Attila Bartis : Der Spaziergang

Aus der Ich - Perspektive wird von den Jahren der Kindheit und Jugend bis kurz nach der Volljährigkeit erzählt. Erst spät im Verlaufe des Romans wird klar, welchen Geschlechts das Kind eigentlich ist. Es ist beim Großvater, einem erblindeten Tänzer, aufgewachsen, beide haben den Krieg überlebt, dessen Spuren sich noch im Mauerwerk des Wohnhauses finden. Das Kind widmet sich "naturwissenschaftlichen" Experimenten an verschiedenen Haustieren, die meist tödlich enden, und ist daher in der Nachbarschaft nicht gerade beliebt. Als der Großvater stirbt, kommt das Kind ins Heim. Hier wird Adél seine Erzieherin und Hauptbezugsperson. Vor einigen Zumutungen, so auch dem "Spaziergang", auf dem die Heimkinder für das Heim singen und betteln, kann sich das Kind drücken. Als sich durch erste Unruhen eine Revolution andeutet, beschließt die Erzieherin, daß es für das Kind sicherer wäre, bei seinem Großonkel, einem Photographen in einem Kurort an einem See unterzukommen. Auf dem Weg zum Bahnhof geraten sie in die gewalttätigen Wirren der Revolution und bringen sich in einer Werkstatt in Sicherheit. Doch der Laden wird von Aufständischen gestürmt, Adél und der Schneider werden getötet. Auf sich allein gestellt muß das Kind seinen Weg zum Großonkel finden. Der Großonkel nimmt das Kind auf. Es stellt sich heraus, daß Adél seine Tochter war. Es beginnt eine relativ unbeschwerte Zeit für das Kind : Es geht im Photoatelier zur Hand und lernt den Freundeskreis des Großonkels kennen. Dieser besteht aus lauter älteren Herren, einem jüdischen Ladenbesitzer, dem ersten Astronauten des Landes, der allerdings nie einen Fuß auf den Mond gesetzt hatte, sondern kopfüber aus der Raumkapsel nach Mondgestein klaubte, und dessen Beine, die er nach einer Auseinandersetzung verloren hatte, dennoch im Nationalmuseum verehrt wurden, und einem abwesenden Maler. Dessen Bilder faszinieren das Kind. Stundenlang versenkt es sich in sie hinein und findet immer neue Sinnzusammenhänge. Doch nach und nach sterben die Freunde. Der jetzige Besitzer verspricht zwar, dem Kind die Bilder zu hinterlassen, doch nach seinem Tod stellt sich heraus, daß er niemals ein Testament aufgesetzt hatte, und daß ein Sohn Anspruch auf das Erbe anmeldet....

Der Autor macht es dem Leser nicht einfach mit seinem recht kurzen, aber sehr dichten Roman. Ort und Zeit der Handlung bleiben vollkommen im Dunkeln, das Geschlecht des Kindes und Ich - Erzählers klären sich erst zum Ende der Geschichte. Und Bartis' Erzählweise bewegt sich zwischen krassestem Realismus und surrealististischen Passagen. Entstanden ist so eine bedrückende Atmosphäre aus Gewalt und Tod, düster und perspektivlos, die auch das Kind nachhaltig beeinflußt. Gleichzeitig bedient sich der Autor einer klaren, messerscharfen Sprache, die das Geschehen mitleidslos, gefühllos analysiert und bewertet. Immer wieder geraten fast übergenau geschilderte Details ins Blickfeld, die zusammengesetzt allerdings ein verzerrtes, grauenhaftes Gesamtbild ergeben. Dieses literarische Experimentierfeld verlangt dem Leser einiges ab, doch es gelingt Bartis, genau dadurch den Leser in die beklemmende und gleichzeitig trostlose Atmosphäre des Buches einzubinden, sodaß es ihm - einmal gefangen - schwerfallen dürfte, sich ihr zu entziehen. Es lohnt sich aber, diesen Weg zu gehen.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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