Versammlungsort der Partei wird und damit gesicherte Umsätze gewährleistet. Der Vater ist wenig begeistert, ahnt er doch, daß Hitler Krieg bedeutet. Aber sein Einfluß ist gering. Nur Johann begeistert er mit Buchstabierspielen und exotischen Wörtern, eine Prägung, die dem Kind erhalten bleibt und ihn später zum Dichter, zum Schriftsteller werden läßt. 1938 ist der Vater jedoch tot. Johann ist inzwischen elf Jahre alt. Sein bester Freund ist Adolf, der Sohn eines der örtlichen Nazi - Honoratioren. Nur am Rande nimmt Johann an den Aktivitäten der Hitlerjugend teil, erlebt mit, wie ein gleichaltriger Spielkamerad aus der Gruppe verbannt wird, weil er Jude ist. Dennoch scheint es, als agiere die Nazidiktatur eher gedämpft und zurückhaltend. Zwar agitiert der Dorfschullehrer vehement gegen die Kirche und die für Johann anstehende Erstkommunion, doch bleibt der Gottesdienstbesuch mehrheitlich eine feste dörfliche Tradition, auch wenn die führenden Parteimitglieder die Kirche nun meiden. Für Johann allerdings wird etwas anderes wichtig : ein Wanderzirkus gastiert im Dorf und hat sein Lager im weitläufigen Gelände der Gastwirtschaft aufgeschlagen. Und dort trifft er auf Anita, Zirkuskind im gleichen Alter, ebenfalls kurz vor der Erstkommunion und alsbald Ziel seiner Sehnsucht. Begeistert verfolgt er die Vorstellung, in der Anita eine der Attraktionen ist. Eine Clownsnummer jedoch, die offen politisches Kabarett und gegen die Nazis ist, hat schwerwiegende Folgen : der Dumme August wird in der Nacht von Unbekannten überfallen und krankenhausreif geprügelt. Über Täter und Motiv wird allenfalls gemunkelt, auch wenn man eigentlich nicht lange zu suchen brauchte. Dennoch will man den Gedanken, es seien Dorfbewohner gewesen, nicht wirklich aufkommen lassen. Zwischen Johann und Anita scheinen sich zarte Bande zu entspinnen, doch Johann muß erkennen, daß er einen - wohl erfolgreicheren - Nebenbuhler hat : Adolf. Allerdings zieht der Zirkus weiter, sodaß auch der nicht wirklich von Anitas Zuneigung wird profitieren können. Im dritten, abschließenden Teil des Romans treffen wir auf Johann und seine Familie im Jahre 1944. Sein älterer Bruder Josef dient beim Militär und wird noch vor Ende des Krieges in Ungarn fallen. Johann, der mittlerweile in Lindau zur Schule ging, arbeitet beim Reichsarbeitsdienst. Als er nach Wasserburg zurückkehrt, trifft er auf ein verändertes Dorf : viele Ausgebombte aus dem ganzen Deutschen Reich wurden in freie Zimmer einquartiert, die Mutter muß sich mit dem Jüngsten auf zwei Zimmer beschränken, der Gasthof ist verpachtet. Johann verliebt sich in die Schwester eines Freundes und beginnt, Gedichte zu schreiben, die er bereitwillig seiner Angebeteten schenkt. Ob sie sie wirklich liest und zu würdigen weiß, bleibt aber eher zweifelhaft. Doch für Johann wird Dichten ein notwendiger Bestandteil seines Lebens. Noch vor der Kapitulation Deutschlands muß Johann zur Reichswehr. Gegen die Plackerei und die spürbaren Demütigungen bei der Grundausbildung wappnet er sich mit pathetischen, poetischen Gedanken. Zum Kampfeinsatz kommt er jedoch nicht mehr. Mit Kameraden desertiert er kurz vor Kriegsende, gerät aber dennoch in französische Gefangenschaft. Allerdings ist auch dort sein Aufenthalt nur kurz, denn das Schreiben verschafft ihm Sympathien bei einem der Aufseher, der für seine Freilassung und einen Passierschein sorgt. Und so kehrt Johann nach Wasserburg heim. In der Gaststätte seiner Mutter sind französische Soldaten einquartiert. Lena, die Tochter des Pächters wird zu seiner Geliebten, mit der etliche lustvolle Nächte verbringt. Aber er wird auch erfahren, was ihm in seiner Kindheit verborgen geblieben war : daß es etliche Juden in Wasserburg gab, die sich so gut wie möglich versteckt hielten, da ihnen die Denunziation drohte - durch den Dorfschullehrer, der mittlerweile öffentlich in einem Schaufenster an den Pranger gestellt wurde....

