Graham Greene : Orientexpreß
1930 besteigen in Ostende verschiedene Personen den Orient - Expreß : Coral Musker, die in Konstantinopel ein Engagement als Tänzerin antreten will, der jüdische Großhändler Carleton Myatt, der sich durch die Machenschaften eines Bevollmächtigten seiner Firma betrogen glaubt, Richard John, ein etwas geheimnisvoller Arzt, ein Priester und ein recht erfolgreicher Schriftsteller (hier wird vermutlich der Autor J.B.Priestley satirisch dargestellt). Die Reise beginnt zunächst eher entspannt, was sich allerdings ändert, als in Köln die Journalistin Mabel Warren und deren Lebensgefährtin Jane Pardoe zusteigen. Mabel Warren, eine von Verlustängsten geplagte Alkoholikerin, soll eigentlich den Schriftsteller interviewen. Doch in Richard John glaubt sie den Sozialisten Dr. Czinner zu erkennen, der vor Jahren nach einer Aussage gegen einen hohen Vertreter des serbischen Regimes hätte festgenommen werden sollen und unerwartet entkam. Ihr Verdacht ist nicht unberechtigt. Czinner ist auf dem Weg nach Belgrad, um einen Aufstand anzuzetteln. Allerdings müssen beide kurz darauf erkennen, daß der schon begonnen hatte und niedergeschlagen wurde. Dennoch setzt der Sozialist seinen Weg in die Heimat fort. Coral Musker ist die eigentliche Hauptperson des Romans. Sie beginnt im Zug eine Affäre mit dem Großhändler Myatt. Der junge Mann, der sich wegen seiner Religion abgelehnt fühlt, ist ihr sympathisch und bietet gleichzeitig die Aussicht auf eine fast sorgenfreie Zukunft. Und so verbringen beide eine gemeinsame Nacht. Und Carleton Myatts Versprechungen danach lassen eine rosige Zukunft erahnen. Jedoch wird Coral am serbischen Grenzübergang verhaftet, als sie mit Czinner spricht, um ihn zu einer geplanten Feier einzuladen. Denn die serbischen Grenztruppen haben Czinner schon erwartet...
Orient - Expreß, entstanden 1932, gehört zu den frühen Romanen Greenes. Nachdem mehrere wenig erfolgreiche Bücher veröffentlicht worden waren, versuchte der Autor hier erstmals, mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur zu arbeiten. So verknüpft der Autor den recht raumgreifenden Nebenstrang um den gescheiterten Sozialisten Czinner kunstvoll mit der eigentlichen Hauptfigur Coral Musker. Neben den von Greene gewohnten Gewissenskonflikten kommen so Spannungsmomente des Thrillers zum Tragen, verstärkt noch durch die Figur des Einbrechers Josef Grünlich, der nach einem Mord in Wien den Zug bestiegen hatte. Graham Greene versteht es meisterlich, die verschiedenen Personen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, miteinander in Beziehung zu setzen, die Geschichten zu verflechten, sodaß statt einer Reihung verschiedener Einzelpersonen und - Schicksale ein einheitliches Gewebe entsteht. Allerdings wirkt die übermäßige Fixierung Myatts auf sein Judentum, auf die daraus resultierende Diskriminierung aufdringlich, auch wenn der in Europa herrschende Antisemitismus dieser Zeit nicht zu leugnen ist, ebenso wie die Charaktereigenschaften der Journalistin Mabel Warren, die in jedem starken Mann einen Konkurrenten um die Liebe ihrer Gefährtin Jane sieht und bekämpft, bei gescheiterten Existenzen eher Milde walten läßt, denn doch modellhaft überzeichnet wirken. Zudem ist ihr Auftauchen am ungarisch - serbischen Grenzübergang am Ende des Romans in der Handlung nicht motiviert und bleibt für den Leser unerklärlich, hatte sie doch in Wien schon den Zug verlassen. Der Gesamteindruck des Buches bleibt somit gemischt. Die Entwicklung der Handlung, die Dramaturgie des Geschehens vermögen durchaus, den Leser zu fesseln, und auch die menschlich nahen Figuren wie Coral und Dr. Czinner sichern ein weiterführendes Interesse, und doch hatte ich phasenweise den Eindruck, Zeuge eines die komplexe Wirklichkeit des Europas der dreißiger Jahre nachstellenden Laborversuchs zu sein. Geschickte Dramaturgie und handwerkliches Können jedoch waren wesentliche Ursachen dafür, daß ich die Lesezeit nicht als vergeudet betrachten mußte.
Weitere Rezensionen :
Das Attentat
Das Ende einer Affäre
Das Schlachtfeld des Lebens
Orient - Expreß, entstanden 1932, gehört zu den frühen Romanen Greenes. Nachdem mehrere wenig erfolgreiche Bücher veröffentlicht worden waren, versuchte der Autor hier erstmals, mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur zu arbeiten. So verknüpft der Autor den recht raumgreifenden Nebenstrang um den gescheiterten Sozialisten Czinner kunstvoll mit der eigentlichen Hauptfigur Coral Musker. Neben den von Greene gewohnten Gewissenskonflikten kommen so Spannungsmomente des Thrillers zum Tragen, verstärkt noch durch die Figur des Einbrechers Josef Grünlich, der nach einem Mord in Wien den Zug bestiegen hatte. Graham Greene versteht es meisterlich, die verschiedenen Personen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, miteinander in Beziehung zu setzen, die Geschichten zu verflechten, sodaß statt einer Reihung verschiedener Einzelpersonen und - Schicksale ein einheitliches Gewebe entsteht. Allerdings wirkt die übermäßige Fixierung Myatts auf sein Judentum, auf die daraus resultierende Diskriminierung aufdringlich, auch wenn der in Europa herrschende Antisemitismus dieser Zeit nicht zu leugnen ist, ebenso wie die Charaktereigenschaften der Journalistin Mabel Warren, die in jedem starken Mann einen Konkurrenten um die Liebe ihrer Gefährtin Jane sieht und bekämpft, bei gescheiterten Existenzen eher Milde walten läßt, denn doch modellhaft überzeichnet wirken. Zudem ist ihr Auftauchen am ungarisch - serbischen Grenzübergang am Ende des Romans in der Handlung nicht motiviert und bleibt für den Leser unerklärlich, hatte sie doch in Wien schon den Zug verlassen. Der Gesamteindruck des Buches bleibt somit gemischt. Die Entwicklung der Handlung, die Dramaturgie des Geschehens vermögen durchaus, den Leser zu fesseln, und auch die menschlich nahen Figuren wie Coral und Dr. Czinner sichern ein weiterführendes Interesse, und doch hatte ich phasenweise den Eindruck, Zeuge eines die komplexe Wirklichkeit des Europas der dreißiger Jahre nachstellenden Laborversuchs zu sein. Geschickte Dramaturgie und handwerkliches Können jedoch waren wesentliche Ursachen dafür, daß ich die Lesezeit nicht als vergeudet betrachten mußte.
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Das Attentat
Das Ende einer Affäre
Das Schlachtfeld des Lebens
tinius - 14. Aug, 12:35








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