Ugo Riccarelli : Ein Mann, der vielleicht Schulz hieß

Der - nicht allzu fiktive - Ich - Erzähler schildert in diesem Roman sein Leben von der Geburt bishin zu seiner Erschießung durch einen SS - Offizier. Bruno ist das dritte Kind eines angesehenen Tuchhändlers in einer kleinen galizischen Stadt, die zum Zeitpunkt seiner Geburt noch zur k.u.k. - Monarchie gehört. Im Krabbelalter erobert er die begrenzte Welt seines Elternhauses, in dem er Linien und Spuren auf den Fußböden betrachtet und fasziniert verfolgt, die Familienmitglieder und Besucher anhand von Schuhen und Beinen wahrnimmt. Ausflüge in den Stoffladen des Vaters und in die Synagoge erweitern bald seine kleine Welt. Hier stößt er auch auf Bücher, das Hauptbuch des Geschäfts, die Tora in der Synagoge, die ihn in ihren Bann ziehen. Doch bald überwiegt sein Drang zu zeichnen, die Linien der Fußböden nachzumalen, die Welt mittels Bildern festzuhalten. Währenddessen zieht die moderne Zeit in das verschlafene Städtchen ein, als am Stadtrand Öl gefunden und dann gefördert wird. Doch mit der Jahrhundertwende endet der Traum vom Wohlstand und der Industriegesellschaft in einer verheerenden Explosion. Bruno studiert an der Technischen Hochschule in Lemberg, findet wenig Anerkennung für seine Zeichnungen. Daheim beginnt die Familie zu bröckeln. Der Vater leidet erst an Schlaflosigkeit und widmet sich später monoman religiös - naturwissenschaftlichen Forschungen, bis er dann stirbt. Der ältere Bruder bleibt im Ersten Weltkrieg verschollen, die Schwester heiratet den Erben eines Bankhauses. Ihre Schwangerschaft und der Konkurs des Bankhauses, den ihr Ehemann nicht mehr abwenden kann, lassen sie sich grollend zurückziehen. Zurück in der Heimat arbeitet Bruno als Zeichenlehrer am örtlichen Gymnasium, verliert durch die schablonenhafte Vermittlung selbst die Lust am Zeichnen. Stattdessen beginnt er zu schreiben. Nicht für ein Buch, sondern in Briefen an einen ehemaligen Kommilitonen, der mittlerweile in einem Sanatorium liegt. Als dieser stirbt, versucht Bruno vergeblich, die ihm gesandten Texte zurückzuerhalten : sie sind aus seuchenhygienischen Gründen verbrannt worden. Sein Schaffensdrang gerät erneut in eine Krise, bis er bei einer Dichterlesung Jozefina kennenlernt. Beide verlieben sich, ihr schreibt er wieder Briefe mit seinen Texten. Und in ihrem Umfeld findet er Kontakte, die eine Veröffentlichung seiner Texte ermöglichen. Eine Ehe scheint ihm jedoch nicht möglich, zu gefangen ist er von seiner Familie, seiner Heimatstadt, seinem Schreiben, und auch seine ansatzweisen Fluchten wie eine Lesereise nach Paris gibt er recht schnell auf. Als seine Heimatstadt zunächst von der Roten Armee, dann von den Nationalsozialisten besetzt wird, schlägt er selbst die letzte Fluchtmöglichkeit mithilfe eines falschen Passes aus. Dies allerdings ist für ihn als Juden ein fataler Fehler....

Das Verfassen biographischer Romane ist immer gefährlich. Riccarelli geht in seinem Roman ein doppeltes Risiko ein, indem er einen Ich - Erzähler aus einer posthumen Perspektive erzählen läßt. Denn Bruno Schulz wurde von einem SS - Offizier auf offener Straße erschossen. Der Roman endet mit dem Lauf der Waffe an seiner Schläfe. Doch dem Autor ist das Wagnis mehr als nur gelungen, denn durch den Text treten Fragen nach Fiktion und Wirklichkeit vollkommen in den Hintergrund. es entstehen in diesem sprachlich nicht überhöhten Buch ein fesselnde Lebensgeschichte, ein hochinteressantes Psychogramm und damit eng verwoben eine Geschichte der Region Galizien vom österreichischen Kaiserreich über die kurze Phase der polnischen Unabhängigkeit bis zur aufeinanderfolgenden Besetzung durch Rote Armee und deutscher Wehrmacht. (Heute gehört das Gebiet zur Ukraine): Man gewinnt einen Einblick in jüdische Alltagskultur und das (Zusammen -) Leben von kleinen Handwerkern und Händlern, Polen und Juden. Mehr noch : indem Riccarelli wohldosiert surreale Elemente - Träume, Tagträume und Wahrnehmungen von Bruno - in die Geschichte einwebt, entsteht ein poetischer Text, der nicht nur auf das Werk des Autoren Bruno Schulz ("Die Zimtläden") verweist, sondern den Leser in einer eigentümlich angenehmen Atmosphäre gefangenhält. Ich kann nur angelegentlich empfehlen, dieses mit 186 Seiten recht kurze Buch zu lesen.

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