Michael Kumpfmüller : Durst
Conny ist eine junge Frau, Anfang zwanzig, Mutter dreier Kinder von verschiedenen Vätern, alleinerziehend und auf Sozialleistungen angewiesen. Sie lebt in einer Plattenbausiedlung im Osten der Republik, von der elterlichen Wohnung nur einige Aufgänge entfernt. Ihren Eltern hat sie auch das älteste Kind, eine Tochter anvertraut, aber die beiden verbliebenen Söhne, drei und vier Jahre alt, überfordern sie. Fürsorge und beinahe grenzenlose Aggression wechseln einander ab. Conny fühlt sich in ihrem monotonen Dasein und in ihrer Mutterrolle gefangen. Auch die Beziehung zu einem Mann, der sie allenfalls als willige Bettgespielin zum Ausleben seiner Phantasien zu akzeptieren bereit ist, bietet keinen wirklichen Rückhalt, zumal Conny in ihrer Kindheit von ihrem Vater sexuell mißbraucht wurde und nicht wirklich Lust empfindet. Und Connys Mutter ist abweisend und desinteressiert. In einem Wutanfall sperrt Conny ihre Söhne ins Kinderzimmer, versehen mit einigen kleinen Kartons Saft und ein paar eingeschweißten Würstchen. Den Schlüssel versenkt sie kurzerhand in der Toilette und verläßt danach die Wohnung. Es soll ein Aufbruch sein - in ein neues Leben, eine neue Gegend. Doch sie kommt nicht weit. Sie streift durch die Neubausiedlung, kauft für sich Kleider und Stofftiere, befriedigt gegen Bargeld einen Nachbarn und landet schließlich in der Wohnung ihres Freundes. Nach gemeinsam verbrachten Nächten verschwindet er in der Werkstatt in der er arbeitet, während Conny die Wohnung durchstöbert, eine Videokassette mit Kinderpornos findet, Geld aus den Manteltaschen klaubt, fernsieht und das Nötigste an Hausarbeiten verrichtet. An ihre Kinder denkt sie kaum, nur ab und an tauchen Bilder auf, wie sie sich über ihre Rückkehr freuen, wie sie die Freiheit in der sonst verlassenen Wohnung nutzen würden, ohne wirklich zu realisieren, daß sie ja im Kinderzimmer gefangen sind. Immer wieder zieht es Conny hinaus, in die Siedlung, in das Kaufhaus. Manchmal trifft sie sich mit einer Freundin, die allerdings wenig anderes im Kopf hat als Männer und Kleider. Als Conny über ihre Kinder sprechen will, wird sie vollkommen abgeblockt. Und nicht anders ist es, als sie mit ihrer Mutter telefoniert. Der hatte sie eine Art Abschiedsbrief in den Briefkasten geworfen, allerdings darin nicht erwähnt, daß die Kinder in ihrer Abwesenheit versorgt werden müßten. Am Telefon holt Conny das nach, ohne daß jedoch die Mutter darauf wirklich reagiert. Ab und an treibt es Conny zurück zu ihrer Wohnung, wo sie dann vor der Wohnungstür steht, bis sie sich vor anderen Bewohnern verstecken muß. Einmal hat sie sich sogar fest vorgenommen, die beiden Söhne zu töten, kann sich aber letztlich nicht überwinden, die Wohnung zu betreten. Stattdessen redet sie sich erneut ein, daß zuhause alles in Ordnung sei, daß die Kinder wie gewohnt und einigermaßen zufrieden spielten. Ein letzter Ausbruchsversuch mißlingt, der Ausflug in ein nahegelegenes Strandbad erzeugt keine wirklichen Hochgefühle, ihr Trampversuch in Richtung Dresden endet in der Heimatstadt. Und Conny ist emotional immer stärker angegriffen. Scheinbar grundlos fängt sie an, zu weinen. Sie rettet sich in die Wohnung ihrer Eltern. Als die Mutter einen gemeinsamen Ausflug vorschlägt und recht resolut dafür sorgen will, daß auch Connys Söhne daran teilnehmen, wird Connys Wohnung zum ersten Mal nach zwölf Tagen wieder betreten. Und natürlich ist die Tür zum Kinderzimmer immer noch verschlossen, der Schlüssel unauffindbar... .In seinem zweiten Roman hat sich Michael Kumpfmüller an realen Geschehnissen orientiert : 1999 erregte ein Fall von doppelter Kindstötung durch Vernachlässigung bundesweit Aufsehen. Daniela J. aus Frankfurt / Oder hatte ihre beiden Kinder in der heimischen Wohnung in einer Plattenbausiedlung eingeschlossen und sie ohne Aufsicht oder ausreichend Nahrung und Getränke zwöf Tage alleingelassen. Die Zeit verbrachte sie bei ihrem Freund.
