Tim Parks : Alle lieben Raymond
Nach langen Jahren im Ausland kehrt das Ehepaar Baldwin mit ihrem Sohn Raymond nach England zurück. Schon kurz nach der Eheschließung und der Geburt der ersten Kinder war Mr. Baldwin allein ins Ausland gegangen, vorgeblich um dort mehr Geld verdienen zu können, letztlich aber, um dem Familienleben zu entkommen, das ihn einengte und das er als lästig empfand. Doch nach dem Tod ihrer Mutter folgt ihm Ehefrau Brenda mitsamt Kindern. Zugleich notorischer Bordellbesucher und Patriarch untersagt er Frau und Kindern nähere Kontakte mit den Einheimischen, sodaß sich Brenda vor allem auf Raymond, ihren ältesten Sohn konzentriert. Bald gehen die Kinder ihre eigenen Wege, zurück nach England oder zum Studium in die USA. Doch Raymond erkrankt während des Studienaufenthaltes an Schizophrenie. Vor allem Brenda ist es, die sich um ihren Sohn kümmert und auch den Kontakt zu den anderen Kindern gehalten hat, während der Vater sich zumeist auf das Ausschreiben von Schecks beschränkte. Brenda erhofft sich von der Rückkehr nach Großbritannien und dem Ruhestand ihres Mannes ein engeres Familienleben und vor allem eine Entlastung bei der Betreuung des Kranken. Doch ihre Kinder sind alles andere als begeistert : Graham, ein Geschäftsmann und Yuppie, ist ziemlich deutlich nur an den finanziellen Aspekten dieser Familie interessiert, Garry ist ein entscheidungsunfähiger Loser, der hofft in der Liberalen Partei, die er hingebungsvoll im Wahlkampf unterstützt, einen Job zu ergattern, und Lorna, verheiratet mit einem amerikanischen Englisch - Professor, der sein Augenmerk auf seine Karriere und das Fortkommen seiner Frau als Ghostwriterin legt, ohne die Bedürfnisse der gemeinsamen Tochter und Lornas Familie auch nur im Ansatz zu beachten. Doch Unterstützung für Brenda wäre dringend nötig, denn Raymond, der eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt hat, wird immer aggressiver und gewalttätiger. Und er schreibt anonyme Briefe an seine Geschwister, an deren Bekannte, Vorgesetzte und Kollegen. Zugleich weiß er, daß eine Zwangsunterbringung in der Psychiatrie nicht möglich ist, solange ihm keine Gefährlichkeit nachgewiesen würde, und daß ihn seine Mutter niemals anzeigen würde. Nun gehen Briefe hin und her, in dem die Geschwister eine Lösung suchen, ohne daß sie die Betreuung übernehmen müßten. Doch als Lorna ihre Mutter bei einem Besuch eingeschlossen im Badezimmer findet, wohin sie sich vor Raymond geflüchtet hatte, wendet sie sich an die Polizei und betreut ihre Mutter. Mr. Baldwin hat sich unterdes wieder zum Arbeiten ins Ausland begeben. Und Raymonds Klinikaufenthalt dauert nicht lange, sodaß Lorna nun beide betreuen muß, was sie schnell überfordert. Ein Familienrat soll eine Lösung finden und gipfelt in einer Katastrophe.....
Dieser Roman, nur zu Teilen ein Briefroman, bewegt sich zwischen Komik und Entsetzen. Tim Parks wahrt zumeist eine ironische Distanz, die ab und an auch in pechschwarzem Humor ihren Höhepunkt findet, jedoch nie den Ernst der Situation aus den Augen verliert. Fast jede seiner Figuren hat für seine Person einen Plan entwickelt, den er zu verfolgen beabsichtigt, familiäre Bindungen und Verpflichtungen wären da nur hinderlich. Am weitesten ist damit Mr. Baldwin gegangen, der sich ja schon zu Beginn seiner Familie entzogen hatte und es beim Auftauchen von Schwierigkeiten wieder und endgültiger tut. Aber auch die anderen sind von ihren Lebensentwürfen - oder deren Scheitern - soweit in Beschlag genommen, daß sie - brieflich - immer wieder aneinander vorbeireden. Raymond, hochintelligent, krank, gefährlich wie auch liebenswert, ist vor allem, aber nicht nur, Katalysator, der die Handlung und die Katastrophe ins Rollen bringt. Parks benennt die Ursache seiner Erkrankung nicht, aber die Geschichte legt nahe, daß das Familienleben eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielte (umso mehr als der Autor davon ausgeht, daß organische Befunde der Schizophrenie nur sehr bedingt zuzuordnen seien, wie er in einem Interview zu seinem Roman "Schicksal" erklärte, der ein ähnliches Thema behandelt. Tim Parks denunziert keine seiner Personen wirklich, denn im Grunde stehen familiäre Strukturen und Individualität auf dem Prüfstand. Die Personen bleiben nachvollziehbar, realistisch gezeichnet und können wenigsten teilweise auf das Verständnis des Lesers hoffen. Während der deutsche Titel "Alle lieben Raymond" bittere Ironie signalisiert, gibt der englische Titel "Family Planning" eher den eigentlichen Grundkonflikt des Romans und auch das moralische Problem wieder. Parks ist ein ebenso unterhaltsamer wie ernster Roman gelungen, der an keiner Stelle die Balance zwischen beiden Aspekten aufgibt, weder verflacht, noch in moralischer Tirade endet.
Dieser Roman, nur zu Teilen ein Briefroman, bewegt sich zwischen Komik und Entsetzen. Tim Parks wahrt zumeist eine ironische Distanz, die ab und an auch in pechschwarzem Humor ihren Höhepunkt findet, jedoch nie den Ernst der Situation aus den Augen verliert. Fast jede seiner Figuren hat für seine Person einen Plan entwickelt, den er zu verfolgen beabsichtigt, familiäre Bindungen und Verpflichtungen wären da nur hinderlich. Am weitesten ist damit Mr. Baldwin gegangen, der sich ja schon zu Beginn seiner Familie entzogen hatte und es beim Auftauchen von Schwierigkeiten wieder und endgültiger tut. Aber auch die anderen sind von ihren Lebensentwürfen - oder deren Scheitern - soweit in Beschlag genommen, daß sie - brieflich - immer wieder aneinander vorbeireden. Raymond, hochintelligent, krank, gefährlich wie auch liebenswert, ist vor allem, aber nicht nur, Katalysator, der die Handlung und die Katastrophe ins Rollen bringt. Parks benennt die Ursache seiner Erkrankung nicht, aber die Geschichte legt nahe, daß das Familienleben eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielte (umso mehr als der Autor davon ausgeht, daß organische Befunde der Schizophrenie nur sehr bedingt zuzuordnen seien, wie er in einem Interview zu seinem Roman "Schicksal" erklärte, der ein ähnliches Thema behandelt. Tim Parks denunziert keine seiner Personen wirklich, denn im Grunde stehen familiäre Strukturen und Individualität auf dem Prüfstand. Die Personen bleiben nachvollziehbar, realistisch gezeichnet und können wenigsten teilweise auf das Verständnis des Lesers hoffen. Während der deutsche Titel "Alle lieben Raymond" bittere Ironie signalisiert, gibt der englische Titel "Family Planning" eher den eigentlichen Grundkonflikt des Romans und auch das moralische Problem wieder. Parks ist ein ebenso unterhaltsamer wie ernster Roman gelungen, der an keiner Stelle die Balance zwischen beiden Aspekten aufgibt, weder verflacht, noch in moralischer Tirade endet.
tinius - 12. Aug, 23:25













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