Mark Haddon : Der wunde Punkt

Für George Hall und seine Familie beginnt eine harte Zeit, als er eines Tages beim Anprobieren einer Hose eine tumorartige Veränderung seiner Haut feststellt. Gerade ist ein Freund gestorben, und nun befürchtet er, selbst totkrank zu sein. Auch die Auskunft des Arztes, es handele sich nur um ein leicht behandelbares Exzem, kann ihn kaum beruhigen. George, der sich in seinem Rentnerdasein ausschließlich auf die Errichtung eines Anbaus seines Hauses als Lebensinhalt konzentriert, ist zutiefst verunsichert. Die Nachricht, daß seine Tochter Katie ein zweites Mal zu heiraten gedenkt, stößt bei ihm und auch dem Rest der Familie auf alles andere als Begeisterung, denn Ray, ihr Lebensgefährte, erscheint ihnen zu wenig gutbürgerlich und kultiviert und stellt damit das genaue Gegenteil der kunstinteressierten Tochter dar. Seine Vorteile, ein ausgeprägter Pragmatismus, ein Gespür im Umgang mit Menschen und im besonderen mit Katies Sohn Jacob, nicht zuletzt seine tief empfundene Zuneigung, sind augenscheinlich nicht geeignet die allseits herrschenden Zweifel zu zerstreuen. Selbst Katie ist nicht wirklich sicher, ob sie ihn liebt oder die Geborgenheit und Sicherheit genießt. Als Ray Katie wegen eines Treffens mit ihrem Ex - Mann eifersüchtig eine Szene macht, kommt es zum Zerwürfnis. Auch Katies Bruder Jamie, ein homosexueller Immobilienmakler, wird durch die geplante Hochzeit in Mitleidenschaft gezogen. Zum einen schätzt auch er den zukünftigen Ehemann Ray wenig, zum anderen versucht er seinen Freund Tony davon abzuhalten, die auch an ihn gerichtete Einladung zur Feier anzunehmen, genau wissend, daß seine Eltern seiner Homosexualität - und damit seinem Freund - eher zwiespältig gegenüberstehen, umso mehr als sie befürchten, den Gästen und Verwandten ein Klatschthema zu bieten. Tony wirft seinem Freund Jamie mangelnde Unterstützung und Liebe vor, sodaß er die Beziehung beendet und nach Kreta reist. Die familiäre Situation eskaliert, als sich George den vermeintlichen Tumor mit einer Nagelschere herausschneidet und das Haus mit Blut vollsudelt. Hypochondrie, Todesangst und die Entdeckung, daß seine Frau ihn seit längerem mit einem ehemaligen Arbeitskollegen betrügt, lassen ihn vollkommen entgleisen. Nach einer weile raufen sich zumindest Katie und Ray wieder zusammen, sodaß die Hochzeit dann doch stattfinden kann, wenn auch etwas weniger organisiert als geplant, da die meisten Arrangements inzwischen abgesagt wurden. Doch schon der Vorabend der Hochzeitsfeier bringt neue Schwierigkeiten : eine Toilette ist verstopft, der Boden des Festzeltes von Regen überflutet und Verwandte bringen zur Feier einen Hund mit, vor dem sich Jacob fürchtet. Am Tag der Trauung dann verschwindet George, der sich überfordert fühlt, zunächst spurlos. Frau und Kinder geraten in Panik. Als er gefunden wird, nimmt er einige Tabletten Valium, um einigermaßen entspannt der Hochzeit beiwohnen zu können. Allerdings sind es wohl einige zuviel, die er außerdem mit Alkohol kombiniert. Und das hat Folgen....

Das Thema Familie - eigentlich eines der Grundthemata der Literatur - ist seit einigen Jahren wieder deutlicher in den Vordergrund moderner Romane gerückt. In seinem zweiten Roman bringt Mark Haddon seine Variation des Familienromans - tragikomisch und äußerst unterhaltsam. Zwar erscheint die Häufung der Konfliktlinien in diesem Buch auf den ersten Blick etwas künstlich und konstruiert, doch weiß der Autor den Leser mit leichter Hand darüber hinweg zu geleiten. Mehr noch trägt die leichte Überzeichnung der eigentlich an allen denkbaren Stellen zerrütteten Konstellation nicht wenig zum Unterhaltungswert und der liebevoll - komischen Behandlung der Geschichte und iher Figuren bei. In abwechselnden Kapiteln begleitet der Erzähler jeweils die vier Hauptakteure und schildert den Fortgang der Ereignisse. Somit ist gewährleistet, daß jeder Figur Gerechtigkeit widerfährt, niemand denunziert oder der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die Personen durchleiden wirkliche Konflikte, die aus Entfremdung und mangelnder oder falsch getimeter Kommunikation herrühren oder auf der Unfähigkeit, Gefühle zu erkennen, einzuordnen und zu äußern, basieren. Fast jeder hütet Geheimnisse, manch einer bringt Verschwiegenes gerade im unpassendsten Moment zur Sprache. Mark Haddon läßt seine Figuren lernen und Vorurteile und Abgrenzungen abbauen. Diese Lernprozesse sind nicht selten schmerzhaft, nie sonderlich schnell, aber immerhin kann der Roman recht versöhnlich ausklingen. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen, denn der Autor hat es durchaus verstanden, eine recht leichte Erzählweise mit tiefgründigen Gedanken und Einsichten zu kombinieren, ohne an irgendeiner Stelle den moralischen Zeigefinger zu erheben. Nur die Befreiung Georges von einem fast psychotischen Verhalten zu einem einsichtigen und handlungsfähigen Subjekt erschien mir etwas zu plötzlich, auch wenn bewußt bleibt, daß dies nur ein erster Schritt hin zu einem funktionierenden Familienleben und einer wieder intakten Ehe sein kann. Ich denke, die Figuren werden einem recht lange im Gedächtnis verbleiben, so menschlich, kantig und ernstzunehmend hat der Autor sie gestaltet.

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