Steinunn Sigurdardóttir : Der Zeitdieb
Alda, deren Name in deutscher Übersetzung "Welle" bedeutet, ist eine selbstbewußte, emanzipierte Frau aus guter Familie. Sie ist Studienrätin, wohnt mit ihrer Schwester und deren Tochter in ihrem in zwei Wohnungen unterteilten Elternhaus in Islands Hauptstadt Reykjavik. Während ihre Schwester nach ihrer Schwangerschaft die Männer meidet, hat Alda ein pragmatisches, wenig gefühlsbetontes Verhältnis zum männlichen Geschlecht entwickelt : sie hat eine Affäre mit einem verheirateten Kollegen, Vater dreier Kinder, aber auch ein älterer Schüler landet gelegentlich in ihrem Bett. Als sie das Verhältnis beendet, kommt ihr Kollege am Strand ums Leben, weshalb sich Alda schuldig fühlt. Kurz vor ihrem siebenunddreißigsten Geburtstag ändert sich jedoch alles : Alda verliebt sich in einen anderen Kollegen, einen verheirateten Geschichtslehrer, kinderlos und spezialisiert auf das Mittelalter. Für Alda beginnt ein Rausch der Gefühle, den sie in dieser Form noch nicht gekannt hatte. Einhundert Tage verbringen die beiden gemeinsam. Schließlich tritt ihr Geliebter in Begleitung seiner Ehefrau eine Bildungsreise nach Mexiko an. Aldas Warten auf seine Rückkehr mischt sich mit immer stärker werdenden Befürchtungen, daß diese Reise zugleich auch das Ende ihrer Beziehung sein könnte. Und sie wird recht behalten : als er ihr im Lehrerzimmer wiederbegegnet, ignoriert er sie beinahe vollkommen. Und in einem abschließenden Gespräch verkündet er der fassungslosen Alda den endgültigen Bruch. Seine Lebensplanung hat sich geändert, die Prioritäten verlagern sich auf seine Karriere. Weiteren Ausbildungsreisen folgt eine Dozentur an der Universität und schließlich die Berufung zum Bildungsminister Islands. Während Alda dies nur aus der Entfernung verfolgt, in Gedanken immer im Gespräch mit ihm oder beim Abfassen von nie abgeschickten Briefen, hastet ihr Leben durch die Jahre. Sie reist durch die Welt, arbeitet weniger, aber kann das Erlebte kaum als real empfinden. Ein tiefer Einschnitt wird spürbar, als ihre Schwester an Krebs erkrankt und schließlich stirbt. Sie kümmert sich um ihre Nichte, die aber längst bereit ist, eigene Wege zu gehen. Immer älter fühlt sich Alda, gebrechlicher, krankheitsanfälliger und dem eigenen Ende nahe. Um sich das Dahinsiechen zu ersparen, hortet sie Schlaftabletten. Eine halbherzig geführte Beziehung zu einem durchaus fürsorglichen, allerdings recht ungebildeten Mann empfindet sie eher als Belastung. Auch die Kollegen haben sich mehr und mehr zurückgezogen, haben aber die Tradition der kollegialen Geburtstagsfeier zu Ehren ihres vierundvierzigsten Geburtstag wieder aufleben lassen....
Die Autorin hat den Roman strikt und konsequent aus der Innensicht der Protagonistin geschrieben. Wir treffen also auf die Gedanken - und Gefühlswelt Aldas, die alle Ereignisse durch Wahrnehmung und Reflexion filtert. Wie sich Erzählung, Selbstgespräch und Gefühlswelt vermischen, wirbelt Sigurdardóttir auch die literarischen Formen durcheinander. So finden sich in diesem recht komplexen Gebilde erzählerische Texte, Briefentwürfe, knappe, an Aphorismen gemahnende Sätze und immer wieder - gerade in der Zeit der sich erfüllenden Liebesbeziehung und der darauffolgenden akuten Trennungsphase - in freien Versen gestaltete Lyrik. So ungewöhnlich dies zunächst scheinen mag, wird es durch den Beginn Sigurdardóttirs literarischer Karriere als erfolgreiche Lyrikerin erklärlich. Während im Grunde die äußere Handlung immer mehr zur Nebensache gerät, gewinnt das Buch an Intensität. Dennoch verliert die Autorin niemals die Distanz, spielt mit ihrem eigentlich tragischen Stoff, mehr noch : auch die Protagonistin ist ab und an in der Lage, einen Schritt zurückzutreten, sich zu reflektieren. Dennoch ist der Leser immer wieder gefordert, sich diesem Leiden, dieser teilweise von mir als Selbsterniedrigung empfundenen Gefühls - und Erlebenswelt auszusetzen, zumal er sich an äußeren Handlungsstrukturen nur wenig orientieren kann. Unterlegt ist dieser Roman mit dem Mythos der Undine, diesem nicht immer ungefährlichen Wasserwesen, das sich einst in einen Menschen verliebte und nach dem Bruch des Ehegelöbnisses und der Verhöhnung durch den einstigen Bräutigam zugrunde gehen mußte, ohne je in die eigentliche Heimat zurückkehren zu dürfen. Ebenso tiefgründig wie unbefangen spielerisch kommt dieses einzigartige Buch daher, niemals jedoch mit Pathos oder gar weinerlicher Innerlichkeit, sodaß ich zufrieden mit meiner Lektürewahl gewesen bin.
Die Autorin hat den Roman strikt und konsequent aus der Innensicht der Protagonistin geschrieben. Wir treffen also auf die Gedanken - und Gefühlswelt Aldas, die alle Ereignisse durch Wahrnehmung und Reflexion filtert. Wie sich Erzählung, Selbstgespräch und Gefühlswelt vermischen, wirbelt Sigurdardóttir auch die literarischen Formen durcheinander. So finden sich in diesem recht komplexen Gebilde erzählerische Texte, Briefentwürfe, knappe, an Aphorismen gemahnende Sätze und immer wieder - gerade in der Zeit der sich erfüllenden Liebesbeziehung und der darauffolgenden akuten Trennungsphase - in freien Versen gestaltete Lyrik. So ungewöhnlich dies zunächst scheinen mag, wird es durch den Beginn Sigurdardóttirs literarischer Karriere als erfolgreiche Lyrikerin erklärlich. Während im Grunde die äußere Handlung immer mehr zur Nebensache gerät, gewinnt das Buch an Intensität. Dennoch verliert die Autorin niemals die Distanz, spielt mit ihrem eigentlich tragischen Stoff, mehr noch : auch die Protagonistin ist ab und an in der Lage, einen Schritt zurückzutreten, sich zu reflektieren. Dennoch ist der Leser immer wieder gefordert, sich diesem Leiden, dieser teilweise von mir als Selbsterniedrigung empfundenen Gefühls - und Erlebenswelt auszusetzen, zumal er sich an äußeren Handlungsstrukturen nur wenig orientieren kann. Unterlegt ist dieser Roman mit dem Mythos der Undine, diesem nicht immer ungefährlichen Wasserwesen, das sich einst in einen Menschen verliebte und nach dem Bruch des Ehegelöbnisses und der Verhöhnung durch den einstigen Bräutigam zugrunde gehen mußte, ohne je in die eigentliche Heimat zurückkehren zu dürfen. Ebenso tiefgründig wie unbefangen spielerisch kommt dieses einzigartige Buch daher, niemals jedoch mit Pathos oder gar weinerlicher Innerlichkeit, sodaß ich zufrieden mit meiner Lektürewahl gewesen bin.
tinius - 25. Aug, 21:16







