Davide Longo : Der Steingänger
Cesare hat ein recht bewegtes Leben hinter sich. Als Kind gelangte er mit den Eltern nach dem Krieg nach Marseille. Nur kurz besuchte er dort eine Schule und mußte sich bald als Hilfsarbeiter im Hafen verdingen. Nachdem der Hafenausbau beendet war, heuerte er auf verschiedenen Schiffen an. Als er mit den Mannschaftskameraden ein Schiff besetzte, da sich die Reederei weigerte, die Heuer zu bezahlen, schlug er einen Polizisten und wanderte für fünf Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung ging er zurück in das heimatliche Piemont. Wegen seiner Haftstrafe galt er auch hier als Außenseiter. Über Wasser hielt er sich mit Schmuggel - und Schleusertouren durch das grenznahe Gebirge. Auch sein Patenkind Fausto wies er in die Besonderheiten und Gefahren der Schleichwege ein, sobald dieser alt genug war. Doch inzwischen haben sich die Zeiten geändert : Statt armer Italiener, die im Nachbarland ihr Auskommen suchen wollen, werden organisiert Schwarzafrikaner und Drogen über die Gebirgszüge geschmuggelt, und Cesare hat seine Tätigkeit an den Nagel gehängt, während Fausto zu seinm Nachfolger avancierte. Auch sonst hat sich vieles verändert in Cesares piemonesischem Tal, denn während Telefon, Autos und Fernseher Einzug hielten, wanderten die Leute in die Städte ab. Die verbliebenen Einwohner bilden eine schweigsame, beinahe verschworene Gemeinschaft, die wenigen jungen Leute fühlen sich zunehmend eingesperrt. Als Cesare nach der defekten Wasserversorgungsanlage schaut, findet er seinen Patensohn Fausto erschossen auf. Wie viele anderen Bewohner des Dorfes hat auch Cesare bald eine Vermutung, wer für den Tod verantwortlich sein könnte, doch die ermittelnde Kriminalpolizei stößt überall auf eine Mauer des Schweigens. Verschiedentliche Gespräche Cesares mit der leitenden Kommissarin haben die Tötung seines Hundes zur Folge, und Cesare ist gewarnt. Als ihn Sergio, einer der noch im Dorf verbliebenen jungen Leute, dessen Mutter schon vor vielen Jahren nach Marseille verschwunden ist, darüber informiert, daß er in einer leerstehenden Almhütte Menschen gesehen habe, weiß er, daß Fausto seinen letzten Auftrag nicht hat zu Ende bringen können. Mit Sergio macht er sich noch einmal auf die Schmugglerroute, um die Flüchtlinge nach Frankreich zu schleusen. Und dies ist alles andere als ungefährlich, denn neben den Unwägbarkeiten der schon im September verschneiten Berglandschaft wartet auch ein Schütze auf sie....
Davide Longo, der selbst aus dem Piemont stammt, verwendet als Schablone seines Buches die Konstruktion des Kriminalromans. Und der Leser kann sich durchaus darauf verlassen, daß er am Ende der etwa 170 Seiten zu einer - ihn hinlänglich überraschenden - Lösung gelangen wird. Und doch ist dieser Roman mehr oder anderes, als man von seiner Konstruktion hätte erwarten können. Möglicherweise vermittelt sich eingefleischten Krimilesern auf der suche nach neuem Lesestoff eher das Gefühl, sie hätten einen Fehlgriff getan, denn in diesem Roman geht es dem Autor vor allem um die Darstellung des Piemonts, seiner kargen, teilweise bedrohlich wirkenden Landschaften, seiner wortkargen und doch intuitiv kommunizierenden Menschen und der für diese Bergwelt bedrohlichen Entwicklungen der Moderne. Ebenso majestätisch wie einengend und bedrohlich wirken die Felsen, schnüren die Dörfer im Tal ein. Auch die Ansässigen, zumal die Jüngeren, verspüren die nur selten überwindbaren Grenzen, umso mehr als die Flucht in die Stadt oder ins Nachbarland Frankreich nicht immer eine Befreiung sein muß. Die