Stef Penney : Die Zärtlichkeit der Wölfe
1867 ist der Norden der kanadischen Provinz Ontario noch immer wenig bevölkert. Nur wenige Ortschaften und ein paar Vorposten bilden die zivilisatorischen Anfänge in diesem pelztierreichen Gebiet. Ordnungsmacht ist die "Hudson Bay Company", die den Pelzhandel quasi monopolisiert und die dort beheimateten Indianerstämme mit Handelsgütern und Alkohol abhängig gemacht hat. In der kleinen Ortschaft Dove River wird der französischstämmige Pelzhändler Laurent Jammet, der unter den vorwiegend schottischen Einwanderern eher als Außenseiter galt, ermordet. Mit durchschnittener Kehle und skalpiert liegt er in seiner Blockhütte, wo ihn Mrs. Ross auffindet. Sie ist weniger schockiert als besorgt, denn ihr siebzehnjähriger Adoptivsohn Francis, der häufig mit dem einsiedlerisch lebenden Jammet Kontakt hatte, ist etwa zur Tatzeit verschwunden. Die Company schickt zwei Ermittler in den Ort, die den Täter dingfest machen sollen. Verdächtige sind schnell gefunden : ein Halbblut, der alsbald festgesetzt wird, und Mrs. Ross' Sohn, der weiterhin verschwunden bleibt. Aber auch andere Täter und Motive kommen infrage : Jammet soll eine Konkurrenz zur allgegenwärtigen "Hudson Bay Company" aufgebaut haben, die das Monopol im Pelzhandel massiv bedrohte, und ein ehemaliger Fährtensucher und Journalist zeigt deutliches Interesse an einer kleinen Tafel mit Schriftzeichen, die er einer alten indianischen Zivilisation zurechnet. Würde sich das bestätigen, wäre das eine Revolution in der Geschichtsschreibung, da man bislang allgemein davon ausging, es gäbe keine indianische Schriftkultur. Während Mackinley alles dafür tut, um den Halbindianer William Parker zu einem Geständnis zu bewegen, macht sich sein Untergebener Donald Moody auf den Weg in die Wildnis, um Francis zu finden. Nach einem beschwerlichen Weg durch die verschneite Wildnis findet er ihn schließlich in einem kleinen Dorf tief religiöser Norweger. Nach einem Unfall war er nur zufällig gefunden und gerettet worden. Da Moody bei ihm Geld und andere Gegenstände aus dem Besitz Jammets findet, ist er überzeugt, den Täter vor sich zu haben. Francis Ross behauptet, er sei dem Täter in die Wildnis gefolgt, den er beim Verlassen von Jammets Blockhütte beobachtet hatte. Und in der Tat gab es eine zweite Spur. Als Parker vom Ortsvorsteher aus der Haft entlassen wird, weil Mackinley ihn mit Schlägen zum Reden hatte zwingen wollen, schließt sich Mrs. Ross ihm an, um ihren Sohn zu finden und möglichst zu entlasten. Auch die beiden gelangen in das Dorf der Norweger und können Moody überreden, der zweiten Fährte in die Wildnis zu folgen. Donald Moody, der sich seines selbständigen Handelns endlich freuen konnte und nur durch die fehlende Transportfähigkeit Francis' daran gehindert wurde, ihn zurückzuschaffen und sein Handeln gewürdigt zu sehen, ist immerhin pflichtbewußt und wahrheitsliebend genug, auch entlastenden Tatsachen nachzugehen. Und so brechen Parker, Mrs. Ross und Donald Moody noch einmal in die Wildnis auf, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde. Einzig ein abgelegener Vorposten der "Hudson Bay Company" ist ein Fixpunkt auf ihrem strapaziösen und gefährlichen Weg. Als sie schließlich im Fort eintreffen, finden sie desolate Zustände vor : der Leiter des Postens befindet sich auf der Jagd, sein Stellvertreter ist laudanumabhängig und teilt sein Bett mit einer Indianerin. Als Mrs. Ross ein Gespräch mithört, erfährt sie, daß es noch eine Person im Fort gibt, von dessen Existenz die Besucher nicht erfahren sollen... .
