François Weyergans : Der Boxer - Wahnsinn

Nach vielen Jahren ist es dem Filmproduzenten Melchior Marmont gelungen, das Haus zu erwerben, in dem er mit seinen Geschwistern und der Mutter regelmäßig die Sommer seiner Kindheit verbracht hatte. Seither hängt der inzwischen Zweiundachtzigjährige an diesem Haus, auch wenn die Kindheit alles andere als unbeschwert verlief. Denn er verabscheute den Liebhaber seiner Mutter und späteren Stiefvater, der hier ungefährdet mit der Mutter zusammenleben konnte, da der Vater im Heimatort als Forstarbeiter beschäftigt war. Der Tod des Vaters im ersten Weltkrieg verschärfte die Spannungen zwischen beiden. Als Melchior das Haus besichtigt, muß er feststellen, daß viele der Räume verändert wurden, um die Nutzung als Ferienheim zu ermöglichen. Sein Zimmer und das seines Bruders sind inzwischen zu Duschraum und Toilette umgebaut. Und so beginnt er, einerseits sein künftiges Vorgehen zu planen - er ist fest davon überzeugt, daß er hundert Jahre alt würde - und sich verschiedener Ereignisse der Vergangenheit zu erinnern : seiner Flucht nach Amerika, auf der er bei seiner ungarisch - stämmigen Großmutter Unterkunft und Hilfe findet, seiner ersten Kontakte zur Welt des Films als Kulissenarbeiter, Regieassistent, seiner wechselhaften Karriere als Filmproduzent, den nicht selten die Ausarbeitung einer Idee, eines Drehbuches genügte, ohne daß ihn die eigentliche Ausführung, die Dreharbeiten letztlich interessierten, und der deshalb so manches Projekt vor der Verwirklichung einfach fallen ließ, an seine letzte Frau, die bei einem Unfall ums Leben kam. Während er durch das neuerworbene Haus wandert, beginnt ein Schneesturm, den er - vollkommen absorbiert von seinen Gedanken - kaum wahrnimmt. Bald ist er eingeschneit, der Strom fällt aus, und er beginnt, unter der Kälte zu leiden. Aber er ist immer noch mehr mit seinen Erinnerungen und seinen Planungen beschäftigt : vor zwei Jahren hatte er seinen ersten eigenen Film gedreht, dessen Protagonist am "Boxer - Wahnsinn" litt, einer Form der Demenz, die - ausgelöst durch die Wirkung zu vieler Treffer gegen den Kopf - den Betroffenen nur noch vegetieren läßt. Nun steht die Nachbearbeitung des Filmes kurz vor dem Ende. Gleichzeitig wird Melchior klar, daß er kaum mehr als eine lebende Legende seines Metiers ist, daß er in der durch das Fernsehen gefährdeten Filmkunst nicht mehr zu den Akteuren zählt. Und er muß erkennen, daß die Situation im Haus, nachdem er gestürzt ist und der Schneesturm die geplante Abholung durch seinen Sohn verzögert, langsam gefährlich wird....

Der Autor schildert in diesem recht kurzen Roman sechs Stunden im Leben des Filmproduzenten Melchior Marmont. In diesen Stunden streift er durch die Räume, schmiedet Pläne und erinnert sich. Während in der äußeren Handlung die Chronologie der Abläufe gewahrt bleibt, folgen die Erinnerungen und Überlegungen kaum einem Zeitrahmen, sondern scheinen willkürlich und assoziativ ein Eigenleben zu entwickeln, ohne daß jedoch der Zusammenhang wirklich verloren geht. Dies ist ein unbequemes, ungewohntes Lesen, das aber - so man sich darauf einläßt - die Erzählweise umso intensiver macht. So bietet der Roman nicht nur die Geschichte des Protagonisten von der Kindheit bis ins hohe Alter, sondern auch die Erlebnisse der aus Ungarn stammenden Großeltern, deren Lebensziel es ist, nach Amerika auszuwandern, die aber, bedingt durch den Tod des ersten Kindes und durch die kaum vorhandenen finanziellen Möglichkeiten, in Marseille stranden. Erst nach dem Tod des Großvaters, Jahrzehnte nach der Abreise aus Ungarn, kann die Großmutter ihren Plan verwirklichen. Entstanden ist so ein beeindruckendes Portrait eines widersprüchlichen Mannes und ein Abriß nicht nur der Filmgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Daß ich allerdings - zumindest untergründig - das Gefühl habe, das Buch nicht vollkommen verstanden zu haben, will ich aber an dieser Stelle nicht verschweigen. Und doch war es eine fesselnde, bisweilen beklemmende, manchmal auch erheiternde Lektüre, die auf jeden Fall einen Versuch wert ist.

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