soziale Kontrolle ist engmaschig und von Werten wie Ehre, Pflicht bestimmt. Dazu kommt die Wortkargheit, die bisweilen an immerwährendes Schweigen grenzt. Daß Begegnungen, Freundschaften oder gar Ehen möglich sein sollten, grenzt an ein Wunder, und doch teilt man etwas, das man sich nicht mitzuteilen braucht, mehr auch als das kollektive Schweigen über die organisierten Schleusungen und Schmuggeleien, deren mächtige Drahtzieher in der Stadt leben und deren Gefährdung nicht selten mit dem Tod bestraft werden. Davide Longo vollzieht das Schweigen ebenso wie diese - nonverbale - Kommunikation in seiner Erzählweise nach. Kaum dringt er in die Innen - oder Gedankenwelt seiner Figuren ein, verharrt nicht selten in der genauen Beobachtung ihrer Handlungen. Und oft genug erzählt er nicht einmal alles, läßt Freiräume und Lücken, ohne daß dies verhindern könnte, daß ein stimmiges, verzahntes und literarisch anspruchsvolles Gesamtbild entstünde. Der recht zurückgenommenen Sprache und Erzählweise gewinnt er in recht kurzen Abschnitten einen natürlichen und doch poetischen Ton ab, der seinem Thema und der Landschaft uneingeschränkt gerecht wird und dem Leser die Intenstät des Stoffes und der Darstellung vermittelt.
Davide Longo, der selbst aus dem Piemont stammt, verwendet als Schablone seines Buches die Konstruktion des Kriminalromans. Und der Leser kann sich durchaus darauf verlassen, daß er am Ende der etwa 170 Seiten zu einer - ihn hinlänglich überraschenden - Lösung gelangen wird. Und doch ist dieser Roman mehr oder anderes, als man von seiner Konstruktion hätte erwarten können. Möglicherweise vermittelt sich eingefleischten Krimilesern auf der suche nach neuem Lesestoff eher das Gefühl, sie hätten einen Fehlgriff getan, denn in diesem Roman geht es dem Autor vor allem um die Darstellung des Piemonts, seiner kargen, teilweise bedrohlich wirkenden Landschaften, seiner wortkargen und doch intuitiv kommunizierenden Menschen und der für diese Bergwelt bedrohlichen Entwicklungen der Moderne. Ebenso majestätisch wie einengend und bedrohlich wirken die Felsen, schnüren die Dörfer im Tal ein. Auch die Ansässigen, zumal die Jüngeren, verspüren die nur selten überwindbaren Grenzen, umso mehr als die Flucht in die Stadt oder ins Nachbarland Frankreich nicht immer eine Befreiung sein muß. Die soziale Kontrolle ist engmaschig und von Werten wie Ehre, Pflicht bestimmt. Dazu kommt die Wortkargheit, die bisweilen an immerwährendes Schweigen grenzt. Daß Begegnungen, Freundschaften oder gar Ehen möglich sein sollten, grenzt an ein Wunder, und doch teilt man etwas, das man sich nicht mitzuteilen braucht, mehr auch als das kollektive Schweigen über die organisierten Schleusungen und Schmuggeleien, deren mächtige Drahtzieher in der Stadt leben und deren Gefährdung nicht selten mit dem Tod bestraft werden. Davide Longo vollzieht das Schweigen ebenso wie diese - nonverbale - Kommunikation in seiner Erzählweise nach. Kaum dringt er in die Innen - oder Gedankenwelt seiner Figuren ein, verharrt nicht selten in der genauen Beobachtung ihrer Handlungen. Und oft genug erzählt er nicht einmal alles, läßt Freiräume und Lücken, ohne daß dies verhindern könnte, daß ein stimmiges, verzahntes und literarisch anspruchsvolles Gesamtbild entstünde. Der recht zurückgenommenen Sprache und Erzählweise gewinnt er in recht kurzen Abschnitten einen natürlichen und doch poetischen Ton ab, der seinem Thema und der Landschaft uneingeschränkt gerecht wird und dem Leser die Intenstät des Stoffes und der Darstellung vermittelt.
tinius - 14. Sep, 00:49












