Vikram Chandra : Tanz der Götter

Abhay Misra ist gerade von einem Studienaufenthalt aus den USA nach Bombay zurückgekehrt. Als ein Affe eine seiner Jeanshosen von der Wäscheleine stiehlt, um für die Herausgabe mit Futter belohnt zu werden, schießt er auf das Tier. Der Affe überlebt schwer verletzt und wird von den Misras gepflegt. Es stellt sich heraus, daß in ihm der Dichter Sanjay Parasher reinkarniert worden war. Schon bald erscheint dessen alter Widersacher, der Totengott Yama, dem Parasher einst die Unsterblichkeit abgetrotzt hatte, um ihn mit sich zu nehmen. Doch Hanuman, der Affengott und Beschützer der Dichter und Erzähler, ergreift Parashers Partei und vermittelt einen Kompromiß : Parasher soll eine lange Geschichte erzählen, jeweils zwei Stunden am Tag, und so lange es ihm gelingt, die Mehrheit seiner Zuhörer zu fesseln, würde er verschont. Und auch Unterstützung wird ihm erlaubt : Abhay Misra fügt seine Erzählungen über den Aufenthalt in den Vereinigten Staaten ein, sobald der Dichter zu erschöpft ist, mit der seinen fortzufahren. Die zuhörerschaft wächst nach und nach : zunächst lauschen nur die engere Familie und ein paar Freunde der Verlesung der auf der Schreibmaschine verfassten Geschichte (Affen können ja nicht sprechen), bald jedoch erscheint der elefantenköpfige Gott Ganesh, und auf dem Dorfplatz versammeln sich immer mehr Menschen, was allerdings auch die in der indischen Gesellschaft vorhandenen Konflikte aufleben läßt. Parashers Erzählung ist ein historischer Roman, der - zum Teil mythisch überhöht - die Zeit von 1750 bis etwa 1900 umfasst, vom Beginn bis zur Blütezeit des britischen Raj, der Kolonialherrschaft Großbritanniens in Indien. Aus den einstigen Kaufleuten und Missionaren werden bald die Kolonialherren. Im Mittelpunkt stehen die Leben der Freunde James "Iskander" Skinner und Sanjay Parasher. Während Iskander die militärische Laufbahn einschlägt, möchte Sanjay Dichter werden. Beide sind sowohl traditionellen indischen als auch den britischen Einflüssen ausgesetzt. Iskander entwickelt sich zu einem begnadeten Strategen und tapferen Soldaten, zunächst auf Seiten der indischen Fürsten, später dann auf Seiten der Briten. Doch als Sohn einer indischen Mutter und eines britischen Vaters sind ihm enge Grenzen gesetzt. Sanjay dagegen wird ein außergewöhnlicher Dichter und strebt der Unsterblichkeit entgegen, die er letztlich dem Todesgott Yama abringen kann. In diese Lebensläufe eingebunden sind immer wieder reale historische Personen und Wendepunkte der indischen Kolonialzeit, z.B., die Meuterei der indischen Truppen im Jahre 1857. Abhays Geschichte schildert die kulturelle Konfrontation aus einer anderen Perspektive, denn er ist als Einwanderer auf Zeit voll dem amerikanischen kulturellen Einfluß ausgesetzt und muß seine Identität zwischen indischer Herkunft und amerikanischer Lebensart finden. So lebt er in der Fremde zwischen Drogenerfahrungen, amerikanischer Freundin und seinen indischen Erinnerungen. In den USA trifft er wiederholt auf Menschen, die die britische Kolonialherrschaft nicht nur als wichtig, sondern auch als gut für die Inder bezeichnen.

Es handelt sich um einen sehr komplexen Roman, der die indischen traditonellen (mündlichen) Erzähltechniken und literarischen Stilmittel äußerst geschickt mit dem modernen Mittel des "Magischen Realismus" verknüpft. So ist die Hauptgeschichte, die von Iskander und Sanjay erst auf der dritten erzählerischen Ebene angesiedelt, umgeben von einer rahmenerzählung in einer Rahmenerzählung. Aber auch in der eigentlichen Erzählung finden sich immer wieder Personen, die etwas zu erzählen haben. Klug eingefügt finden sich auch kurze, in der Erzählung kurze, verborgene Essays zu den historischen und kulturellen
Fragestellungen. Anspruchsvoll werden dem Leser die Fähigkeit abverlangt, sowohl die historischen Ereignisse zumindest nachvollziehen zu können, als auch die zahlreichen Anspielungen auf die hinduistische Religion und ihre Götter einigermaßen einordnen zu können, denn Chandras Roman ist ein vielfältiges Gewebe aus historischem, beinahe realistischem Roman und einer in der Magie und Religion verhafteten mythischen Erzählung, das dem europäischen Leser schon aus den Romanen Rushdies vertraut sein dürfte. Auch wenn das Lesen und Verarbeiten etwas Mühe erforderte, empfand ich das Buch als eine bereichernde und immer interessante Lektüre, nicht ohne Spannung und Faszination.

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