Andrej Belyj : Petersburg

In diesem am Vorabend der Novemberrevolution 1905 in Petersburg angesiedelten Roman treffen wir auf den Senator Apollon Ableuchow und seinen Sohn Nikolaj Apollonowitsch Ableuchow. Der Senator ist Behördenleiter und sieht einer weiteren Beförderung entgegen. Möglicherweise wird er Minister werden. Er ist vehementer Verfechter der zaristischen Ordnung und bemüht, das Chaos, die Gefahr aus dem Osten und den weiten, menschenleeren Flächen um Petersburg herum mittels Verordnungen und Verwaltungsakten von Petersburg, der auf einem Sumpf in geometrischer Ordnung errichteten Stadt fernzuhalten. Vater und Sohn leben seit mehr als zwei Jahren allein in einem repräsentativen Haus, nachdem die Ehefrau und Mutter mit einem italienischen Künstler das Weite gesucht hat. Nikolaj hat sich daraufhin immer weiter zurückgezogen, sich in philosophische Studien vertieft und seinen Vater hassen gelernt. Ihre Ähnlichkeiten wie auch die Unterschiede verschärfen den Konflikt, zumal die Mutter als ausgleichendes und versöhnendes Element fehlt. Eine unerfüllte Liebe zu einer verheirateten Frau, die zwar heftig mit ihm flirtet, ihn aber letztendlich nicht erhört, treibt ihn nächtens auf einer der Newa - Brücken. Hier macht er die Bekanntschaft mit einem Mitglied der sozialistischen Bewegung. Immer enger schließt er sich den Revolutionären an und erklärt sich sogar bereit, ihnen zu helfen. Gleichzeitig sucht er, verkleidet mit einem roten Domino die Nähe seiner Angebeteten und versetzt nicht nur sie in Angst und Schrecken. Selbst die Petersburger Presse berichtet über die geheimnisvolle Erscheinung. Nikolaj ist geradezu entsetzt, als Dudkin, sein revolutionärer Bekannter eines Tages mit einem Paket auftaucht und ihn bittet, dieses sicher zu verwahren. Eingedenk seiner Zusage, die revolutionären umtriebe zu unterstützen, bleibt sein Sträuben eher symbolisch. Allerdings hat Dudkin vergessen, einen zu dem Päckchen gehörigen Brief auszuhändigen. Darin wird erklärt, daß das Päckchen eine Bombe sei, mit der Nikolaj seinen Vater in die Luft sprengen solle. Als Nikolaj auf einem Ball auftaucht - wieder im roten Domino - übergibt die von ihm geliebte Sofja ihm nun genau diesen Brief, den sie einer anderen Genossin im Glauben abgeschwatzt hatte, es handele sich um intime Post, mit der sie ihren Verfolger hätte bloßstellen können. Doch als sie den Brief durchliest, weiß sie, daß ihre Rache um vieles wirksamer ausfällt. Auch der Senator hatte diesen Ball besucht und muß nun erfahren, daß sein Sohn der "Rote Domino" ist, der als stadtbekannter Unruhegeist Petersburger Gesprächsthema ist. Zudem wird der Presse dessen Identität und Verwandschaft mit Apollon nicht verborgen bleiben. Der Senator zerbricht innerlich, seine Dominanz wandelt sich zunehmend in die Hilflosigkeit eines alten Mannes. Nikolaj eilt nach Hause und untersucht das Päckchen. Obwohl er keineswegs die Absicht hat, seinen Vater zu töten, bedient er den Zeitzündemechanismus und stellt die Bombe scharf. Dann macht er sich auf den Weg zu Dudkin, um zu erfahren, ob die Handlungsanweisung denn ernst gemeint sein könne. Der ist entsetzt und rät ihm, die Bombe schnellstmöglich in der Newa zu entsorgen. Solch gewalttätiges Verhalten traut er der sozialistischen Partei nicht zu, vielmehr hat er bald den Verdacht, daß derjenige, der ihn mit der Weiterleitung des Paketes beauftragt hatte, ein Doppelagent und agent provocateur sei. Die Sozialisten haben derweil Streiks und Demonstrationen organisiert, und in der Stadt schießt das Militär auf Demonstranten. Nikolaj eilt nach Hause, um die Bombe zu entsorgen, bevor sie Schaden anrichten kann. Doch unglücklicherweise trifft er auf den Ehemann seiner Angebeteten, der ihn mit Gewalt in seine Wohnung schleift. Fast nicht bei Sinnen malträtiert er Nikolaj heftig, und die Zeit bis zur Explosion wird zunehmend knapper....

