Kathrin Röggla : Wir schlafen nicht

Grundlage für diesen Roman, der die Stimmen und Ansichten von sechs Angestellten einer Unternehmungsberatung zusammenführt, waren um die 30 Interviews und Gespräche. Auf einer Messe führt die - nahezu - unsichtbar bleibende Autorin Gespräche mit einer Online - Redakteurin, die sich den Anforderungen der Arbeit, dem Termindruck und der Überwachung durch Vorgesetzte und Kollegen nur mithilfe von Tabletten gewachsen zeigt, mit einer Praktikantin, die im ewigen Praktikumskreislauf gefangen scheint und vergeblich auf eine richtige und (gut) bezahlte Arbeitsstelle wartet. Zu Wort kommen eine Key - Account - Managerin, die sich Gedanken über ihr nicht mehr vorhandenes Privatleben zu machen beginnt und Sozialkontakte ausschließlich im beruflichen Zusammenhang, oft kombiniert mit einigen Gläsern Sekt, wahrnehmen kann, ein Senior Associate, der das letzte von sich und anderen abfordert und sich über - vermeintlich - Schwächere ausläßt. Die Gespräche werden auseinandergerissen, in kurzen Abfolgen neu kombiniert, gegenübergestellt und zu thematisch gefassten Kapiteln zusammengesetzt. Es entsteht eine Mischung aus fiktiven und journalistischen Elementen, die sowohl ein Bild der New - Economy - Arbeitswelt entwerfen als auch eine manchmal schonungslose Selbstanalyse aufscheinen lassen. Aus den rhapsodischen, mit Branchenjargon versetzten Elementen zeigen sich deutlich Hektik, Druck und Schlaflosikkeit in dieser modernen Wirtschaftswelt, aber auch die mehr oder minder freiwillige Unterwerfung der dort arbeitenden Personen, ihr allmähliches Zerbrechen.
Die Autorin verwendet die radikale Kleinschreibung, behält aber ansonsten die alten Rechtschreibregeln vor der Reform bei.

Das Buch hat mich restlos begeistert. Die Autorin beobachtet genau, sezierend, und ist gleichzeitig fähig, mithilfe der Sprache und der Komposition ein lebendiges Bild der New Economy erstehen zu lassen. An keiner Stelle geraten die Personen leblos oder werden denunziert. Wenn, tun das die Protagonisten selbst, denn, auch wenn sie Kollegen derselben Firma sind, beobachten sie sich argwöhnisch und überhaupt nicht wohlwollend. Alle sind Täter und Opfer zur gleichen Zeit. Sartres Ausspruch : "Die Hölle, das sind die anderen." scheint hier Wirklichkeit geworden, und vielleicht nicht nur im übertragenen Sinne. Kathrin Röggla hat eine beängstigende und doch fesselnde Einheit aus Fiktion und Realität geschaffen, deren nicht geringstes Verdienst die sprachliche Umsetzung zu einem literarischen Kunstwerk sein mag.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Aug, 15:40

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