Katja Oskamp : Die Staubfängerin

Tanja Merz ist Regieassistentin an einem Stadttheater an der Ostsee. Mit den Widrigkeiten der Bürokratie muß sie sich ebenso herumschlagen wie mit der mit ihr befreundeten Regisseurin, deren Trinkverhalten zusätzliche Probleme schafft. Zufällig lernt Tanja Im Theater einen holländischen Dirigenten kennen. Der ist gut zwanzig Jahre älter, kultiviert, wirkt selbstbewußt, stabil und offen. Eine Einladung zum Essen führt schnell zu einer Liebesnacht, dann zu einer Beziehung. Beide sehen sich jeden Abend, zumal das Verhältnis zu Tanjas Freundin immer problematischer wird. Tanja genießt die Kochkünste ihres Freundes, die wohnliche und saubere Atmosphäre seines kleinen Reihenhauses in einer ländlichen Gemeinde. Doch als sie schwanger wird, droht beinahe eine Katastrophe : das Baby muß wegen einer Infektion der Mutter vorzeitig per Kaiserschnitt entbunden werden. Als Frühchen wird es im Inkubator hochgepäppelt. Für Tanja ist diese Erfahrung traumatisch, ein nicht endender Alptraum, den sie fast ohne ihren Freund bewältigen muß, da der meist auf Konzertreisen ist. Der behandelnde Arzt bläut ihr nachdrücklich ein, daß allein Hygiene und Sauberkeit das Leben ihrer Tochter Paula zu garantieren vermag. Und diesen Grundsatz verinnerlicht Tanja vollkommen. Fortan tut sie alles, Schmutz und Keime aus dem gemeinsamen Heim zu verbannen. Scheint das in der ersten Zeit noch für jeden nachvollziehbar, steigert sich die Mutter immer weiter in ihren Putzwahn hinein. Selbst die Hausärztin vermag es nicht, die Risiken zu relativieren. Auch die inzwischen geschlossene Ehe entwickelt sich immer mehr zu einem Konfliktfeld. Zwar ist Edgar, wenn er denn von seinen Konzertreisen zurückkehrt, ein guter Vater, aber er mag sich nicht in die dörfliche Gemeinschaft eingliedern, in der Tanja inzwischen ihren Rückhalt gefunden hat. Abweisend und arrogant steht er Tanjas Bekannten gegenüber. Zu sehr scheint er sich als künstlerische Elite zu sehen, während Tanja sich, geprägt durch das Aufwachsen im real existierenden Sozialismus, ihr privates Netzwerk schafft. So artet das Ehedrama in einen privaten Ost - West - Konflikt aus. Als bei Edgar die Engagements ausbleiben und er seine Tage im gemeinsamen Heim fristet, eskalieren die Streitigkeiten : denn Edgar beginnt mehr und mehr, sich gehen zu lassen, vernachlässigt Kleidung, Frisur und Körperhygiene, sodaß er als Person ein ständiger Affront für seine Frau zu sein scheint, während er sich durch Tanjas Säuberungsaktionen angegriffen fühlt. Als refugium könnte ein Gewächshaus dienen, das er im Garten errichten läßt und in das er sich immer häufiger zurückzieht. Doch es ist für beide längst zu spät... .

Katja Oskamp hat in diesem ersten Roman die Figur der Tanja Merz, die schon die Protagonistin ihres Debüts mit Erzählungen - "Halbschwimmer" - gewesen ist, weiterentwickelt. Die Tochter eines hohen NVA - Offiziers und einer (ehemaligen) Schuldirektorin hat sich freigeschwommen, ist wunschgemäß an einem Theater beschäftigt. Die Wende liegt etliche Jahre zurück. Ihre Mutter muß eine Umschulung zur Zahnarzthelferin auf sich nehmen und kann sich mit ihrer neuen gesellschaftlichen Stellung nur schwer arrangieren. Tanja, die Ich - Erzählerin dieses Romans, beschreibt die Vorgänge zumeist aus einer leicht (selbst -) ironischen Distanz, nur das Aufwachen nach dem Kaiserschnitt und die Konfrontation mit ihrem zu früh geborenen Kind bildet eine eindringliche, beinahe vehemente Ausnahme, nicht nur im Erleben, sondern auch in der Beschreibung. Doch nach und nach gewinnt die Ironie wieder an Raum, ohne allerdings jemals zu verschleiern, daß sich Tanja und ihre Ehe in schweren Fahrwassern bewegen. Ein wenig ist dieser Bruch in der Erzählhaltung irritierend, doch durch den Inhalt durchaus gerechtfertigt. Kaum vorstellbar, daß jemand über ein solch dramatisches, einschneidendes Erlebnis mit Ironie hinweggehen könnte. Und dennoch trägt diese, meist feine, Ironie das ganze Buch. So wird dieser kurze Roman zu tiefgründiger Unterhaltung und verliert sich weder in quälenden Analysen, noch in Belanglosigkeiten. Zudem gelingt es der Autorin durch den Blick ihrer Ich - Erzählerin, auch Nebenfiguren wie der Kindergärtnerin, einem Bauern oder der Hausärztin Konturen und Plastizität zu verleihen. Theater und Dorf haben eine fast spürbare eigene Atmosphäre. Nur eines mag verwundern : als Tanja ihren Mann, das Reihenhaus und das Dorf verläßt, um in Berlin neu zu beginnen, ist ihrer Reinlichkeitswahn - der ja aus anderen Gründen entstanden schien - mit einem Male verschwunden, als sei er von jeher der Beziehung zu Edgar geschuldet. Hier wäre noch anzumerken, daß ich - als männlicher Leser - natürlich auch teilweise Edgars Positionen nachvollziehen habe können, daß es also der Autorin auch gelungen ist, diesem männlichen Antagonisten Konturen zugeben und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Man erkennt die Verschiedenheit der Sozialisationen ebenso wie die Fehler beider, auch wenn die Sympathie des Lesers - nicht ungewollt - eher auf Seiten Tanjas liegen dürfte. Wer also Lust verspüren sollte, ein intelligent und flott geschriebenes, eher unterhaltsames als grübelndendes, auf keinen Fall aber belangloses Buch zu lesen, ist mit diesem Roman gut bedient.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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