Wer einen Blick auf die Lebensdaten Martin Walsers wirft, wird feststellen, daß die Übereinstimmungen richtig vermuten lassen, "Ein springender Brunnen" sei weitgehend autobiographisch. Dennoch hat Walser diesen Roman in der dritten Person geschrieben, die Autobiographie gleichsam fiktional verbrämt. So hält der Autor seine Figur frei von der kollektiven Erinnerung an die Zeit der Nazidiktatur und kann allein deren subjektives Erleben und Erinnern in den Mittelpunkt stellen, die von Völkermord, Auschwitz und anderen Grausamkeiten nichts oder erst im Nachhinein wissen. Beinahe programmatisch ist jedem der drei erzählenden Teile ein Kapitel vorangestellt, in dem Walser über Vergangenheit und deren "Verfälschung" durch das im Erinnern ins Spiel kommende kollektive Gedächtnis und die dann unausweichlichen moralischen Wertungen räsoniert. Ihm geht es darum, eine durch gegenwärtiges Wissen unverfälschte Erinnerung literarisch zu erschaffen. Dies (als Programmatik) ist nicht unabhängig von der durch ihn losgetretenen Debatte über Auschwitz und dessen mediale Instrumentalisierung zu rezipieren. Dennoch hütet sich Walser vor einer Verallgemeinerung und damit der Lossprechung aller. Ihm geht es um den Lebensweg seines Protagonisten Johann. Dessen Welt oder Kosmos ist das Dorf, Wasserburg mit seinen so verschiedenartigen Bewohnern, die Gaststätte mit dem weltfremden Vater, der resoluten und pragmatischen Mutter, den wunderbar gezeichneten Angestellten, die in der Küche ein Geflecht subtiler Interaktionen geschaffen haben, in dem Hochdeutsch mit Dialekt konkurriert.
Immer steht Sprache und deren Verwendung im Mittelpunkt des Romans. Dialekt gegen Hochsprache, Alltagssprache gegen die fremdartigen Wörter, die Johann unter Anleitung des Vaters zu buchstabieren lernte, die lyrische Sprache Stefan Georges oder die pathetische Nietzsches, die Johann - und damit der Autor - der Sprache der Diktatur und des Militärs gegenüberstellt. Dementsprechend ist auch Walsers Sprache in diesem Roman melodiös, manchmal sentimental, weitgreifend oder minutiös beschreibend. Jeder Teil des Romans wirkt wie ein Bild, das bei näherer Betrachtung langsam in Bewegung zu geraten und ein eigenes Leben zu beginnen scheint. Erzählton und Sprache geleiten den Leser in diese dörfliche Welt, in das kindliche und später jugendliche Erleben mit seinen Nöten und Freuden, aber auch in eine inzwischen vergangene Welt, die nur in der Erinnerung des Protagonisten hat weiterleben können. Das Ende des Krieges, der Einbruch des Wissens um die Dimension der Nazi - Verbrechen, aber auch die "Erlösung" in der sexuellen Beziehung zu Lena bedeuten folgerichtig einen Bruch - im Denken des Protagonisten, aber auch in dessen literarischer Produktion : Lyrik wird zugunsten der Prosa aufgegeben. "Ein springender Brunnen" - das ist Sprache einerseits, die Seele, die unverfälschte Erinnerung andererseits, der es nun nachzuspüren gilt. Martin Walsers Roman korrespondiert mit dem Künstlerroman, etwa dem "Grünen Heinrich" von Gottfried Keller, ebenso wie mit den autobiographischen Aufzeichnungen oder Romanen seiner gleichaltrigen jüdischen Zeitgenossen wie Imre Kertesz oder Georges - Arthur Goldschmidt. Auch wenn mir Walsers Thesen zur medialen "Moralkeule Auschwitz" eher unsympathisch gewesen sind, sodaß ich zunächst auch Walsers literarische Werke von mir geschoben habe, muß ich zugeben, daß ich mit "Ein springender Brunnen" ein ansprechendes, interessantes und vollkommen gelungenes Buch beinahe versäumt hätte.

