Matthew Pearl : Der Dante Club

Im Winter 1865, der amerikanische Bürgerkrieg liegt ein knappes halbes Jahr zurück und die Folgen sind auch im siegreichen Norden noch unübersehbar, beginnt der Dichter Henry Wadsworth Longfellow mit der Arbeit an einer Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie", um so den Unfalltod seiner Frau zu verarbeiten. Zwar gab es bislang schon einige britische Übersetzungen, doch haben diese kaum den amerikanischen Kontinent erreicht. Longfellows Projekt ist also der erste Versuch, Dante den Amerikanern zu erschließen. Unterstützt wird er durch die Dichter und Harvard - Professoren Oliver Wendell Holmes und James Russell Lowell, den Verleger Fields und den Geistlichen und Historiker Greene. Die Gruppe, der sogenannte Dante Club, trifft sich wöchentlich, um die Entwürfe der Übersetzung zu diskutieren und die Arbeit voranzutreiben. Das ist insbesondere für die beiden noch aktiven Dozenten der Universität Harvard nicht ohne Gefahr, denn deren evangelikale Leitung sieht in der "Göttlichen Komödie" ein katholisches Machwerk, das geeignet ist, unziemliche Leidenschaften zu verbreiten und die bislang unangefochtene Dominanz der antiken Literatur zu bedrohen. Das Leitungskuratorium intrigiert auf jede nur erdenkliche Weise gegen die Übersetzung und die daran beteiligten Personen. Und die Befürchtungen scheinen sich alsbald zu bewahrheiten : denn es geschehen Morde, die den Strafen in Dantes "Inferno" gleichen : ein Richter wird lebendigen Leibes von Fliegenlarven aufgefressen, ein Geistlicher kopfüber vergraben, während seine Füße, kerosingetränkt, verbrennen. Auch der Dante Club bemerkt, daß die Morde in jedem Detail der Dichtung nachempfunden wurden, und beschließt, den Täter zu suchen, um Dantes Werk und ihre Arbeit nicht schon vor Veröffentlichung in Mißkredit bringen zu lassen. Erschreckend ist nicht allein die Tatsache, daß es in den Vereinigten Staaten keine englischsprachige Ausgabe des Epos gibt, sondern mehr noch, daß die Verbrechen begangen werden, bevor die entsprechende Szene Thema in den Arbeitsbesprechungen gewesen sind. Die Vermutung, daß der Täter also die italienische Sprache perfekt beherrschen müsse, hat einiges für sich, führt jedoch in eine Sackgasse. Und noch eine Person zeigt ein reges Interesse an der Aufklärung des Falles, während die Bostoner Polizei von den Ermittlungen zugunsten von Ermittlern des Bundesstaates Massachusetts abgezogen wird : Nicholas Rey, der erste und einzige farbige Polizist in Boston. Ihm hatte nach einer Festnahmeaktion ein Verdächtiger einige fremdsprachige Sätze ins Ohr geflüstert, bevor er sich aus dem Fenster stürzte. Doch seine Ermittlungen werden von allen Seiten torpediert. Der Dante Club verhält sich unkooperativ, um ihre Übersetzungsarbeit zu schützen, Rey ist dem auch im Norden allgegenwärtigen Rassismus ausgesetzt, und die Detektive, die gute Kontakte und Geldquellen in der Bostoner Unterwelt haben, sind nicht sonderlich daran interessiert, die Wahrheit zu ermitteln, sondern suchen nur nach einem Sündenbock. Unbeirrt arbeiten die beiden ermittelnden Parteien dennoch an der Aufklärung weiter : der Dante Club mit literarischer Analyse und deduktiver Logik, der Polizist mit einer feinen Beobachtungsgabe, schnellem Auffassungsvermögen und Intuition. Allerdings scheint "Luzifer", wie ihn die Übersetzer nennen, seinen Häschern immer einen Schritt voraus zu sein. Denn der hat längst sein nächstes Opfer ausgewählt... .

