JR Moehringer : Tender Bar

John Joseph Moehringer ist sieben Jahre alt, als seine Erinnerungen beginnen. Mit seiner Mutter, die sich kurz zuvor von ihrem Mann, einem gewalttätigen Radiomoderator getrennt hat, lebt er im Haus der Großeltern in dem New Yorker Vorort Manhasset. Außer dem Großvater, der sich in sich zurückgezogen hat und beinahe autistisch wirkt, seinem Onkel Charlie, der im "Dickens", einer der vielen Bars im Orte, arbeitet und spät heimkommt und noch später aufsteht, und einem Cousin, McGraw, leben dort ausschließlich weibliche Wesen. JR, wie sich John Joseph in Abgrenzung zu seinem Vater zu nennen beginnt, vermißt seinen Vater, denn der läßt sich weder blicken, noch zahlt er Unterhalt. Nur seine wöchentlichen Radiosendungen kann der Junge sehnsuchtsvoll verfolgen. Die Mutter versucht immer wieder, auszubrechen und mit einer eigenen Wohnung Fuß zu fassen, scheitert jedoch immer wieder am Geld. Eine Klage gegen ihren Ehemann hat nur den Effekt, daß dieser spurlos vom Erdboden verschwindet und so den Jungen auch um den Klang seiner Stimme im Radio bringt. JR ist nicht selten überfordert, denn er meint, seiner Mutter eine (bessere) Stütze sein zu müssen in ihrem Kampf um eine selbständige Existenz. Und ihm fehlen männliche Bezugspersonen. Als die beiden nach Arizona ziehen, ergattert JR einen Nachmittagsjob in einer Buchhandlung, die von zwei recht exzentrischen Buchliebhabern geführt wird. Diese verkriechen sich lieber in ein Kämmerchen, als die Kunden zu bedienen, was von nun an JRs Aufgabe sein wird. Doch sie schließen den Jungen in ihr Herzen und tun alles Mögliche, ihn an die Grundlagen der Literatur heranzuführen. In den Ferien schickt ihn die Mutter zurück nach Manhasset. Hier nehmen ihn Onkel Charlie und seine Kollegen, Barmänner, Köche, Kellner, unter ihre Fittiche, nehmen ihn mit an den Strand von Long Island und - natürlich - ins "Dickens". Hier trifft JR auf ein buntes Kaleidoskop von Gästen und Angstellten, von denen er sich bld akzeptiert fühlt. Da ist Steve, der Inhaber mit großer Menschenkenntnis und wenig finanziellem Geschick, Onkel Charlie, der in der Bar einen gewissen Kultstatus genießt und seinen Neffen in das Regelwerk und die Strömungen der Bar einführt, der Vietnam - Veteran Cager oder Bob the Cop, ein Polizist, der einst versehentlich einen Kollegen erschossen hatte. Mittlerweile hat sich JR für das College in Yale beworben und - wird wider Erwarten - auch angenommen und mit einem Stipendium gefördert. Doch er fühlt sich Im Grunde überfordert, glaubt mit den Klugen und Reichen des Colleges nicht mithalten zu können. Seine Noten scheinen das denn auch bald zu bestätigen. In den Ferien geht es zurück nach Manhasset, zurück in die Bar, die mittlerweile in "Publicans" umbenannt wurde. Hier wird er aufgefangen, kann seine Versagensängste formulieren und erhält Zuspruch. Auch das tragische Auf - und - Ab seiner Liebesbeziehung mit Sydney, die ihn schließlich zugunsten eines reichen jungen Mannes verläßt, kann er hier wenigstens ansatzweise verarbeiten - allerdings, da er inzwischen volljährig ist - mit mehr Alkohol, als ihm guttut. Auch seine Aufnahme in den Kreis der Volontäre der angesehenen New York Times schafft nur weitere Unsicherheiten und einen größeren Alkoholkonsum. Seine Freunde aus der Bar tun ihr Bestes, ihn mit Lebensweisheiten und Einsichten bei der Stange zu halten. Die Bar ist JR inzwischen so wichtig geworden, daß er sie in einem "großen" Roman verewigen möchte, aber letztlich daran scheitert. Als der Besitzer Steve unvermittelt stirbt, stehen einschneidende Änderungen an - auch für JR....

Dieses Buch, das die New York Times im Jahre 2005 zu den wichtigsten Büchern rechnete, ist - entgegen der Zuordnung des deutschen Verlages aus Marketinggründen, da man um die Lesegewohnheiten - und Präferenzen des deutschen Lesepublikums weiß - beileibe kein Roman, sondern, wie es der Originaltitel präzise benennt, ein Buch der Erinnerung, "a Memoir". Zudem wäre auch anzumerken, daß der Autor durchaus Wert darauf legt, die Buchstaben des Vornamens nicht durch Punkte getrennt zu sehen, was aber anscheinend mit dem Ordnungssinn des Verlages so gar nicht vereinbar scheint. Wäre es denn ein Roman, könnte man ihn wohl mit dem gescheiterten Versuch im Buch selbst gleichsetzen. Viel mehr als eine gut geschriebene und pointierte, ab und an zum Schmunzeln bringende Lebenserinnerung gibt das Buch nämlich nicht her. Zu sehr ist "Tender Bar" reine Selbstbespiegelung, zu wenig ernst nimmt es seine Nebenfiguren, die je nach Bedarf erscheinen dürfen und bald darauf vernachlässigt werden. Selbst die Bar, das sich als eigenes, vielschichtiges Universum als Thema, Handlungsort und Weltmodell dankbar als Romanstoff anböte, bleibt in meinen Augen seltsam blaß, ohne daß es der Autor an Bemühen hätte fehlen lassen. So fügt er einen - durch den Verlauf des Buches kaum motivierten - Epilog an die eigentliche Handlung an, in dem er die letzten zehn Jahre des Werdegangs von ihm und seinen Kneipenfreunden und Verwandten rekapituliert und das Modell "Bar" mithilfe der Ereignisse des 11. September 2001 zu einem amerikanischen Modellfall zu erweitern versucht. Liest man das Buch als Erinnerungen fallen einige Einwände, die sich einem ansonsten aufdrängen weg, doch immer noch weist das Buch zum Teil Längen auf. Zudem mag einem ein gewisser affirmativer Grundton, gestützt durch die recht allgemeinen "Lebensweisheiten" und Lehrsätze der väterlichen Nebenfiguren bald etwas unzufrieden machen. Doch vermögen es das handwerkliche Geschick und die treffsichere Pointensetzung des Autors, der im Hauptberuf ja Zeitungsjournalist ist, den Leser bei der Stange zu halten und ihn das Buch nicht als Zeitverschwendung empfinden zu lassen. Möglicherweise ist die Begeisterung in den USA deshalb größer als hierzulande, weil das Buch, wie man den Seiten der Anmerkungen entnehmen kann, kulturell tief in der amerikanischen Lebens - und Gedankenwelt verortet und verankert ist : vom Baseball über das Hollywood der dreißiger Jahre bis hin zu Trickfilmserien und amnerikanischer Literatur reichen die Wegmarken, die Moehringer gesteckt hat. Auch das affirmative Element, scheint mir, liegt den Amerikanern etwas näher als einer gewissen skeptischen Grundhaltung der Deutschen. Begeisterung hat das Buch in mir nicht wecken können - und nur berdingte Neugier auf ein weiteres Buch aus der Feder des Autors.

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