Fatou Diome : Der Bauch des Ozeans

Salie, das Alter - Ego der Autorin in diesem stark autobiographischen Roman, lebt in Strassbourg. Regelmäßig ruft Ihr Halbbruder Maldické an, erbittet ihren Rückruf, um Einzelheiten des letzten Fußballspiels seines Idols Maldini zu erfahren oder zu diskutieren. Er ist in Niodior geblieben, spielt wie alle Jugendlichen dort Fußball, in der Hoffnung, damit später für eine französische Mannschaft entdeckt zu werden. Denn der Westen scheint die einzige Möglichkeit, ein finanzielles Auskommen zu finden und die stärkste Verpflichtung - die Unterstützung der Familie - erfüllen zu können. Bestärkt werden die jungen Männer darin von den Rückkehrern, die sich in Frankreich einen bescheidenen, für afrikanische Verhältnisse unglaublichen Wohlstand erarbeitet haben und nun zu den Angeseheneren im Ort zählen. Die allerdings verschweigen die Entbehrungen, die schlecht bezahlten und illegalen Arbeiten und den allgegenwärtigen Rassismus in Frankreich, unter dem sie zu leiden hatten. Und Beispiele, die den Mythos zerstören könnten, wie das des gescheiterten und von der Einwanderungsbehörde abgeschobenen Moussa werden einfach ignoriert. Der Dorflehrer, der einst in dieses Dorf strafversetzt wurde, weil seine kommunistischen Auffasungen der Regierung ein Dorn im Auge waren, und der kaum in das dörfliche Leben integriert ist, mag sie noch so sehr warnen, andere Perspektiven anmahnen : die Jugendlichen verschließen sich ihm. Auch Salie gilt als wohlhabend, nur weil sie in Europa lebt, und so muß sie den größten Teil der Telefonkosten tragen und bei Heimaturlauben die Feierlichkeiten für das ganze Dorf bezahlen. Und ihr Bruder erwartet schlicht, daß sie ihm die Überfahrt nach Europa finanziert. Dabei muß sich Salie selbst durchs Leben kämpfen, nachdem ihre Ehe mit einem Entwicklungshelfer gescheitert ist. Sie ist alles andere als wohlhabend. Als unehelich geborenes Kind, als Frau mit Bildung und weil sie sich den finanziellen Verpflichtungen ab und an entzieht, ist sie im Dorf nicht integriert. Nur der Dorflehrer und die Großmutter halten zu ihr, sodaß sie den Aufenthalt im Exil, so beschwerlich und mit Verlusten behaftet er auch sein mag, der afrikanischen Heimat dauerhaft vorzieht. Und als Maldické sie immer stärker bedrängt, doch für seine Reise nach Europa zu sorgen, fasst sie einen Entschluß...

Dieser Roman, der in Frankreich bei seinem Erscheinen Aufsehen erregte und hohe Verkaufszahlen erreichte, ist durchaus lesenswert und interessant, wenngleich nicht unbedingt von hoher literarischer Qualität. Beeindruckend stellt Fatou Diome die gesellschaftliche Realität in diesem senegalesischen Dorf dar : afrikanische Traditionen und ein moderater Islam beeinflussen das Denken und Handeln, der Atlantische Ozean verschafft oder verweigert das geringe Einkommen der Dorfbewohner, es gibt kaum technische Errungenschaften, nur der Fernseher eines Europa - Rückkehrers bietet ein wenig Luxus und Information. Doch reparieren kann ihn niemand, als er wetterbedingt kaputtgeht. Die Dorfgemeinschaft ist geprägt von familiären Strukturen und sozialen Hierarchien. Die Auswanderung nach Europa, nach Frankreich ist eine allgemeinverbreitete Utopie, fast die einzige Perspektive, um die Familie ernähren und in der Hierarchie des Dorfes aufrücken zu können. Nicht weniger deutlich werden die Schattenseiten des Exils : Rassismus, das Leben ohne gültiges Visum, die Niedriglohn - Arbeiten und die allgegenwärtige Gefahr der Abschiebung beleuchtet die Autorin genauso wie die Verantwortung Europas als ehemalige Kolonialmächte und Betreiber der (recht einseitigen) Globalisierung. An der Geschichte, am Literarischen allerdings hapert es. Die Verbindung zwischen Salies Leben im Exil und dem Leben im afrikanischen Dorf wirkt ab und an holprig, die Personen gewinnen nur selten eine eigene Persönlichkeit, wirkliches Leben. Eine der wenigen Ausnahmen ist nur der Dorflehrer Ndétare, eine andere - natürlich - Salie selbst. So wirkt das Buch streckenweise weniger wie ein Roman, mehr wie ein Bericht, ohne allerdings dank der autobiographischen Nähe uninteressant oder unlesbar zu werden. Glaubwürdigkeit und analytische Darstellung sind die Stärken dieses Buches, fehlende Lebendigkeit des Personals und eine starke Konzentration auf das Faktische eher seine Schwächen. Dennoch bleibt das Buch, nicht zuletzt durch Stil und Tonfall, unterhaltsam und interessant.

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