Möglicherweise war der deutsche Verlag nicht sonderlich gut beraten, das Buch unter der Genrebezeichnung "Thriller" zu veröffentlichen, während die englischsprachige Originalausgabe (die ich gelesen habe) sich mit dem schlichten "A Novel" bescheidener gibt, auch wenn die Anklänge an den Film "Sieben" nicht zu übersehen sind. Denn "Der Dante Club" ist mehr und will auch durchaus mehr sein, was notwendig das Tempo des Romans vor allem in der ersten Hälfte verringert. Matthew Pearl, der Englische und Amerikanische Literatur studiert hat und auch unterrichtet, sich zudem wissenschaftlich mit Dante und seiner "Göttlichen Komödie" beschäftigt hat, läßt es sich angelegen sein, dem Leser die Denk - und Arbeitsweise Dantes, Interpretationsansätze, historischen Hintergrund und das Leben des Dichters nahezubringen, aber auch die Entstehung der ersten amerikanischen Übersetzung und deren Urheber ins Rampenlicht zu rücken. Und dies gelingt ihm für einen Debütanten erstaunlich gut. Niemals hat man wirklich das Gefühl, man säße in einem Hörsaal und wäre mit einer trockenen Vorlesung konfrontiert, auch wenn eine gewisse Didaktik im Hintergrund spürbar bleibt. Pearl hat es verstanden, seine theoretischen Ausführungen nahtlos in den Handlungsablauf einzufügen und sie mit den Spannungsbögen zu verknüpfen. Die zwischenmenschlichen Reibungsflächen zwischen den Protagonisten, ihre charakterlichen Eigenheiten tun ein übriges, den Dante Club und das Boston des neunzehnten Jahrhunderts zum Leben zu erwecken. Schwierigkeiten allerdings dürften jene haben, die sich für den literaturwissenschaftlichen Hintergrund so gar nicht interessieren, die mit dem Begriff "Thriller" geködert wurden und eine atemlos sich zuspitzende Aneinanderreihung von Spannungsmomenten und Höhepunkten erwarten. Eher ein beinahe klassischer "Whodunit", denn ein Thriller, ist das Buch mit seinen Wendungen und Rätseln durchaus spannend, erreicht sein eigentliches Tempo aber erst in der zweiten Hälfte. Mich selbst hat vor allem ein Thema interessiert und fasziniert, das sich von Anfang bis Ende durch dieses Buch zieht : das Verhältnis von Realität und Literatur. Denn Matthew Pearl stellt drei verschiedene Ansätze der Übersetzung einander gegenüber. Zum einen die Übersetzung der Lebens - und Kriegserfahrungen Dantes, der einst im vierzehnten Jahrhundert für das Fürstenhaus seiner Heimatstadt Florenz zu Felde zog, bedingt durch ein Zerwürfnis dieser Fürsten aus seiner Heimat verbannt wurde, in ein literarisches Werk, dann die Übersetzung des Werkes von einer Sprache in die andere, immer verbunden auch mit interpretatorischen Unsicherheiten, zuletzt die "Übersetzung" einer literarischen Vorlage in tatsächliches Handeln, wie es der Mörder "Luzifer" äußerst brutal praktiziert. Damit verbindet sich - die Befürchtungen der konservativen Universitätsleitung konstatieren das als Tatsache - die Frage, ob Literatur negatives, ruchloses Handeln notwendigerweise hervorrufen wird, oder ob es eine Frage der psychischen Konstitution des Einzelnen ist, welche Projektionsfläche und Handlungsanleitung aus einem literarischen Kunstwerk gemacht wird. Weder Fragestellung, noch die Antwort Pearls werden - klugerweise - explizit ausformuliert, doch schwingt beide knapp unter der Oberfläche unausweichlich mit. Sieht man von einigen sprachlichen unnötigen Übertreibungen zu Beginn des Romans ab, die zu gewollt sensationsheischend wirken, habe ich mit diesem Roman ein historisch fundiertes, in allen - auch sprachlichen - Belangen gut recherchiertes und unterhaltsames Buch gelesen, das durchaus einen hohen Unterhaltungs - und Informationswert aufwies. Noch dazu verzichtet Pear, verglichen mit Ecos "Der Name der Rose", auf ein komplizierendes und manchmal abschreckendes Bildungsfeuerwerk, sondern verquickt Handlung und literaturwissenschaftlichen Hintergrund auf einer leichter verdaulichen Ebene, ohne jedoch jemals flach zu werden.

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