Zur Vertiefung des Verständnisses des Romans war diese Seite sehr hilfreich.

libris - 30. Mrz, 11:10

Schön, dass es diese Seite gibt!!
Danke für die ganzen Zusammenfassungen.
So muss man nicht alles selbst lesen ;)

tinius - 30. Mrz, 16:58

*grrr*
libris - 30. Mrz, 17:54

Das war durchaus ernst gemeint :)
tinius - 30. Mrz, 17:59

Ich weiß, deshalb mein leicht unwilliges Knurren. Ich bin mir bewußt, daß viele dieses Blog zur Informationsbeschaffung nutzen, aber gedacht ist es natürlich dazu, zum Lesen der von mir positiv besprochenen Bücher zu animieren. (Meine - wenigen - schlechten Erfahrungen muß ja nicht unbedingt jeder nachvollziehen.) Aber andererseits freue ich mich über jeden Leser, über (fast) jeden Kommentar und natürlich über jedes Lob. ;) LG tinius
libris - 30. Mrz, 18:01

Ja, aber ich hab doch bestimmt einen Sonderstatus - ich kann ja schließlich nicht "alles" lesen und muss doch trotzdem über möglichst viel Bescheid wissen.
Von daher ist deine Seite wie geschaffen für mich!
tinius - 30. Mrz, 18:08

Ich würde es, selbst wenn ich wollte, ja doch nicht verhindern können. ;) Und klar : BuchhändlerInnen die qua Beruf mehr Infos brauchen, als sie erlesen können, haben einen Sonderstatus, erst recht, wenn sie sympathisch sind. ;) Eigentlich kommt mein Unwillen auch eher von Schülern, die meinen, mithilfe von solchen Seiten wie meiner ihre Hausaufgaben einfacher machen zu können und sich eigene Lesearbeit zu ersparen. Allerdings bescheren genau die mir nicht selten regelrechte Leserfluten.... LG tinius
libris - 30. Mrz, 18:14

:) Danke!
Hier hört man auf jeden Fall deutlich die berühmte "Zwickmühle" heraus...Leserfluten kontra Leseersparnis für Schüler.
Na, ich denke, wenn sie sich die Infos hier nicht holen, dann holen sie sie sich eben woanders. Dann doch lieber hier - und wer weiß, vielleicht regt es ja doch den ein oder anderen mal zum "Selbstlesen" an.
goldfederchen - 1. Apr, 16:22

Es gibt sie aber auch in diesem Blog: die LeserInnen, die Deine Zusammenfassungen lesen und sich für das eine oder andere Buch in der Lang-Version entscheiden ;-)
Und zusätzlich das Blog als Informationsquelle im bibliothekarischen Alltag nutzen. Im übrigen auch Deine umfangreiche Linkliste ;-)
Nix für ungut :-)

tinius - 1. Apr, 16:26

Nichts kann mich mehr freuen. ;) LG tinius

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