Zhang Jie : Abschied von der Mutter

In diesem autobiographischen und auf Tatsachen beruhenden Roman beschreibt Zhang Jie die letzten Monate im Zusammenleben mit ihrer Mutter, die an den Folgen einer Tumoroperation stirbt. Als alleinerziehende Mutter hatte sie die Tochter unter Mühen und finanziellen Entbehrungen während des Krieges und der Revolution großgezogen. Umso enger ist das gegenseitige Verhältnis, enger noch als das Zhang Jies zu ihrem Ehemann. 1991 wird bei der Mutter ein Tumor an der Hirnanhangdrüse diagnostiziert, der eine schnelle Erblindung und schließlich den Tod zur Folge haben könnte. Weitere Untersuchungen ergeben zusätzlich eine fortschreitende Degeneration des Gehirns, die eine massive Einschränkung aller Funktionen befürchten lassen. Um ihre Mutter behandeln zu lassen, nutzt Zhang Jie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel und Beziehungen, sodaß sie schließlich Operation und Krankenhausaufenthalt durchsetzen kann. Allerdings ist sie stark im Zweifel, ob diese Operation angeraten sei. Von den Ärzten überzeugt, willigt sie schließlich ein, und die Entffernung des Tumors gelingt. Nachsorge und Pflege sind im Krankenhaus nur mit Mühe und hohem privaten Aufwand zu gewährleisten, und besorgniserregende Symptome werden entweder mißachtet oder gänzlich übersehen. Zhang Jie ist bestrebt - angesichts der bedrohlichen Gehirndegeneration - die Mutter zu schneller Selbständigkeit und Mobilität zu nötigen, und dies mit Ungeduld und Druck. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kommen beide in der Wohnung von Zhang Jies Ehemann unter. Immer härter und ungeduldiger drängt sie die Mutter, die normalen Abläufe wieder aufzunehmen, unbeachtet, wie es der Mutter geht oder, was sie wünscht. Die Mutter steckt immer wieder zurück und fügt sich der Tochter. Beschwerden richtet sie höchstens, und dann nur sehr zaghaft, an Außenstehende. Doch letztlich ist ihre Gesundheit so zerrüttet, daß sie einen tödlichen Herzinfarkt erleidet.

Auch wenn die Autorin das Buch eine Liebesgeschichte zwischen Mutter und Tochter nennt, kann das der (westliche) Leser nur sehr bedingt nachvollziehen. Von der Seite der Tochter scheinen eher Lieblosigkeit, Überforderung und Ungeduld vorzuherrschen. Der Druck auf die Mutter, ihre Bewegungsübungen zu machen oder sich selbständig zu bewegen, das Wechselspiel aus Drohungen, kleinen Erpressungen und Versprechungen auf der einen Seite, das beinahe vollständige Ignorieren der Befindlichkeit der Mutter auf der anderen machen das Buch zu einer zwar ehrlichen, aber beinahe unerträglichen Lektüre. Ist einiges auch der chinesischen Mentalität zuzurechnen, etwa Außenstehende - und dazu zählt auch der Ehemann - niemals unter den Auswirkungen familiärer Probleme leiden zu lassen, so bleibt mir der Mensch Zhang Jie zumindest nach diesem Roman zutiefst unsympathisch, auch wenn sie in diesem Roman ihre Zweifel an ihrem Verhalten unentwegt formuliert. Daß sie andererseits ungehemmt alle Möglichkeiten und Beziehungen ihrer doch privilegierten Stellung nutzt, um die medizinische Versorgung der Mutter zu ermöglichen, könnte die Wahrnehmung der Autorin in ihrer Heimat beeinflussen. Die Datierung einiger Fotos auf den letzten Seiten des Bandes ist fehlerhaft.

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