Nagib Machfus : Anfang und Ende

Von 1934 bis etwa zum Ende der dreißiger Jahre schildert der 1949 zuerst erschienene Roman das Leben und den Zerfall einer Familie. Als der Vater, das Oberhaupt der Familie Kamil, stirbt, droht der Mutter und ihren vier Kindern die Armut. Schon das Gehalt des kleinen Beamten war karg bemessen, die nun sehr zögerlich ausgezahlte Pension läßt ihnen gerade einmal ein gutes Drittel der bisherigen Einkünfte. Während die Mutter das Überleben und das Leben unter den neuen, verschärften Bedingungen zu organisieren versucht, stehen vor allem die vier Kinder im Mittelpunkt des Geschehens. Der älteste Sohn Hassan, der schon zu Lebzeiten des Vaters eher seine eigenen, leicht anrüchigen Wege ging, entfremdet sich nun vollends seiner Familie und sucht seinen Weg als Krimineller, als Schläger und Rauschgiftkonsument, und dies obwohl er derjenige wäre, der durch Arbeit am ehesten die Familie unterstützen könnte. Und so ist es nun die Tochter Nafisa, die mit ihrer Schneiderkunst ein Zubrot schaffen muß. Ihr nicht besonders gutes Aussehen und die Armut verwehren ihr eine Heirat. Die häufigen Gänge in die Stadt verleiten sie, eine Liebesbeziehung zu dem Sohn eines benachbarten Gemüsehändlers aufzubauen, doch auf eine Ehe hofft sie vergeblich, denn der junge Mann soll jemand anderen heiraten und bringt nicht genug Willenstärke (oder Willen) auf, sich seinem Vater zu widersetzen. Entehrt und immer auf der Suche nach Liebe und Sexualität gleitet Nafisa in die Gelegenheitsprostitution ab, ohne daß ihre Famile es merkt. Und wegen des von ihr gebrachten Geldes forscht auch niemand wirklich nach. Hilfe bekommt die Familie nur gelegentlich; eher widerwillig von einem Freund ihres Vaters, der ab und an seine Beziehungen spielen läßt, und sehr bereitwillig von einer Nachbarfamilie. Sie engagiert auch die beiden jüngsten Söhne, Hussain und Hassanein - beide noch Schüler - als Nachhilfelehrer für ihren Sohn. Hussain ist ruhig, überlegt und gottvertrauend, sein jüngerer Bruder ein egoistischer, pubertierender Heißsporn. Er verliebt sich heftig in die Tochter der Nachbarn und schafft es schließlich, eine Heiratsvereinbarung zu treffen, die ihm die Ehe ermöglichen soll, sobald sich die finanziellen Verhältnisse seiner Familie gebessert hätten. Allerdings bedrängt er das Mädchen immer wieder und teilweise recht rabiat, kann jedoch ihr sittsames Verhalten nicht beeinflussen. Als Hussain die Schule beendet, sucht er erfolgreich eine Anstellung als Sekretär einer Schule. Auf eine Universitätsausbildung (und auf eigene Heiratspläne) verzichtet er zugunsten seines jüngsten Bruders und um die finanziellen Verhältnisse der Familie zu verbessern. Da er jedoch weit von zuhause arbeiten muß, fällt die Unterstützung nur gering aus. Alle konzentrieren ihre Bemühungen auf Hassanein, der nun mittels Studium und Karriere die Familie retten soll. Er ist es auch, der mit der Armut der Familie am wenigsten zurecht kam, der sein Ansehen, seinen sozialen Status am meisten gefährdet sieht. Als Hassanein erfolgreich zum Offizier ausgebildet ist, wird sein Dünkel immer größer : nicht nur will er die alte Nachbarschaft hinter sich lassen, sondern er setzt alles daran, auch die Gefahr einer Rufschädigung durch das kriminelle Leben des ältesten Bruders Hassan auszumerzen. Doch dann erfährt er von Nafisas Eskapaden, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf... .

Zeitlich genau in der Mitte bis Ende der dreißiger Jahre verortet, bildet das ägyptische Zeitgeschehen doch nur den Hintergrund des Romans, der vor allem die Menschen, ihre Armut und ihre daraus resultierenden Entwicklungen betrachtet. Der Einfluß der Briten als Kolonialmacht schwindet, doch die ägyptischen nationalistischen Kräfte sind längst nicht stark genug, eine eigene und vollkommen unabhängige Regierung zu stellen. Mit dem Zweiten Weltkrieg verstärkt sich die Abhängigkeit zu den Engländern zudem. Der eigentliche Protagonist, von Anfang an unsympathisch, aber zunächst durch ihm zugebilligte pubertäre Probleme eher nachsichtig auch vom Leser gesehen, entwickelt sich nach und nach zu einem Ekelpaket. Sein Standesdünkel hindert ihn nicht, Hilfe selbst von seinem kriminellen Bruder anzunehmen, tapfer verdrängend, aus welchen Geschäften das erhaltene Geld wohl kommen mag. Und doch ist er es, als sich das Blatt scheinbar gewendet hat, der alles tun würde, den Bruder aus dem Dunstkreis der Familie, am besten aus Ägypten zu vertreiben. Und doch beläßt Machfus seinem Antihelden am Ende des Romans eine gewisse Tragik, gewährt allerdings durch eine Art poetischer Gerechtigkeit. Sein positives Gegenbild ist Hussain. Er ist immer wieder zum eigenen Verzicht bereit, vertraut auf Gott und die Schicksalsläufe, zeigt sich besonnen, mitfühlend und rational gesteuert. Sofern er denn die Geschehnisse am Ende des Romans verkraftet, wird ihm ein bescheidenes Glück vergönnt. Machfus bewegt sich in den Konventionen des europäischen Romans, fernab jeder orientalischer Arabesken, und hat in diesem frühen Roman ein realistisches Familien - und Gesellschaftsportrait geschaffen. Ein wenig muß man hineinlesen, bevor das Buch zu fesseln beginnt, doch unmerklich wird der Leser hineingezogen in das Familienleben der Kamils, in die Verirrungen, Abwege und Abgründe. Die Sprache ist klar und wenig verblümt. Es ist mit Sicherheit nicht sein bester Roman - da böte sich wohl die "Kairo - Trilogie" an - aber er besitzt dennoch die Qualitäten, die ein überragender Schriftsteller seinen Werken zu verleien vermag : flüssiges, spannendes Erzählen, intensive Milieu - und Charakterstudien, eine gut durchdachte Dramaturgie und lebendige Figuren, die den Leser kaum unberührt lassen werden.

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