Matt Ruff : Bad Monkeys
Jane Charlotte hatte - in ihren Augen - keine angenehme Kindheit : Tochter einer alleinerziehenden Mutter und mit der Aufsicht über ihren jüngeren Bruder belastet, was ihre Freiheiten gründlich einschränkte. Konsequent ließ sie ihren Unmut an ihrem Bruder Phil aus, bis sie eines Tages zu weit ging. Inzwischen ist Jane Charlotte über vierzig, hat ein abgebrochenes Collegestudium, eine Drogenkarriere und etliche sexuelle Kontakte mit Minderjährigen hinter sich - und mindestens einen Mord. Genau deswegen sitzt sie in einem weißen, karg möblierten Verhörraum der Polizei von Las Vegas. Daß sie sich dort aber nun keinem Verhör, sondern der Begutachtung durch den Psychiater Vale unterziehen muß, liegt weniger an der Verhaftung wegen Mordes an Dixon, als an ihrem freimütigen Geständnis, sie habe als Angehörige einer Geheimorganisation etliche Übeltäter getötet. Nach und nach schildert sie ihre Karriere als Kämpferin für das Gute im Namen einer namenlosen Organisation, mit deren Exekutivabteilung "Bad Monkeys" sie erst in Kontakt kam, dann arbeitete. Aufgefallen war sie der Abteilung, als sie als Teenager einen Hausmeister des sexuellen Mißbrauchs und der Tötung etlicher Jungen beschuldigte und dieser sich an ihrer rächen wollte. Eine Schußwaffe, die einen natürlichen Tod durch Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen kann, wurde ihr von den "Bad Monkeys" zugespielt und rettete ihr das Leben. Danach dauert es Jahre, bis sie wieder von der Organisation hört. Diesmal jedoch wird sie angeworben, getestet und geschult. Allerdings geht sie auch dort höchst eigenwillige Wege, erweitert sogar die Zielpersonen und verursacht indirekt den Tod ihrer Ausbilderin. Und ihre Vergangenheit als Verführerin einiger Jugendlicher ruft zudem die interne Überwachung auf den Plan, denn in deren Augen könnte Jane Charlotte ebenso grundböse sein wie die Übeltäter, für deren Exekution sie zuständig sein soll. Dixon, der Vertreter der Internen Abteilung nimmt sie ins Kreuzverhör und erreicht, daß sie ihre Fehltritte offenlegen muß. Und er ist nicht wirklich überzeugt, daß Jane Charlotte wirklich für die organisation arbeiten sollte. Doch die Leitungsebene mißachtet sein Votum, denn sie hat Besonderes mit dieser Agentin vor : gibt es doch eine Organisation des Bösen, die die wirklich Bösen vereinigt, mit Informationen versorgt und vor den Zugriffen der "Bad Monkeys" warnt. In deren Führungsebene sitzt ausgerechnet Jane Charlottes Bruder. Und so scheint es nicht verkehrt, Jane Charlotte mit einer Horde axtschwingender Clowns auf dessen Spur zu setzen, um ihn unschädlich zu machen. Allerdings gibt es recht bald eine ernstzunehmende Gegenspielerin, die Jane Charlotte und ihren Vorgesetzten ihre Aufgabe mehr als schwer macht. Dr. Vale, der immer wieder Widersprüche zur Aktenlage und zu realen Fakten feststellen muß, zweifelt immer stärker am Wahrheitsgehalt von Jane Charlottes Aussagen, aber mehr als kleine Korrekturen in den Details kann er nicht erreichen, und so erzählt Jane Charlotte ihre Geschichte bis zum endgültigen Showdown....Erneut erweitert Matt Ruff in seinem Roman die Handlungsebene in den Bereich des Phantastischen. Diesmal hat er einen eigenwilligen Genremix aus Science Fiction und Kriminalroman geschaffen, dem er als Ingredenzien verschiedene Bezugspunkte aus der Kultur des 20. Jahrhunderts beimengt. Gilbert Keith Chestertons "Der Mann, der Donnerstag war" ist ebenso präsent wie die Gedankenwelt Philip K. Dicks, dessen Romane immer wieder um das Moralische, Menschliche kreisen, weniger um das technisch Machbare oder um die Eroberung des Weltraumes. Und so sind Anklänge an "Minority Report", eine Kurzgeschichte Dicks, deutlich spürbar. Die Welt, die Ruff entwirft - die Karriere Jane Charlottes beginnt bezeichnenderweise am 10.9.2001, einen Tag bevor die World Trade Towers durch einen Terroranschlag zerstört wurden - besteht aus einem kaum nuancierten Kontrast aus Schwarz und Weiß und läßt kaum Grautöne und Zwischenstadien zu. dennoch verzichtet Ruff darauf, mit seinem Roman eine Utopie oder Dystopie zu entwerfen und "Gut" oder "Böse" zu einem bestimmenden Kriterium einer Gesellschaft zu machen. Vielmehr verlagert er in seinem handlungsorientierten und mit vielen Kapriolen versehenen Roman die Moralfrage in das Innere seiner Protagonistin, denn die eigentliche Frage lautet : Wer ist Jane Charlotte ? Ist sie gut oder ist sie in Wahrheit böse ? Und so fühlt man sich angesichts der Widersprüche in ihrer erzählten Biographie an den vorangegangenen Roman Ruffs "Ich und die Anderen" erinnert, zu dem der Autor bereitwillig deutliche Verknüpfungen schafft, um dann mit einer weiteren Volte die Gewißheit des Lesers ad absurdum zu führen. Matt Ruff will unterhalten, und so mischen sich Grundfragen menschlicher Existenz und Identität mit einer temporeichen und spannenden Unterhaltung, sodaß nie die Gefahr besteht, in einen philosophischen Diskurs zu geraten, der den Leser langweilen oder gar überfordern könnte. Doch bleibt die Fragestellung nichtsdestoweniger präsent und dürfte einen Leser durchaus zu eigenen Gedanken anregen. Sicherlich wird nicht jeder mit diesem Roman angesprochen, denn die, denen das Phantastische von jeher fremd ist, sollten andere Lektüre wählen, aber die, die literarischen, postmodernen Experimenten gegenüber offen sind, werden mit diesem Buch wirklich bestens bedient. Meiner Meinung nach hat "Bad Monkeys" zwar nicht ganz das Niveau meiner beiden Lieblingsbücher - "Fool on the Hill" und "Ich und die Anderen" - erreichen können, was vielleicht daran liegt, daß sich Ruff einer bei ihm unbekannten formalen Disziplin unterworfen und sich zudem für seine Verhältnisse kurzgefasst hat. Doch bleiben seine Vorstellungskraft und seine schriftstellerischen Fähigkeiten stark genug, einen guten, lesbaren und anregenden Roman vorzulegen, auch wenn mir die liebgewordene Entfesselung seiner Imagination ein wenig fehlt. Ein wenig verwundert mich das geringe feuilletonistische Echo - weniger in Deutschland, wo das Buch ja gerade erst erschien - als in den USA, wo wenigstens die New York Times und die Washington Post das Buch rezensierten. Es scheint, Matt Ruff wird immer noch als Geheimtip gehandelt. Das scheint mir einigermaßen unverdient, denn trotz einiger Kühnheit in seinen Weltentwürfen, ist Ruff ein ernstzunehmender Autor, der dem Menschlichen, dem ureigenen Aufgabengebiet der Literatur, engagiert und mit viel Geschick nachspürt.
tinius - 11. Mrz, 21:59








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