Auch wenn sich der Autor zweihundert Seiten lang fast ausschließlich auf die Gedanken und das Erleben der Frau konzentriert und damit den langen, aller Wahrscheinlichkeit nach qualvollen Sterbeprozeß der Kinder ausblendet, geht das Buch ziemlich an die Nieren, sodaß eher zartbesaitete Gemüter besser davon Abstand nehmen. Denn die Tat oder besser : das Wissen um das unvermeidbare Ende schwingen von Anfang an mit, zudem ist dem Autor durch Sprache und Konstruktion eine beängstigende Intensität gelungen. Als Erzähler bleibt er dicht an seiner Protagonistin, wechselt immer wieder in den inneren Monolog und entfaltet eine Welt der Leere, Kälte und Orientierungslosigkeit, die nicht nur auf seine Hauptfigur beschränkt ist, sondern Freunde, die Eltern, Bekannte, die ganze Siedlung umfaßt und gefangen hält. Es gibt weder Liebe, noch Zuwendung, Zuhören oder gar Perspektiven. Auch die Vorstellungen eines Ausbruchs, eines Neuanfanges bleiben letztendlich vage, phantasmagorische Illusionen. Kumpfmüller "leiht" seine Sprache der Figur, deren Sprachmächtigkeit sich also kaum von der des eigentlichen Erzählers unterscheidet. So mag an einigen Stellen die eigentlich Sprachlose oder zumindest sprachlich Eingeschränkte zu Gedanken fähig zu sein, deren phliosophisch - poetischer Gehalt ihr in realiter und auch in der Vorstellung des Lesers ihr selbst eigentlich fremd sein müßte, doch ist es - meiner Meinung nach - legitimes Mittel, Nähe und Intensität zu erzeugen. Jedes der dreizehn Kapitel sieht die Protagonistin zunächst als "eine Frau" und bewegt sich dann schnell und reibungslos immer tiefer in die Welt der Protagonistin, sodaß auch der Leser nicht anders kann als folgen und sich einlassen. Einlassen auf eine karge und trübe Seelenlandschaft, auf ein ebenso verödetes Umfeld und die heillosen Verstrickungen, die die noch selbst kindliche und überforderte Frau zur Täterin werden lassen. Kumpfmüller geht es weder um Verurteilung, noch um Entlastung, vielleicht nicht einmal um eine Erklärung im wissentschaftlichen Sinn, auch wenn er die Diagnose des psychiatrischen Gutachtens (der realen Täterin) in Erleben und Handlung weitgehend und stimmig umgesetzt hat. Sein Anliegen ist es wohl eher, die Frau selbst, ihre Handlungs - bzw. Unterlassungsmotivation, erlebbar und nachvollziehbar zu machen, zu erzählen also im eigentlichen Sinne. Allgemein Menschliches - etwa gelegentliche Aggressionsgefühle gegenüber den eigenen Kindern, ein Gefühl der Überforderung - korrespondieren mit der spezifischen Persönlichkeit der Protagonistin, mit einer eigenen Vorstellungswelt und einer nun auch nicht allzu selten anzutreffenden Umwelt, bis sich daraus eine Katastrophe entwickelt, die vielleicht nicht Symptom, aber doch eine Facette unserer modernen Gesellschaft ist. Wie verschiedene Kritiker aufzeigen, sind weder die Vorgänge, noch ein solches Thema in der Literatur beispiellos : von Gretchen im "Faust" bis zur Marie in Büchners "Woyzeck" ziehen sich Kindsmörderinnen als Figuren durch die Literatur und verweisen auf gesellschaftliche Realitäten. Neu ist vielleicht nur, daß die Ursachen andere sind und wir als Zeitgenossen mit weniger Abstand mit diesem Thema konfrontiert werden, daß es uns dadurch bedingt näher geht. Michael Kumpfmüller hat ein wirklich intensives, weniger fesselndes als nicht loslassenden Buch geschrieben, dem es in meinen Augen mit hohen sprachlichen und literarischen Fähigkeiten gelingt, Nachdenken herauszufordern - über Täter, Gesellschaft und den Roman selbst. Mehr kann man als Schriftsteller kaum erreichen (wollen). Dieser Roman sei also allen - beinahe dringlich - empfohlen, die genügend Unvoreingenommenheit aufweisen, aber auch emotional ein wenig Abstand halten können.
tinius - 19. Mrz, 00:20







