John Griesemer : Rausch
Im Jahre 1857 sollen zwei ehrgeizige technische Vorhaben vollendet werden : Mit der "Great Eastern" soll das weltgrößte Passagierschiff vom Stapel laufen und den Reedern auf einer Transatlantikroute saftige Gewinne einfahren und gleichzeitig wird unter der Leitung des jungen und ehrgeizigen Ingenieurs Chester Ludlow ein zweiter Anlauf genommen, ein Telegraphenkabel zwischen Großbritannien und den USA zu verlegen. Ein erster Versuch war gescheitert, doch die nun durch den jungen Techniker vorgenommenen Verbesserungen versprechen mehr Erfolg. Während der Stapellauf zunächst kläglich scheitert und sogar ein Menschenleben kostet, kämpft das Kabelprojekt um die notwendige Finanzierung. Mittels einer Mischung aus Panoramabild, Theateraufführung und Vortrag sollen in London Spender und Investoren gewonnen werden. Chester Ludlow willigt nur widerstrebend ein, diese Vorträge zu halten, jedoch ist ihm das Projekt so wichtig, daß er letztlich die monatelange Trennung von seiner Frau in Kauf nimmt. Umso mehr, als er sich in Katerina Lindt, die Frau des Erfinders des sogenannten "Phantasmagoriums" verliebt. Als die Expedition dann schließlich aufbricht, hat sich Katerina als blinder Passagier an Bord geschmuggelt, muß aber ebenso wie der Pressezeichner Jack Trace das erneute Scheitern des Vorhabens mitansehen. Und auch die mittlerweile in der Themse verankerte "Great Eastern" erfüllt nicht die Erwartungen. Nach der verheerenden Explosion eines Kessels wird sie zwar repariert, aber mangelndes Interesse an der Buchung verhindern den erhofften wirtschaftlichen Erfolg. Frances Ludlow, die mehr oder weniger verlassene Ehefrau des Ingenieurs leidet derweil immer noch am Verlust ihrer Tochter, die durch einen epileptischen Anfall auf einer Klippe verunglückt war. Mithilfe ihres Schwagers Otis, der ebenfalls an Krampfanfällen leidet und über die Fähigkeit des "transätherischen Reisens" zu verfügen meint, versucht sie, Kontakt zu ihrem verstorbenen Kind aufzunehmen. Und für einen kurzen Augenblick scheint der Versuch erfolgreich. Frances beschließt, ihre medialen Fähigkeiten zu nutzen und zieht alsbald durch das gesamte Land und veranstaltet Seancen. Sogar im Haus Präsident Lincolns wird sie empfangen. Als sie weiter durch Amerika reist, bricht der Amerikanische Bürgerkrieg aus. Jack Trace, der Chronist der Kabelexpedition, ist inzwischen Kriegsberichterstatter geworden, Chester Ludlow hat die größte Kanone der Welt konstruiert, die den Streitkräften der Union den Sieg ermöglichen soll. Nach dem Ende des Krieges dauert es nicht allzu lange, bis die Idee reift, einen neuen Versuch zur Verlegung des transatlantischen Telegraphenkabels zu wagen. Und diesmal soll die "Great Eastern" das Kabel transportieren und auf den Meeresgrund herablassen....
