Stewart O' Nan : Letzte Nacht
Einige Tage vor Weihnachten steht die endgültige Schließung einer "Red Lobster" - Filiale außerhalb einer kleinen Stadt in Connecticut unmittelbar bevor. Die Konzernleitung hat entschieden, daß die Umsätze zu gering seien. Einen Arbeitstag muß Manny DeLeon noch bewältigen, danach werden er und ein paar Kollegen auf andere Standorte verteilt, die Mehrzahl aber muß sich um andere Jobs kümmern. Manny, puertoricanischer Abstammung, übergewichtig, pflichtbewußt und konziliant, ist der Geschäftsführer, der auch am letzten Tag dafür sorgen muß, daß das Schnellrestaurant reibungslos läuft und sich nach Schließung als Assistent eines anderen Geschäftsführers wiederfinden wird. Leicht ist dieser letzte Tag nicht : Connecticut versinkt im Schnee, was die Gästezahl reduziert, von den Angestellten - besonders denen, die danach auf der Straße stehen - ist nur ein Teil erschienen, und unter diesen gibt es nicht unerhebliche Spannungen um Schnelligkeit oder die trinkgeldträchtigen Reviere der Kellnerinnen. Auch die Gäste bieten einiges an Konfliktpotential. Daß eine größere Gruppe unangemeldet eine Feier veranstalten will, ist dabei noch ein kleines Problem, das allerdings die Zuteilung der Bedienungen etwas erschwert. Schlimmer sind dann schon einige ältere Damen, die mit abgelaufenen Gutscheinen zahlen wollen und vehement um den Rechnungsbetrag feilschen. Manny ist immer dann gefragt, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht, und schafft es beinahe immer, eine für alle Seiten akzeptierte Lösung zu finden oder die Geschäftsinteressen durchzusetzen, ohne die Gäste zu verprellen. Nur ein Kind, das sich nach einer etwas zu üppigen und abwechslungsreichen Mahlzeit übergibt, ist ein nicht zu klärender Streitpunkt, der vermutlich eine Beschwerde bei der Bezirksleitung der Restaurantkette nachsichziehen wird. Schlimmer ist da schon das Verhalten des Personals untereinander und mit den Vorräten des Restaurants : Ty, der Koch, verträgt sich nicht mit einer der Küchenkräfte, die daraufhin wutentbrannt Mannys und Tys Jacken mit einem Messer aufschlitzt und die Windschutzscheiben ihrer beiden Autos einschlägt, bevor sie mitten in der Arbeitszeit endgültig verschwindet. Ein anderer Angestellter schafft noch heimlich ein paar Flaschen mit Spirituosen beiseite und versteckt sie bei den Mülltonnen, um sie später unbeobachtet einsammeln zu können. Und dann ist da noch die Kellnerin Jaqui, mit der Manny eine längere Affaire hatte. Obwohl sie sich inzwischen getrennt haben, hofft Manny immer noch, die Beziehung wieder aufleben zu lassen, denn seine schwangere Freundin Deena scheint ihm nicht wirklich die Richtige zu sein - emotional hängt er immer noch an Jacqui, die allerdings selbst inzwischen einen neuen Freund hat. Am frühen Abend sieht es so aus, als würde der Schnee eine vorzeitige Schließung des Restaurants angebracht erscheinen lassen. Nur ein Ehepaar auf der Durchreise hat sich in den "Lobster" verirrt. Doch Mannys Vorstellung, den letzten Tag seines Restaurants mit überdurchschnittlichen Umsätzen und in üblicher Harmonie zu beschließen, leben wieder auf, als ein von einem Polizeiwagen eskortierter Reisebus auf den Parkplatz fährt. Etwa sechzig chinesische Reisende drängeln sich durch die Eingangstür....
