Louis de Bernières : Traum von Stein und Federn
Etwa 25 Jahre umfaßt die Handlung des hauptsächlich in einer kleinen Stadt im Südwesten spielenden Romans, eine Zeit, in der das Osmanische Reich langsam zerfällt und immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen gerät. Viel ist davon in Eskibahçe zunächst nicht zu spüren, denn hier leben seit vielen Jahrzehnten Muslime, griechischstämmige und armenische Christen recht konfliktfrei zusammen. Die Kulturen haben sich vermischt, man schreibt Türkisch mit griechischen Buchstaben, betet als Moslem auch zur Jungfrau Maria und eine Heirat zwischen den Religionen ist generell kein Problem, umso weniger als der Glaube der Frauen bei beiden Religionsvertretern eher nebensächlich erscheint. Selbst bei einer Steinigung einer muslimischen Ehefrau sind die griechischen Bewohner munter dabei, bis der Imam eindrücklich darauf verweist, daß selbst nach islamischem Gesetz, die notwendigen Grundlagen für das grausame Gebaren fehle. Die Geburt Philotheis, deren Schönheit sich im Ort wie ein Lauffeuer herumspricht, aber scheint ein erstes warnendes Vorzeichen zu sein, denn manche ahnen, daß es mit ihr kein glückliches Ende nehmen könne. Doch zunächst wächst Philothei recht unbeschwert heran, ebenso ihre Spielkameraden Drosoula, Ibrahim, der sich schon als Kind in Philothei verliebt und ihr letztendlich auch versprochen wird, die beiden Jungen Nico und Abdul, die bald nach den Stimmen ihrer mit Wasser gefüllten Tonpfeifen Mehmetçik (Rotkehlchen) und Kravatuk (Amsel) benannt werden. Als Rustem Bey, der örtliche Großgrundbesitzer eine Geliebte aus Istanbul mit in den Ort bringt, besteht diese darauf, Philothei als Zofe zu beschäftigen. Die beiden entwickeln ein eher freundschaftliches Verhältnis, und auch die Liebesgeschichte zwischen Leyla und Rustem entwickelt sich für beide befriedigend, auch wenn er nie erfährt, daß sie ursprünglich aus Griechenland stammt. Ein erster Einschnitt im Leben der Stadt erfolgt, als Ibrahim für einen Krieg gegen die Griechen eingezogen wird. Doch Philothei und er bleiben zuversichtlich, daß die später geplante Hochzeit einst stattfinden werde. Noch bedrohlicher allerdings wird es, als es wiederholt zu Auseinandersetzungen mit Rußland kommt, in deren Verlauf Teile der Armenier gegen die osmanische Bevölkerung vorgeht. Enver Pascha, der inzwischen faktisch die Führung im Land übernommen hat, befiehlt die Umsiedlung aller Armenier, was faktisch auf eine ethnische Säuberung und Völkermord hinausläuft. Und auch in Eskibahçe müssen die armenischen Mitbewohner ihre Häuser verlassen und ihrem gewissen Untergang entgegen ziehen. Doch als der 1. Weltkrieg ausbricht, trifft Enver Pascha eine folgenschwere Entscheidung : er schlägt sich auf die Seite der Deutschen - aus Angst vor einer Allianz mit den Russen und weil seine Regierung von den anderen Alliierten vor den Kopf gestoßen wird. Abdul zieht in den Krieg und erlebt die Grausamkeiten der Schlachten um Gallipoli, Nico darf als Christ nicht kämpfen, sondern wird zum Arbeitsdienst herangezogen, bis er wegen der unmenschlichen Bedingungen flieht. Der Weltkrieg geht auch für die Osmanen verloren und sie müssen die alliierte Besatzung erdulden. Der griechische Staat sieht die Gelegenheit, seine Träume von einem großgriechischen Reich zu verwirklichen und marschiert in Smyrna (heute Izmir) ein, ohne daß außer den Italienern die Besatzungsmächte dem entgegenstünden. Doch Mustafa Kemal Atatürk, dessen Lebensgeschichte von Beginn an kapitelweise in den Roman verwoben war, leistet Widerstand und bietet auch den besatzern Großbritannien und Frankreich Paroli. Und der Abzug der Griechen bedeutet für die griechischstämmige Bevölkerung das Ende ihrer Existenz im nun türkischen Staat : sie werden in das griechische Staatsgebiet vertrieben, mit ähnlichen Folgen wie sie die Armenier einst erleiden mußten. Die Stadt verliert fast die Hälfte der Einwohnerschaft, die nachrückenden Muslime aus Kreta können die Lücke aber kaum schließen. In den Wirren der Vertreibung kommt Philothei um, Ibrahim verliert seinen Verstand... .
