Christoph Wortberg / Manfred Theisen : Der Geist der Bücher

Nachdem der fünfzehnjährige Ben einen Flugzeugabsturz überlebt hat, bei dem seine Eltern ums Leben kamen, lebt er mit seiner Tante Lynn, einer hochangesehenen Schriftstellerin, in New York. Ihr Verhältnis ist nicht das Beste, denn Ben hat sich in sich selbst zurückgezogen und erträgt vor allem ihre Begeisterung für die Literatur nur widerwillig. Doch dann wird seine Tante anscheinend entführt. Inmitten der Kampfspuren in ihrem Arbeits - und Bibliothekszimmer findert eine Hälfte ihres zerbrochenen Amuletts, das mit magischen Fähigkeiten versehen ist, die ihn kurzerhand in Shakespeares Drama "Romeo und Julia" versetzen. Von Romeos Freund Mercutio aus einer mißlichen Lage befreit, wird er Zeuge, wie Romeo von unheimlichen Gestalten in Umhängen ermordet wird. Mercutio und Ben ahnen, daß auch Julia gefährdet sein muß. Nur mit knapper Not können die beiden mit ihr fliehen und landen im Unterdeck eines Schiffes. Bald stellt sich heraus, daß an Bord Kapitän Ahab das Sagen hat, fanatisch auf der Suche nach dem weißen Wal Moby Dick. Sie geraten ernsthaft in Gefahr, als Ben mit seiner Harpune den lange gejagten Wal verfehlt. Nur mit der Hilfe des Harpuniers Quiqueg können sie entkommen. Allerdings stellt sich die Lage auf der Insel, auf der sie landen, als ebenso gefährlich heraus : Menschenfresser haben es auf sie abgesehen. Jedoch finden sie Schutz bei Robinson Crusoe, der vor langen Jahren hier gestrandet war. Doch die nächste Bedrohung, die Wiederkehr der unheimlichen Mörder, ist weitaus schwieriger abzuwenden, und Robinson und sein Gefährte Freitag fallen ihr zum Opfer. Wieder fliehen die drei Gefährten, gelangen von einem Buch in ein nächstes, immer mit den "Schattenkriegern" auf den Fersen. Sie treffen auf Don Quixote, Oliver Twist, Emma Bovary, Faust und Mephisto, bewegen sich durch Becketts "Endspiel", Tolstois "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina". Doch auch der Loyalität Mercutios kann Ben nicht wirklich sicher sein, denn dessen Liebe zu Julia, die immer deutlicher wird, und seine Eifersucht auf Ben, bei dem ebenfalls verhaltene Gefühle für das Mädchen erwachen, scheinen ihn zu mindestens unvorsichtigem Verhalten, wenn nicht gar Sabotage zu veranlassen. Immerhin enträtseln sie nach und nach den Grund für diese tödliche Hetzjagd durch die Werke der Weltliteratur. Ein Bösewicht namens Gondar hat seine Tante entführt und benötigt unbedingt die zweite Hälfte des Amuletts, um weiter sein Unwesen in der Welt der Literatur zu treiben. Und Ben erfährt, daß er sich ihm stellen muß : im Inferno aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie"....