Dem Buch vorangestellt ist eine kurze Pressenotiz der am Aktienmarkt notierten Restaurantkette Darden, Betreiberin von 1700 Gaststätten, darunter auch etlichen der "Red Lobster" - Schnellrestaurants, die sich auf Fischgerichte spezialisiert haben, in der ein Wertwachstum der Aktien um 22 - 27 % im Jahre 2005 vermeldet wird. Diese Nachricht hat Stewart O' Nan inspiriert, sich in seinem zehnten Roman mit diesem Thema zu befassen. Dennoch bleiben das Politische und Sozialkritik nur ein Unterton in diesem wenig spektakulären, unaufgeregten Roman. Vielmehr zeichnen diesen mit 157 Seiten recht schmalen Roman eine akkurate Beobachtung, Detailtreue und eine dichte, stimmige Atmosphäre aus. Im Mittelpunkt steht Manny, Fels in der Brandung und Vermittler zwischen allen Fronten. Er achtet auf die Einhaltung aller Vorschriften, nimmt sich nur heimlich kleine Freiheiten, etwa das Kiffen im Auto. Für ihn ist der "Lobster" ebenso sicherer Hafen wie eigenes Werk, auf das er mit Stolz blicken kann. Sein ausgleichendes Wesen, seine Freundlichkeit sichern ihm - in Grenzen - auch die Loyalität seiner Mitarbeiter, sodaß auch am letzten Öffnungstag nicht nur die für eine Versetzung empfohlenen Angestellten auftauchen. Daß andere fernbleiben, kann Manny durchaus nachvollziehen, auch wenn er selbst die Entscheidungen des Konzerns kaum hinterfragt. Aber ein Zeichen will er setzen, indem er den Arbeitstag mit Würde und guten Umsatzzahlen zu Ende bringt. Manny ist fernab von jeder "inneren Kündigung", im Gegenteil identifiziert er sich stark mit seiner Arbeit und "seinem" Laden, möglicherweise mehr als ihm guttäte, denn es ist abzusehen, daß er sich mit Versetzung und damit einhergehender Degradierung klaglos abfinden wird. Aber Manny ist, ebenso wie die anderen, ein Mensch. So erfahren wir andeutungsweise von seiner starken Zuneigung zu seiner verstorbenen Großmutter, von einer allgemein starken Familienbindung und natürlich seiner inneren Unsicherheit über die Beziehung zu Deena, die er wohl heiraten wird, ohne sie zu lieben. Doch schon ein Weihnachtsgeschenk für Deena zu finden, stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem für Manny dar. Zumal das benachbarte Einkaufszentrum auch schon bessere Zeiten gesehen hat, sodaß etliche Fachgeschäfte inzwischen geschlossen sind, andere wegen des starken Schneefalls früher zugemacht haben. Einen Ausweg böte ihm Jacqui, wenn sie sich denn wiedergewinnen ließe, doch das scheint zumindest den Lesern eher unwahrscheinlich, während sich Manny dieser Illusion bis zum Ende des Tages noch hingibt. Der Roman lebt von Manny, den Angestellten, den Gästen und den genauen Alltagsbeschreibungen. O' Nan, der ausgiebig recherchiert, beobachtet und Hintergrundgespräche geführt hat, läßt auf 157 Seiten einen lebendigen Arbeitstag in einem Schnellrestaurant erstehen, indem er Reportage und fiktive Gestaltung verschränkt, ohne dem rein Dokumentarischen vollkommen zu verfallen. Vielmehr sind es Dialoge, Andeutungen, Konflikte, die das Buch auch zur hohen Kunst machen. "America is the people" könnte als Motto über diesen Seiten stehen, Amerikas Wesen machen die Leute aus, die tagtäglich arbeiten, miteinander kommunizieren und Widrigkeiten zu überwinden suchen, nicht die Obrigkeit, die Staatsorgane oder die Konzerne, die unbelastet von den Auswirkungen auf die Menschen schlicht ökonomische Entscheidungen fällen. Und mit diesem Statement ist dieser kleine Roman so amerikanisch wie politisch und auch international aktuell. Ich kann dieses ruhige, beinahe handlungsarme Buch nur wärmstens empfehlen.
