Denis Johnson : Der Name der Welt
Michael Reed ist dreiundfünfzig Jahre alt, ein auf Zeit angestellter Assistenzprofessor für Geschichte im Mittleren Westen der USA. Seinen Job und die damit verbundenen Verpflichtungen, in spätestens einem Jahr wird der Zeitvertrag nicht mehr verlängert werden, erledigt er mechanisch und routiniert. Seit vier Jahre zuvor seine Frau und die gemeinsame fünfjährige Tochter Elsie bei einem Unfall ums Leben kamen, ist Michael Reed nicht mehr wirklich lebendig. Als Geisteswissenschaftler beobachtet er sich und seine Umwelt recht genau, und so weiß er, daß ihn seine Trauer paralysiert, er aber gleichzeitig immer mehr konkrete Erinnerungen und auch konkrete Gefühle verloren hat. Eine Rückkehr ins aktive (Er)Leben scheint ihm nur möglich, wenn etwas vollkommen Unvorhergesehenes in sein Leben einbräche. Bei einem Abendessen seiner Fakultät, an dem er widerwillig teilnimmt, da er sich eine Verlängerung seiner Anstellung oder eine neue Berufsperspektive verspricht, begegnet er einer rothaarigen Studentin. Für sie beginnt er sich zu interessieren, nicht zuletzt, weil er in ihr eine Art Doppelgängerin seiner getöteten Tochter zu sehen meint. Allerdings erfährt er zunächst weder ihren Namen, noch kann er in Kontakt mit ihr treten. Doch die Begegnungen häufen sich : in der Universität sieht er sie wieder, als sie eine recht freizügige Performance veranstaltet, später begegnet er ihr als Stripperin in einem Spielcasino, in dem er selbst von einer Zufallsbekanntschaft verprügelt wird. Zuletzt mietet er sich ein Auto und folgt ihr durch die karge Landschaft zu einer Kirche, in der sie mit Mitgliedern einer Mennonitengemeinde singt. Es ist keine Hinwendung zu Gott, die der Chorgesang bewirkt, sondern eher im Gegenteil eine Befreiung von ihm, denn Reed hat ihn nur als ungerecht und als Killer gesehen, der wahllos Tod und Verderben unter die Menschen bringt. Nach der Veranstaltung darf er Flower Cannon, so heißt die junge Frau, nach Hause fahren. Sexuell angezogen und durch die - vermeintliche - Ähnlichkeit mit seiner Tochter fasziniert, beginnt er mit ihr zu kommunizieren, zu reden und zuzuhören. Ein Versuch, miteinander zu schlafen, scheitert allerdings an seiner aufkommenden Unlust. Stattdessen erzählt sie ihm ein Erlebnis aus ihrer Kindheit : ein ihm ähnlicher Mann habe sie einst von zuhause entführt. Es bleibt offen, ob sie mißbraucht wurde. Michael Reed scheint nun das Unerwartete gefunden zu haben und bricht auf in ein vollkommen anderes, aktiveres Leben, fernab der Universität. Er arbeitet fortan als Kriegsberichterstatter im ersten Irakkrieg....
Die Zusammenfassung des Inhaltes läßt erahnen, daß das Buch zweigeteilt ist. Während der erste Teil des kurzen Romans realistisch, reflektierend und beinahe analytisch daher kommt, bewegt sich der Leser im zweiten Teil, der direkten Begegnung mit Flower Cannon, in einem kryptischen, komplexen Gelände. Für die, die andere Romane und Erzählungen Denis Johnsons kennen, ist der ruhige und zurückhaltende Tonfall des Buches vermutlich ebenso ungewohnt wie die akademisch gebildete, stets reflektierende Figur des Protagonisten, waren doch andere Hauptfiguren zumeist soziale Außenseiter, der Tonfall entsprechend aggressiv, drastisch und außerhalb der anerkannten Normen. Dennoch finden sich auch in diesem Roman einige Motive seiner anderen Bücher wieder : das Unterwegs - Sein und die nie aufgegebene Hoffnung auf Erlösung. Johnson versteht es auch in diesem Roman - ganz anders als in "Engel" - ein sprachlich intensives und atmosphärisch dichtes Werk zu schreiben, das einen durchaus in den Bann zu ziehen weiß. Dennoch verunsichert der kryptische und beinahe mythisch überhöhte zweite Teil nicht wenig. Es scheint als bewege sich der Roman aus einer konkreten Handlungsebene in eine allegorische Zwischenwelt, die nur schwer wirklich zu erfassen ist. Dennoch ist es möglich, sich einen Reim darauf zu machen, sodaß der Leser keinesfalls das Gefühl hat, sich allein in unwegsamen Gelände zu bewegen. Denis Johnsons Beschreibung und Analyse der Trauer und ihrer Mechanismen, seine leicht ironische Erdung der Akademiker und des Universitätsmilieus machen das Buch zu einer interessanten und sprachlich ansprechenden Lektüre.
