James Patrick Donleavy : Eine Dame in Nöten
Jocelyn Guenevere Machantiere Jones, zweiundvierzig Jahre alt und einer wohlhabenden Familie aus den Südstaaten entstammend, wird kurz nach ihrem Geburtstag mit dem Scheidungsbegehren ihres Mannes konfrontiert. Steve Jones, bis dahin ein eher erfolgloser Fernsehproduzent, hat ein Showformat entwickelt, daß sich gut verkaufen ließ, und die Gelegenheit genutzt, eine um vieles jüngere Frau an sich zu binden. Kultiviert und damenhaft wie Jocelyn ist, begnügt sie sich mit dem Haus samt Einrichtungsgegenständen und einer recht mageren Abfindung von 165.000 Dollar. Auf Zahlungen für den laufenden Unterhalt verzichtet sie bereitwillig, was sich allerdings als Fehler herausstellt. Denn das Geld reicht nicht lange, um ihren gewohnten Lebenswandel zu finanzieren. Sie führt ein müßiges Leben und gönnt sich vor allem jede zweite Woche eine Fahrt nach New York City, um dort durch die Museen zu gehen und sich an den Kunstwerken zu erfreuen. Während sie zuhause immer mehr vereinsamt, dem Alkohol weitaus mehr zuspricht, als ihr gut täte, und aggressive Affekte entwickelt, indem sie schon mal den Fernseher mit einer Schrotflinte zerschießt, ergibt sich auf ihren Ausflügen ein anderes Problem : regelmäßig muß sie ihre Blase entleeren, doch bedarf es größerer Anstrengungen, ein sauberes, hygienisch einwandfreies WC zu finden. Dieses tief in ihr verwurzelte Bedürfnis gehörte zu den ihr von Kindheit anerzogenen Maximen, die sie zu einer Dame formen sollten. Jocelyns Ressourcen neigen sich rasch dem Ende zu. Zwar bringt der Verkauf des Hauses einen hohen Gewinn, jedoch zerrinnt das Geld in recht zwielichtigen Investitionen, die ihr Vermögensberater für sie tätigte. Ihr sozialer und finanzieller Abstieg beschleunigt sich zusehends. Und je ärmer sie wird, desto mehr verlieren sich auch ihre Feunde und sozialen Kontakte. Allenfalls die Ehemänner ihrer (ehemaligen) Freundinnen sind bemüht, den Kontakt - mit recht eindeutiger Absicht - aufrechtzuerhalten. Jocelyn vereinsamt und spielt mit dem Gedanken, entweder lesbisch zu werden (allein die Lektüre einschlägiger Bücher läßt das unmöglich erscheinen) oder sich den untreuen Ehemännern ihrer Freundinnen gegen Geld anzubieten. Letztendlich benutzt sie diese fiktive Rolle jedoch nur, um einen aufdringlichen Bekannten abzuschrecken, der das von ihr geforderte Geld erwartungsgemäß nicht hätte zahlen können. Inzwischen ist Jocelyn gebrochen und hortet Schlaftabletten, um aus dem Leben zu scheiden. Als sie ein weiteres Mal in die City fährt, um eine Ausstellung zu besuchen, verschlägt es sie wegen ihres Harndrangs in eine Trauerhalle, in der, wie sie weiß, eine wirklich saubere Toilette zu finden ist. Allerdings ist permanent ein Angestellter der Kapelle um sie, von dem sie ertappt zu werden befürchtet. So begibt sie sich in einen Aufbahrungsraum und schreibt ihren Namen, den Anschein wahrend, auch in das Kondolenzbuch, des dort liegenden Toten, um den sonst aber niemand trauert. Endlich gelingt es ihr, die Toilette unbeobachtet zu erreichen, sodaß sie auch ihren Museumsbesuch wie geplant machen kann. Einige Zeit später erhält sie einen Brief einer renommierten Anwaltskanzlei... .