Dem Buch vorangestellt ist eine kurze Pressenotiz der am Aktienmarkt notierten Restaurantkette Darden, Betreiberin von 1700 Gaststätten, darunter auch etlichen der "Red Lobster" - Schnellrestaurants, die sich auf Fischgerichte spezialisiert haben, in der ein Wertwachstum der Aktien um 22 - 27 % im Jahre 2005 vermeldet wird. Diese Nachricht hat Stewart O' Nan inspiriert, sich in seinem zehnten Roman mit diesem Thema zu befassen. Dennoch bleiben das Politische und Sozialkritik nur ein Unterton in diesem wenig spektakulären, unaufgeregten Roman. Vielmehr zeichnen diesen mit 157 Seiten recht schmalen Roman eine akkurate Beobachtung, Detailtreue und eine dichte, stimmige Atmosphäre aus. Im Mittelpunkt steht Manny, Fels in der Brandung und Vermittler zwischen allen Fronten. Er achtet auf die Einhaltung aller Vorschriften, nimmt sich nur heimlich kleine Freiheiten, etwa das Kiffen im Auto. Für ihn ist der "Lobster" ebenso sicherer Hafen wie eigenes Werk, auf das er mit Stolz blicken kann. Sein ausgleichendes Wesen, seine Freundlichkeit sichern ihm - in Grenzen - auch die Loyalität seiner Mitarbeiter, sodaß auch am letzten Öffnungstag nicht nur die für eine Versetzung empfohlenen Angestellten auftauchen. Daß andere fernbleiben, kann Manny durchaus nachvollziehen, auch wenn er selbst die Entscheidungen des Konzerns kaum hinterfragt. Aber ein Zeichen will er setzen, indem er den Arbeitstag mit Würde und guten Umsatzzahlen zu Ende bringt. Manny ist fernab von jeder "inneren Kündigung", im Gegenteil identifiziert er sich stark mit seiner Arbeit und "seinem" Laden, möglicherweise mehr als ihm guttäte, denn es ist abzusehen, daß er sich mit Versetzung und damit einhergehender Degradierung klaglos abfinden wird. Aber Manny ist, ebenso wie die anderen, ein Mensch. So erfahren wir andeutungsweise von seiner starken Zuneigung zu seiner verstorbenen Großmutter, von einer allgemein starken Familienbindung und natürlich seiner inneren Unsicherheit über die Beziehung zu Deena, die er wohl heiraten wird, ohne sie zu lieben. Doch schon ein Weihnachtsgeschenk für Deena zu finden, stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem für Manny dar. Zumal das benachbarte Einkaufszentrum auch schon bessere Zeiten gesehen hat, sodaß etliche Fachgeschäfte inzwischen geschlossen sind, andere wegen des starken Schneefalls früher zugemacht haben. Einen Ausweg böte ihm Jacqui, wenn sie sich denn wiedergewinnen ließe, doch das scheint zumindest den Lesern eher unwahrscheinlich, während sich Manny dieser Illusion bis zum Ende des Tages noch hingibt. Der Roman lebt von Manny, den Angestellten, den Gästen und den genauen Alltagsbeschreibungen. O' Nan, der ausgiebig recherchiert, beobachtet und Hintergrundgespräche geführt hat, läßt auf 157 Seiten einen lebendigen Arbeitstag in einem Schnellrestaurant erstehen, indem er Reportage und fiktive Gestaltung verschränkt, ohne dem rein Dokumentarischen vollkommen zu verfallen. Vielmehr sind es Dialoge, Andeutungen, Konflikte, die das Buch auch zur hohen Kunst machen. "America is the people" könnte als Motto über diesen Seiten stehen, Amerikas Wesen machen die Leute aus, die tagtäglich arbeiten, miteinander kommunizieren und Widrigkeiten zu überwinden suchen, nicht die Obrigkeit, die Staatsorgane oder die Konzerne, die unbelastet von den Auswirkungen auf die Menschen schlicht ökonomische Entscheidungen fällen. Und mit diesem Statement ist dieser kleine Roman so amerikanisch wie politisch und auch international aktuell. Ich kann dieses ruhige, beinahe handlungsarme Buch nur wärmstens empfehlen.
tinius - 7. Mrz, 01:48












