Hans Pleschinski : Ostsucht

In seinem autobiographischen Text schildert Pleschinski sein ganz persönliches Verhältnis zur DDR und das Nebeneinander der zwei deutschen Staaten. Der Autor verbringt seine Kindheit und Jugend in Wittingen, einer Stadt mit 5000 Einwohnern in Niedersachsen. Nur 3 Kilometer entfernt befindet sich die Grenze, zunächst als grüne Grenze, später - nach dem Mauerbau im August 1961 - als befestigte, mit Minengürtel, Selbstschußanlagen, Zaun und Wachtürmen versehene Anlage, über die man mittels einer Aussichtsplattform auf ein kleines Dorf im heutigen Sachsen - Anhalt schauen konnte. Die fünf Geschwister des Vaters sind allesamt in den Nachkriegswirren in den östlichen Bezirken Berlins sesshaft geworden, nur den Vater hat es in die niedersächsische Provinz verschlagen, wo er als Schmied arbeitet. Zunächst sind noch gegenseitige Besuche möglich, und die Unterschiede zwischen Ost und West scheinen gering, doch nach dem Mauerbau können nur noch Vater und Kinder - die Mutter ist wegen einer schweren Rheumaerkrankung nicht reisefähig - ihre Verwandten besuchen. Der Grenzübertritt erscheint jedesmal als bedrohlich, kleine Unbedachtheiten führen bei ihren Verwandten zu panischen Reaktionen, etwa als Hans seine Schwester in die Wohnung der Tante ruft, weil die Tante noch vor der "Tagesschau" zu Abend essen wolle. Etliche Verwandte ziehen sich zurück, da sie als Mitglieder der SED keine Westkontakte haben dürfen; bestenfalls gibt es fast konspirative Treffen. Das Kind Hans ist geprägt von den Kindersendungen des DDR - Fernsehens, Professor Flimmrich, Meister Nadelöhr erweitern den Horizont des in der bürgerlich - statischen Provinz lebenden Jungen. Denn Ähnliches hat die ARD nicht zu bieten. Pleschinskis eigentliche Faszination erwacht allerdings erst, als er mit einer Freundin seiner Mutter in den Ferien zu deren Schwester reist. Hier trifft er auf die immer noch glanzvollen Bauwerke Dresdens und der Umgebung, stößt auf die Geschichte der Gräfin von Cosel, die nach der Trennung von ihrem Geliebten, dem Kurfürsten August der Starke, in einer Burg für lange Jahre gefangen gehalten worden war, auf den Minister Brühl, der Geschicke Sachsens lange Jahre im Namen August des Dritten geleitet hat, der die politische und militärische Niederlage gegen Preußen aber nicht hatte abwenden können. Hier entwickelt Pleschinski die Utopie eines Sieges der lebensfrohen und dem Ästhetischen und dem Luxus nicht abgewandten Sachsen über die disziplinierten, militärisch und rational denkenden Preußen....

Dieser mit 141 Seiten recht kurze Text ist eine unterhaltsame und sehr informative Lektüre. Etwa 4 Jahre jünger als der Autor, ebenfalls in unmittelbarer Nähe zur Mauer und der DDR lebend, habe ich einiges an gemeinsamen Erinnerungen gefunden, auch wenn Pleschinski an einer Stelle - unberechtigt - die Einzigartigkeit seiner Erfahrungen reklamiert. So mag es zwar sein, daß er im niedersächsischen Zonenrandgebiet der einzige gewesen ist, der derart mit den Medien des Nachbarstaates und den Grenzanlagen konfrontiert war, aber als (West) - Berliner empfand ich das eher als Allgemeinerfahrung. Das Buch ist vielerlei, zum einen ein autobiographischer Bericht, zum anderen auch der Versuch, das deutsch - deutsche Neben - und Miteinander zu analysieren, gegenseitige Wechselwirkungen aufzuzeigen und nicht zuletzt genausogut ein Stück bundesdeutscher Zeitgeschichte vom Beginn des Wirtschaftswunders bis zum Mauerfall 1989. Beinahe rührend schildert er etwa die bescheidenen, aber doch vorhandenen Auswirkungen der 68iger Proteste auf die niedersächsische Kleinstadtjugend. Auch der Ausflug in die sächsische Geschichte des 18. Jahrhunderts ist fest und nicht unbegründet in den Gesamttext eingefügt, sodaß das Buch ein vielschichtiges, buntschillerndes Panorama bildet, das uns der Autor aus der Perspektive Anfang der Neunziger, der Entstehungs - und Veröffentlichungszeit des Bandes, bietet.

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