Dieser zwischen 1911 und 1913 entstandenen Roman ist dem Leser eher schwer zugänglich. Zwar gestaltet sich der Handlungsverlauf, wie oben skizziert, recht übersichtlich und hält sich die Anzahl der Personen für russische Romane in relativ engen Grenzen, doch sind symbolische und formale Ebenen derart dicht mit dem Handlungsstrang verbunden, daß der Roman "Petersburg" mit Sicherheit nicht zu den einfachen Werken des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gehört und nur schwer vollkommen zu entschlüsseln sein dürfte. Der 1880 geborene Andrej Belyj hatte seine literarische Laufbahn als symbolistischer Lyriker begonnen und mit seinen Gedichten, Abhandlungen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten höchste Anerkennung errungen. In "Petersburg" überträgt er den russischen Symbolismus auf ein episches Erzählwerk und greift formal über die bis damals geltenden Beschränkungen des Genres hinaus, indem er etwa den "Bewußtseinsstrom" als erzählerisches Element vorwegnimmt. "Hirnspiel" ist ein immer wiederkehrender und herausragender Begriff in diesem Buch, und nie wird endgültig geklärt, ob es sich bei dieser Geschichte nicht um ein "Hirnspiel" des ab und an auftauchenden personalen Erzählers handelt, ob nicht Petersburg selbst eine literarische Chimäre ist. Petersburg im Roman ist ein fast künstlich wirkender, geometrisch ausgerichteter Raum mit langen, geraden Prachtstraßen, ein Ebenbild westeuropäischer Metropolen und Symbol für westliche Zivilisation. Und doch wurde Petersburg auf Sumpfgelände errichtet, grünlich - gelbe Nebelschwaden durchziehen die Straßen und umwabern das Reiterdenkmal Peter des Großen, der sich - wie in Puschkins Gedicht "Der eherne Reiter" - in Dudkins Phantasie in Bewegung setzt. Doch das Chaos hat längst Einzug gehalten aus den Weiten der umliegenden Gouvernements, aus dem fernen Osten, in dem Port Arthur den Russen von den Chinesen entrungen wurde : auf den Inseln im Fluß Newa braut sich das Unruhepotential aus Armen, Revolutionären und Zuwanderern zusammen, um bald in Demonstrationsmärschen durch die Prospekte zu ziehen. Belyj hat seinen Roman in stark rhythmisierter, an antike Versmaße gemahnender Prosa verfasst, die zu übersetzen mit Sicherheit eine Meisterleistung erforderte. Und eben diese Prosa ist es, die den Leser frortwährend in den Bann zieht und zum Weiterlesen mitreißt, auch wenn die erschwerte Deutung einige Widerstände errichten mag. Weniges in diesem Buch ist ohne Bedeutung, seien es Lautfolgen in Namen, die Namen selbst - denn Ableuchow ist für Russen als aus dem asiatischen Bereich stammend erkennbar - oder Farben. Hilfreich für das Verständnis des Romans ist das kurze, jedoch informative Nachwort von Ilma Rakusa, dessen ich mich auch für diese Rezension bedient habe, um den Lesern neben einer Inhaltsangabe auch die literarische und formale Dimension dieses Buches vermitteln zu können. Belyj, der das Buch für die erste Übersetzung ins Deutsch übrigens stark gekürzt hatte, sodaß zuvor keine sich an die Urfassung haltenden Übersetzungen veröffentlicht waren, beherrscht allerdings auch den Spannungsaufbau meisterlich. Er reiht fragmentarische Episoden aneinander, führt sie später weiter und setzt ab und an - und an den richtigen Stellen - retardierende Elemente ein, etwa die Rückkehr der Ehefrau und Mutter, mit der ein versöhnliches Ende unvermittelt möglich erscheint. Zusammenfassend neige ich zu der Behauptung, das Lesen dieses Romans gestaltet sich wie ein Abenteuer in einem recht dichten Dschungel. Demjenigen, der zumindest das Vorhandensein breiterer Wege notwendig erscheint, sei die Lektüre abgeraten. Abenteuerlustigeren jedoch wird die - bisweilen bizarre - Landschaft dieses Werkes der frühen modernen Literatur eindrückliche, ästhetisch faszinierende Ansichten bescheren, die die Strapazen belohnen werden.

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