Nicht zu Unrecht ist dieser Roman 2006 als bester Debütroman und bestes Buch des Jahres mit dem Costa Book Award ausgezeichnet worden. Stef Penney ist ein interessanter, unterhaltsamer und spannender Genremix aus Kriminalroman, historischem Roman und Liebesgeschichte gelungen. Die Geschichte ist recht konventionell erzählt und konzentriert sich auf die Handlung, Landschaftsbeschreibungen und die Personen, ohne daß der Leser auf einen theoretischen Überbau träfe, der eigentlich bei einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaften der Autorin zu vermuten gewesen wäre. Einzig die wechselnden Erzählperspektiven fallen auf, sind aber durch den Handlungsablauf an drei, vier verschiedenen Orten bedingt. Denn die Ich - Erzählerin, Mrs. Ross, von der wir nie den Vornamen erfahren werden, kann ja nur an einem Ort gleichzeitig sein, während zur gleichen Zeit sich andernorts andere Handlungsstränge entwickeln, die aber letztendlich zusammengeführt werden und den Handlungsverlauf abrunden. Mrs. Ross ist die eigentliche Hauptperson des Romans, eine starke und selbstbewußte Frau, als Jugendliche wegen Angstzuständen in einem Sanatorium, später laudanumabhängig und etwa sechzehn Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Handlung mit ihrem Ehemann aus Schottland nach Kanada eingewandert. Nach einer Totgeburt hatte sie auf eigene Kinder verzichten müssen, aber gelernt, ihren Adoptivsohn zu lieben, auch wenn dieser mit den Jahren immer abweisender geworden ist. Selbstbewußtsein, Klugheit, ein gewisser Hang, sich Konventionen zu widersetzen, und Mutterliebe lassen sie stark genug sein, um das Wohl ihres Kindes zu kämpfen und auch existentielle Wagnisse einzugehen. Und sie ist nicht die einzige starke Frau in diesem Roman : in der Doppelortschaft Dove River / Caulfield gibt es Maria, eine Tochter des Ortsvorstehers, die durch ihren Verstand Donald Moody mehr beeindruckt als er zunächst bemerkt und wahrhaben will, hat der sich doch eigentlich in deren schöne Schwester Susannah verliebt. Eine dritte starke Persönlichkeit ist Line, eine Norwegerin, die nach dem Verschwinden ihres Mannes als alleinerziehende Mutter ohne finanziellen Rückhalt in die tief religiös geprägte Gemeinschaft ihrer Landsleute gezogen ist, dort allerdings nie recht heimisch wurde. Eine der wesentlichen Stärken der Autorin ist es, daß sie ihren wichtigen Personen nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Geschichte und eine Entwicklung gibt, sodaß die Figuren lebendig und authentisch wirken. Eine weitere Stärke ist ihre Fähigkeit, die Landschaft eindrucksvoll und nachhaltig zu beschreiben, gleichzeitig ihre Schönheit und Gefährlichkeit zu evozieren. Und dies scheint einigermaßen verwunderlich, ist sie doch niemals selbst in Kanada gewesen, sondern hat sich das Wissen um Land und Landschaft in Bibliotheken erarbeitet. In Kombination mit einer spannenden Krimi - Handlung ergibt sich daraus ein lesenswertes und nicht wenig informatives Buch, das auch durch den flüssigen, angenehmen Stil zu überzeugen weiß. Wer nach gehobener und gekonnter Unterhaltung sucht, ist mit diesem Buch sicherlich gut beraten und dürfte seine Wahl nicht bereuen.