John Griesemer hat einen beachtlichen historischen Roman mit großem Unterhaltungswert geschaffen. Historische Fakten wurden mit fiktiven Ausgestaltungen beinahe nahtlos und glaubwürdig verbunden. Da mehrere Personen, teils auf verschiedenen Kontinenten im Mittelpunkt des Buches stehen, ist eine leichte Distanz zum erzählten Stoff erkennbar, verstärkt manchmal noch durch ironisches Augenzwinkern, wenn etwa Joachim Lindt sein Laufpensum durch London absolviert und damit zur stadtweiten Witzfigur wird. Der Verlag hat unnötigerweise einen neuen, dem Original wenig entsprechenden Titel gewählt, denn der sehr viel differenzierter und nüchterner wirkende Originaltitel "Signal and Noise" (Signal und Rauschen - letzteres entsteht bei gebrochenen Kabeln durch den Erdmagnetismus) ist etwas weniger programmatisch und trifft die Entwicklungen des Romans sehr viel präziser, denn immer wieder sind die Personen mit heftigen Rückschlägen konfrontiert. der eigentliche Rausch wird erst nach dieser Zeit einsetzen, und dem Chronisten Jack Trace ist es vorbehalten, die anbrechende Zukunft in einem monumentalen Gemälde visionär zu gestalten. Wiewohl eine (wichtige) Nebenfigur, ist Jack Trace für mich einer der Hauptsympathieträger, der allerdings meist in der Rolle des Beobachters verbleibt. Entstanden ist ein umfassendes Zeitgemälde einer Epoche des Aufbruchs, aber auch der Wirrungen. Technischer Fortschritt und Spiritismus, Völkerverständigung und Bürgerkrieg existieren in einem Zusammenhang aus Bewegung und Gegenbewegung, ohne daß der amerikanische Topos der "New Frontier" gänzlich geleugnet oder scharf kritisiert würde. Dieser uramerikanische Mythos bleibt in Kraft, nur zeigt der Autor, daß er Teil einer sehr viel komplexeren Welt ist. Gleich zu Beginn begegnet einem Karl Marx, der beinahe Opfer des mißglückten Stapellaufs wird, und wenn am Ende die Kabelexpedition durch eine verschachtelte Unternehmenskonstruktion von Investoren und Ausführenden auf den Weg geschickt wird, hat sich auch hier ein Kreis geschlossen.
John Griesemer hat einen beachtlichen historischen Roman mit großem Unterhaltungswert geschaffen. Historische Fakten wurden mit fiktiven Ausgestaltungen beinahe nahtlos und glaubwürdig verbunden. Da mehrere Personen, teils auf verschiedenen Kontinenten im Mittelpunkt des Buches stehen, ist eine leichte Distanz zum erzählten Stoff erkennbar, verstärkt manchmal noch durch ironisches Augenzwinkern, wenn etwa Joachim Lindt sein Laufpensum durch London absolviert und damit zur stadtweiten Witzfigur wird. Der Verlag hat unnötigerweise einen neuen, dem Original wenig entsprechenden Titel gewählt, denn der sehr viel differenzierter und nüchterner wirkende Originaltitel "Signal and Noise" (Signal und Rauschen - letzteres entsteht bei gebrochenen Kabeln durch den Erdmagnetismus) ist etwas weniger programmatisch und trifft die Entwicklungen des Romans sehr viel präziser, denn immer wieder sind die Personen mit heftigen Rückschlägen konfrontiert. der eigentliche Rausch wird erst nach dieser Zeit einsetzen, und dem Chronisten Jack Trace ist es vorbehalten, die anbrechende Zukunft in einem monumentalen Gemälde visionär zu gestalten. Wiewohl eine (wichtige) Nebenfigur, ist Jack Trace für mich einer der Hauptsympathieträger, der allerdings meist in der Rolle des Beobachters verbleibt. Entstanden ist ein umfassendes Zeitgemälde einer Epoche des Aufbruchs, aber auch der Wirrungen. Technischer Fortschritt und Spiritismus, Völkerverständigung und Bürgerkrieg existieren in einem Zusammenhang aus Bewegung und Gegenbewegung, ohne daß der amerikanische Topos der "New Frontier" gänzlich geleugnet oder scharf kritisiert würde. Dieser uramerikanische Mythos bleibt in Kraft, nur zeigt der Autor, daß er Teil einer sehr viel komplexeren Welt ist. Gleich zu Beginn begegnet einem Karl Marx, der beinahe Opfer des mißglückten Stapellaufs wird, und wenn am Ende die Kabelexpedition durch eine verschachtelte Unternehmenskonstruktion von Investoren und Ausführenden auf den Weg geschickt wird, hat sich auch hier ein Kreis geschlossen.
tinius - 11. Aug, 03:04








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