Claudio Piersanti : Luisa und die Stille
Luisa ist sechzig, Buchhalterin in einer Spielzeugfabrik in einer Stadt im Veneto. Sie ist, ihrem Beruf entsprechend, korrekt, beinahe penibel, und pflichtbewußt. Zu den Kollegen pflegt sie ein eher distanziertes Verhältnis, auch wenn sie die Firma als ein Zuhause zu empfinden gelernt hat. Sie lebt mit ihrem Kanarienvogel allein in einer kleinen Eigentumswohnung und beschränkt private Kontakte auf ein Minimum. Nur mit ihrer Cousine fährt sie ab und an aufs Land. Männer gibt es in ihrem Leben, seitdem sie sich zehn Jahre zuvor von ihrem Lebensgefährten Bruno getrennt hatte, nicht mehr. Den einzigen ernsthaften Interessenten hatte sie - in Erinnerung an die zurückliegende Beziehung - abschlägig beschieden. Als sie immer wieder Anrufe erhält, bei denen sich der Anrufer nicht meldet, verändert sich Luisa nach und nach. Sie hat Hitzewallungen, Angstzustände und leidet unter dem Lärm der jungen Motorradfahrer der Gegend, die sich just unter ihrem Fenster allnächtlich versammeln, solange es die Temperaturen zulassen. Als sie eines Tages bei der Arbeit unvermutet schwere Fehler begeht, beschließt sie, zu kündigen und in Rente zu gehen. Selbst daß der Fabrikbesitzer sie zur persönlichen Buchhalterin für seine privaten Finanzen erkoren hat, kann sie nicht mehr umstimmen. Sie zieht sich fast vollständig in ihre Wohnung zurück, leidet unter Schlaflosigkeit und erlebt mit halluzinatorischer Deutlichkeit Erinnerungen an ihre Eltern, an ihre vergangene Beziehung zu Bruno. Sie empfindet den Lärm als immer aufdringlicher und schreitet eines Tages mit etlichen Nägeln zur Tat : sie verteilt sie auf der Straße und hofft, etliche Reifen beschädigen zu können. Zwar gibt es einen Verletzten, bei dem sich einer der Nägel durch den Stiefel in den Fuß gebohrt hatte, aber einen Effekt hatte ihre Aktion keineswegs. Noch einmal rafft sie sich auf, ihr Leben aktiver zu gestalten und nimmt Schwimmunterricht, bei dem sie eine etwa gleichaltrige Malerin kennenlernt. Doch nach einer Reise an die Küste bleibt diese verschwunden, sodaß ein näherer Umgang mit ihr sich nicht ergeben kann. Inzwischen vereinsamt Luisa immer mehr, wird müder und antriebsloser. Kleine körperliche Beschwerden werden größer und beeinträchtigen ihr Leben immer nachhaltiger. Zuletzt entdeckt sie ein Melanom, dessen Existenz sie zu verdrängen sucht. Ein Arztbesuch kommt für sie nicht in Frage. Ihre Müdigkeit wird gravierender, sie geht nicht einmal mehr einkaufen, sondern läßt sich Lebensmittel ins Haus liefern. Sie verdämmert den Tag im Schlafanzug zwischen Bett und Fernseher, und selbst der unangemeldete, besorgte Besuch der Cousine ist ihr eher lästig....
Claudio Piersanti hat mit diesem Roman ein nüchternes, distanziertes Psychogramm einer alternden und vereinsamenden Frau geschaffen. Seine Erzählweise ist ebenso sachlich, neutral wie die Selbstwahrnehmung seiner Protagonistin. Er vermeidet es, die Sympathien des Lesers zu lenken, sondern bewahrt sich und den Lesern eine distanzierte Unvoreingenommenheit, die einen möglicherweise schaudernd vor diesem rasanten Abstieg einer bis dahin energischen und tatkräftigen Frau stehen lassen. In dem Roman mischen sich realistische Erzählung und halluzinatorisch - surreale Momente zu einer beklemmenden Schilderung der letzten etwa zwei Jahre eines Lebens. Diesem Roman ist wie auch der Protagonistin jede Larmoyanz, jedes Selbstmitleid oder Gefühlsseligkeit fremd. Luisa geht bewußt und erhobenen Hauptes dem Ende entgegen, ohne daß sie sich der gesammelten Tabletten für einen eventuellen Selbstmord bedienen müßte. Ich habe diesen Roman interessiert gelesen, ohne daß ich unberührt geblieben wäre. Insbesondere den klaren, sachlichen Stil und die Unaufgeregtheit des Erzähltones konnte ich als eine nicht zu unterschätzende literarische Qualität genießen.
Das Buch ist derzeit vergriffen und nur noch gebraucht erhältlich.
Claudio Piersanti hat mit diesem Roman ein nüchternes, distanziertes Psychogramm einer alternden und vereinsamenden Frau geschaffen. Seine Erzählweise ist ebenso sachlich, neutral wie die Selbstwahrnehmung seiner Protagonistin. Er vermeidet es, die Sympathien des Lesers zu lenken, sondern bewahrt sich und den Lesern eine distanzierte Unvoreingenommenheit, die einen möglicherweise schaudernd vor diesem rasanten Abstieg einer bis dahin energischen und tatkräftigen Frau stehen lassen. In dem Roman mischen sich realistische Erzählung und halluzinatorisch - surreale Momente zu einer beklemmenden Schilderung der letzten etwa zwei Jahre eines Lebens. Diesem Roman ist wie auch der Protagonistin jede Larmoyanz, jedes Selbstmitleid oder Gefühlsseligkeit fremd. Luisa geht bewußt und erhobenen Hauptes dem Ende entgegen, ohne daß sie sich der gesammelten Tabletten für einen eventuellen Selbstmord bedienen müßte. Ich habe diesen Roman interessiert gelesen, ohne daß ich unberührt geblieben wäre. Insbesondere den klaren, sachlichen Stil und die Unaufgeregtheit des Erzähltones konnte ich als eine nicht zu unterschätzende literarische Qualität genießen.
Das Buch ist derzeit vergriffen und nur noch gebraucht erhältlich.
tinius - 18. Okt, 09:20













"Ist die Ausgabe vom Residenzverlag vergriffen, so ist die von der Büchergilde Gutenberg noch zu haben (buechergilde.de). Es war eins meiner Lieblingsbücher. Luisa sagt mir, dass eine Frau nicht um jeden Preis
Sozialkontakte pflegen muss, die ihr nichts bedeuten - das zu müssen wurden wir älteren Frauen nämlich erzogen. Dass sie allein sein darf, wenn sie sich
nicht mehr verliebt, und sie hat ihren Expartner sehr genossen trotz seiner Schwächen. In den allerletzten Wochen versöhnt Luisa sich auch mit den Geräuschen der Außenwelt, die zu ihr dringen, das erwähnt kein Rezensent.
Ich kenne alte Frauen, die ihre Partner, Kinder oder Pflegepersonal Jahre auf Trab gehalten / ans Haus gefesselt haben, um betreut zu werden, und doch
NICHT mehr davon hatten als Luisa von ihren letzten stillen Wochen auf dem Fernsehsofa. In meiner Begeisterung sandte ich dem Autor einige Fragen (auf
Englisch, aber mit der Ermunterung, auf Italienisch zu antworten). Er antwortete (übersetzt) u.a. "Luisa ist eine Persönlichkeit, die ich geliebt habe und sehr liebe, sie existiert aber nicht in der Realität". "