Einige Online - Buchhandlungen geben eine Altersempfehlung, die zwischen zwölf und vierzehn Jahren variiert. Und auch mein Eindruck ist, daß der Verlag hier ein Jugendbuch veröffentlicht hat, das auch auf erwachsene Leserschaft spekuliert, ähnlich wie bei "Harry Potter", Michael Endes "Unendlicher Geschichte" oder der "Tintenherz" - Trilogie von Cornelia Funke. Bei Ende, Funke und natürlich den Romanen von Jasper Fforde sind wohl auch die direkten Vorbilder dieses Buches zu suchen. Denn in all diesen Büchern geht es um die unmittelbare Konfrontation ihrer Protagonisten mit literarischen, fiktiven Welten. Jedoch muß man den beiden Autoren Wortberg und Theisen wohl bescheinigen, daß ihr Projekt wohl kläglich gescheitert ist. Mag man zu ihren Gunsten auch annehmen, daß es beiden um ein Heranführen Jugendlicher an Bücher und die Stoffe der Weltliteratur gegangen sein mag und nicht um das einkommensfördernde Abreiten einer Modewelle, so bleibt doch zweifelhaft, ob dieses Buch medienpädagogisch effektiv, ja überhaupt jugendgerecht geraten ist. Denn zum einen bleibt diese Tour de Forçe immer hübsch an der Oberfläche, jagt atemlos von einem Buch zum nächsten, ohne das Wesen der einzelnen Werke im mindesten wiedergeben, geschweige denn auf wenigen Seiten die Figuren zum Leben und zur Dreidimensionalität erwecken zu können, etwas, das die hier so zahlreich herangezogenen Originale sehr wohl konnten, zum anderen ähnelt das Buch auf weiten Strecken eher einem recht blutigen Action - B - Movie, das man einem Jugendlichen in der empfohlenen Altersklassen nur ungern zumuten wollte. Metzelnd ziehen die Schergen Gondars durch die Weltliteratur, trennen Köpfe ab, schlitzen Bäuche auf und dezimieren das literarische Personal so manches auch von Jugendlichen gern gelesenen Buches : Oliver Twist, Werther, Don Quixote fallen ihnen zum Opfer, ohne daß sich die Autoren allzu sehr in der Darstellung zurückhielten. Und auch relativ belesene Erwachsene, die möglicherweise nach einer unterhaltsamen postmodernen Spielerei mit der Literatur suchen, werden wohl nur bedingt Freude an diesen knapp 300 Seiten haben. Zu oberflächlich und lieblos ist dieses Buch - ja man kann sagen - dahingeschludert worden. Sprachliche und stilistische Unebenheiten paaren sich mit einer gewissen Unaufmerksamkeit der Autoren (und des Lektorats), etwa wenn Ben den "Faust", nur getrennt durch einen Absatz, gleich zweimal eindeutig identifiziert oder Ben verkündet, er tue, "was ihm zusteht", obwohl er etwas an sich nimmt und "er nehme sich, was ihm zustünde" nicht nur richtiger, sondern logischer wäre. Bemerkenswert ist auch die Wahllosigkeit, mit der die durchreisten Bücher in den abzuarbeitenden Katalog aufgenommen worden zu scheinen, denn es ist denn doch eher unwahrscheinlich, daß die eigentlich anvisierte Altersgruppe sich willens und in der Lage sieht, sich mit Becketts "Endspiel", dem Monumentalwerk "Krieg und Frieden" oder gar mit Thomas Manns "Tod in Venedig" auseinanderzusetzen. Und auch den Erwachsenen bleibt höchstens die Erkenntnis, daß es diese und alle anderen Bücher gibt, da zumeist Inhalte und Hintergründe, literarische Verdienste und Eigenheiten als bekannt vorausgesetzt werden. Immerhin funktioniert das Buch leidlich als wenig hintergründiger Abenteuerroman, den man schnell und problemlos hinterschlingen kann.
toxea - 6. Sep, 09:06

Die Tintenherz-Trilogie

war mir bisher unbekannt, klingt aber vielversprechend... bestimmt ein schönes Geschenk für junge Leser. Danke für den Tip.

Tanja (anonym) - 8. Sep, 17:19

Sehr aufschlussreich,

diese Besprechung. Hatte mir schon einige Male vorgenommen reinzuschauen und hab's noch nicht getan.

Merci beaucoup!

tinius - 9. Sep, 05:56

Wirklich gut fand ich nur die Auflösung, wer Gondar und seine Helfer sind und was sie antreibt. Aber da ich prinzipiell auf jede Art von Spoiler verzichte, fand dieser Aspekt keine Berücksichtigung - und hat das Buch auch nicht wirklich gerettet.

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Verlagsangaben :

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Zuletzt aktualisiert: 1. Jul, 15:06

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