Richard Powers : Das Echo der Erinnerung
Im Februar 2002 verunglückt der siebenundzwanzigjährige Mark Schluter mit seinem Auto etwas außerhalb der kleinen Stadt Kearney in Nebraska. Der Ort, geographisch in der Mitte der Vereinigten Staaten gelegen ist, außer seiner Rolle als Rastplatz für hunderttausende Kraniche auf dem Weg in ihre Sommerquartiere, bedeutungslos. Erst ein anonymer Anruf alarmiert die Rettungskräfte und ermöglicht seine Bergung. Ebenso geheimnisvoll bleiben zunächst die unterschiedlichen Reifenspuren am Unfallort, die darauf hindeuten, daß mehrere Fahrzeuge an diesem Unfall beteiligt waren. Und Mark kann sich nicht an die Ereignisse erinnern. Schlimmer noch : kurz nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus fällt er ins Koma. Als er daraus wieder erwacht, muß seine Schwester, die wegen des Unfalles in ihre frühere Heimatstadt zurückkehrte, erfahren, daß er sie als Doppelgängerin seiner Schwester ansieht, Folge des Capgras - Syndroms, bei dem der Betroffene keine emotionalen Bezüge zu den Personen mehr herstellen kann, die er am meisten liebte. Auf seinem Nachttisch findet sich ein geheimnisvoller Zettel, der von einem Zeugen des Unfalls stammen muß, doch niemand hatte den Besuch eines Fremden wahrgenommen. Karin ruft einen bekannten Neurologen, Gerald Weber, von dem sie über die Medien erfahren hat, zu Hilfe. Der jedoch befasst sich mit Mark nur recht oberflächlich, macht Notizen, um ihn vielleicht in einem neuen Buch mit anekdotischen Fallschilderungen zu verwenden, und verschreibt eine Verhaltenstherapie, bevor er wieder nach New York zurückkehrt. Mark und Karin finden nur wenig Unterstützung. Allein Barbara, eine Hilfsschwester aus dem Rehazentrum, in dem seine Heilung fortschreiten soll, handelt stets kompetent, ruhig und geduldig. Währenddessen erneuert Karin ihre eigentlich abgeschlossene Liebesbeziehung mit dem Umweltaktivisten Daniel, der sich den Schutz der Kraniche auf sein Banner geschrieben hat. Doch die Ablehnung durch ihren Bruder, das Ausbleiben jeglichen Erfolges seiner Therapien lassen ihre Persönlichkeit ebenfalls zunehmend zerbröseln. Halt findet sie allenfalls in ihrer Arbeit in der Kranichstation, bei der sie recht eigentümliche Wege geht, indem sie mit einem anderen ehemaligen Freund ungeniert flirtet, der ein Projekt durchsetzen will, das die Kranichpopulation weiter gefährden würde. Und auch der Neurologe Weber gerät in eine Krise. Zeitgleich mit seinem Besuch bei den Schluters geriet sein letztes Buch immer mehr in die Kritik, und nun stößt er immer wieder auf hämische Verrisse und Bemerkungen seitens der Presse und der Kollegen. Soll er zur reinen Wissenschaft und Forschung zurückkehren, würde er Mark und dessen Krankheit ausbeuten, wenn er ein Buch über den Fall veröffentlicht ? Als sich Marks Zustand verschlechtert, fliegt Weber noch einmal nach Nebraska, voller guter Vorsätze. Und doch kann er wieder nicht helfen und gerät immer tiefer in eine Krise. Allein Barbara, bei der er etwas Gemeinsames ahnt, kann ihm etwas Halt geben, die emotionalen Verwicklungen, die sich daraus ergeben, verschärfen letztendlich seine Probleme noch....
