Denis Johnson : Engel

Jamie hat mit ihren Kindern, der fünfjährigen Miranda und dem Baby Ellen, ihren Mann verlassen, nachdem er sie mit einer ihrer Freundinnen betrogen hatte. Mit einem Greyhound - Bus reist sie von Kalifornien zu einer Verwandten in Pennsyvania und lernt dort Bill Houston kennen, der sein Erspartes in Pittsburgh auf den Kopf hauen will. Jamie schließt sich ihm an und sie verleben eine kurze Zeit gemeinsam in einem Motel. Doch als Bills Geld aufgebraucht ist, verschwindet Bill. In Chicago versäuft er die letzten Dollar, versucht sich als Handtaschenräuber und überfällt schließlich einen Laden. Jamie hat inzwischen ebenfalls begonnen, zu trinken, und konsumiert recht wahllos verschiedene Pillen. Als sie sich auf die Suche nach Bill begibt, wird sie brutal vergewaltigt. Bill erfährt durch Schlagzeilen in einer Zeitung von ihrem Schicksal und schafft es, sie aufzuspüren. Die beiden beginnen ihre Beziehung erneut, rücksichtsvoll und fast zart. Beide fahren nach Phoenix, Arizona, und leben im Haus von Bills Mutter, einer eifernd religiösen Frau, die in Jamie das personalisierte Böse zu erkennen glaubt. Bill nimmt den Kontakt zu seinen Brüdern James und Burris wieder auf, und gemeinsam mit einem Bekannten, Dwight, planen sie einen Banküberfall, der allerdings in einem Desaster endet...

Ich habe dieses Buch mit einer gewissen Skepsis begonnen, denn mir liegen Romane nicht, in denen die Sucht zum beherrschenden Thema wird. Weder Bukowski noch William S. Burroughs (oder auch "Trainspotting" von Irvine Welsh), gehören zu meinen Vorlieben. Und doch hat mich Johnsons Roman "Engel" in seinen Bann gezogen. Zum einen Teil verdankt es das den sprachlichen Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten des Autors, der dichte atmosphärische Bilder zu gestalten weiß, die immer wieder auch den Niederungen am Rand der amerikanischen Gesellschaft eine eigenartige, berührende Schönheit abzugewinnen wissen, zum anderen dem Verzicht jeglicher Glorifizierung des Scheiterns, der Sucht oder auch der Verbrechen. Bill, der sein Handeln nicht nach Gut oder Böse ausrichtet, sondern sich eher nach den Verhältnissen und gegebenen Möglichkeiten richtet, ist nicht böse oder gar ein schlechter Mensch. Allerdings bereut er kaum seine Taten, sondern nur die daraus entstehenden Folgen für andere und sich selbst. Johnson beleuchtet die sozialen Abgründe der Vereinigten Staaten. Billige Absteigen, heruntergekommene Kneipen sind Schauplätze eines guten Teils der Handlung, Drogen und Alkohol bestimmen die Persönlichkeit und das Handeln der Personen. Johnson vermeidet jede Glorifizierung, aber auch Sentimentalität oder Verurteilung seiner Protagonisten. Es ist eher eine Zustandsbeschreibung, die allerdings immer wieder Raum für Hoffnung und Würde läßt. Nicht jeder kann und wird das Buch mögen, aber einen Versuch ist es allemal wert.

Anmerkung : Der Band war zuvor schon einmal unter dem Titel "Engel der Hölle" in deutscher Sprache veröffentlicht.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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