Robert Schneider : Kristus

Der Roman "Kristus" erzählt das Leben von Jan Beukels, auch Jan van Leyden oder Johann Bockel genannt, und die Entwicklung der Wiedertäufer zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Jan wird 1509 als Sohn eines Leydener Rechtsanwaltes und einer aus dem Niederdeutschen geflüchteten Magd geboren. Die Handlung beginnt mit seinem siebten Lebensjahr. Er hat eine innige Beziehung zu seiner Mutter, ist aber in der Schule eher ein Außenseiter. Als er bei einer Prozession auf den Mönch Gerrit stößt, der den auf einem Esel reitenden Jesus verkörpert, hat er sein Lebensziel gefunden : Er möchte Kristus werden. Fortan sucht er - zunächst erfolglos - den Kontakt zu Gerrit, kann aber dessen Widerstand überwinden und wird zu dessen Freund und Schüler. Ihre Gespräche verschaffen dem Jungen Wissen und religiöse Einsichten, sodaß er bald in der Schule von einem eher schlechten zu einem sehr guten Schüler wird. Dennoch will der Vater ihn nicht studieren lassen, sondern schickt ihn in eine Schneiderlehre, zu der er sich wenig eignet. Auch die Avancen der Tochter des Schneiders sind angesichts seiner religiösen Ideale erfolglos. Als er in einem Engländer einen Freund gefunden zu haben glaubt, bricht er die Lehre ab, fordert sein Erbteil und bricht mit ihm nach London auf. Der vermeintliche Freund jedoch gaunert ihm das Geld ab, sodaß er mittellos in der fremden Stadt umherirrt. Mit einer Tagelöhnerarbeit fristet er sein Leben, kommt ins Gefängnis und kehrt schließlich in die Niederlande zurück. Hier wird er von einer Gastwirtin gesundgepflegt, heiratet sie und wird von einem arabischstämmigen Portugiesen als Stoffverkäufer in Portugal angeworben. Doch auch diese Tätigkeit dauert nicht allzu lang. Zurück in Holland schließt er sich den "Wiedertäufern" an, einer reformatorischen Sekte, die in Bälde das Ende der Welt erwartet und in Münster ein neues Jerusalem errichten will, dessen Einwohner von der Strafe Gottes verschont bleiben würden. Der Prophet und Wanderprediger Mathys zieht ihn und viele andere in den Bann, und Jan verkündet auf Wanderschaft den neuen Glauben. In Münster haben sich inzwischen die "Wiedertäufer" gesammelt und geraten immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Alteingesessenen und der Obrigkeit. Schließlich eskaliert die Gewalt, die Kirchen werden gestürmt und die Einwohner anderen Glaubens vertrieben oder unterdrückt. Nun beginnt der Bischof Franz von Waldeck mit Unterstützung anderer Herrscher gegen Münster vorzugehen, allerdings bleiben seine Bemühungen recht erfolglos. Als der vorhergesagte Weltuntergang ausbleibt, unternimmt der Prediger Mathys einen Ausfall und kommt dabei ums Leben. Jans Rhetorik und Ausstrahlung gelingen es, die Auflösungstendenzen unter den "Wiedertäufern" zu beenden. Mehr und mehr wird er selbst zum Propheten und macht sich selbst zum König. Derweil belagern die Landsknechte des Bischofs und seiner Verbündeten die Stadt, sodaß die Nahrungsmittel immer knapper werden. Das Regime in Münster jedoch wird immer restriktiver und blutiger. Die Vielehe (für Männer) wird eingeführt, um die unzufriedenen Frauen im Griff zu behalten, das Eigentum und die Lebensmittel werden vergesellschaftet, auf Unmutsbezeigungen folgt nicht selten die Todesstrafe. Und Jan tötet auch selbst..... Wie die Utopie der "Wiedertäufer im Jahre 1535 endete, kann man den Geschichtsbüchern und diesem Roman entnehmen.

Das Buch läßt mich sehr zwiespältig zurück. Schneiders leicht historisierende Sprache, der erzählerische Rhythmus sind beeindruckend und ein wahrer Lesegenuß, den man am Ende des Romans nur ungern wieder aufgeben möchte. Allerdings bringen es die Sprachwahl und die geschichtliche Einbettung mit sich, daß man sich ein zumindest kleines Glossar wünscht, denn Begriffe wie "Letterer" oder "Schaube" sind in unserer Zeit wohl kaum noch geläufig und erklären sich im Buch entweder garnicht oder sehr viel später von selbst. Ein weiteres Plus dieses Romans, für das der Autor bestenfalls durch seine Auswahl des Themas verantwortlich ist, stellen die dichtgedrängten und zum Teil spannenenden historischen Abläufe dar, die zusammen über weite Strecken das Buch tragen und den Leser an der Lektüre halten. Und doch hat mich der Roman unbefriedigt zurückgelassen. In einem Vorspruch zu diesem Buch erklärt Schneider sein Unterfangen, das Scheitern durchaus idealistischer Ideologien und Utopien an der Wirklichkeit aufzeigen zu wollen. Und so entsteht der - meiner Meinung nach nicht unberechtigte - Eindruck, daß der Autor historische Ereignisse, deren zeitliche Kompression ein solches Vorgehen erst ermöglicht, als Folie und Beispiel für Ereignisse der jüngeren Vergangenheit hernimmt. Dies an sich wäre kein Problem - viele historische Romane funktionierem nach diesem immer etwas fragwürdigen Muster - würde er Biographie und die Beschreibung der Gedankengänge des Jan Beukels nicht spätestens dann aufgeben, wenn der Protagonist eine führende Rolle in Münster übernommen hat. Auch die Nebenfiguren wie Gerrit oder Jans stummer Bruder Johann bleiben zumeist recht blass. Gerrit, der den Freund auch nach Münster begleitete und bis zum Fall der Stadt bei Jan van Leyden geblieben ist, wird je nach Bedarf als moralischer Spiegel benutzt und verschwindet ansonsten in der Versenkung. Gelungen sind dagegen die Figuren des Bernt Knipperdolling, des geltungssüchtigen und immer grausamer werdenden Statthalters und Scharfrichters, und die des Gegners des Fürsten und Bischofs Franz von Waldeck, des eher glücklosen und zunächst desinteressierten Gegners der "Wiedertäufer". So prägen dann die Vorgänge in der Stadt und die Belagerungsmaßnahmen die zweite Hälfte des Romans. Dies ist immer noch leidlich spannend und interessant, doch bleibt bis zum Schluß im Dunkeln, weshalb sich Jan von einem Schneiderlehrling zu einem religösen Eiferer und darüber hinaus zu einem gewalttätigen Despoten hat entwickeln können, und mehr noch : weshalb ihm die Menschen zumeist willig folgten. Mit Sicherheit ist das Buch besser als einiges Andere, das sich im Genre des historischen Romans tummelt, und zum Schmökern recht gut geeignet, aber eine literarische Meisterleistung mitnichten.

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