Weitere Rezensionen :
Engel
Die Zusammenfassung des Inhaltes läßt erahnen, daß das Buch zweigeteilt ist. Während der erste Teil des kurzen Romans realistisch, reflektierend und beinahe analytisch daher kommt, bewegt sich der Leser im zweiten Teil, der direkten Begegnung mit Flower Cannon, in einem kryptischen, komplexen Gelände. Für die, die andere Romane und Erzählungen Denis Johnsons kennen, ist der ruhige und zurückhaltende Tonfall des Buches vermutlich ebenso ungewohnt wie die akademisch gebildete, stets reflektierende Figur des Protagonisten, waren doch andere Hauptfiguren zumeist soziale Außenseiter, der Tonfall entsprechend aggressiv, drastisch und außerhalb der anerkannten Normen. Dennoch finden sich auch in diesem Roman einige Motive seiner anderen Bücher wieder : das Unterwegs - Sein und die nie aufgegebene Hoffnung auf Erlösung. Johnson versteht es auch in diesem Roman - ganz anders als in "Engel" - ein sprachlich intensives und atmosphärisch dichtes Werk zu schreiben, das einen durchaus in den Bann zu ziehen weiß. Dennoch verunsichert der kryptische und beinahe mythisch überhöhte zweite Teil nicht wenig. Es scheint als bewege sich der Roman aus einer konkreten Handlungsebene in eine allegorische Zwischenwelt, die nur schwer wirklich zu erfassen ist. Dennoch ist es möglich, sich einen Reim darauf zu machen, sodaß der Leser keinesfalls das Gefühl hat, sich allein in unwegsamen Gelände zu bewegen. Denis Johnsons Beschreibung und Analyse der Trauer und ihrer Mechanismen, seine leicht ironische Erdung der Akademiker und des Universitätsmilieus machen das Buch zu einer interessanten und sprachlich ansprechenden Lektüre.
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Engel
tinius - 14. Feb, 19:11








Dennis Johnson hat im letzten Jahr den National Book Award für "Tree of Smoke", einen Bericht über seine Extremerfahrungen im Vietnamkrieg, erhalten und er wurde 1949 in München geboren :-)
Oder wusstest du das schon?
Wie suchst du die Bücher, die du gerade liest, eigentlich aus?
Liebe Grüße
"Tree of Smoke" lagert schon. ;) Ich weiß nur noch nicht, wann ich es lesen werde. Die Kombination von englischer Sprache und einer recht hohen Seitenzahl läßt es mit Sicherheit noch einige Monate auf dem Stapel verharren, schon weil ich mit "Terror" gerade ein recht umfangreiches Werk in englischer Sprache lese. Die andere Frage ist eher schwer zu beantworten. Zwar habe ich mir für den Februar vorgenommen, meine englischsprachigen Bücher etwas zu reduzieren, aber auch da sind so viele vorhanden und kommen neu dazu, daß ich mich von einer Augenblickslaune inspirieren lasse. Bei einem Vorrat von ca. 4000 ungelesenen Büchern habe ich immer relativ freie Auswahl, sofern ich denn das Gewünschte in den Stapeln wiederfinde. ;) Ich richte meinen Lektüreplan aber auch ein wenig am Blog aus : d.h., ich lese abwechselnd ein paar deutschsprachige und einige ausländische Autoren (außer es gilt, meinen Stapel mit englischsprachigen Büchern abzuarbeiten), ich versuche, zu gewährleisten, daß viele - aber nicht alle - Bücher lieferbar sind (verlasse mich aber auch darauf, daß online - Antiquariate den Bezug recht einfach machen und daß Bücher selten schlecht werden), ebenso daß sie möglichst (aber nicht zwingend) in deutscher Übersetzung vorliegen. Ich habe eine strikte Grenze nach unten : die Pilchers, Susanne Fröhlichs dieser Welt wird man hier und in meinen Regalen nicht finden. Anregungen bekomme ich aus Foren, Blogs, Feuilletons, von Preisverleihungen und den Novitätenkatalogen der Verlage, ohne daß ich aber mich dem Druck aussetzen mag, Neuerscheinungen auch gleich zu besprechen, selbst wenn sie recht schnell den Weg in meine vier Wände finden. Zwar hab ich am Ende eines Monats nicht selten eine Vorstellung, was im nächsten Monat folgen soll, aber das wird recht häufig spontan geändert. Rein theoretisch würden jetzt noch "Letzte Nacht" von Stewart O'Nan und "Bad Monkeys" von Matt Ruff folgen, der März - und hier halte ich Aktualität mal für geboten - soll mit Jonathan Littells "Die Wohlmeinenden" beginnen. Aber ob das so kommt - wer weiß ? LG tinius