Wilhelm Genazino : Die Liebesblödigkeit
Der Ich - Erzähler und Antiheld dieses nicht sehr umfangreichen Romans fristet seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen und Wochenendseminaren über die Apokalypse. Allerdings steht nicht die biblische Offenbarung des Johannes im Mittelpunkt, auch nicht die drohende Klimakatastrophe, sondern der Untergang der Zivilisation durch den Menschen. Das eigentliche Problem des namenlos bleibenden Erzählers aber findet sich in seinen Liebesbeziehungen zu zwei verschiedenen Frauen, die nichts von einander wissen. Er ist 52 Jahre alt und bemerkt immer mehr Anzeichen und Beeinträchtigungen des Alters, die es ihm immer schwieriger erscheinen lassen, die Frauen voreinander geheimzuhalten, aber auch den ständigen Anforderungen beider gerecht zu werden. Und so beschließt er, sich von einer von ihnen zu trennen : entweder von der einundfünfzigjährigen Judith, die einst hatte Konzertpianistin werden wollen und nun Klavierunterricht gibt, die ihm intellektuell ebenbürtig ist, oder von der dreiundvierzigjährigen Chefsekretärin Sandra, die sich rührend und einfallsreich um ihn kümmert und manchmal eher einer Krankenschwester als einer Geliebten gleicht. Die Schwierigkeiten, sich endgültig festzulegen treiben den Erzähler um, treiben ihn als rastlosen Flaneur auf die Straßen seiner Heimatstadt, wo er seine Mitmenschen und ihre Probleme wahrnimmt, wo er Bekannten begegnet, die sich mit teils abstrusen Tätigkeiten und Beschäftigungen über Wasser und am Leben halten. Im Universum dieser mit sich und seinem Altern hadernden Figur finden sich Menschen, die der Post Fehlverhalten nachzuweisen versuchen, Panikberater oder auch Ekelreferenten, ebenso wie unbenannte und unbekannte Passanten, die ebenfalls so ihre Schwierigkeiten haben...
Genazino ist ein genauer und klarsichtiger Beobachter, weniger ein Humorist oder Satiriker. Nur wenige Überspitzungen (etwa bei den Berufen) reichen aus, um der Realitätswiedergabe einen leicht satirischen Farbton zu verleihen, ohne daß der Realitätsgehalt oder der Wiedererkennungswert verloren ginge. Nur am Rande ist es ein Buch über eine Dreiecksbeziehung - und auch dann bleibt es fern jeder erotischen oder moralischen Verwicklung, sondern es beschäftigt sich mit dem Altern, der Sterblichkeit, also der persönlichen, unausweichlich drohenden Apokalypse, die keinerlei Entscheidung aufzuhalten vermag, die sich aber nach und nach mit teils schmerzhaften Vorzeichen anzukündigen beginnt. Das Buch ist sowohl unterhaltsam wie nachdenklich, und ein Verdienst von Autor Wilhelm Genazino ist es, daß das Leben und auch das Altern lebens - und liebenswert bleiben, daß sich dem Leser wie dem Protagonisten Reichtümer bieten, die nur erkannt werden wollen. Für mich gehört Genazino seit Jahren schon zu den besten und wichtigsten Autoren in Deutschland, weil er mit knappen Sätzen und prägnanten Beobachtungen und Wahrnehmungen deutsche Lebenswirklichkeit und Befindlichkeiten zu spiegeln und zu vermitteln versteht, ohne jemals seine fast tragikomischen Antihelden zu verraten oder zu kompromittieren.
Genazino ist ein genauer und klarsichtiger Beobachter, weniger ein Humorist oder Satiriker. Nur wenige Überspitzungen (etwa bei den Berufen) reichen aus, um der Realitätswiedergabe einen leicht satirischen Farbton zu verleihen, ohne daß der Realitätsgehalt oder der Wiedererkennungswert verloren ginge. Nur am Rande ist es ein Buch über eine Dreiecksbeziehung - und auch dann bleibt es fern jeder erotischen oder moralischen Verwicklung, sondern es beschäftigt sich mit dem Altern, der Sterblichkeit, also der persönlichen, unausweichlich drohenden Apokalypse, die keinerlei Entscheidung aufzuhalten vermag, die sich aber nach und nach mit teils schmerzhaften Vorzeichen anzukündigen beginnt. Das Buch ist sowohl unterhaltsam wie nachdenklich, und ein Verdienst von Autor Wilhelm Genazino ist es, daß das Leben und auch das Altern lebens - und liebenswert bleiben, daß sich dem Leser wie dem Protagonisten Reichtümer bieten, die nur erkannt werden wollen. Für mich gehört Genazino seit Jahren schon zu den besten und wichtigsten Autoren in Deutschland, weil er mit knappen Sätzen und prägnanten Beobachtungen und Wahrnehmungen deutsche Lebenswirklichkeit und Befindlichkeiten zu spiegeln und zu vermitteln versteht, ohne jemals seine fast tragikomischen Antihelden zu verraten oder zu kompromittieren.
tinius - 14. Aug, 12:43