Nicht zu Unrecht ist dieser Roman 2006 als bester Debütroman und bestes Buch des Jahres mit dem Costa Book Award ausgezeichnet worden. Stef Penney ist ein interessanter, unterhaltsamer und spannender Genremix aus Kriminalroman, historischem Roman und Liebesgeschichte gelungen. Die Geschichte ist recht konventionell erzählt und konzentriert sich auf die Handlung, Landschaftsbeschreibungen und die Personen, ohne daß der Leser auf einen theoretischen Überbau träfe, der eigentlich bei einem Studium der Philosophie und Religionswissenschaften der Autorin zu vermuten gewesen wäre. Einzig die wechselnden Erzählperspektiven fallen auf, sind aber durch den Handlungsablauf an drei, vier verschiedenen Orten bedingt. Denn die Ich - Erzählerin, Mrs. Ross, von der wir nie den Vornamen erfahren werden, kann ja nur an einem Ort gleichzeitig sein, während zur gleichen Zeit sich andernorts andere Handlungsstränge entwickeln, die aber letztendlich zusammengeführt werden und den Handlungsverlauf abrunden. Mrs. Ross ist die eigentliche Hauptperson des Romans, eine starke und selbstbewußte Frau, als Jugendliche wegen Angstzuständen in einem Sanatorium, später laudanumabhängig und etwa sechzehn Jahre vor dem Beginn der eigentlichen Handlung mit ihrem Ehemann aus Schottland nach Kanada eingewandert. Nach einer Totgeburt hatte sie auf eigene Kinder verzichten müssen, aber gelernt, ihren Adoptivsohn zu lieben, auch wenn dieser mit den Jahren immer abweisender geworden ist. Selbstbewußtsein, Klugheit, ein gewisser Hang, sich Konventionen zu widersetzen, und Mutterliebe lassen sie stark genug sein, um das Wohl ihres Kindes zu kämpfen und auch existentielle Wagnisse einzugehen. Und sie ist nicht die einzige starke Frau in diesem Roman : in der Doppelortschaft Dove River / Caulfield gibt es Maria, eine Tochter des Ortsvorstehers, die durch ihren Verstand Donald Moody mehr beeindruckt als er zunächst bemerkt und wahrhaben will, hat der sich doch eigentlich in deren schöne Schwester Susannah verliebt. Eine dritte starke Persönlichkeit ist Line, eine Norwegerin, die nach dem Verschwinden ihres Mannes als alleinerziehende Mutter ohne finanziellen Rückhalt in die tief religiös geprägte Gemeinschaft ihrer Landsleute gezogen ist, dort allerdings nie recht heimisch wurde. Eine der wesentlichen Stärken der Autorin ist es, daß sie ihren wichtigen Personen nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Geschichte und eine Entwicklung gibt, sodaß die Figuren lebendig und authentisch wirken. Eine weitere Stärke ist ihre Fähigkeit, die Landschaft eindrucksvoll und nachhaltig zu beschreiben, gleichzeitig ihre Schönheit und Gefährlichkeit zu evozieren. Und dies scheint einigermaßen verwunderlich, ist sie doch niemals selbst in Kanada gewesen, sondern hat sich das Wissen um Land und Landschaft in Bibliotheken erarbeitet. In Kombination mit einer spannenden Krimi - Handlung ergibt sich daraus ein lesenswertes und nicht wenig informatives Buch, das auch durch den flüssigen, angenehmen Stil zu überzeugen weiß. Wer nach gehobener und gekonnter Unterhaltung sucht, ist mit diesem Buch sicherlich gut beraten und dürfte seine Wahl nicht bereuen.
tinius - 3. Feb, 00:35








Ich habe jetzt
BTW: jetzt weiß ich, wer mich in letzter Zeit mit häufigem Klicken auf mein Impressum massiv verunsichert hat. Da ich mich über ein halbes Jahr mit einem Online - Stalker habe auseinandersetzen müssen, irritiert das ziemlich... LG tinius
"Haeufig"
Die Inhaltsangabe hat mir einfach Lust gemacht auf das Buch. Welches heute eingetroffen ist :-)