Gao Xingjian : Auf dem Meer
Der mit 95 Seiten recht schmale Band enthält vier Erzählungen des Autors aus den Jahren 1982 bis 1984, also einer recht frühen Zeit des Schaffens Gao Xingjians. "Fünfundzwanzig Jahre", die erste Geschichte des Buches, schildert die Begegnung eines zur Umerziehung auf das Land verbannten Lehrers mit einer ehemaligen Kommilitonin, die sich einst in der Parteiversammlung für ihn eingesetzt hatte. Eine Dienstreise nutzt der nun wenigstens teilweise Rehabilitierte, um diese einst von ihm auch begehrte Frau nach fünfundzwanzig Jahren an ihrer Arbeitsstelle zu besuchen. Er nutzt eine Pause, in der die meisten anderen Mitarbeiter Gymnastikübungen absolvieren zu einem kurzen, gerade 10 Minuten währenden Gespräch, und beide bemühen sich, gemeinsame Erinnerungen wachzurufen und sich über die aktuellen Entwicklungen zu informieren... "Auf dem Meer" ist eine von zwei Erzählungen, deren Handlungsort vor allem das Meer ist. Als ein Betrieb älteren Mitarbeitern einen Ferienaufenthalt an der Küste ermöglicht, werden zwei jüngere Kollegen abgeordnet, sich um das Wohl der Gruppe zu kümmern. Wang Shaoping, der sich schon am Arbeitsplatz abgesondert hatte, seinen Schreibtisch von anderen abrückte und selten seine Kollegen grüßte, bleibt auch während dieser Reise weitgehend für sich und taucht nur zu den gemeinsamen Mahlzeiten auf, während Li sich fast ununterbrochen um die Bedürfnisse der ihm Anvertrauten kümmert. Erst zum Schluß des Aufenthalts nimmt Li sich die Freiheit, auf das Meer hinauszuschwimmen. Als er, recht weit vom Strand entfernt, auf ein altes Boot trifft und sich für eine Pause hinaufzieht, trifft er auf Wang Shaoping, der allerdings kaum auf ihn reagiert, sondern immer wieder unhörbar für andere in die lauten Wellenbewegungen schreit... Die zweite mit dem Meer verbundene Erzählung ist "Der Krampf": ein namenlos bleibender Schwimmer erleidet weitab von der Küste einen Krampf der Bauchmuskulatur. Nur, wenn er auf Schwimmbewegungen verzichtet und treibend die betroffene Stelle massiert, bleibt er vom Schmerz verschont. Als er aber in eine kalte Strömung gerät, deren Richtung er kaum abschätzen kann, nimmt er alle Kraft zusammen und gelangt schließlich - nicht ohne starke Unterstützung der einlaufenden Flut ans rettende Ufer. Am Abend geht er noch einmal an den Strand und beobachtet eine Gruppe junger Leute. Die beiden Männer der Gruppe stürzen sich in das Meer, während das Mädchen zurückbleibt. Ihre Rufe, ihre Begleiter mögen schnell zurückkommen bleiben unbeantwortet.... Die letzte und längste Erzählung des Bandes ist "Mutter". Hier versucht sich ein junger Mann in einem Selbstgespräch seiner Mutter gegenüber zu rechtfertigen, weshalb er den Kontakt zu ihr und der Familie hat schleifen lassen, obwohl ihm durchaus bewußt war, daß seine Mutter sich immer für das Wohl der Familie und des Sohnes eingesetzt hat. Selbst zur Beerdigung der Mutter war er zu spät gekommen, so daß er nur noch das zugeschaufelte Grab zu sehen bekam. Denn obwohl ihm die Mutter genug Geld für eine schnelle Heimfahrt hatte zukommen lassen, nahm er trotz der dringenden Aufforderung seiner Familie den üblichen Bummelzug, der die Studenten zum Semesterende aus der Hauptstadt in die Provinz beförderte. Und einige Jahre nach ihrem Tod verbrannte er ihr Foto, beinahe gedankenlos, als er dabei war, alle seine Manuskripte zu vernichten, damit sie ihn nicht belasten könnten....
Der Verlag preist - zu Unrecht - diese Erzählungen als Wegmarken der chinesischen Literatur. In China wurde das erzählerische Frühwerk, zum Teil nur in Taiwan veröffentlicht, kaum wahrgenommen. (Quelle: Berliner Zeitung,17.03.2001) Dennoch sind die Geschichten nicht uninteressant. Zum einen spürt man in fast allen dieser Erzählungen die untergründige Anwesenheit der Politik und ihrer Bedrohung, zum anderen sind Inhalt und Gestaltung soweit tragend, daß man gerne weiterliest. Aber dem Leser bleibt genauso stets bewußt, daß es sich um frühe Proben des literarischen Schaffens des Autors handelt, die die Vergabe des Nobelpreises nicht unbedingt rechtfertigen würden. Wie bei Zhang Yie fand ich die Erzählung "Mutter", die posthume Selbstkritik des zu Lebzeiten eher lieblosen Verhaltens gegenüber der Mutter und der Familie am störendsten, auch wenn hier die Gefährdung eines jungen Autoren durch die Definitionshoheit und die Verfolgung der chinesischen Führung recht deutlich wird. Dagegen scheint mir zum Beispiel die fast unverhohlene Sympathie für den sich absondernden Wang Shaoping erklärlich und auch vom Gefühl her nachvollziehbar. Uneingeschränkt gelungen, und da mag es vielen so gehen, fand ich indes nur "Fünfundzwanzig Jahre" und "Der Krampf".
Der Verlag preist - zu Unrecht - diese Erzählungen als Wegmarken der chinesischen Literatur. In China wurde das erzählerische Frühwerk, zum Teil nur in Taiwan veröffentlicht, kaum wahrgenommen. (Quelle: Berliner Zeitung,17.03.2001) Dennoch sind die Geschichten nicht uninteressant. Zum einen spürt man in fast allen dieser Erzählungen die untergründige Anwesenheit der Politik und ihrer Bedrohung, zum anderen sind Inhalt und Gestaltung soweit tragend, daß man gerne weiterliest. Aber dem Leser bleibt genauso stets bewußt, daß es sich um frühe Proben des literarischen Schaffens des Autors handelt, die die Vergabe des Nobelpreises nicht unbedingt rechtfertigen würden. Wie bei Zhang Yie fand ich die Erzählung "Mutter", die posthume Selbstkritik des zu Lebzeiten eher lieblosen Verhaltens gegenüber der Mutter und der Familie am störendsten, auch wenn hier die Gefährdung eines jungen Autoren durch die Definitionshoheit und die Verfolgung der chinesischen Führung recht deutlich wird. Dagegen scheint mir zum Beispiel die fast unverhohlene Sympathie für den sich absondernden Wang Shaoping erklärlich und auch vom Gefühl her nachvollziehbar. Uneingeschränkt gelungen, und da mag es vielen so gehen, fand ich indes nur "Fünfundzwanzig Jahre" und "Der Krampf".
tinius - 11. Aug, 03:07