James Patrick Donleavy, der in den USA als Kind irischer Einwanderer geboren wurde, einen Teil seines Studiums in Dublin absolvierte und seit Jahrzehnten als irischer Staatsbürger in Irland lebt, hat mit diesem kleinen Roman eine tragikomische, funkelnde und teils bissige Satire geschaffen, die zwischenmenschlichen Beziehungen in einer an Wohlstand, materiellem Besitz und sozialen Status orientierten Gesellschaft mit genauem Blick und treffendem Humor sehr gründlich entlarvt. Nicht nur der Bekanntenkreis im New Yorker Vorort gerät in das Blickfeld von Autor und Leser, sondern auch der Ehemann und dessen wechselnde Geliebten, aber auch Jocelyn, die Protagonistin selbst. Während der Ehemann, der bislang mehr oder weniger von ihrem Familienerbe profitiert hatte, die Gelegenheit durch das erste hohe, selbst erwirtschaftete Einkommen skrupellos nutzt, um seine Frau gegen attraktivere und vor allem jüngere Frauen auszutauschen, distanzieren sich Bekannte und Freunde recht schnell, sobald Jocelyn das Haus im reichen Vorort aufgeben und in ärmere Gefilde umziehen muß. Sie wird allenfalls noch als leicht zu habendes Lustobjekt oder als billige (und willige) Konkurrenz für die Ehefrauen wahrgenommen. Doch auch die geschiedene Mrs. Jones hat ein großes Problem mit den geänderten Umständen. Sie ist nicht in der Lage, sich den finanziellen Gegebenheiten anzupassen, kommt erst recht spät auf den Gedanken, daß sie vermutlich werde arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, und versagt in den angenommenen Jobs dann auch noch kläglich, da sie ihr über Jahrzehnte erlerntes Verhalten als Dame aus vermögendem Haus nicht abstreifen kann. Stolz, Bildung und damenhaftes Benehmen verhindern ihren Erfolg. In gewissem Sinne ist Jocelyn eine höchst tragische Figur, kaum durch das satirische Momentum des Autors angegriffen. Sie leidet an ihrer Verarmung weniger als an der massiv spürbaren Vereinsamung, am Fehlen von Zuwendung, Kommunikation und (körperlicher) Liebe. Gerade in Bezug auf den letzten Aspekt verwendet der Autor nicht selten recht vulgär - drastische Worte, die recht eigentümlich im Gegensatz zu der elitären Erziehung der Frau stehen, doch kann man sie durchaus als eine Rückführung auf den (ur)menschlichen Kern der Protagonistin bzw. jedes Menschen sehen. Der Brief des Anwaltes kurz vor dem Ende des kurzen Romans scheint eine drastische Wende in den Geschicken der Hauptfigur zu signalisieren, und man kann sich als Leser nicht des Eindrucks erwehren, in eine Märchenwelt zu geraten, in der sich zum Ende denn doch alles zum Guten wenden müsse. Nur wäre der Roman dann nur halb so tragisch. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen, einigem Schmunzeln und vor allem mit Bewunderung für die kluge, wohl durchdachte Gestaltung gelesen und mag es gerne weiterempfehlen. Jedoch ist der Band in deutscher Sprache derzeit nur gebraucht erhältlich. Man kann allerdings auf die lieferbare Ausgabe in der englischen Originalsprache zurückgreifen : "The Lady Who Liked Clean Restrooms: The Chronicle of One of the Strangest Stories Ever to Be Rumoured about Around New York".
James Patrick Donleavy, der in den USA als Kind irischer Einwanderer geboren wurde, einen Teil seines Studiums in Dublin absolvierte und seit Jahrzehnten als irischer Staatsbürger in Irland lebt, hat mit diesem kleinen Roman eine tragikomische, funkelnde und teils bissige Satire geschaffen, die zwischenmenschlichen Beziehungen in einer an Wohlstand, materiellem Besitz und sozialen Status orientierten Gesellschaft mit genauem Blick und treffendem Humor sehr gründlich entlarvt. Nicht nur der Bekanntenkreis im New Yorker Vorort gerät in das Blickfeld von Autor und Leser, sondern auch der Ehemann und dessen wechselnde Geliebten, aber auch Jocelyn, die Protagonistin selbst. Während der Ehemann, der bislang mehr oder weniger von ihrem Familienerbe profitiert hatte, die Gelegenheit durch das erste hohe, selbst erwirtschaftete Einkommen skrupellos nutzt, um seine Frau gegen attraktivere und vor allem jüngere Frauen auszutauschen, distanzieren sich Bekannte und Freunde recht schnell, sobald Jocelyn das Haus im reichen Vorort aufgeben und in ärmere Gefilde umziehen muß. Sie wird allenfalls noch als leicht zu habendes Lustobjekt oder als billige (und willige) Konkurrenz für die Ehefrauen wahrgenommen. Doch auch die geschiedene Mrs. Jones hat ein großes Problem mit den geänderten Umständen. Sie ist nicht in der Lage, sich den finanziellen Gegebenheiten anzupassen, kommt erst recht spät auf den Gedanken, daß sie vermutlich werde arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, und versagt in den angenommenen Jobs dann auch noch kläglich, da sie ihr über Jahrzehnte erlerntes Verhalten als Dame aus vermögendem Haus nicht abstreifen kann. Stolz, Bildung und damenhaftes Benehmen verhindern ihren Erfolg. In gewissem Sinne ist Jocelyn eine höchst tragische Figur, kaum durch das satirische Momentum des Autors angegriffen. Sie leidet an ihrer Verarmung weniger als an der massiv spürbaren Vereinsamung, am Fehlen von Zuwendung, Kommunikation und (körperlicher) Liebe. Gerade in Bezug auf den letzten Aspekt verwendet der Autor nicht selten recht vulgär - drastische Worte, die recht eigentümlich im Gegensatz zu der elitären Erziehung der Frau stehen, doch kann man sie durchaus als eine Rückführung auf den (ur)menschlichen Kern der Protagonistin bzw. jedes Menschen sehen. Der Brief des Anwaltes kurz vor dem Ende des kurzen Romans scheint eine drastische Wende in den Geschicken der Hauptfigur zu signalisieren, und man kann sich als Leser nicht des Eindrucks erwehren, in eine Märchenwelt zu geraten, in der sich zum Ende denn doch alles zum Guten wenden müsse. Nur wäre der Roman dann nur halb so tragisch. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen, einigem Schmunzeln und vor allem mit Bewunderung für die kluge, wohl durchdachte Gestaltung gelesen und mag es gerne weiterempfehlen. Jedoch ist der Band in deutscher Sprache derzeit nur gebraucht erhältlich. Man kann allerdings auf die lieferbare Ausgabe in der englischen Originalsprache zurückgreifen : "The Lady Who Liked Clean Restrooms: The Chronicle of One of the Strangest Stories Ever to Be Rumoured about Around New York".
tinius - 3. Okt, 06:20












