Nicholson Baker : Eine Schachtel Streichhölzer

Emmett, 44, Lektor in einem Verlag für medizinische Fachbücher, lebt mit seiner Familie in einer Vorortsiedlung. Etwas mehr als einen Monat lang übt er das frühe Aufstehen, meist zwischen halb vier und halb sechs. An dreiunddreißig Tagen entzündet er allmorgendlich im Dunkeln den Kamin und kocht, ebenfalls noch im Dunkeln Kaffee. Dann beginnt er zu schreiben. In dreiunddreißig Kapiteln, die stets mit einem "Guten Morgen" und der genauen Uhrzeit beginnen und oft nur wenige Seiten umfassen, schildert der Familienvater, ausgehend von den sehr detaillierten und minutiösen Beschreibungen seiner fast rituellen morgendlichen Tätigkeiten, assoziativ und beinahe absichtslos Teile seines Lebens und seiner Gedanken. Im Mittelpunkt steht seine Familie : Claire, seine Ehefrau, der achtjährige Sohn Henry und die vierzehnjährige Tochter Phoebe. Und einen herausgehobenen Platz nimmt Greta ein, eine Ente, die die Kinder bei einer Verlosung gewonnen hatten. Der Kater und die - inzwischen verstorbene - Ameise Fides komplettieren das Idyll. Für Emmett ist das frühe Aufstehen, das Nachdenken im Dunkeln und das tägliche Schreiben eine Möglichkeit der Selbstvergewisserung. Denn natürlich ist auch Emmett nicht vor Krisen und Zweifeln gefeit. Einschlafprobleme löste er mithilfe von Selbstmordphantasien, bei denen allerdings die Faszination an der technischen Problemlösung oft größer war als der Drang, wirklich aus dem Leben zu scheiden. Technik beschreibt Baker, oder sein Alter - Ego Emmett, ebenfalls detailversessen, seien es die Kaffeemaschine oder oder das Geräusch, das entsteht, wenn er die Lade der Spülmaschine herauszieht. Und sicherlich ist die Argumentation für das Urinieren im Sitzen, vor allem, wenn man sich weigert, das Licht anzuschalten, einer der nicht unbeabsichtigt komischen Höhepunkte des Buches.

Ich war seit jeher fasziniert von Bakers Fähigkeit, aus einem exakt beobachteten und akkurat wiedergegebenen Mikrokosmos durch scheinbar freien Gedankenflug und naheliegende Assoziationen einen Makrokosmos, ein ganzes Menschenleben zu erschaffen. Auch in diesem Buch ist das dem Autor zweifellos perfekt gelungen. Seine Personen, allen voran der Erzähler Emmett, sind sympathisch und lebendig. Auch die Detailfülle ist in diesem Buch durch die Länge der Kapitel und des Gesamtwerkes nicht so erdrückend, daß der Leser Schwierigkeiten bekäme, das Gelesene einzuordnen. Es wird allerdings kolportiert, daß der Roman ursprünglich auf eine Länge von 400 Seiten angelegt gewesen sei, die Umsetzung dieser Planung jedoch durch den vehementen Widerspruch von Bakers Ehefrau verhindert wurde.
Inhaltlich ist dieses Buch nichts anderes als ein Idyll, ein Familienidyll, ein Vorstadtidyll, und es findet sich selbst in dessen Krisen nur selten etwas existenziell Bedrohliches. Wer wie ich vor nicht allzu langer Zeit Franzens "Anleitung zum Einsamsein" oder "Die Korrekturen" gelesen hat, wird die Gegensätzlichkeit in der Wahrnehmung und der Diagnose der amerikanischen Wirklichkeit fast zwangsläufig wahrnehmen müssen : Während Franzen die vollkommen zerrüttete amerikanische Familie, das nur nach außen mühsam aufrecht erhaltene Vorstadtidyll in den Mittelpunkt rückt, ist für Baker die Welt im Eigentlichen wirklich heil. So beginnt das 31. Kapitel nicht mit dem üblichen "Guten Morgen." sondern mit einem "Guten Morgen, liebe Jungen und Mädchen.", als wollte der Erzähler Kindern - und den Lesern vermitteln, daß die Welt, die USA, gar nicht so fürchterlich und kaputt seien. Meiner eigenen Weltsicht kommt dieses eher affirmative Schildern der Welt nicht sonderlich entgegen, denn ich neige dazu, die Welt mit einem skeptischeren Blick zu betrachten. Dies tut aber der schriftstellerischen Leistung und dem handwerklichen Können des Autors Nicholson Baker keinen großen Abbruch, denn ihm ist ein in sich stimmiges und mit Genuß zu lesendes Buch gelungen.

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