Viel vorgenommen hat sich Richard Powers in seinem Roman. Neurologie, mehr noch der Teilbereich, der sich mit dem Gehirn und damit den Fragen der Persönlichkeit, der Wahrnehmung und Verarbeitung von Wirklichkeit befasst, macht kaum an den Grenzen der eigenen Disziplin halt, sondern weitet sich aus in psychologische und philosophische Fragestellungen, die das Wesen des Menschen, sein Verhalten und seine Wirklichkeitswahrnehmung zu ergründen versuchen. Hier wird das Thema noch potenziert, denn auf der symbolischen Bühne des Mittelpunktes der Vereinigten Staaten erweitert Powers das Thema noch um eine politische Dimension, denn unverkennbar behandelt er - mehr oder weniger direkt - auch die Folgen des Anschlages auf das World Trade Center auf die Menschen und die Gemeinschaft. Die eigentliche Romanhandlung profitiert davon, daß es einige Geheimnisse und Merkwürdigkeiten um die Umstände des Unfalls zu enträtseln gibt, daß man wissen will, ob Mark geheilt werden kann und die Geschwister zueinander finden werden. Doch mit dem Ausbau der Figur des Neurologen Gerald Weber, der unzweifelhaft Oliver Sacks nachempfunden worden ist, breitet sich das Buch zur Welterklärung und - nebenbei - zum Kompendium neurologischer Störungen aus. Dabei achtet Powers aber darauf, daß die Krankheitsbilder zumeist anekdotisch und literarisch bleiben - ähnlich wie bei seinen fiktiven oder realen Bezugspunkten - und immer wieder in die Romanhandlung bzw. die Betrachtung der Romanfiguren eingebunden werden. Nur selten tauchen Krankheitsbezeichnungen oder Störungssymptomatiken unvermittelt und zusammenhangslos auf, sodaß der Leser sich nicht einem Lehrbuch der Neurologie ausgeliefert sehen muß. Dennoch wird er ein Zerfasern der Handlung und den theoretischen Überbau wenigstens ab und an störend empfinden, wenngleich es Powers erzählerische Fähigkeiten schaffen, einen letztendlich lesbaren und auch geschlossenen Roman zu präsentieren. Powers Bilanzierung sieht mindestens verhalten negativ aus. Während es den Kranichen gelingt, nach kurzer Verunsicherung immer wieder in die seit Millionen Jahren ererbten Verhaltensweisen zurückzufallen, sieht er den Menschen als zerbrechliches und angreifbares Wesen, das sich die Wirklichkeit nach der subjektiven Wahrnehmung zurechtdeutet. Die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit, eines Gegenübers oder einer Gemeinschaft fällt ihm mindestens schwer. Mag es dem Einzelnen das Überleben sichern (ein neurologisch Erkrankter erkennt nicht, daß er abweichende Wahrnehmungen hat, sondern vermag es, sich in dieser subjektiv erfahrenen Wirklichkeit einzurichten), scheint die Art "Mensch" gefährdeter denn je. Und, daran läßt das Buch keinen Zweifel, betroffen ist von diesen Wahrnehmungsverschiebungen jeder, nicht nur derjenige, bei denen eine pathologische Abweichung von der Norm konstatiert wird. Auch die reine Wissenschaft empfindet Powers nicht als sehr hilfreich. Wie bei einem Schriftsteller, der fiktionale Texte für sein Schaffen bevorzugt, kaum anders zu erwarten, sieht er das Erzählen, das erzählerische Schreiben über die Spielarten des menschlichen Geistes und der Persönlichkeit als wichtiger und erkenntnisfördernder an. Generell sind die Fähigkeiten des Zuhörens und Erzählens seiner Ansicht nach am ehesten geeignet, Bindungen zwischen den Menschen zu konstituieren, Emotionen zu festigen und Realitäten abzugleichen.
Auch wenn ich das Buch nicht als literarisches Meisterwerk einstufen möchte - hier schien mir ""Der Klang der Zeit" doch um einiges unmittelbarer, mitreißender und geschlossener - bot sich mir doch eine interessante, nachdenklich machende und über weite Strecken auch unterhaltsame Lektüre.