Recht gemächlich breitet Louis de Bernières sein Kleinstadtpanorama aus und schildert farbenfroh und lebendig das nachbarschaftliche Leben von Christen und Moslems, von ihren kleinen Fehden und ihren Gemeinsamkeiten. Bis beinahe zur Hälfte des Buches findet Geschichte nur in den Kapiteln über den Werdegang Atatürks statt. Umso mehr kann sich der Leser mit den einzelnen Figuren des vielstimmigen Romans anfreunden. Die Geschichten sind selten weltbewegend, sondern lassen das Leben in Eskibahçe und die Figuren lebendig und vertraut werden. Es sind zumeist einfache Menschen ("Birds without Wings", so auch der Originaltitel), die den Zeitläuften nicht entfliehen können, sich in den sich andeutenden Ereignissen wohl oder übel zurecht finden und arrangieren müssen. De Bernières gelingt es, das Mit - und Gegeneinander anschaulich und für den Leser interessant zu vergegenwärtigen. Doch in der zweiten Hälfte des Buches kommen die geschichtlichen Ereignisse zum Tragen. Das Buch gewinnt an Tempo, etwa wenn Abdul seine Schlachterfahrungen aus Gallipoli berichtet, gleichzeitig bemüht sich der Autor um eine Gesamtsicht der historischen Ereignisse, verknüpft Aktionen mit politischen Reaktionen. Gerade hier wird der Roman allerdings fragwürdig, zu sehr scheinen die Fakten subjektiv und zugunsten der türkischen Regierungen interpretiert, und obgleich der neutralen Erzählerstimme ein leicht moralischer Unterton unterlegt wurde, bleibt dieser teils zu allgemein, teils einseitig gegen Briten, Griechen und Franzosen gerichtet. Das Wort "Völkermord" oder "Genozid" im Zusammenhang mit der Vertreibung und Tötung der Armenier taucht niemals auf, stattdessen ein recht allgemein gehaltenes und (hier in diesem Zusammenhang auch recht wohlfeiles ) Statement, daß auch nur ein einziger Toter zuviel wäre. Somit läßt mich das Buch recht zwiegespalten zurück, denn obgleich es handwerklich und literarisch mit Sicherheit lesenswert ist, habe ich mich mit den politischen und moralischen Implikationen nur sehr bedingt anfreunden können (Ähnlich erging es mir mit seinem Roman "Corellis Mandoline", die die italienische Besetzung Griechenlands als zutiefst human und harmlos darzustellen bemüht war).
Eine griechische Darstellung der Vertreibung der griechischstämmigen Bevölkerung aus Anatolien findet sich auch in dem von mir hier besprochenen Roman "Äolische Erde" von Ilias Venesis.
Recht gemächlich breitet Louis de Bernières sein Kleinstadtpanorama aus und schildert farbenfroh und lebendig das nachbarschaftliche Leben von Christen und Moslems, von ihren kleinen Fehden und ihren Gemeinsamkeiten. Bis beinahe zur Hälfte des Buches findet Geschichte nur in den Kapiteln über den Werdegang Atatürks statt. Umso mehr kann sich der Leser mit den einzelnen Figuren des vielstimmigen Romans anfreunden. Die Geschichten sind selten weltbewegend, sondern lassen das Leben in Eskibahçe und die Figuren lebendig und vertraut werden. Es sind zumeist einfache Menschen ("Birds without Wings", so auch der Originaltitel), die den Zeitläuften nicht entfliehen können, sich in den sich andeutenden Ereignissen wohl oder übel zurecht finden und arrangieren müssen. De Bernières gelingt es, das Mit - und Gegeneinander anschaulich und für den Leser interessant zu vergegenwärtigen. Doch in der zweiten Hälfte des Buches kommen die geschichtlichen Ereignisse zum Tragen. Das Buch gewinnt an Tempo, etwa wenn Abdul seine Schlachterfahrungen aus Gallipoli berichtet, gleichzeitig bemüht sich der Autor um eine Gesamtsicht der historischen Ereignisse, verknüpft Aktionen mit politischen Reaktionen. Gerade hier wird der Roman allerdings fragwürdig, zu sehr scheinen die Fakten subjektiv und zugunsten der türkischen Regierungen interpretiert, und obgleich der neutralen Erzählerstimme ein leicht moralischer Unterton unterlegt wurde, bleibt dieser teils zu allgemein, teils einseitig gegen Briten, Griechen und Franzosen gerichtet. Das Wort "Völkermord" oder "Genozid" im Zusammenhang mit der Vertreibung und Tötung der Armenier taucht niemals auf, stattdessen ein recht allgemein gehaltenes und (hier in diesem Zusammenhang auch recht wohlfeiles ) Statement, daß auch nur ein einziger Toter zuviel wäre. Somit läßt mich das Buch recht zwiegespalten zurück, denn obgleich es handwerklich und literarisch mit Sicherheit lesenswert ist, habe ich mich mit den politischen und moralischen Implikationen nur sehr bedingt anfreunden können (Ähnlich erging es mir mit seinem Roman "Corellis Mandoline", die die italienische Besetzung Griechenlands als zutiefst human und harmlos darzustellen bemüht war).
Eine griechische Darstellung der Vertreibung der griechischstämmigen Bevölkerung aus Anatolien findet sich auch in dem von mir hier besprochenen Roman "Äolische Erde" von Ilias Venesis.
tinius - 2. Sep, 22:21