Weitere Rezensionen :
Der Klang der Zeit
Viel vorgenommen hat sich Richard Powers in seinem Roman. Neurologie, mehr noch der Teilbereich, der sich mit dem Gehirn und damit den Fragen der Persönlichkeit, der Wahrnehmung und Verarbeitung von Wirklichkeit befasst, macht kaum an den Grenzen der eigenen Disziplin halt, sondern weitet sich aus in psychologische und philosophische Fragestellungen, die das Wesen des Menschen, sein Verhalten und seine Wirklichkeitswahrnehmung zu ergründen versuchen. Hier wird das Thema noch potenziert, denn auf der symbolischen Bühne des Mittelpunktes der Vereinigten Staaten erweitert Powers das Thema noch um eine politische Dimension, denn unverkennbar behandelt er - mehr oder weniger direkt - auch die Folgen des Anschlages auf das World Trade Center auf die Menschen und die Gemeinschaft. Die eigentliche Romanhandlung profitiert davon, daß es einige Geheimnisse und Merkwürdigkeiten um die Umstände des Unfalls zu enträtseln gibt, daß man wissen will, ob Mark geheilt werden kann und die Geschwister zueinander finden werden. Doch mit dem Ausbau der Figur des Neurologen Gerald Weber, der unzweifelhaft Oliver Sacks nachempfunden worden ist, breitet sich das Buch zur Welterklärung und - nebenbei - zum Kompendium neurologischer Störungen aus. Dabei achtet Powers aber darauf, daß die Krankheitsbilder zumeist anekdotisch und literarisch bleiben - ähnlich wie bei seinen fiktiven oder realen Bezugspunkten - und immer wieder in die Romanhandlung bzw. die Betrachtung der Romanfiguren eingebunden werden. Nur selten tauchen Krankheitsbezeichnungen oder Störungssymptomatiken unvermittelt und zusammenhangslos auf, sodaß der Leser sich nicht einem Lehrbuch der Neurologie ausgeliefert sehen muß. Dennoch wird er ein Zerfasern der Handlung und den theoretischen Überbau wenigstens ab und an störend empfinden, wenngleich es Powers erzählerische Fähigkeiten schaffen, einen letztendlich lesbaren und auch geschlossenen Roman zu präsentieren. Powers Bilanzierung sieht mindestens verhalten negativ aus. Während es den Kranichen gelingt, nach kurzer Verunsicherung immer wieder in die seit Millionen Jahren ererbten Verhaltensweisen zurückzufallen, sieht er den Menschen als zerbrechliches und angreifbares Wesen, das sich die Wirklichkeit nach der subjektiven Wahrnehmung zurechtdeutet. Die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit, eines Gegenübers oder einer Gemeinschaft fällt ihm mindestens schwer. Mag es dem Einzelnen das Überleben sichern (ein neurologisch Erkrankter erkennt nicht, daß er abweichende Wahrnehmungen hat, sondern vermag es, sich in dieser subjektiv erfahrenen Wirklichkeit einzurichten), scheint die Art "Mensch" gefährdeter denn je. Und, daran läßt das Buch keinen Zweifel, betroffen ist von diesen Wahrnehmungsverschiebungen jeder, nicht nur derjenige, bei denen eine pathologische Abweichung von der Norm konstatiert wird. Auch die reine Wissenschaft empfindet Powers nicht als sehr hilfreich. Wie bei einem Schriftsteller, der fiktionale Texte für sein Schaffen bevorzugt, kaum anders zu erwarten, sieht er das Erzählen, das erzählerische Schreiben über die Spielarten des menschlichen Geistes und der Persönlichkeit als wichtiger und erkenntnisfördernder an. Generell sind die Fähigkeiten des Zuhörens und Erzählens seiner Ansicht nach am ehesten geeignet, Bindungen zwischen den Menschen zu konstituieren, Emotionen zu festigen und Realitäten abzugleichen.
Auch wenn ich das Buch nicht als literarisches Meisterwerk einstufen möchte - hier schien mir ""Der Klang der Zeit" doch um einiges unmittelbarer, mitreißender und geschlossener - bot sich mir doch eine interessante, nachdenklich machende und über weite Strecken auch unterhaltsame Lektüre.
Weitere Rezensionen :
Der Klang der Zeit
tinius - 24. Sep, 00:59








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